Wassergeburt in der Küche: Meine zweite Geburtserfahrung

Wassergeburt in der Küche

Ich war voller Vorfreude in meine erste Geburt gegangen. Sie lief anders als geplant: Aus einer Wassergeburt zu Hause wurde eine Saugglockengeburt im Krankenhaus. Mir war klar: Baby Nummer 2 sollte anders zur Welt kommen. Auf das erste Baby hatte ich mich mit Büchern und den Vorsorgeuntersuchungen vorbereitet. Nun wollte ich zusätzlich einen Hypnobirthing(Affiliate-Link)-Kurs besuchen, um mich auch mental noch besser auf die Geburt vorzubereiten. Denn ich wollte eine Wassergeburt in der Küche.

Hypnobirthing als Vorbereitung auf meine Hausgeburt

Wir wohnten zu dem Zeitpunkt in Berlin, so dass die Auswahl an Kursen relativ groß war. Wir entschieden uns letztendlich für einen Kurs in der Nähe unserer Wohnung. Er hatte vier Einheiten, von denen wir aber nur drei besuchten, weil danach unser Baby schon auf der Welt war.

Im Kurs machten wir verschiedene Meditationsübungen, in denen wir uns mit alten Ängsten und Vorstellungen auseinandersetzten. Wir übten aber auch, wie wir uns als Paar gegenseitig unterstützen könnten. Dabei ging es darum, gewisse Berührungen und Sätze im Unterbewusstsein einzuspeichern, um sie bei der Geburt wieder „hervorholen“ und nutzen zu können.

So lernte ich, mit der leichten Berührung meines Mannes auf meiner Schulter sofort eine tiefe Entspannung zu verbinden. Er lernte, wie stark und umgehend er mich beeinflussen kann.

Dieses Wissen ist für uns beide ausgesprochen wichtig gewesen. Einerseits stärkte es mein Vertrauen: Wenn ich es will, dann kann er mich unterstützen. Und andererseits stärkte es auch sein Selbstbewusstsein: Im Gegensatz zu vielen Vätern, die vielleicht verunsichert daneben stehen, ohne zu wissen, wie sie helfen können, wusste er ganz genau, dass er eine großartige Möglichkeit hatte, mich bei der Geburt zu unterstützen.

Geburtstag & Hochzeitstag

Am Tag der Geburt brachten wir morgens den großen in die Kita. Danach feierten wir unseren Hochzeitstag gemütlich im Bett.

Die natürliche Geburtseinleitung funktionierte tadellos. Gegen Nachmittag verspürte ich erste leichte Wellen. Meine Schwiegermutter war noch da, um zum Hochzeitstag zu gratulieren. Ich ließ mir nichts anmerken. Ich wollte lieber ganz in Ruhe sein und alle im Nachgang vor vollendete Tatsachen setzen. (Beim Liebesspiel erzähle ich ja auch nicht meiner Verwandtschaft, was ich da vor habe…)

Abends brachte ich unseren Großen ins Bett, legte mich noch mal für ein Stündchen ins Bett und stand dann auf. Die Wehen waren da. Ich informierte meinen Göttergatten, der sofort freudig die Küche umräumte, um Platz für den Geburtspool zu machen. Denn ja, auch jetzt stand für mich fest: Ich wollte eine Wassergeburt. Die Küche war der logische (weil logistisch einfachste) Ort.

Ich rief die Hebamme an, die sich auf den Weg machte. Relativ schnell zog ich mich wieder komplett aus. Ich brauchte keine Kleidung. Mein Körper reichte mir.

Bewegung im Bauch und Bewegung für mich

Die Hebamme kam. Ich erzählte kurz, wie es stand: Mir ging es gut. Die Wehen waren stark und gut auszuhalten. Sie half dann meinem Mann beim Aufbau des Pools. Ich half mir selber, indem ich einfach nichts bewusst tat, sondern meinen Körper machen ließ. Vom Vierfüßlerstand wechselte ich in eine aufrechte Position, lief herum, setzte mich auf den Gymnastikball, lief wieder herum. Ich war vollkommen in meiner Mitte.

Steißbeindruck

Als das Baby tiefer rutschte, merkte ich den Druck besonders auf dem Steißbein. Mein Mann stützte mich deshalb während der Wehen mit seinen kräftigen Händen ab.

Obwohl wir diese Berührung im Hypnobirthing-Kurs nicht geübt hatten, entspannte sie mich gleich doppelt: Zum einen wirkte der Druck auf den Steiß entlastend, zum anderen nahm meine nackte Haut aber auch sofort seine Körperwärme wahr und entspannte sich auf der Stelle.

Den Unterschied zwischen ihm, den ich kenne und liebe, und meiner Hebamme, die ich sehr schätze, aber zu der ich keine intime Beziehung habe, wurde schnell deutlich: Als mein Mann kurz Richtung Bad verschwand (ich schwöre, er hat noch nie so schnell gepinkelt…), übernahm meine Hebamme den Gegendruck an meinem Steißbein. Ihre Hand war genauso warm und der Druck war genau an der richtigen Stelle. Es tat gut. Doch die positive Energie, die mein Mann mit jedem Druck gesendet hatte, blieb aus.

Wassergeburt in der Küche: Ruhe und Frieden

Später kletterte ich in den Gebärpool. In der Küche herrschte absolute Ruhe und zwischen den Wellen fiel ich in eine Art Mini-Meditation. Das langsame Ausatmen während der Wellen war dabei sehr hilfreich. Die Wellen empfand ich nicht als schmerzhaft. Sie waren körperlich anstrengend. Das Wasser half, den Druck auf das Steißbein zu lindern.

Die ruhige und heimelige Atmosphäre war für mich sehr wichtig. Die Küche wurde nur von unserer Geburtskerze beleuchtet. Es waren nur mein Mann und ich da, die Hebamme hielt sich im Hintergrund.

Die äußere Ruhe übertrug sich auf mein Bewusstsein. Es gab keine Ablenkung im Außen. Es gab nichts, worauf ich meine Gedanken hätte richten müssen. Und so wanderten die Gedanken zu meinem Baby. Ich war während der Wellen sehr präsent. Jede Welle brachte mir mein Baby näher. Ich tönte mit den Wehen mit. Es war keine bewusste Entscheidung. Ich tat einfach, was sich richtig anfühlte. Dass ich getönt habe („wie eine brünftige Hirschkuh“, wie mein Mann mir erzählte), weiß ich aus Erzählungen. Unsere Nachbarn aus der Wohnung über uns erzählten uns später, dass sie die ersten waren, die wussten, dass das Baby auf der Welt war. Und zwischen den Wellen genoss ich das warme Wasser, die Ruhe und die Gewissheit, dass alles gut werden würde.

Dann kam die Unterbrechung. Unsere wunderbare Hebamme merkte, dass die Geburt kurz bevor stand. Sie öffnete deshalb den Backofen, um die Handtücher für’s Neugeborene aufzuwärmen. Der alte Backofen quietschte dabei ganz fürchterlich. Naja, eigentlich qietschte er nur ganz leise; so, wie immer. Aber für mich war das Geräusch eine Qual. Es brachte mich total aus dem Konzept. Ich herrschte meine Hebamme an, dass alle leise sein sollten. Die Situation verwandelte mich kurzzeitig in ein Fluchttier mit dem Willen, aus der Situation abzuhauen. Zum Glück kehrte sofort wieder Ruhe ein und ich konnte mich gut entspannen und wieder zu mir finden.

[Lesetipp: Nur weg hier: Als Fluchttier bei der Geburt]

Glauben weg, Glauben da

Nach einer besonders starken Welle gegen Ende habe ich kurz den Glauben an mich verloren und um Hilfe gerufen. Die Welle überrollte mich förmlich, während ich davor auf den Wellen surfen konnte.

Da zahlte es sich dann aus, dass ich den Hypnoirthing-Kurs im Vorhinein nicht alleine, sondern mit meinem Mann gemacht hatte. Er legte mir seine Hand auf die Schulter, sprach mir ruhig, liebevoll und voller Vertrauen zu. Ich spürte förmlich, wie seine positive Energie durch die Schulter in meinen gesamten Körper strömte. Er konnte mich mit unseren vereinbarten Redewendungen, seiner Stimme und seiner Berührung innerhalb weniger Sekunden wieder zurück in die Konzentration holen.

Kurz darauf konnte ich mit dem Finger bereits Benjamins Köpfchen spüren. Ab da wusste ich, dass wir die Geburt gemeinsam gut meistern würden. Das Köpfchen fühlte sich ganz weich, zart und perfekt an. Liebe und Zuneigung überfluteten mich.

In diesem Moment hätte draußen ein Hubschrauber landen können. Es wäre mir egal gewesen. Ich wusste, dass ich dieses Baby ohne irgendwelche Probleme hier in diesem Pool zur Welt bringen würde. Und diese Gewissheit breitete sich wie ein Kribbeln der Vorfreude in meinem ganzen Körper aus.

Wassergeburt in der Küche: „Nicht wieder unterdöppen!“

Die Welle, mit der das Köpfchen geboren wurde, war einer der wundervollsten Momente überhaupt. Ich war ganz wach, ganz bei mir. Und meinem Kind. Dehnungsschmerzen oder Angst vor einem Riss hatte ich nicht. Ich wusste, was mein Körper konnte. Mehr brauchte ich nicht. Erst später bemerkte ich, dass mein Mann Fotos gemacht hatte, so konzentriert war ich. 

Nachdem das Köpfchen geboren war, sprach meine Hebamme mir Mut zu: Mit der nächsten Wehe kommt der Körper. Ich widersprach: Nein, erst mache ich eine Pause. Die nächsten Wellen waren schwach – viel schwächer, als vorher. Mein Körper sammelte die Energie.

Dann eröffnete mir mein Körper zum zweiten Mal die Urgewalt, zu der er fähig war. Die Urgewalt, zu der wir alle fähig sind. Mühelos glitt mein Sohn ins Wasser. Ich fing ihn zwischen meinen Beinen auf und hörte, wie mir die Hebamme ins Gedächtnis rief: „Lass es noch im Wasser. Und wenn du es raus nimmst, denk daran, den Kopf nicht wieder unter Wasser zu halten.“

Es war perfekt. Ich brauchte mich um nichts zu kümmern. Unsere Hebamme machte einen wunderbaren Job, sich um alles Organisatorische zu kümmern, die medizinischen Werte im Auge zu behalten – und sich trotzdem nicht in die Geburt einzumischen. Sie war großartig.

Ich gebar meinen Sohn so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Bei uns zu Hause, in Ruhe, in meinem eigenen Tempo und in der Position, die ich mir selber ausgesucht hatte. Ich spürte die Kraft meines Körpers und schaltete mein Hirn aus. Dennoch ist es Wahnsinn, wie gut ich mich selbst jetzt, vier Jahre später, immer noch an diesen Moment erinnere. Die Geburt war nicht nur geprägt von Liebe und Urvertrauen, von Körpergefühl und absoluter Ergebenheit an die große Macht des Lebens – diese Geburt war auch eine Heilung für mich. Ich empfand meinen Körper intensiv, nicht mit Schmerzen, sondern mit Vorfreude und Dankbarkeit. Es ist kaum zu glauben, dass man Dankbarkeit körperlich empfinden kann, oder!?

Benjamin war danach ziemlich entspannt, schnell hungrig, aber ausgeglichen. Er hatte einfach wesentlich weniger zu verarbeiten, als sein großer Bruder damals. Der Große hat das alles übrigens verschlafen. Ich habe ihn abends mit mittelstarken Wellen uns Bett gebracht und morgens ist er zu uns ins Bett kuscheln gekommen — da war dann sein Babybruder da. 

3 Gedanken zu „Wassergeburt in der Küche: Meine zweite Geburtserfahrung“

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