Lara: Hausgeburt in Spanien

Meine Eltern sollten bereits am 10. Juni 2016 – direkt am Entbindungstermin – hier in Spanien eintreffen und ich hatte gehofft, unseren kleinen Liebling bis dahin schon in den Armen halten dürfen. Dem sollte jedoch nicht so sein.

Auch als meine Großeltern dann eine Woche darauf kamen, rührte sich nichts. Bis auf ein leichtes menstruationsartiges Ziehen und gelegentlichem Schleimabgang, hatte ich keinerlei Anzeichen für einen Geburtsbeginn. Langsam wurde ich unruhig… Wir waren bereits eine Woche nach ET!

Dabei wusste ich selber ganz genau, dass es eigentlich totaler Quatsch ist, sich auf einen vorausgesagten Termin zu verlassen, doch ich war einfach schon so ungeduldig. Zudem freute ich mich so unglaublich auf den anstehenden Geburtsprozess – ein Thema, mit welchem ich mich schon seit einiger Zeit recht detailliert befasst und intensiv darauf vorbereitet hatte.

Am 19. Juni dachte ich dann: Jetzt ist es endlich soweit! Nun kann es nicht mehr lange dauern und es geht los! Ich hatte die ersten seichten Wellen als wir – Juan und ich —  gegen 17 Uhr an den Strand fuhren, uns dort einige schöne Stunden machten, um den Abend dann gemütlich bei einer Pizza ausklingen zu lassen. Noch in der selben Nacht ging mir ein blutiges Stück Schleimpfropf (Geburtssiegel) ab und ich war so freudig, dass es dann doch bald losgehen könnte.

Am nächsten Tag kam dann meine Hebamme Maria zu Besuch um uns durchzuchecken. Von den seichten Wellen vom Vortag war nun nichts mehr zu spüren. Baby und Mama ginge es gut, es könne bald losgehen.

Ich erwähnte nebenbei, dass ich zwar noch immer nicht an meinen Muttermund ankäme, aber schon der Kopf durch die Gebärmutterwand zu spüren sei. Dies überraschte Maria sehr und ich lies sie tasten. Und tatsächlich, der kleine Mann lag bereits soweit unten, dass man meinen konnte, er würde mir jeden Moment aus dem Schoß fallen. Was er allerdings nicht tat.

Am 21. Juni beschloss ich, mich nicht mehr nur auf die Geburt zu fokussieren, und mich stattdessen ein bisschen zu entspannen, denn ich war doch immer wieder sehr enttäuscht, wenn die Wellen wieder verschwanden. Ich vergaß alles, was ich ausprobiert hatte, was eine ganze Palette an Dingen war: Himbeerblättertee, Roibusch Chai mit Ingwer, Kardamom, Zimt, Pfeffer und Nelke, Treppensteigen, Sex, heiße Bäder, Heublumendampfbad, Ananassaft, Petersilie, Brustwarzenstimmulierung, Fußknöchelmassage und schlussendlich Globulis (welche eventuell letzten Endes doch ihren Teil dazu beitrugen).

Ich hielt mich also den ganzen Tag bei meiner Familie im Ferienhaus am Pool und in der Sonne auf – und hab mir dabei noch einen schönen Sonnenbrand zugezogen. Am Abend kam dann noch mein Mann vorbei und wir haben mit meiner Familie zusammen gegrillt.

In dieser Nacht verspürte ich leichte Wellen – wenn auch nicht ganz regelmäßige (zwischen 4 und 10min) – und informierte schonmal meine Hebamme, worauf ich mich schlafen legte. Dies hielt aber nicht sonderlich lange an, wenige Stunden später wurde ich wieder wach – die Wellen wurden stärker.

Um 4 Uhr morgens fing ich dann an, jede Welle zu notieren, um zu sehen wie (un-)regelmäßig sie waren und wie lange sie anhielten. Sie waren alle relativ gleich stark und immer zwischen 4 und 6 Minuten. Einige Zeit später hatte ich dann ein wenig Blut am Klopapier und beschloss, mich doch noch einmal hinzulegen, was mir aber nicht gelang.

Um 6:30 Uhr wurde dann mein Schatz wach und schlug vor, doch schon mal die Hebamme zu rufen – es schien mir zwar noch sehr früh, doch ich willigte ein. 2 Stunden später traf sie dann ein – ich veratmete und tönte bereits zu einigen Wellen.

Da es aber doch noch recht früh war, legte sich Maria noch einmal kurz aufs Ohr in unserem Gästezimmer. Gegen 11 Uhr fingen dann die Wellen an, wesentlich stärker zu werden. Von diesem Moment an musste ich bestimmte Positionen einnehmen, um es aushalten zu können, und Juan gab mir erleichternde Massagen. Zwischen jeder Welle unterhielten wir uns noch und ich witzelte: „Jetzt seh ich nicht nur aus wie ein Wal, jetzt klinge ich auch wie einer“.

So wechselte ich über Stunden immer mal wieder die Position, vom Gummiball, über’s Sofa gelehnt, am Kamin hängend usw… Bis ich nachher so erschöpft war, dass ich zwischen jeder Welle schlafen musste, hierzu legte ich mich einmal auf den Boden, einmal draußen auf eine Decke auf den Rasen und einmal ins Bett im Schlafzimmer.

Doch im Liegen waren die Wellen unerträglich – ich hielt durch, denn vor Erschöpfung konnte ich nicht anders, als zwischendurch einzunicken. So gegen 15 Uhr schlug Juan dann vor, mal nach dem Muttermund zu schauen; erst winkte ich ab, doch wenig später entschied ich mich dann aus Neugier um – und um mein Männe zu besänftigen. 4 cm — genau, wie ich es erwartet hatte.

Dann, gegen Abend (ich habe leider überhaupt kein Zeitgefühl wann es gewesen sein könnte), ’steckte‘ Maria mich unter die Dusche, dies half doch sehr, auch wenn sich hier der intensivste Teil des Geburtsprozesses abspielen sollte. Zwischen den Wellen (und ich würde zu gerne auf das Wort ’schmerzvoll‘ verzichten, doch dann müsste ich wohl lügen..) fütterte man mich mit Walnüssen und gab mir Tee (mit Oregano, Zimt, Nelke, Ingwer, Eisenkraut etc) zu trinken. Ich war völlig am Ende meiner Kräfte, schrie nach meiner Mama und nach Maria abwechselnd, die mich fragte, ob ich wolle, dass meine Mutter käme. Nein!! So ein Quatsch, auf gar keinen Fall!

Mein Mann war inzwischen nervös geworden, ihm kam es doch alles sehr lange vor und er konnte es nicht ertragen, mich leiden zu sehen. Er sagte mir, dass wir jeden Moment in Krankenhaus fahren könnten, ich solle ihm Bescheid geben. Ich reagierte wohl mit einer so starken Abwehrgeste, dass er es sofort kapierte und nicht weiter fragte.

Meine Super-Hebamme musste sich also jetzt um uns beide kümmern. Sie beruhigte meinen Mann, indem sie ihm ihr Fachwissen um die Ohren haute – da war er erstmal ruhig gestellt, ging raus um Luft zu schnappen und fing an zu meditieren, was auch mir anscheinend wieder mehr Energie hab (so wurde es mir jedenfalls im Nachhinein erzählt, denn ich hatte von alledem nichts mitbekommen).

Ich war also – ich weiß nicht wie lange – in der Dusche bzw. Badewanne und meine Hebi hielt mich bei jeder Welle in den Armen, oder, genauer gesagt: Ich klammerte mich an sie. Dann tastete sie nach dem Muttermund: 9cm! Man spüre schon das Köpfchen. „Möchtest du mal fühlen?“ – JA!! Ich spürte das kleine Köpfchen noch von der Fruchtblase bedeckt aus dem Muttermund herausragen. Nur ein paar Wellen später gab es ein hörbares ‚Plopp‘. „Die Fruchtblase ist geplatzt!!“, rief ich voller Emotion und wiederholte dies noch 5 oder 6 mal. Auch Juan freute sich sichtlich: „Ist doch super, bald hast du es geschafft!“.

Zwischen 2 Wellen fragte Maria mich, ob ich in den Geburtspool möchte. „Schaffen wir das denn? Der muss ja noch aufgebaut werden und so weiter?!“, darum bräuchte ich mich ja nicht zu kümmern, sie wollte nur wissen ob ich möchte oder nicht. Ich sagte Ja.

Was ich selber nicht erwartet hatte, denn immerhin hatte ich es in meinen Vorstellungen nicht so visualisiert, da ich eigentlich nicht so ein Fan von Wasser bin. Doch das warme Wasser in der Dusche tat mir so gut, dass ich es mir nicht mehr wegdenken wollte.

Mein Schatz baute also in Windeseile den Pool im Wohnzimmer auf und ließ das Wasser ein. Ich war wirklich überrascht, dass noch Zeit dazu war, Maria hatte wirklich alles perfekt unter Kontrolle. Meine ersten Presswehen begannen noch in der Badewanne, kurze Zeit später wechselten wir in den Pool, meine beiden Geburtsbegleiter halfen mir aus der Wanne, mit langsamen, vorsichtigen Schritten wanderten wir zum Pool und sie halfen mir hinein.

Ich legte mich direkt mit der Brust über den Beckenrand und hielt mich an den Griffen fest. Das war die angenehmste Position. Nun saßen Maria und Juan abwechselnd vor, hinter oder neben mir, banden mir das Haar zusammen, motivierten und animierten mich dazu, meine Kräfte zu sammeln.

Dann war es soweit, Stück für Stück rutschte das Köpfchen immer weiter nach unten, mit jeder Presswehe schob ich sanft mit, denn ich wollte nicht reißen. Meine Hebamme schaute von hinten nach, wie alles voran ging, sagte mir, wenn ich vorsichtiger mitschieben sollte (was aber nur einmal der Fall war, da ich ansonsten einfach völlig in Harmonie mit meinem Körper war und genau wusste, wann ich wie mitzuschieben hatte).

Sie sagte mir, ich solle nur schieben, wenn ich eine Welle habe und es ganz ruhig angehen, mich nicht stressen sollte, alles liefe perfekt und es sei genügend Zeit. Bald schon zeigte sich im Wasser etwas wie eine kleine See-Annemone (so beschrieb es später Maria), lange, dunkle Haare bewegten sich rhythmisch im Wasser.

„Er hat langes, dunkles Haar!“, sagte mein Mann voller Begeisterung und Maria gab mir den Tipp: „Du kannst ja mal nachfühlen, dann kannst du auch besser einschätzen wie du schieben musst“.

„Ich kann den Kopf spüren, und das Haar!!“ – es war einfach ein unglaubliches Gefühl! Ein paar Presswehen mehr und der Kopf war ganz rausgeflutsch, eine Minute und zwei Wellen später kam der Rest des Körpers hinterher.

Meine Hebamme fischte den Kleinen unter Wasser ein und lies ihn mir zwischen die Beine nach vorne gleiten, sodass ich ihn aus dem Wasser in meine Arme nehmen konnte. Dieses Manöver stellte sich im Endeffekt als sehr lustig heraus, denn da unser Lao nach hinten wegglitt, musste Maria ihn im Wasser ’suchen‘ und ihn zwischen meine Beine unter Wasser quasi ‚hindurchwerfen‘, was sich wohl als nicht so einfach herausstellte, da er ziemlich glitschig war.

Ich bekam von alledem jedoch nichts mit, ich fühlte mich schummrig benebelt wie auf Drogen und hob unseren süßen Schatz aus dem Wasser. Dies war wohl der emotionalste Moment in meinem Leben. Ich konnte es nicht glauben, auf einmal war er da! Ich lies mich sanft nach hinten gleiten und lehne mich an die andere Seite der Geburtspoolwand.

Der frischgeborene Lao verhielt sich ganz ruhig und gab kaum einen Ton von sich und schaute uns nur mit großen Augen an. Maria stupste ihn ein wenig an um zu sehen ob alles ok war, da fing er ganz sanft an zu quängeln – wie ein Babykätzchen. Nach kürzester Zeit fand er auch schon die Brust und fing direkt an ganz sanft zu saugen.

Wir ließen die Nabelschnur auspulsieren und Juan als stolzer, frischgebackener Papi durfte sie dann durchtrennen. Die Plazenta kam etwa eine Stunde nach der Geburt als Ganzes und unbeschadet. Ich habe mir später ein paar kleine Stücke davon eingefroren für eine Tinktur, die ich machen werde.

Mein Mann hat dann am nächsten Tag die Plazenta in den Garten gesetzt und eine andalusische Eiche darauf gepflanzt, die er damals zeitgleich mit der Befruchtung unseres Sohnes hatte keimen lassen und ein ‚Baby‘ unserer breits großen Eiche ist.

Und so erblickte unser Lao Bartolomé am 22.Juni 2016 um 22:50 Uhr das Licht der Welt.

Er ist ein absoluter Goldschatz und macht sich wirklich großartig. Er ist sehr aufgeweckt und neugierig, aber gleichzeitig ruhig und entspannt. Er schaut bereits mit großen, staunenden Augen in die Welt und hat schon ab und zu ein kleines Lächeln auf den Lippen, welches Mamas und Papas Herzen höher schlagen lässt.

Am Ende möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei Ändie, Katharina und Sabrina bedanken, die für uns ein Croudfunding organisiert hatten, um unseren Traum einer Hausgeburt hier in Spanien wahr werden lassen zu können.

Auch möchten wir uns bei all denen bedanken, die diese Aktion finanziell unterstützt haben und/oder uns emotionale Unterstützung haben zukommen lassen, sowie bei allen Beteiligten in Facebookgruppen, die uns Tipps gegeben, mit uns mitgefiebert und uns liebevolle Worte mitgegeben haben. Vielen, vielen Dank. Ohne euch wäre das alles nicht möglich gewesen! ❤