Isabelle: ein bisschen Traumgeburt, ein bisschen Geburtstrauma

Traumgeburt und Geburtstrauma — Bei mir war es ein bisschen von beidem.

Das erste Kind

Ich war 21 Jahre jung, als ich zum ersten Mal Mama wurde.

Eine sehr traumatische Beziehung mit viel psychischem und physischem, sowie sexuellem Missbrauch, hatte meinen Körper zu diesem Zeitpunkt bereits schwer traumatisiert.

Mein Körper konnte mit dieser Schwangerschaft damals nicht recht umgehen. Schwerste Übelkeit war ab der 5. Schwangerschaftswoche bis zum Tag der Geburt mein täglicher Begleiter. Ich habe mehr ab- als zugenommen, musste zwei Mal ins Krankenhaus an den Tropf, damit ich und das Ungeborene zumindest genügend Flüssigkeit erhielten, denn es gab viele Tage, da konnte ich nicht einmal Wasser bei mir behalten.

Am frühen Morgen des 19. Septembers 2000, in der 33. Schwangerschaftswoche, bin ich aufgewacht in einem total durchnässten Bett, mit starken Wehen. Meine Fruchtblase war geplatzt; die Geburt bereits in vollem Gange. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte weder mein Frauenarzt noch ich je an eine Frühgeburt gedacht. Ich war nicht darauf vorbereitet.

Kurze Zeit später lag ich im Kreißsaal des Unispitals… Mein Sohn wollte unbedingt zur Welt kommen. Mein Körper war durch die schwierige Schwangerschaft so geschwächt, dass ich schon bald keine Kraft mehr hatte für diese Geburt. Also entschieden die Ärzte, mir eine PDA zu setzen. Dann ging alles sehr schnell. 3 Stunden, nachdem meine Fruchtblase geplatzt war, erblickte mein Sohn das Licht dieser Welt. Winzig klein und zerbrechlich sah er aus… Doch es ging ihm den Umständen entsprechend gut.

 

Das zweite Kind

Als ich einige Jahre später wieder schwanger wurde, galt ich von Anfang an als Risikoschwangere. Ich musste erneut mit einer Frühgeburt rechnen. Und die Geschichte wiederholte sich dann auch.

Wieder hatte ich eine höchst schwierige Schwangerschaft, wieder monatelanges Erbrechen, Krankenhaus-Aufenthalte, ein total geschwächter Körper.

Und wieder… Am frühen Morgen des 10. August 2007, diesmal in der 32. Schwangerschaftswoche, das Aufwachen in einer „Pfütze“. Wieder viel zu früh eine geplatzte Fruchtblase, und bereits starke Wehen.

Der Vater meiner ungeborenen Tochter hatte sich bereits anfangs der Schwangerschaft aus dem Staub gemacht. Ich wusste also, ich würde dieses Kind alleine groß ziehen. Dies war natürlich eine zusätzliche Belastung….

Meine Mama hat mich dann an diesem Morgen ins Krankenhaus gefahren. Dort bekam ich sofort Wehenhemmer, um die Geburt so lange wie möglich herauszuzögern. Außerdem wurde mir eine Lungenreifungsspritze verabreicht, da die Ärzte befürchteten, dass die Lunge meiner Tochter noch nicht ausgereift war.

Doch auch meine Tochter hatte bereits da einen sehr starken Willen… Sie wollte unbedingt zur Welt kommen.

Ihre Geburt habe ich — trotz widriger Umständen — als sehr schön empfunden. ich weiß noch, wie mich die Anästhesistin gefragt hat, ob ich gerne einen Kaiserschnitt hätte. Das kam für mich nur im äußersten Notfall in Frage, und sie war über diese Antwort sehr erstaunt. Doch ich wusste, diesmal würde ich das schaffen.

Im Kreißsaal herrschte eine ruhige Atmosphäre, und auch ich war mittlerweile sehr ruhig und zuversichtlich. Nach ungefähr 16 Stunden dann, verspürte ich einen starken Druck auf meinem Damm. Als müsste ich mal… Ich kannte dieses Gefühl und rief die Hebamme.

Als ich ihr sagte, dass es jetzt losgehen würde, und meine Tochter auf dem Weg sei, schaute sie mich entsetzt an und sagte zu mir:  „Überlassen Sie das uns, Sie können das nicht wissen.“ Blöde Kuh, dachte ich mir, und klingelte Sturm, bis letztendlich die Ärztin kam.

Ich gab ihr Bescheid, dass es nun soweit wäre und die Hebamme mir dies aber nicht glauben wollte. Sie untersuchte mich, und ab da ging es schnell. Der Kopf meiner Zaubermaus steckte bereits im Geburtskanal… Und nach 30 Minuten war sie dann da.

Durch ihre Frühgeburtlichkeit durfte ich auch mein 2. Kind nicht direkt sehen und in die Arme nehmen. Wieder erlitt ich den Verlust einer „normalen“ Schwangerschaft. Alles war geprägt durch Verluste, für mich.

Glücklicherweise hatte ich eine sehr gute Hebamme. Sie half mir, dieses Trauma aufzuarbeiten…

Auch meine Tochter war eine kleine Löwin, stark und gesund… und bereits nach 3 Wochen durfte sie mit mir und meinem Sohn nach Hause.

 

Das dritte Kind

Vor etwas mehr als 4 Jahren wurde ich dann erneut schwanger. Mein heutiger Partner und ich wussten, es könnte wieder zur Frühgeburt kommen. Doch dieses Mal hatte ich eine sehr gute Schwangerschaft. Kaum Übelkeit, ich konnte essen und habe sogar zugenommen — was war ich stolz auf mich und meinen Körper! Endlich!!

Und ich war sehr zuversichtlich, dass ich dieses Kind nun bis zum errechneten Termin Ende Juli in mir tragen könnte. Das Leben wollte es jedoch anders…

Am Morgen des 7.April 2014, in der 24. Schwangerschaftswoche, bekam ich plötzlich aus dem Nichts heftige Wehen. Ich hatte an diesem Tag eh einen Termin zur Routineuntersuchung bei meiner Ärztin.

Dort angekommen erzählte ich ihr von den Schmerzen, die ich früh morgens gehabt hatte. Sie untersuchte mich sofort — und dann brach Panik aus. Per Ambulanz, mit Sirene und Blaulicht, wurde ich ins 30 km entfernte Unispital gefahren.

Dann fing das ganze Prozedere wieder an: Wehenhemmer, Lungenreifespritzen, und die Verordnung, bis zum Geburtstermin im Krankenhaus bleiben zu müssen — mehr als 3 Monate!

Aber… Was soll ich sagen.. Auch meine Jüngste wusste genau, was sie wollte. Sie blieb noch genau 12 Tage in meinem Bauch. Am 19. April dann, morgens um 5:00, platzte erneut meine Fruchtblase… Es konnte losgehen.

Leider stellte sich heraus, dass die Kleine in Steißlage war. Außerdem war sie viel zu schwach, um eine natürliche Geburt durchzustehen. Also trat der für mich größte Horror nun doch ein: Sie musste per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt werden.

Zitternd vor Angst lag ich auf der Liege und wurde in Vollnarkose versetzt.

Als ich dann zwei Stunden später wieder zu mir kam, war alles bereits vorbei.

Wieder… Verlust, Trauma, Schmerz….

Meine Kleine hatte in den ersten 10 Tagen einen riesengroßen Überlebenskampf; sie wog bei ihrer Geburt gerade mal 900 g, war 35 cm klein. Doch auch bei ihr war ich unglaublich zuversichtlich, hatte ein starkes Vertrauen, dass alles gut kommen würde. Und, was soll ich sagen, auch sie ist bärenstark. Ohne irgendwelche Folgeschäden ist sie ein gesundes, starkes Kind mit einem starken Charakter und einem noch stärkeren Willen. Sie wird nächsten Monat 4 Jahre alt.

Nach ihrer Geburt habe ich dann dieses Geburtstrauma mit meiner Hebamme ganz genau anschauen dürfen. In einer Meditation hat sie mich und meine Kleine damals noch einmal durch die Geburt geführt. Durch eine natürliche Geburt. Wir haben das beide gebraucht, damals, und es war sehr heilsam für uns.

Nun, vielleicht triggere ich hier einige stark an mit meinem Bericht. dessen bin ich mir bewusst. Doch ich will damit niemandem Angst machen. Es ist meine persönliche Geschichte.

Aber mir hat das Leben gezeigt, dass – entgegen dem, was man hört – Schwangerschaft und Geburt eben auch anders verlaufen kann. In unserer Gesellschaft ist das leider immer noch ein Tabuthema. Schwangere haben rundum glücklich zu sein…
Wie oft habe ich gehört: „aber schwanger sein ist doch so ein schöner Zustand, das musst du doch genießen.“

Lange habe ich mich nicht als „ganze“ Frau gefühlt, durch das von mir Erlebte. Oftmals habe ich genau dieses Gefühl auch von anderen Frauen zu spüren bekommen.

Heute habe ich akzeptiert, dass bei mir halt alles etwas anders gelaufen ist. Ich fühle mich deshalb nicht weniger als Frau. Und ich bin unendlich dankbar, dass ich 3 gesunde, starke und wundervolle Menschen durch das Leben begleiten darf!!!

 

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