Subjekt statt Objekt

In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit der Frage, wie wir es schaffen können, dass die Gebärenden Subjekte ihres Handelns sind — anders ausgedrückt: Frau gebirt selbstbestimmt, mit Unterstützung, wo sinnvoll, weil sie es selber kann.

Vor einiger Zeit griff Spiegel Online das Thema von Hausgeburten auf. (Den vollständigen Artikel kannst du hier nachlesen.) Der Bericht beginnt mit folgendem Untertitel:

Für die meisten Schwangeren ist klar: Sicherheit geht vor – das Baby kommt im Krankenhaus zur Welt. Aber wie gefährlich ist eine Entbindung außerhalb der Klinikmauern? Studien lassen viel Raum für Interpretation. Klinikärzte setzen sich jetzt für mehr „Wellness während der Geburt“ ein.

In ihrem Artikel setzt sich die Autorin Heike Le Ker mit verschiedenen Studien auseinander und versucht, auseinander zu nehmen, wie gefährlich denn nun Hausgeburten aus medizinischer Sicht tatsächlich sind. Sie lässt Menschen aus der klinischen und außerklinischen Geburtshilfe zu Wort kommen; sie zeigt auf, dass auch die besten wissenschaftlichen Studien in der Auswertung ihre Tücken haben. Sie zeigt, wie unsere europäischen Nachbarländer mit der Thematik Geburt umgehen.

Le Ker nimmt keine abschließende Bewertung vor. Sie endet ihren Artikel damit, dass sich in Deutschland derweil ein Mittelweg abzeichne:

Jede Frau soll auch weiterhin selbst den Geburtsort für ihr Kind aussuchen können.

Aus meiner Sicht geht der Artikel an einem wesentlichen Punkt vorbei:

Über, statt von, Frauen

Le Mer zitiert Hebammen aus Kliniken, Hausgeburtshebammen, den Leiter der geburtsmedizinischen Abteilung im Münchener Uniklinikum (gleichzeitig auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe1), verschiedene Studien und Verbände.

Wen Le Mer nicht fragt, sind die gebärenden Frauen.

Im ganzen Artikel wird nicht mit, sondern nur über die gebärenden Frauen gesprochen. Die Gründe für ihre sehr persönliche Entscheidung für oder gegen eine Klinikgeburt werden immer nur von anderen erzählt.

Kurz war ich versucht, an dieser Stelle verschiedene Flüche niederzuschreiben. Das bringt aber nicht weiter. Einatmen. Ausatmen. Sachlich bleiben.

Für mich ist genau das der entscheidende Punkt. Keine Frau, die eine Hausgeburt oder eine Geburt im Geburtshaus anstrebt, trifft diese Entscheidung leichtfertig. (Dafür sorgen in den meisten Fällen schon der/die Gynäkolog*in oder das soziale Umfeld…) Wenn sie diese Entscheidung trifft, hat sie ihre Gründe. Manchmal mag in diesen Gründen Romantik eine Rolle spielen, manchmal Logistik (stell dir vor, du wohnst auf Sylt, und auf der ganzen Insel gibt es keine Geburtsklinik2).

„Im Krankenhaus kann ich nicht selber bestimmen.“ 

Der häufigste Grund, der mir jedoch bisher begegnet ist (das ist lediglich meine persönliche Einschätzung — wer dazu eine Studie hat, möge sie mir bitte zukommen lassen!!), ist ein ganz anderer: „Im Krankenhaus kann ich nicht selber bestimmen.“

Viele Krankenhausgeburten werden vom medizinischen Personal gesteuert. Das fängt bei Kleinigkeiten an, wie zum Beispiel der Wahl des Geburtsraumes (wenn die Wanne besetzt ist, ist das eben so), geht weiter mit kleinen medizinischen Entscheidungen wie dem Legen eines Zugangs, und kann sich dann auf alle möglichen Situationen ausdehnen. Der Grad dabei ist schmal: Einerseits hat das medizinische Personal Wissen, dass die Schwangere unter Umständen nicht hat. Dieses Wissen zu ignorieren, kann gefährlich werden.

Andererseits gibt es weibliche Intuition und klar geäußerte Wünsche, die manchmal ignoriert werden — und damit wird die Integrität der Frau deutlich angegriffen. Wünsche werden überhört, persönliche Einschätzungen ignoriert.

Viele Frauen wünschen sich, dass sie zwar in medizinischen Dingen Unterstützung erfahren — aber auf eine Weise, die sie unterstützt, statt zu bevormunden. Manchmal ist das Problem tatsächlich nur verfehlte Kommunikation: Die betreuende Hebamme sagt etwas, es kommt falsch an, und schon ist das Vertrauen weg, der Muttermund öffnet sich nicht weiter…

Die Gebärende als Meisterin der Geburt

Ich finde, der Artikel in Spiegel Online zeigt sehr gut, wie wir in Deutschland vielfach das Thema Geburt angehen: Die Profis machen das schon. Ja, so soll es sein. Aus meiner Sicht liegt der Hase genau hier im Pfeffer: Wir Frauen sind viel zu selten Meisterin der Geburt! Wir wissen nicht Bescheid, und weil wir uns nicht informiert fühlen, geben wir die Kontrolle über uns und unsere Geburt ab. (So ging es mir bei meiner ersten Geburt; hierzu werde ich noch verlinken). Ich meine damit nicht, dass wir keine Unterstützung haben sollten. Ich meine damit, dass wir selber einfach über alle theoretischen Möglichkeiten Bescheid wissen müssen, um zu wissen, was wir wählen wollen.

Und sagt mir nicht, Meisterin der Geburt könne man nur sein, wenn man selber einige Male geboren hat — erstens gibt es Geschichten von tollen ersten Geburten, zum Beispiel die von Lara, und zweitens ist ein Mann Vorsitzender der Gesellschaft für Geburtshilfe. Der hat noch nie ein Kind durch seine Vagina befördert…

Für viele Frauen kommt eine Hausgeburt nicht in Frage. Sie möchten für den Fall der Fälle in der Nähe hochklassiger medizinischer Versorgung sein. Auch diese Frauen möchten selbstbestimmt gebären können. Als Subjekte, als Meisterin der Geburt. Nicht als eine Nummer in einem Kreißsaal.

Die Ausstattung von Kreißsäälen mit „Kuschelatmopshäre“, wie Le Mer schreibt, ist für mich deshalb in den meisten Fällen leider nicht mehr als oberflächliche Kosmetik. Wenn im Raum ein Tuch von der Decke hängt, in das ich mich hängen kann, nutzt mir das nichts, wenn mir vorgeschrieben wird, wegen des CTGs still auf dem Bett zu liegen… Wie viele Frauen haben schon den Spruch gehört „Das machen wir hier halt so.“

Ein Umdenken in Krankenhäusern und in den Köpfen der Frauen

Ich wünsche mir ein Umdenken in den Krankenhäusern. Ich wünsche mir, dass die gebärenden Frauen ernst genommen werden. Und ich wünsche mir, dass die Frauen sich wieder selber zu Geburten ermächtigen. Dafür sind aus meiner Sicht folgende Schritte nötig:

  • Frauen müssen informiert sein über ihre Möglichkeiten. Das fängt bei der Schwangerschaftsvorsorge an (es ist KEIN Versicherungsbetrug, die Vorsorgeuntersuchungen teilweise bei der Hebamme und teilweise in einer ärztlichen Praxis zu machen!!) und geht über die Wahl des Geburtsortes mit allen Vor- und Nachteilen bis hin zum Durchtrennen der Nabelschnur und der Wochenbettbetreuung.
  • Geburtsvorbereitung sollte mehr sein als hecheln. Geburtsvorbereitung sollte sein, sich selber besser kennen zu lernen, abzuschätzen, wo Stärken und Schwächen liegen. Meditation, Entspannung, Sport… Hier kann vieles dazu gehören. Auch hier ist wichtig: Hol dir die Erfahrung von anderen, um dich selber zu ermächtigen, nicht, um dir etwas vorschreiben zu lassen! Lerne alles kennen, auch, um sagen zu können: „Das ist nichts für mich!“
  • Frauen müssen mit Menschen darüber sprechen, was sie wollen. Das kann der werdende Vater sein, eine Doula, jemand aus dem Krankenhaus. Wichtig ist: Diese Person sollte dann auch bei der Geburt dabei sein! Denn während der Geburt können wir von Frauen nicht erwarten, auch noch neuen Personen zu erklären, warum sie jetzt genau das da machen möchte, und nichts anderes. Wenn Grundsätzliches bereits vor der Geburt klar ist, können Doulas, Väter etc das Sprachrohr der Gebärenden sein.
  • Beleghebammen sollten wieder zur Norm werden. Sie begleiten dich vor, während und nach der Geburt — sie kennen dich also, und du kennst sie. Ihr seid ein eingespieltes Team. (Ich werde zu Beleghebammen noch einen Artikel schreiben und hier verlinken.) Eine Beleghebamme unterstützt im Kreißsaal weniger eine Nummer und mehr dich als Person. Sie kann auch Notfälle besser einschätzen, weil sie dich im „Normalzustand“ kennt.
  • Das Abrechnungssystem muss sich ändern: So lange Kliniken ein finanzielles Interesse daran haben, Geburten zu takten und medizinisch zu „unterstützen“, werden sie Frauen das auch hartnäckig empfehlen, statt den Gebärenden die Führung zu überlassen.

Fazit: Wenn Frauen sich wieder selber ermächtigen, ihre Kinder zu gebären, dann ist der Geburtsort wesentlich unwichtiger. 

Frauen, die sich bewusst gegen die Klinik entscheiden, wollen selbstbestimmt gebären. Um Konflikten im Krankenhaus aus dem Weg zu gehen, gehen sie gar nicht erst ins Krankenhaus. Natürlich wäre es viel schöner, wenn dieses Ausweichen nicht nötig wäre. (Dass es auch in der Klinik selbstbestimmt geht, zeigt Corinnas Geschichte.) Ich plädiere deshalb dafür, den Fokus zu ändern.

Weg vom Dogma „Klinik versus Außerklinik“. Hin zu „Frauen, die in ihrer eigenen Kraft stehen“.  Wenn Frauen selbstbestimmt, mit Unterstützung wo sinnvoll, und nichtsdestotrotz als Subjekte, nicht als Objekte, gebären können, dann ist mir sogar egal, dass ein Mann Vorsitzender der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ist.

 

Wie siehst du das? Hast du dich in der Klinik selbstbestimmt gefühlt? Hättest du gerne eine Beleghebamme gehabt? Was wünschst du dir für zukünftige Geburten? Oder bist du der Meinung, dass die Ermächtigung der Gebärenden unwichtig ist? Oder dass diese Ermächtigung bereits viel weiter ist, als ich hier schreibe? Lass es mich gerne in einem Kommentar wissen!

 

Fußnoten

1. Das bringt mich zu der Frage, ob auch schon mal eine Frau Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe war…  Mal sehen, vielleicht schreibe ich dazu noch einen Artikel.
(Ursprünglich verwies ich hier auch auf die Gesellschaft für Urologie als „Gegenstück“ zur Geburtshilfe-Gesellschaft, wurde allerdings darauf hingewiesen, dass dies unpräzise ist, denn die Urologie beschäftigt sich „mit den harnbildenden und harnableitenden Organen“ (Quelle: Wikipedia), also potentiell mit allen Menschen, unabhängig vom Geschlecht. Danke für den Hinweis, Claudia!)

2. Auch über diese Problematik der Schließung von Geburtskliniken könnte ich nochmal schreiben…