Das Kind, das ich nur kurz begleiten durfte — Geschichte meiner Fehlgeburt

Ich habe Zeit und mehrere Anläufe gebraucht, die Geschichte meiner Fehlgeburt aufzuschreiben. Sie ist nicht schön, sie ist nicht allgemein gültig, aber sie soll dennoch einen Platz auf diesem Blog haben — genauso, wie #3 auch einen fest Platz in meinem Herzen hat.

In dem Beitrag tauchen die Begriffe Sternenkind und Regenbogenkind auf. „Sternenkind“ bezieht sich auf tot geborene Kinder, „Regenbogenkind“ auf lebend geborene Kinder nach einer Fehlgeburt oder Totgeburt. Einzelne Definitionen findest du zum Beispiel auf Wikipedia Sternenkind und Urban Dictionary (auf Englisch) Rainbow Child.

„Die Nacht wäre es doch wert, wenn daraus ein Kind enstehen würde..“, sagte ich, Mitte Januar, noch zu meinem Mann. Vom Zeitpunkt her kam es ungefähr hin. Und dann, während ich einfach im Büro saß und arbeitete, spürte ich wenige Tage später ein charakteristisches Ziehen im Unterleib. Nein, nicht die Ankündigung der Regelblutung. Die Einnistung der Eizelle. Es hatte also geklappt.

Danach spürte ich nichts mehr. Auch okay, war bisher schließlich auch nicht anders. Die Regel blieb aus. Ein Pinkeltest folgte. Die zweite Linie färbte sich — allerdings deutlich schwächer, als die Kontrolllinie. Hm. Was bedeutet das nun? Ein bisschen schwanger? Das können doch eigentlich nur Rehe, oder?

Zwei Tage später der nächste Test. Wieder positiv. Wieder schwächer, als die Kontrolllinie. Ach, scheiß drauf. Ich freu mich jetzt — ich bin schwanger. Juhu. Hebamme angefunkt — hast du im Oktober noch Kapazitäten für eine Hausgeburt? Ja? Super. Jau, Ich melde mich. Hab bald so wie so den normalen Kontrolltermin bei der Gynäkologin; danach rufe ich durch und berichte.

Der Kontrolltermin war am 1. März, am späten Nachmittag.

Der Abend vorher war hektisch; ich war wütend, übellaunig, die Stimmung zu Hause auf dem Tiefpunkt. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich das nicht einordnen; ich merkte bloß, dass die Emotionen überschlugen.

Am ersten Märztag dann ging ich morgens, kurz bevor ich aus dem Haus musste, nochmal ins Bad. Oha. Blut im Urin. Okay, das kann alles und nichts sein. Beruhige dich. Nur, weil du das bei deinen vergangenen Schwangerschaften nicht hattest, muss das nicht heißen, dass jetzt irgendwas anders ist.

Doch, etwas war anders. Irgendwie spürte ich das.

Ich kontaktierte die Hebamme. Ihr Fazit: Wenn es nur eine Schmierblutung ist, leg die Beine hoch, mach mit Ruhe. Wenn es ein Abgang ist, kannst du nichts tun.

Also fahre ich zur Arbeit, lege dort die Beine hoch (Info an die Kolleg*innen: Knie verdreht), so gut es geht.

Immer wieder der Gang zur Toilette. Immer wieder Blut.

Ich habe kein gutes Gefühl.

Nachmittags dann fahre ich mit beklommenem Herzen zur Gynäkologin. Die Sprechstundenhilfe lässt mich nochmal einen Schwangerschaftstest machen. Das Ergebnis sagt mir dann die Ärztin: Laut Test bin ich immer noch schwanger.

Ein Ultraschall folgt. Ergebnis: „Da war etwas, ja, aber es ist lange nicht so weit entwickelt, wie es sein sollte. Ich befürchte, es konnte sich nicht richtig einnisten.“ Der Schwangerschaftstest sei deshalb noch positiv, weil die Hormonwerte erst nach und nach wieder sinken würden.

Die rational denkende Wissenschaftlerin in mir kommt durch:

  • Wie geht es weiter? Muss ich in irgendeine Art Behandlung?
  • Was bedeutet das für zukünftige Schwangerschaften?
  • Wem muss ich alles Bescheid geben?
  • Welche Rechte und Pflichten habe ich jetzt?
  • Wenn es sich nicht richtig einnisten konnte, ist es vermutlich besser, dass der Abbruch jetzt so früh kam, statt erst später.

Die Gynäkologin ist sehr mitfühlend. Sie erklärt mir, dass Abbrüche in diesem Stadium sehr häufig vorkommen (vielfach sogar unbemerkt von den Frauen, einfach als „verspätete Regelblutung“ eingestuft). Sie macht mich darauf aufmerksam, dass wir die Möglichkeit einer Eileiterschwangerschaft ausschließen sollten. Ich solle mich deshalb sofort melden, falls ich einseitige Schmerzen haben sollte. Sie sagt mir, um sicherzugehen, dass die Fehlgeburt ohne Nachwirkungen bleibt, würde sie jetzt Blut testen wollen und dann in ein paar Tagen nochmal, um festzustellen, wie die Hormonwerte sich entwickeln.

Und natürlich könne sie mich krankschreiben.

Ich entscheide mich spontan gegen die Krankschreibung. Nach der Blutabnahme fahre ich nach Hause.

Am nächsten Tag arbeite ich von zu Hause aus. Mich trifft an diesem Tag die Fehlgeburt mit voller Härte. Ich bin allein zu Hause; brauche für niemanden stark sein. Immer wieder fließen die Tränen. Es ist komisch. Die Arbeit geht eigentlich gut von der Hand, und dann — von einer Sekunde auf die andere — drückt sich die Fehlgeburt in den Vordergrund. Ich kann nicht anders, als die Arbeit zu unterbrechen und mich der Trauer hinzugeben.

Auch körperlich ist dieser Tag der Härteste. Ich hatte nie so schmerzhafte Regelblutungen, wie andere Frauen sie beschreiben. Die Regel gehörte einfach dazu. Lediglich die erste Blutung nach der Geburt meiner zwei Kinder war etwas heftiger und schmerzhafter.

Diese Fehlgeburt allerdings verlangt mir viel ab. Ich habe keine Ahnung, ob es wirklich so ist, aber mir erscheint die Menge an Blut wesentlich mehr.

Dazu kommt der Unterleibsschmerz. Manchmal ein leichtes Ziehen, oft aber auch richtige Krämpfe. Mini-Wehen. Nur hilft mir dieses Mal der Hormoncocktail nicht, diese als Geburtswellen anzunehmen. Stattdessen erinnern sie mich einfach nur permanent an meinen Verlust.

Ich schwanke an diesem Tag zwischen der rationalen Informationssammlung zu Fehlgeburten einerseits (siehe diesen Beitrag) und der Gefühlslage andererseits.

Rational weiß ich, was mir auch die Ärztin und die Hebamme mehrfach gesagt haben: Solch frühe „natürliche Abtreibungen“ sind normal; die Mutter kann da nichts dafür, meist verlaufen sie ohne medizinisch nötige Eingriffe und meist gibt es keine langfristigen Folgen.

Emotional stellen sich trotzdem die drängenden Fragen: Hätte ich es irgendwie verhindern können? Bin ich Schuld? Was passiert jetzt mit der kleinen Seele? Ich konnte sie doch gar nicht so lieben, wie ich es gerne gewollt hätte. Ja, und nun, einige Monate später, schreibe ich diesen Beitrag und mir kommen bei diesem Absatz immer noch die Tränen.

Es fällt schwer, zuzugeben, dass ich auf dem Klo saß und versuchte, in all dem Blut eine befruchtete Eizelle zu finden. Es gelang mir nicht. Zu viele Blut, das bereits zu dickeren geleartigen Klumpen zusammengeklebt war.

Ich habe für mich die Emotionen mit der Rationalität in Versöhnung gebracht — wir haben ein Bäumchen für das kleine Wesen gepflanzt, außerdem habe ich eine Urkunde des Standesamtes darüber, dass dieses kleine Wesen bei uns war. Es handelt sich dabei offiziell nicht um eine Geburtsurkunde; aber es war mir wichtig, dass auch dieses Kind einen Platz nicht nur im Herzen, sondern auch im Familienstammbuch hat. (Dazu folgt noch ein Beitag.)

Die meiste Zeit fällt es mir leicht, darüber zu sprechen, dass ich eine Fehlgeburt hatte. Klar, ich hab schließlich zwei gesunde Kinder und weiß, dass mein Körper es kann. Und doch überkommt mich manchmal urplötzlich eine Trauer, der ich mich nicht entziehen kann. Meistens sind es nur einige kurze Momente, dann ist alles wieder „normal“. „Normal“, im Sinne von „es gehört einfach dazu“, ist für mich jetzt eben auch die Tatsache, dass ich eine Fehlgeburt hatte.

Drei Tage später war ich mit Familienmitgliedern in einem Spa. Salzwasser, Sauna… Es ging wieder. Meine körperlichen Beschwerden hatten schnell wieder nachgelassen, und mit diesen auch mein seelischer Schmerz. Trotzdem habe ich an diesem Wochenende noch niemandem von der Fehlgeburt erzählt. Sie wussten nicht, dass ich schwanger gewesen war, ergo fragte mich auch niemand mit Bezug auf meinen Unterleib, wie es mir ginge. Mir war es recht. Ich war noch nicht bereit, darüber viel zu reden. Ich wollte erstmal selber damit klar kommen.

Ein paar Tage später ging es mir da schon anders: Ich habe das Thema vielen Menschen in meinem Umfeld gegenüber angebracht. Manche waren mitfühlend, andere eher entsetzt, dass ich es ihnen überhaupt erzählen wollte. Fehlgeburten betreffen so viele Frauen, aber vielfach ist es trotzdem ein Tabuthema.

Ich kann verstehen, wenn Menschen diese sehr persönliche Erfahrung für sich behalten wollen. Ich finde es mittlerweile wichtig, darüber zu sprechen. Oft erzählen Menschen dann sogar von sich selber oder von engen Familienmitgliedern, die ebenfalls eine Fehlgeburt hatten. Nur muss erst das Tor zum Thema geöffnet werden.

Nach der Fehlgeburt wurde ich erstaunlich schnell wieder schwanger. Dieses Mal fühlte sich die Schwangerschaft „echt“ an — mit allen Begleiterscheinungen, die eine frühe Schwangerschaft so haben kann. Besonders andere Nahrungsgewohnheiten fielen mir auf. Ich merkte jetzt auch, dass ich mich während der Schwangerschaft mit unserem Sternenkind nicht richtig schwanger gefühlt hatte. Die Frage von Ursache und Wirkung („ich habe mich nicht richtig schwanger gefühlt, deshalb hat der Körper die Schwangerschaft nicht angenommen“ gegen „der Körper konnte die Schwangerschaft nicht umsetzen, deshalb habe ich mich nicht richtig schwanger gefühlt“) kann ich nicht beurteilen. Beide Meinungen sind mir schon untergekommen.

Während ich diesen Beitrag schreibe, bin ich also schwanger. Ich freue mich auf unser Regenbogenkind. Anderen gegenüber trägt es den Projektnamen „Nummer 3“. In meinem Herzen aber ist es „Nummer 4“, denn eine Nummer 3 hatte ich schon. Wenn auch nur kurz; es war da, und in meinem Herzen hat es genau so einen Platz, wie Nummer 1, 2 und 4.