Stunden später… Ankunft im Kreißsaal. Das Problem schließender Geburtsstationen

§ 24f SGB V Entbindung
Die Versicherte hat Anspruch auf ambulante oder stationäre Entbindung. Die Versicherte kann ambulant in einem Krankenhaus, in einer von einer Hebamme oder einem Entbindungspfleger geleiteten Einrichtung, in einer ärztlich geleiteten Einrichtung, in einer Hebammenpraxis oder im Rahmen einer Hausgeburt entbinden. Wird die Versicherte zur stationären Entbindung in einem Krankenhaus oder in einer anderen stationären Einrichtung aufgenommen, hat sie für sich und das Neugeborene Anspruch auf Unterkunft, Pflege und Verpflegung. Für diese Zeit besteht kein Anspruch auf Krankenhausbehandlung. § 39 Absatz 2 gilt entsprechend.

Abgesehen davon, dass ich „entbinden“ als Wort selber nicht nutze, ist dieser Paragraph 24f des 5. Sozialgesetzbuches in Deutschland für gebärende Frauen oft nur Formsache. Eine wirkliche freie Wahl sehe ich nicht. Glücklich ist, wer überhaupt eine einzige Geburtsstation in der Nähe hat:

  • Frauen in ländlichen Gebieten haben lange Wege ins nächste Krankenhaus. Da ist die Frage, welches das „Wunschkrankenhaus“ ist, oft einfach eine Frage der Entfernung von zu Hause.
  • Selbst Frauen in Großstädten, die entfernungstechnisch die Wahl zwischen mehreren Kliniken hätten, haben nicht immer die Wahl: „Tut mir leid, alle unsere Kreißsääle sind voll besetzt. Warten Sie, ich telefonier mal durch, wo noch was frei ist.“ Kein Witz, das kommt in Berlin schon mal vor: Die Gebärende wird dann im Krankenwagen in ein anderes Krankenhaus gebracht.
  • Frauen mit Risikoschwangerschaften haben so oder so nur eine eingeschränkte Auswahl an Krankenhäusern, die sie aufnehmen.
  • Frauen, die außerklinisch gebären möchten, stehen vor vielen Hürden, wenn sie sich für den Fall einer Verlegung in einem Krankenhaus anmelden. Oft schlägt ihnen Ablehnung entgegen, bis hin zur Aussage, dass man „dann aber nicht sicher sein könne, aufgenommen zu werden“.

Tja, mag man sich jetzt denken, so ist das eben. Du kannst nicht alles haben — auf dem Land ist die Versorgung nun mal nicht so dicht wie in der Stadt. Und tja, wenn du nicht in die Klinik willst, dann kann dir das doch eh egal sein. Und überhaupt, Kinder können doch überall zur Welt kommen.

All das ist richtig. Wir sollten die Kosten unseres Gesundheitssystems nicht aus dem Ruder laufen lassen. Abgesehen davon, dass wir uns aber bei anderen Dingen fragen können, ob die wirklich nötig sind (CTG alle 2 Wochen!? Unbedingt nötig? … Vielleicht nicht?), sind kleine Geburtsstationen in Wohnortnähe aber tatsächlich wichtig:

  • Geburten lassen sich nicht planen. Frauen mit Wellen sollten nicht Auto fahren. Nicht jede hat aber immer jemanden zur Hand, um schnell mal eine Stunde hin und eine Stunde zurück zu fahren. Und selbst, wenn: wer mal mit Wellen eine Stunde auf einem Autositz saß, weiß, dass wir das niemandem wünschen (Anisja kann ein Lied davon singen…).
  • Unvorhergesehene Zwischenfälle führen zu Problemen, wenn der nächste Krankenwagen Ewigkeiten braucht, um anzukommen — das gilt für geplante Krankenhausgeburten, bei denen vorher ein Zwischenfall auftritt, aber auch für Hausgeburten, die verlegt werden müssen. Hausgeburtshebammen lehnen manche Wohnorte sogar als „zu weit entfernt von der Klinik“ ab.
  • Je weniger Kreißsääle es gibt, desto voller sind diese tendenziell (oder werden die Geburtsplätze in den geschlossenen Kreißsäälen etwa in anderen Kliniken aufgestockt!? Bisher weiß ich von keinem solchen Fall, lasse mich aber gerne belehren!). Volle Kreißsääle führen zu absurden Situationen, wie bei Natalie, die zuerst in Abstellkammer untergebracht wurde.
  • Für das soziale Umfeld ist es nicht besonders schön, wenn die Frau und das Neugeborene weit weg sind.
  • Ambulante Geburten werden schwieriger, je länger der Fahrtweg wird, denn je länger dieser Weg, desto besser muss die Frau nach der Geburt schon wieder „in Schuss sein“, um die Fahrt antreten zu können.
  • Für Nachuntersuchungen nach der Entlassung müssen Frau und Neugeborenes dann wiederum viel Zeit einplanen.

All das spricht dafür, die kleinen Geburtsstationen offen zu halten.

 

Noch ein Wort zum lieben Geld

Kleine Geburtsstationen in Krankenhäusern rechnen sich oft nicht. Das liegt auch daran, dass diese kleinen Krankenhäuser meist nur die „unkomplizierten“ Fälle aufnehmen. Kaiserschnitte, okay, aber nur, wenn kein besonders komplizierter Fall vorliegt. Sonst heißt es dann häufig: Ab in die Spezialklinik. Das ist aus medizinischer Sicht durchaus nachvollziehbar: Wir alle wünschen uns schließlich Spezialist*innen, wenn diese wirklich gebraucht werden.

Das heißt aber auch, dass in den kleinen Geburtsstationen mit den unkomplizierten Fällen nicht viel Geld eingenommen wird. Eine unkomplizierte Geburt rechnet sich für die Krankenhäuser nicht.

Da unsere Krankenhäuser ja auch im Sinne der Beitragszahler*innen wirtschaftlich arbeiten sollen, argumentieren manche mit der Schließung dieser unrentablen Geburtsstationen.

Ich sehe das anders: Unser Nachwuchs sollte es uns wert sein, möglichst unbeschwert ins Leben zu starten. Dazu gehören auch entspannte Mütter. Und die gibt es tendenziell eher, wenn sie nicht schon 2 Wochen vor errechnetem Geburtstermin von zu Hause in ein Krankenhaus umziehen müssen, weil das Krankenhaus 100 km entfernt ist (die entsprechende Geschichte ist hier nachzulesen: https://www.ndr.de/nachrichten/Der-grosse-Frust-in-der-Geburtshilfe,geburtshilfe136.html). Abgesehen davon kosten Frauen, die 2 Wochen lang (unnötig) ein Krankenhausbett belegen, natürlich auch…

Ergo: Ja, wir sollten unser Geld nicht zum Fenster hinauswerfen. Und ja, wohnortnahe Gesundheitsdienstleistungen umfassen für mich auch kleine Geburtsstationen.