Das Problem, das nur Frauen haben — und auch die nur selten

Alle Menschen wurden geboren. Wir haben also alle zumindest diese Geburtserfahrung. Die meisten wissen über ihre eigene Geburt sehr wenig. Und die meisten interessiert das Thema dann auch nicht mehr groß — bis es aus medizinischen oder persönlichen Gründen wieder ins Leben tritt.

Bei rund der Hälfte der Bevölkerung steht außer Frage, dass sie irgendwann Kinder gebären. Klar, der durchschnittliche Mann hat keine Gebärmutter.

Der andere, weibliche, Teil der Gesellschaft kann theoretisch durch die Erfahrung einer weiteren Geburt gehen — meist irgendwann im Alter zwischen 20 und 50 Jahren. Davor sind Geburten zuerst nicht möglich, dann zunächst häufig eher Unfälle. Dann irgendwann kommt die Phase, in der manche Frauen gewollt Kinder in die Welt setzen. Und dann ist diese Phase auch wieder vorbei — entweder biologisch aufgrund der einsetzenden Menopause oder einfach, weil die „Familienplanung abgeschlossen“ ist.

Entwicklung der Geburten in Deutschland

Interessant dazu ist die entsprechende Seite des Statistischen Bundesamtes: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Geburten/AktuellGeburtenentwicklung.html, abgerufen am 27.8.2018.

Vom Statistischen Bundesamt stammen auch diese Zahlen (die Links bringen dich jeweils zur ausführlichen Statistik auf der Seite des Bundesamtes):

Lebendgeborene 2016 792 131
Alter der Mutter beim ersten Kind 2016 29,6
Zusammen­gefasste Geburten­ziffer (Kinder je Frau) 2016 1,59
Endgültige Kinder­zahl je Frau Jhg.1967 1,50
Kinder­losen­quote Jhg.1967 20,8 %

Zusammenfassend steht eine Geburt immer seltener im persönlichen Lebensmittelpunkt, als das noch vor 100 Jahren der Fall war oder in anderen Ländern der Welt heute noch ist. (Die Entwicklung hin zu weniger Schwangerschaften und weniger Kindern pro Frau hat auch viele Vorteile, die ich gerne an anderer Stelle nochmal aufgreifen werde. Hier geht es erstmal nur um den einen Fakt, dass es statistisch gesehen pro Leben ein seltenes Ereignis ist.)

Seltene Ereignisse stehen nicht auf der politischen Agenda

Unter dem Aspekt, dass Geburten zu unserem Leben notwendigerweise dazu gehören, ist diese Entwicklung problematisch: Wie immer ist es so, dass vor allem diejenigen, die eine starke Stimme haben, in der Politik und Gesellschaft auch gehört werden. Themen, die aber für viele selten bis nie auf der Tagesordnung stehen, haben häufig eine eher schwache Position in der politischen und gesellschaftlichen Debatte.

Die Lobby der Eltern wurde in den letzten Jahren stärker — auch dank des steigenden Engagements von Vätern, die das Thema nicht mehr „nur“ zum Frauenthema machten. Familie, z.B. Elternzeit, Kinderbetreuung oder ähnliches, ist in der Politik kein Nischenschema mehr.

Gesundheitspolitik ist ebenfalls in der Mainstream-Politik angekommen: Wir alle profitieren schließlich von einer guten, preiswerten, schnellen, wohnortnahen und bürokratiearmen Gesundheitsversorgung. (In wie weit diese eierlegende Wollmilchsau umzusetzen ist, mag dahingestellt bleiben.)

Familienpolitik ist also großes Thema; Gesundheitspolitk auch. Nur hakt es häufig beim Thema Schwangerschaft und Geburt (also der Situation, in der Familien- auf Gesundheitspolitik trifft): Vielfach bleibt der Eindruck, dass bei Geburten alles andere im Mittelpunkt steht — nur nicht die gebärende Frau.

Das zu ändern, ist schwierig: Gesundheitspolitik betrifft uns zwar alle, aber Geburten betreffen eben doch nur verhältnismäßig wenige Frauen, und auch diese, wie beschrieben, ziemlich selten (zwischen 1 und 2 mal im Leben).

Sind Politik und Gesellschaft blind für gelungene Geburten?

So bleibt der Eindruck, dass wir zwar viele tolle Schwangerschafts- und Vorsorgeangebote haben. Und dass leider gleichzeitig die Voraussetzungen für gelungene (ergo entspannte, selbstbestimmte) Geburten häufig nicht im Mittelpunkt von Politik und Gesellschaft stehen.

Was eine gelungene Geburt ist, ist abhängig vom Standpunkt. Die Wahl des Geburtsortes, die Frage nach Kaiserschnitt oder Spontangeburt, die Unterstützung durch Familie, Hebammen, Doulas — all das ist sehr individuell.  Aus meiner Sicht sollte bei all diesen Themen das Interesse der Frau mit dem Interesse des Kindes zusammenspielen. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass eine Frau, die sich bewusst für eine bestimmte Geburtsart entscheidet, viel eher eine „gute Geburt“ erlebt, als eine Frau, die das Gefühl hat, dass über ihren Kopf hinweg entschieden wurde. Und eine solche gute Geburt kann sich langfristig sehr positiv auswirken.

Was ist eine „gute Geburt“?

Viele Frauen erzählen immer wieder, dass die Aufklärung durch medizinisches Personal besser hätte sein können, oder sie erzählen von Druck, wenn sie etwas anders machen wollen, als der „Mainstream“ oder der Rest der Familie.

Gebärende Frauen sind eine Minderheit mit wenig politischem Gewicht. Und genau da liegt das Problem: Eine gute Geburt, eine Geburt, so wie sich die Frau sie wünscht, sollte politisch gewollt sein. Will Frau den Kaiserschnitt, sollte dieser möglich sein — ohne zusätzliche Probleme. Will Frau eine Hausgeburt, sollte diese ebenso möglich sein. Und alles dazwischen eben auch — Beleghebamme, Wassergeburt, Schmerzmittel, kein CTG, PDA, rumlaufen, Geburtshocker, Doula, Essen, Dunkelheit — es gibt viele Dinge, die zu einer guten Geburt beitragen können. Und all diese Dinge sollten möglich sein.

Damit dies so wird, brauchen wir ein Umdenken in der Politik: Weg von reiner „medizinischer Versorgung“ hin zu einem ganzheitlichen Ansatz, getragen ist von diesem Grundgedanken:

Wenn die Frau sich wohlfühlt, wird die Geburt einfacher verlaufen.

Politisch ist dies erstmal nicht in Sicht. Wo Gesundheits- und Familienpolitik aufeinander treffen, gibt es zwar immer mal wieder gute Initiativen (zuletzt diese gescheiterte Petition im Bundestag), doch bleibt der Eindruck:

Zu selten und bei zu wenigen Personen stehen Geburten im Lebensmittelpunkt.