Geburt ist wie Kacken

Um es mal mit den Worten der Mutter einer guten Freundin auszudrücken: Geburt ist wie kacken. Nur mit dem schöneren Ergebnis. Ich war vorher nie auf die Idee gekommen, diese beiden Vorgänge so eng zu verknüpfen, aber einiges spricht dafür, dass es tatsächlich so ist:

Privatsphäre

Wer kennt das nicht: Eine öffentliche Toilette, Türe natürlich abgeschlossen, links und rechts Trennwände, dahinter die nächsten Toiletten. Und auf diesen Toiletten weitere Menschen. Vielen Erwachsenen fällt es schwer, in einer solchen Situation unverkrampft ihr Geschäft zu verrichten. Man hört unwillkürlich auf die Leute drum herum und fragt sich, was sie wohl denken, wenn gleich hör- und riechbar ist, dass hier ein großes Geschäft verrichtet wird. Kacken unter Beobachtung fällt uns schwer — selbst, wenn diese Beobachtung nur angenommen statt real ist. Vielen Frauen geht es mit der Geburt genauso: Wenn sie sich von unbekannten Menschen beobachtet fühlen, können sie nicht so entspannen, wie sie wollen — sie verkrampfen, was dazu führt, dass der Geburtsprozess sich verlangsamt oder ganz zum Stillstand kommt. (Wer kennt das nicht: Eigentlich muss man dringend, aber man wartet, bis man hört, dass die Person nebenan die Toilette verlassen hat, und erst dann lässt man los…)

Die passende Umgebung

Nehmen wir an, du bist ganz allein im Bad, niemand anderes ist im Haus. Deine Privatsphäre ist also gegeben. Trotzdem kann es sein, dass du dein Geschäft lieber verschiebst, weil du dich dort nicht wohlfühlst. Vielleicht ist das Klo dreckig, so dass du dich ekelst. Vielleicht ist der Ort zugig, kalt, oder du verbindest schlechte Erinnerungen daran. Selbst ohne störende „Gäste“ ist in einer solchen Umgebung ein entspanntes Geschäft schwierig. Ähnliches gilt für eine Geburt — klar können wir theoretisch unsere Kinder überall bekommen, aber gerne wollen wir für unsere Geburt dann doch einen Ort, an dem wir uns wohlfühlen.

Die richtige Ernährung

Wer schon mal eine Lebensmittelvergiftung hatte oder auch einfach — um einen weniger dramatischen Fall zu nennen — eine Ernährungsumstellung hinter sich hat, weiß nicht nur aus der grauen Theorie, sondern auch aus der eigenen Erfahrung, dass die Art unserer Ernährung einen einfacheren oder schwierigeren Stuhlgang zur Folge haben kann. Das gilt auch für unsere Geburten: Abgesehen davon, dass das Essen kurz vor der Geburt häufig einen schnellen Ausweg aus dem Körper sucht (siehe zum Beispiel diese Geburtsgeschichte von Sylvia), ist die Ernährung während der Schwangerschaft mit ausschlaggebend dafür, wie gesund, agil und groß unser Nachwuchs ist — und damit auch, ob wir eine schwierige Geburt erleben, oder nicht.

Der Moment des Lösens

Beim großen Geschäft ist es im Normalfall angenehm, wenn sich unser Darm dann entleert. Der Schließmuskel wird gedehnt, diese Dehnung empfinden wir nur dann als unangenehm, wenn die Entleerung entweder zu schnell erfolgt oder der Druck auf den Schließmuskel zu groß war. Ist das nicht der Fall, ist die Dehnung ein angenehmes Gefühl. Auch der Moment direkt darauf, in dem sich der Schließmuskel wieder entspannt, verursacht bei den meisten Menschen ein erleichtertes, entspanntes Gefühl. Ähnlich ist es häufig bei Geburten: Einerseits kann die Dehnung des Geburtskanals schmerzhaft sein, andererseits sind die entscheidenden Momente auch von einem Gefühl der Entspannung danach geprägt — Frauen beschreiben das häufig als den Moment, in dem das Kind einfach aus ihnen herausflutscht“. (Lara beschreibt es zum Beispiel so…)

 

Manchmal spürt man schon lange vorher etwas, manchmal kommt es ganz plötzlich

Wie beim großen Geschäft geht es auch bei Geburten mal schneller, mal langsamer. Manchmal kündigt sich der Drang, auf’s Klo zu gehen, schon Stunden vorher an, ohne, dass es wirklich ernst wird. Und manchmal kommt der Drang sehr plötzlich, und wir rennen zum nächsten stillen Örtchen — bzw. lassen uns zum geplanten Geburtsort chauffieren. Von einer Situation auf alle zu schließen, ist hierbei ziemlich unmöglich: Jede Geburt ist wie jeder Gang auf’s Klo einzigartig. Kategorien lassen sich wohl bilden, aber eine Voraussage zu treffen, gelingt häufig nur bedingt.

 

Pressen

Selbst Kinder scheinen auf dem Klo anzufangen, angestrengt zu pressen, wenn sie merken, dass das Geschäft nicht voran geht. Meine spontane Reakation ist häufig: „Lass dir Zeit!“ Manchmal hört der Nachwuchs dann auf und sitzt einfach entspannt noch für ein paar Minuten auf dem Klo, bevor das Geschäft beendet ist. Und manchmal bekomme ich auch die Antwort „ich presse nicht!“ — dabei sehe ich, dass er es doch tut. Es ist also in dem Fall keine bewusste Entscheidung, sondern ein instinktives Verhalten. Wir alle kennen das Gefühl, dass wir dem Verlauf „nachhelfen“ wollen: Wenn ich presse, komme ich schneller zum Abschluss. Vielleicht ist das so. Aber ist es auch angenehmer? Ich behaupte, dass wir das Pressen oft übertreiben — wenn der Körper sich selber aussucht, dass er es will, dann kann es sinnvoll sein, wenn wir es aber künstlich forcieren (so wie bei meiner ersten Geburt, über die ich noch schreiben will…), dann hilft das oft sehr wenig. Im Gegenteil kann es sehr schmerzhaft sein. Gerade bei sehr festem Stuhlgang ist es sinnvoll, sich mehr Zeit zu nehmen, so dass sich das Gewebe dehnen kann, statt es mit Kraft zu überdehnen. Ähnliches gilt natürlich auch für die Geburt, bei der es durchaus sinnvoll ist, dass sich das Gewebe mit der Zeit dehnen kann, so dass Risse vermieden werden können.

 

Manchmal hilft es, nachzuhelfen

Wer gibt zu, schon mal mit der Hand nachgeholfen zu haben, wenn es auf dem Klo nicht so flutscht? An dieser Stelle meine ich nicht, dass wir Verstopfung durch Tabletten regulieren wollen, sondern die ganz mechanische Hilfe am oder um den After herum. Ein Druck an der richtigen Stelle, ein Finger zum Fühlen, wo das Problem liegt — manchmal können diese Dinge extrem hilfreich sein, obwohl sie uns widerstreben. Gerade der Druck auf die richtige Stelle kann bei der Geburt ebenso förderlich sein: Um das Köpfchen in die richtige Position zu drücken, ist eine Hand von Außen manchmal eine sinnvolle Maßnahme. Ähnliches gilt dem Vorbeugen von Dammrissen: Ein Gegendruck im entscheidenden Moment kann den Damm vor einem Riss schützen, wie zum Beispiel Nina erzählt.

 

Ergo: Ich habe vorher nie darüber nachgedacht, aber ja, ich finde, der Vergleich passt ziemlich gut. Und, da hat die Freundin meiner Mutter ganz bestimmt Recht: „Das Ergebnis ist schöner!“ Ich würde noch ergänzen: Es riecht auch viel besser 🙂