Geburtsphilospohie — zu viel Dogma?

„Wow, da hast du dir aber eine ganz schöne Geburtsphilosophie zurechtgelegt!“ — so sagte mir neulich eine Bekannte, der ich von meiner Hausgeburt erzählte. 

Ich war verwundert. Geburts-philosophie? Das klang in meinen Ohren irgendwie komisch. Klar, ich beschäftige mich viel mit Geburten. Ich mag Geburtsgeschichten. Und ich finde es toll, wenn Frauen von ihren Geburten mit leuchtenden Augen berichten, statt mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Aber, Philosophie? Das klingt schon fast nach Dogma, oder!?

So kam ein Stein ins Rollen, und ich dachte mir — bin ich wirklich dogmatisch? Was bedeutet es, eine Geburtsphilosophie zu haben? Der Denkprozess hierzu ist noch lange nicht abgeschlossen. Hier kommt also eher ein Zwischen-Resultat:

Für meine eigenen Geburten entwickle ich eine Vorstellung. Ich schreibe Wünsche auf, beschäftige mich mit konkreten Vorbereitungen, spreche mit Menschen, die mir wichtig sind. Daraus ergibt sich ein Gesamtbild, das ich gerne umsetzen möchte — ein Bild, das meiner Bekannten wohl in seiner Gesamtheit als „Geburtsphilosophie“ entgegen sprang.

Ich hoffe dennoch, dass ich in diesem Blog nicht dogmatisch herüberkomme. Im Gegenteil — fragte man mich, ob ich mir für alle Frauen wünschte, dass sie genau so gebären, wie ich, so wäre die Antwort ein klares Nein. Nein, nicht jede Frau soll unbedingt zu Hause gebären. Nicht jede Frau soll eine Wassergeburt wollen. Ja, jede Frau soll so gebären, wie sie selber es will.

Also doch Geburts-Philosophie?

Vielleicht ist das der springende Punkt: Ich stelle die gebärende Frau in den Mittelpunkt. Was sie will, soll möglich sein. Vielleicht ist das der Kern meiner Philosophie: Nicht meine persönliche Ausgestaltung der Geburt ist es, was ich anderen weitergeben möchte (obwohl ich mich über jede Person freue, die interessiert zuhört…), sondern der tieferliegende Gedanke, dass jede Frau selber entscheiden soll, was zu ihrer Geburt dazu gehören soll. 

Dogma: Selbstbestimmung über alles?

Hier wird es schwierig. Bei einer Geburt geht es nicht nur um die Frau, sondern auch um das Kind. Sollte die Frau aus Liebe / Rücksicht zum Kind also nicht ganz allein entscheidungsbefugt sein, sondern nur in Rücksprache mit „Fachpersonal“? Ergo, sollten sich Hebammen, Ärzt*innen und Krankenkassen in die Geburt einmischen dürfen?

Hat die schwangere Frau vielleicht sogar die moralische Verpflichtung, sicherzustellen, dass es dem Kind gut geht — selbst, wenn diese Feststellung nur auf Wegen erfolgen kann, die die Frau nicht einschlagen will? (Diese Überlegung reicht von „Kleinigkeiten“ wie der regelmäßigen Kontrolle durch CTGs bis hin zur Entscheidung, eine Alleingeburt durchzuführen.)

Hier schwanke ich. Für mich persönlich ist die Entscheidung klar. Aber eben nur für mich persönlich. Darf ich, darf eine Gesellschaft, Frauen aufnötigen, sich selber zum Wohle anderer zurückzustellen? In manchen Situationen zwingen uns Gesetze genau zu so etwas — beim Nichtraucher*innenschutz zum Beispiel.

Es wäre zu viel gesagt, dass ich fest überzeugt bin. Es ist eher ein diffuses Gefühl, das ich auch schon im Beitrag Alleingeburten — inakzeptabel? formuliert habe: Frauen sollten selber entscheiden dürfen. Bei allem rund um die Geburt. Hier zögere ich. Ich würde gerne schreiben: Frauen sollen sich informieren, informierte Entscheidungen treffen, und diese Entscheidungen sollten respektiert werden.

Aber was ist, wenn eine Frau sich nicht informieren will oder kann? Soll sie dann trotzdem „aus dem Bauch heraus“ eine Entscheidung treffen, die für alle anderen bindend ist? Mein Verstand sagt sofort: Nein nein, wir müssen uns schon bilden. Nur wer diese Verantwortung wahrnimmt, darf auch berechtigt sein, eine Entscheidung zu fällen.

Aber sofort kommt eine andere Stimme:  Wer bin ich, zu entscheiden, was Menschen wissen müssen? Ich kann nur immer wieder dafür werben, möglichst breites Wissen anzusammeln. Mehr als Werben kann ich nicht. Entscheiden muss jede für sich.

Ich plädiere also dafür, die Frau in den Mittelpunkt zu stellen. Zum jetzigen Zeitpunkt plädiere ich dafür, hierzu keinerlei Einschränkungen zu machen. In meinem Kopf sind hierzu eine Menge grenzwertiger Situationen. Minderjährige Schwangere, psychisch labile Frauen, Alleingeburten obwohl es medizinisch schwerwiegende Vorerkrankungen gibt… Mir fällt es schwer, diesen Fällen eine Entscheidungsgewalt zuzusprechen. Doch wenn wir hier anfangen, Grenzen zu setzen, frage ich mich, wo wir aufhören. Die Grenzen des „noch Vertretbaren“ liegen wohl bei allen von uns an einem anderen Punkt.

Gesellschaftlicher Konsens?

Bisher scheint der gesellschaftliche Konsens zu sein: Hauptsache sicher. Ich habe von zu vielen „sicheren“ Geburten gelesen, die dennoch problematisch wurden. Vielleicht schreibe ich dazu nochmal an derer Stelle mehr.

Könnte sich unser Gesellschaftlicher Konsens wandeln? Hin zu „Glückliche Gebärende“? Glücklich könnte dann erreicht sein, wenn sich die Frau in ihren Bedürfnissen wahrgenommen fühlt — und eines dieser Bedürfnisse ist bei den allermeisten wohl auch Sicherheit. Ihr wisst schon, objektiv kann es niemals vollständige Sicherheit geben. Es geht also eher um ein subjektives Sicherheitsbedürfnis, das erfüllt werden soll. (Dazu passt dieser Beitrag über Fluchttiere bei der Geburt…)

Das fände ich eine durchaus gangbare Geburts-Philosophie: Glückliche Gebärende, deren Bedürfnis-Cocktail wahrgenommen wird. Da würde ich mich fast hinreißen lassen, das sogar als Dogma zur Geburt gelten zu lassen — zumindest zum jetzigen Standpunkt meiner Gedanken zum Thema.