Anna: Traum(a)geburt: Jede Geburt hat ihren Platz

Anna schreibt über ihre beiden Geburten — Kaiserschnitt und Hausgeburt im Wasser, aber sie schreibt auch über uns Frauen und über überhöhte Wünsche, über Fehlinterpretationen und den Mangel an Vertrauen in unsere eigene Entscheidung — egal, wie diese ausfällt.

 

Aus meiner Erfahrung ist der Grat zwischen Geburtstrauma und Traumgeburt sehr dünn. Für die eine Frau wäre die gleiche Geburtserfahrung eine Traumgeburt, für eine andere kann sie zum Geburtstrauma werden.

Es kommt allein auf das Empfinden der Frau an.

Für manche ist es okay, wenn Dinge über ihren Kopf hinweg entschieden werden und sie hinterfragen auch nicht und nehmen das Geschehene so an, unveränderbar, die Götter in Weiß, die sie und ihr Baby am Ende eventuell noch gerettet haben, was eventuell negativen Erfahrungen die Gewichtung nimmt. Für Andere hingegen ist das Legen eines Zugangs schon traumatisierend und eine Missachtung der eigenen Wünsche, wenn dieser nicht gewollt ist.

So jetzt habe ich hier sehr allgemein geschrieben und so mag ich von meinen Geburten erzählen.

Ich bekam mein erstes Kind mit 24. Ich wollte eine selbstbestimmte, natürliche Geburt erleben. War mir auch sicher, dass zu können, denn so läuft es ja schon seit Jahrtausenden ab. Ursprünglich war die Geburt in einem Geburtshaus geplant, was daran scheiterte, dass mein Kind mit dem Kopf nach oben lag und das Geburtshaus Erstgebärende bei Becken-Endlagen-Geburten (BEL) nicht begleitete.

Planänderung. Krankenhaus. Da durfte ich nun da hingehen wo ich nie hinwollte. Dahin, wo ich soviel schlechtes drüber gelesen hatte, über Interventionsspiralen etc. Ich ging mit Misstrauen in die Geburt, konnte mich dort nicht öffnen; nicht vertrauen.

Wie konnte ich mein Kind aus meinem sicheren Inneren loslassen, wenn der Ort, an dem ich mich befand, sich für mich nicht sicher anfühlte?! Genau — es ging nicht! Nach 24 Stunden Wehen und voll geöffneten Muttermund bekam ich die Wahl: Wehentropf (bei BEL eigentlich nicht empfohlen) oder Kaiserschnitt.

Ich entschied mich für den Schnitt. Das, was ich nie nie nie wollte. Noch weniger, als das Krankenhaus. Während des Kaiserschnitts realisierte ich: Ok, das ist jetzt meine Geburt. Jetzt wird mein Kind geboren. Und ich ließ bewusst los.

Danach zitterte mein Körper mehrere Stunden. Traumabewältigung. Dafür bin ich heute so dankbar, dass mein Körper alles abschüttelte, auch wenn es zu dem Zeitpunkt beängstigend war. Es gab vieles unter dieser Geburt, was nicht so lief wie ich es wollte, wo meine Wünsche und Empfindungen nicht geachtet wurden. Die lass ich hier nun bewusst weg.

Es dauerte, bis ich diese Geburt aufgearbeitet hatte; jedes einzelne Teil auseinander genommen habe und sich alles in ein verständliches Puzzle zusammen fügen ließ. Ich gab die Verantwortung ab bzw. würde ich aus heutiger Sicht sagen ich hatte sie nie übernommen.

Doch mit dieser Geburt und mit der Aufarbeitung und all dem Wissen, was ich mir dadurch aneignete, ist ein wunderbarer Weg entstanden, und ich bin meiner Tochter sehr dankbar, dass sie sich nicht gedreht hat, dass es eben genau diese Geburt war, da es genau die Geburt war, die ich brauchte, um mich weiter zu entwickeln.

Nun, 4,5 Jahre später, bin ich Doula und begleite Geburten, habe mein Bauingenieurstudium abgebrochen, um meinen Herzensweg zu gehen; coache und fotografiere ebenfalls in dem Bereich.

 

Und was noch viel wundervoller ist: Vor einem Jahr durfte ich mein zweites Kind zuhause im Wasser gebären. Es war kraftvoll und selbstbestimmt. Ich habe zu jedem Zeitpunkt entschieden, was ich wie tun möchte bzw. eher mein weiblicher Körper hat dies getan. Ich habe mein Kind ins Wasser geboren und selbst in Empfang genommen mit genau den Menschen und Tieren um mich herum, die ich dabei haben wollte.

Mittlerweile ist es eine Traumgeburt. Doch kurz danach war ich enttäuscht, denn ich war gerissen und hatte Schmerzen, genau wie nach dem Kaiserschnitt auch. Es ging mir nicht gut. Ich brauchte drei Tage um richtig anzukommen.

Auch diese Geburt hat mich wieder etwas gelehrt. Auch eine vaginale natürliche Geburt macht nicht glücklich. Sie ist nicht besser oder schöner als der Kaiserschnitt. Es besteht die Gefahr, die natürliche vaginale Geburt aufs goldene Podest zu heben. Und wenn ich diese eine Geburt erlebt habe, dann geht es mir gut, bin ich kraftvoll, weiblich, etc. Die Liste ist lang… Das stimmt nicht!

Dieses Projizieren entsteht aus einem Mangel. Einem Mangel in uns selbst. Wenn wir diesen Mangel beseitigen können, ihn anschauen, ihn annehmen können, dann kann er heilen. Und dann kann Geburt Geburt sein. Sie IST. Jede Geburt auf ihrem Platz. Und dann kann auch jegliche Geburt als selbstbestimmt erlebt werden, wenn FRAU die Verantwortung übernimmt und bewusst für sich und ihr Kind Entscheidungen trifft — aus sich heraus — und mit diesen in Frieden ist. Dann können natürliche vaginale Geburten, Kaiserschnitte, Geburten mit PDA, Geburten mit Wehentropf, eben alle Geburten Traumgeburten sein.