Fehlgeburt führt zu Gefängnis

Heute gibt es einen deprimierenden Blick über den Tellerrand: In El Salvador kann eine Fehlgeburt als Kindsmord gewertet werden. Da es in meinem Blog auch um gesellschaftliche Fragestellungen zum Thema Geburt gehen soll, möchte ich euch davon berichten:

Ein Radio-Beitrag hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Frauen in El Slavador für eine Fehlgeburt im Gefängnis landen können.

Im Beitrag geht es konkret um eine Frau, die zwei Töchter hat und mit ihrem dritten Kind im 5. Monat schwanger war. Sie bekam Wehen, und gebar ein Kind, das nicht überlebte. Statt der Frau zu helfen, diese schwierige Situation zu bestehen, landete sie dafür im Gefängnis. Dem Richter reichte die Tatsache, dass sie keinen Rettungsdienst gerufen hatte, als ausreichendes Schuldeingeständnis dafür, dass sie das Kind bewusst hatte sterben lassen. Dass ein Krankenwagen in das Armenviertel, aus dem sie stammte, gar nicht gefahren wäre, war unerheblich.

Der Beitrag hat mich zur Recherche angeregt: El Salvador hat die restriktivste Abtreibungspolitik in Mittelamerika. Es gibt absolut keine Situation, in der eine Abtreibung erlaubt wäre — auch nicht sexueller Missbrauch oder Vergewaltigung (selbst nicht an Kindern); auch keine Lebensgefahr für die Mutter oder das Kind.

In der Praxis führt diese absolute Null-Toleranz-Grenze auch dazu, dass viele Fehlgeburten als geplante Abtreibungen gewertet werden:

„Wenn bei Fehlgeburten oder fehlender medizinischer Hilfe das Kind die Geburt nicht überlebt, kann die Frau wegen Mordes zu zehn bis 40 Jahren Haft verurteilt werden. Betroffen davon sind ausschließlich die armen Frauen: Frauen aus der Unterschicht, Dienstmädchen, Haushälterinnen, Landarbeiterinnen, die bei Komplikationen in staatlichen Kliniken Hilfe suchen.“ (Quelle: Böll-Stiftung)

Eine andere Quelle hebt hervor, dass laut Gesetz selbst dann nicht eingegriffen werden darf, wenn das Kind nicht überlebensfähig ist — obwohl diese Herangehensweise dann sowohl das Ungeborene als auch die werdende Mutter zum Tode verurteilen kann:

„Die Gynäkologin Victoria Carolina Ramírez Estrada berichtete, dass Ärzte per Gesetz selbst lebensrettende medizinische Behandlungen zum Beispiel bei Krebs verweigern müssen, wenn dadurch der Fötus geschädigt werden könnte. Auch bei Eileiterschwangerschaften dürfe sie nicht eingreifen. „Warum sollen zwei Menschen sterben, wenn ein Mensch gerettet werden kann?“ fragt die Ärztin.“ (Quelle: Amerika21.de)

Verschiedene Quellen geben verschiedene Höchststrafen für den als Kindsmord gewertete Schwangerschaftsabbruch an. Zwischen 30 und 50 Jahren Haft habe ich gelesen.

Langsame Schritte in die richtige Richtung?

Wie dieser Beitrag im Spiegel berichtet, kam eine Frau, die ursprünglich wegen Kindsmord an ihrem Neugeborenen zu 30 Jahren Haft verurteilt worden war, nach rund zehn Jahren frei. Dazu hatte auch internationaler Druck beigetragen. Es ist ein Einzelfall, und es bleibt fraglich, ob sich schnell eine grundsätzliche Verbesserung der Lage für die Frauen in El Salvador schnell umsetzen lässt. Starke erz-konservative Kräfte weigern sich.

Frauen, die eine Fehlgeburt erleiden, haben Fürsorge und Hilfe verdient, aber keine Kriminalisierung. Es hat mich schockiert, dass zum Verlust des Kindes auch noch eine Gefängnisstrafe kommt. Wenn du aktiv werden möchtest, um diese Situation zu ändern, kannst du zum Beispiel bei Amnesty International oder Inkota spenden, die sich für eine Änderung der Gesetzeslage einsetzen.

 

Weitere Quellen

Eine ausführlichere Übersicht über Quellen und konkrete Fälle hat Amnesty International auf dieser Seite zusammengestellt:

https://www.ai-el-salvador.de/abtreibungsverbot.html