40 + 3 — Gyn-Termin bei Hausgeburt

Wenn du eine Hausgeburt mit Hebamme planst, wirst du um diese Tatsache nicht herum kommen: am 3. Tag nach dem errechneten Geburtstermin deines Nachwuchses musst du eine*n Fachärzt*in aufsuchen, um eine Vorsorgeuntersuchung durchführen zu lassen. Dies gilt selbst dann, wenn du bisher alle Vorsorgeuntersuchungen bei deiner Hebamme gemacht hast.

Mother Hood e.V., ein Verein gegründet von Eltern mit dem Ziel, „dass Frauen und Kinder auch in Zukunft eine unbeschwerte und sichere Schwangerschaft, eine optimal begleitete Geburt und eine gute Betreuung danach erleben können,“ (Quelle: https://www.mother-hood.de/ueber-uns/der-verein.html) hat dazu ein Merkblatt herausgegeben, das du hier herunterladen kannst.

Darin heißt es:

Das sog. Facharztkonsil ist an ET+3, d. h. am 3. Tag nach dem errechneten Entbindungstermin (ET), verpflichtend. Hierfür sieht der GKV-SV keine Ausnahmen vor. Auch wenn die Frau aus persönlichen Gründen eine ärztliche Untersuchung
ablehnt, ist das Facharztkonsil zwingend! Die Schwangere muss unter allen Umständen (also auch an Sonn- und Feiertagen, bei bereits stattfindender Wehentätigkeit oder wenn ein Geschwisterkind erkrankt ist usw.) einen Facharzt
aufsuchen. An Sonn- und Feiertagen oder wenn der eigene Facharzt die Untersuchung nicht vornehmen kann, muss die Schwangere ins Krankenhaus fahren und dort die Untersuchung durchführen lassen.

Tja. Das klingt doch schon mal nach einer ganzen Menge Aufwand — besonders, wenn ich mir überlege, dass ich bei 40+3 vermutlich nirgendwo mehr hin will, sondern einfach nur auf die Geburt warte (bzw. vielleicht schon mal anfange, darauf hinzuarbeiten mit einem romantischen Dinner!?).

Oft ist es auch so, dass die Frauenärzt*innen der anstehenden Hausgeburt eher kritisch gegenüber stehen und dir als Schwangere bei diesem Termin mehr als deutlich ans Herz legen, doch besser in eine Klinik zu fahren. Da hast du vermutlich auch keine Lust drauf.

Und schließlich kommt dann noch dazu, dass die Praxen kurzfristig meist überhaupt keine Termine frei haben; es kann dir also gut passieren, dass es heißt „sorry, wir haben erst in der nächsten Woche wieder einen Termin“. Und das ist dann vielleicht schon 40+6 — und damit versicherungstechnisch ein großes Problem für die Hebamme. Einfach zu einer anderen Praxis gehen kann dagegen auch problematisch werden, und zwar, wenn du im laufenden Quartal bereits bei einer Praxis zur Vorsorge warst. Dann kann die andere Praxis nämlich die Vorsorgepauschale nicht mehr von der Krankenkasse abbuchen, so dass du diesen Termin bei 40+3 also selber zahlen musst.

Meine persönliche Erfahrung hiermit sieht so aus:

  • 40+0 fällt auf einen Donnerstag. 40+3 ist also Sonntag. Das ist ja schon mal großartig.
  • Rücksprache mit der Hebamme: Der Termin darf in dem Fall vorgezogen werden auf Freitag, 40+1.
  • Ich rufe 39+4 bei meiner Gynäkologin an, erkläre die Situation (von der die Arzthelferin erstmal nichts wusste — zu wenige Hausgeburten in der Betreuung, nehme ich an…).
  • Arzthelferin schaut in die Akte, spricht mit der Ärztin.
  • Ergebnis: „Ja, also, Sie waren ja jetzt schon lange nicht mehr hier.“ (stimmt, die letzten Vorsorgeuntersuchungen hat alle die Hebamme gemacht. Ist ja auch sinnvoll bei einer Hausgeburt, weil sie mich dann viel besser kennt und die Situation richtig einschätzen kann… Link zu einem Beitrag dazu soll noch folgen.) „Da müssten wir dann ja eine komplette Vorsorgeuntersuchung machen“ (stimmt, genau darum geht es…) „das bekommen wir erst am nächsten Donnerstag hin (ergo 41+0).
  • Okay, Termin ist notiert, vielen Dank auch.
  • Rücksprache mit der Hebamme: Sie dürfte mich also zwischen 40+3 und 41+0 nicht betreuen. Versicherungstechnisch. Selbst, wenn alles in super-Ordnung ist und die Geburt total gut wird.
  • Zum erweiterten Basisultraschall war ich irgendwann in der Schwangerschaft bei einer anderen Gynäkologin, weil meine Gyn diese Art Ultraschall-Gerät nicht hat. Idee: Vielleicht hat die noch was frei!?
  • Anruf dort. Arzthelferin ebenfalls etwas verwirrt, aber immerhin bekomme ich für 40+1 den Termin. (Mittags, muss mir für die beiden Großen also überlegen, wie ich sie unterbekomme; tja, wählerisch sein ist eben gerade nicht drin.)
  • Rücksprache mit der Hebamme: Wenn ich im gleichen Quartal die Vorsorge schon bei meiner Standard-Gynäkologin abgerechnet habe, darf die Feindiagnostik-Gynäkologin das nicht mehr abrechnen — ich müsste die Vorsorge privat bezahlen.
  • Check des Kalenders: Zum Glück war ich in diesem Quartal bisher nur bei der Hebamme zur Vorsorge. Das ist wohl egal; ich kann trotzdem noch zur Gynäkologin. Glück gehabt.

 

Was sagt der GKV-Spitzenverband?

Ich rufe nochmal beim Patiententelefon des GKV-SV ( Kontakt siehe hier) an und frage nach, wie ich in einer solchen Situation handeln soll. Die Dame nimmt meine Daten auf und verspricht mir, dass ich innerhalb eines Tages zurückgerufen werden soll.

Der Rückruf kam, wie versprochen. Dafür erstmal: Daumen hoch, da gibt es auch andere Erfahrungen mit Hotlines…

Der Inhalt war allerdings enttäuschend. Denn die Dame hatte wohl von der Regelung noch nie gehört. Sie erzählte mir, dass die Regelung zu den „verbindlichen Qualitätskriterien des GKV-Spitzenverbandes“ gehört. Ja, super, das habe ich jetzt auch verstanden. Die Untersuchung bei 40+3 sei also ein relatives Ausschlusskriterium: Findet sie nicht statt, ist die außerklinische betreute Geburt ausgeschlossen; findet sie statt, entscheidet der Befund, ob eine außerklinische Geburt weiterhin möglich ist.

Ich werde auf eine Pressemitteilung verwiesen. Sie stammt aus dem Jahr 2015. Darin heißt es:

Beispiel für relative Kriterien, die vor einer Hausgeburt zusätzliche ärztliche Untersuchungen notwendig machen:

  • Beckenanomalie
  • Verdacht auf Missverhältnis zwischen dem Kind und den Geburtswegen
  • Unklarer Geburtstermin, Verdacht auf Übertragung. Hier muss erst ab dem 3. Tag nach der 40. Schwangerschaftswoche zusätzlich eine ärztliche Untersuchung erfolgen. Bei geplanten Geburtshausgeburten ist dies bereits ab dem 1. Tag des Überschreitens verpflichtend.

Ja, großartig. Aber wer mir das wie abrechnet, ist immer noch unklar! Und was genau gemacht werden soll, auch! Da war ja die Info von Mother Hood schon aussagekräftiger…

Okay, nun wieder zurück zu meiner persönlichen Situation:

  • 40+3 tauche ich in der Praxis auf. Die Arzthelferin ist verwirrt. Ist wohl eine andere als diejenige, die mir den Termin gegeben hat.
  • Ich bin dran. Die Ärztin (eine andere, als diejenige, bei der ich den Ultraschall hatte) rät mir erstmal grundsätzlich von der Hausgeburt ab. Dann sagt sie, dass sie mich ja gar nicht kennt und auch nur schwer einschätzen kann, ob meine Schwangerschaft nach wie vor komplikationslos ist.
  • Ich sage ihr, ich brauche eine Untersuchung der Fruchtwassermenge und einen Nachweis, dass keine Infektion vorliegt. Dann dürfe die Hebamme mich weiter betreuen.
  • Sie klärt mich auf, dass sie das nicht als Vorsorge abrechnen kann, weil ich dafür bereits das gesamte Quartal bei ihr hätte sein müssen. Ich muss die Untersuchung selber zahlen. Ich stimme notgedrungen zu und denke mir, dass ich da auch ins Krankenhaus hätte fahren können…
  • Sie untersucht mich. Alles super. Baby in Topform.
  • Sie wünscht mir alles Gute, ich gehe am Empfangstresen zahlen und fahre augenrollend nach Hause.
  • Ich telefoniere mit der Hebamme. Sie sagt mir, eine mündliche Aussage „alles okay“ hätte auch gereicht, wenn die Ärztin das so gemacht hätte, denn schließlich sagt die GKV-Vereinbarung nichts darüber aus, was genau untersucht werden soll. Ich verschweige ihr das mit der Bezahlung; will keinen Ärger. Freue mich einfach nur, dass ich es hinter mir habe und unser Nachwuchs zu Hause kommen darf. (Geschichte dazu gibt es hier.)
  • Von der Krankenkasse gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Entscheidung, ob das Geld zurückerstattet wird. AKTUALISIERUNG: Ein paar Wochen später hatte ich das Geld auf dem Konto — allerdings bisher ohne eine schriftliche Rückmeldung dazu.

 

Was lernen wir daraus!?

  • kümmert euch frühzeitig um diesen Vorsorgetermin 40+3, selbst, wenn ihr sonst gar nicht oder nur sehr wenig von einem*r Ärzt*in betreut werdet!
  • Klärt die Bezahlung im Vorhinein: Unter welchen Umständen kann die gynäkologische Praxis das als Vorsorgeuntersuchung verrechnen? Wer zahlt sonst die Kosten?
  • Beschwert euch über diese komische Vorgehensweise — bei eurer Krankenkasse, bei Mother Hood, bei der/dem Abgeordneten eures Wahlkreises… Macht darauf aufmerksam, dass die Regelung praxisfern und umständlich ist und, wie meine behandelnde Ärztin ja feststellte, nicht unbedingt viel Aussagekraft hat.

 

Wie erging es euch mit dieser Regelung? Habt ihr Verhaltensvorschläge? Hinterlasst mir gerne einen Kommentar!