Hélénas Hausgeburt: Ruhe und Vertrauen

Heute ist der errechnete Geburtstermin. Nach meinem Termin bei unserer Hebamme Martina steige ich in das Auto ein und mache mich auf den Rückweg. Alles sieht gut aus, du bist gesund, ich bin gesund.

Wir haben einen neuen Termin ausgemacht für den kommenden Sonntag, wie es die Ärzte vorsehen, wenn der ET von drei Tagen überschritten ist. Wir wollen uns in der Klinik treffen. Ansonsten ist Martina jederzeit erreichbar. Schließlich wollen wir ja, dass du zu Hause zur Welt kommst.

Es ist furchtbar heiß und schwül und seit ein paar Tagen hat sich in meinen Beinen Wasser eingelagert. Die Kompressionsstrümpfe erleichtern das Gefühl von Schwere und Enge, verschmelzen aber durch die Hitze zusammen mit meinen Poren.

Kurz vor der Brücke stauen sich die Autos. Es ist ungefähr 16 Uhr und viele Angestellte strömen in den Feierabend hinein. Auf einmal sticht mich ein Schmerz in den unteren Rücken. Ich bin wie gelähmt, will mich bewegen und weiß nicht wie. Vor allem sitze ich noch am Steuer und bin auf der Brücke kein bisschen weiter gekommen. Ich will raus, mich hinlegen, mich drehen, irgendwas. Aber es geht nicht, ich muss weiter auf die Autos vor mir schauen, den Fuß auf die Pedale gedrückt halten.

Nach etwa zwanzig Minuten habe ich es nach Hause geschafft. Ich dachte, ich würde es niemals schaffen, ich konnte nicht mehr klar denken und bin froh, wieder im Hier und Jetzt zu sein. Die Schmerzen im Rücken lassen nach und allmählich komme ich wieder zu mir. Das war also eine Wehe. Aber was für eine.

Seit Wochen hatte ich ja schon „Übungswehen“ und sollte mich möglichst liegend schonen, damit Du es Dir drin so lange wie möglich gemütlich machst – entgegen allen Erwartungen lässt Du Dir Zeit und ich finde es wunderbar. Aber ja, diesmal ist es anders, das spüre ich sofort im tiefsten Inneren. Trotzdem bleibst Du diese Nacht noch drin, und die Nacht darauf auch. Du machst Dich langsam auf den Weg und ich freue mich darauf. Dein Papa freut sich auch.

Es ist jetzt Samstagabend, morgen früh geht es in die Klinik für die Untersuchung. Ich habe keine Lust drauf, in Kliniken fühle ich mich immer unwohl. Ich lege mich früh hin und schlafe kurz darauf ein. Kurz nach Mitternacht werde ich wieder wach. Ich gehe erstmal auf die Toilette und verweile dort. Dann lege ich mich wieder hin. Ich kann aber nicht schlafen und fühle mich etwas dusslig. Von dem lähmenden Rückenschmerz ist aber nichts zu spüren.

Eigentlich ist alles gleich, aber ich fühle mich trotzdem anders. Ich wechsle oft zwischen Klo und Bett und kann nicht schlafen. Irgendwann merke ich, wie sich mein Bauch anspannt, wie in den letzten Wochen, in denen meine Gebärmutter fleißig geübt hat. Spannen und loslassen. Spannen und loslassen. Wie eine stille Welle bei ruhigem Wetter. Sie kommt und zieht sich sofort wieder zurück.

So geht es eine ganze Weile, ohne dass ich groß darauf reagiere. Ich bin im Halbschlaf und nehme es einfach so hin. Zwischendurch drängt es mich immer wieder zum Klo, wo ich mal kürzer, mal länger bleibe. Yannick schläft währenddessen und kriegt das gar nicht so richtig mit.

Ich versuche den Abstand zwischen den Wellen zu zählen. Sollte es jetzt doch losgehen? Ich atme tief in die Wellen ein, aber es gelingt mir nicht, den Abstand richtig zu zählen. Ich versuche es immer wieder und lasse es irgendwann sein. Ich atme einfach weiter, ruhig und konzentriert und die Zeit geht an mir vorbei. Ich kann nicht zählen, aber ich merke, dass es immer regelmäßiger und intensiver wird.

Irgendwann fällt mir das Liegen schwer. Ich strebe nach Erleichterung und versuche mich am Vierfüßlerstand und anderen Stellungen, die ich vom Schwangerschaftsyoga kenne, aber es hilft alles nichts.

Ich gehe unter die Dusche, vielleicht entspannt mich die Wärme. Aber auch da fühle ich mich unwohl und von Erleichterung ist nichts zu spüren. Wieder mache ich es mir bequem auf der Kloschüssel. Da kann ich ausatmen und mich entspannen. Vielleicht weil meine Beine leicht werden? Jedenfalls fühle ich mich da getragen und irgendwie geborgen.

Ich lege mich wieder hin, muss doch aber schnell wieder zum Klo. Ich habe das Gefühl, dass ich Wasser verliere, kann das aber nicht so genau sehen. Später kommt etwas Schleim raus. Es ist vermutlich dieser Schleimpfropf, von dem Christina in der Geburtsvorbereitung erzählt hat.

Es kommt in unregelmäßigen Abständen mit ein wenig Blut. Mir fällt ein, dass ich Martina noch nicht angerufen habe. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob unser kleiner Mann tatsächlich auf dem Weg zu uns ist. Schließlich habe ich noch nie ein Kind auf die Welt gebracht.

Ich rufe sie trotzdem an, mittlerweile ist es circa halb sechs in der Früh. Am Telefon ist Martina ganz ruhig; als Hebamme wird sie vermutlich oft aus ihrem Schlaf gerissen. Wir einigen uns darauf, dass ich die Wellen weiterhin beobachte und mich später nochmal melde. Nach unserem Gespräch werden die Wellen immer intensiver und ich verbringe die meiste Zeit auf dem Klo.

Ich muss mich immer stärker konzentrieren, um in die Welle hinein zu atmen. Manchmal verspüre ich Schmerzen, aber vor allem fühle ich mich von dieser gewaltigen Kraft mitgezogen. Es ist wie ein Sturm, der immer stärker wird. Man ist mittendrin und kann nicht weg. Der einzige Weg ist, sich ganz nah am Wind zu halten, seine Bewegungen zu verinnerlichen und mitzugehen anstatt sich hilflos dem gewaltigen Naturereignis zu überlassen. Man lässt die Kraft in sich zu und nutzt sie anstatt sie unter allen Umständen wegdrücken zu wollen. Es geht sowieso nicht, der Sturm ist da, die Natur geht ihren Lauf. Er wird sich aber auch wieder legen, man muss Vertrauen haben.

Ich habe Vertrauen. In Dich, der du bald da bist, in meinen Körper, der sich stundenlang mit Atmen beschäftigt hat, und in die Natur, die ja seit Tausenden von Jahren Kinder auf die Welt gebracht hat. Wir drei sind ein gutes Team. Natürlich kann ich in der momentanen Situation nicht so klar denken, wie ich es jetzt zu formulieren vermag. Schließlich muss man sich auf die Wellen konzentrieren und das ist ja Arbeit genug.

Aber das Vertrauen ist eindeutig da. Ich habe keine Angst, ich denke nicht nach (obwohl ich außerhalb der Geburt eine akribische Denkerin bin), sondern ich mache einfach. Beziehungsweise das Du-Körper-Natur-Trio macht und ich unterstütze euch dabei.

Ab und zu versucht Yannick mich anzusprechen, aber ich will und kann nicht. Ich weiß, er ist da und unterstützt mich, und diese Sicherheit reicht mir. Den Rest muss ich alleine machen. Ich werde Dich gebären, nicht er. Das kann mir keiner nehmen.

Gegen acht Uhr rufe ich Martina nochmal an. Inzwischen lassen mir die Wellen keine Pause mehr zum Durchatmen. Eine Welle kommt und die nächste ist schon auf dem Weg. Sie weiß Bescheid und macht sich, wie die Wellen, schnell auf den Weg. Eine kurze Stunde später trifft sie bei uns ein. Draußen ist die Sonne schon längst aufgegangen und die Menschen kommen in die sonntägliche Stimmung. Rückblickend sieht es nach einem heißen Tag aus.

Martina kontrolliert, ob Du weiterhin normal atmest. Alles in Ordnung. Dann will sie meinen Muttermund ertasten. Mit einer ruhigen Stimme sagt sie mir, dass er komplett auf ist und nichts mehr davon zu spüren ist. Ich habe gute Arbeit geleistet. Ich bin überrascht. Um ehrlich zu sein, habe ich mir gar keine Gedanken um meinen Muttermund gemacht, aber dass die „Vorarbeit“ quasi hinter mir liegt hätte ich nicht gedacht.

Wir gehen wieder ins Wohnzimmer und Martina setzt sich auf den Klavierhocker. Wir haben Kekse im Angebot (wann haben wir denn Kekse besorgt?), aber sie möchte keinen. Sie sitzt nur da, ganz ruhig, und guckt in ihren Terminkalender. Ich ziehe mich wieder ins Klo zurück. Die Wellen sind stärker und Atmen allein reicht nicht mehr. Ich muss laut werden und was rauslassen.

Ich weiß nicht, wie lange es noch so geht. Aber irgendwann wird das Gefühl anders. Es ist nicht mehr ein Kommen und Gehen. Nein, es ist ein Drücken. Es drückt und mein ganzer Körper drückt mit. Ich muss aber nicht aktiv werden, so mein Eindruck. Es drückt von alleine, und ich merke nur, wie sich meine Gesichtszüge ändern.

Jetzt muss ich doch auf alle Vieren gehen. So stehe ich im Vierfüßlerstand auf dem Teppich und Du drückst Dich nach unten. Wie ich da stehe, komme ich mir vor wie eine Kuh. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, aufs Klo zu gehen, wenn ich mich nicht auf der Stelle auf dem Teppich entleeren will. Ich weiß noch, wie Arabella zu mir sagte, dass man irgendwann das Gefühl hat, man muss kacken, sofort. Aber es ist kein Gefühl, ich muss wirklich.

Einmal auf dem Klo passiert aber nichts. Ich will, aber es kommt nichts. Vielleicht ist es doch nur ein Gefühl. Ich geselle mich wieder zu Martina und Yannick. Das Druckgefühl verändert sich. Ich verspüre es nicht mehr auf meinem Damm, sondern gezielt auf meine Scheide. Ich kann Dich spüren, ja ich glaube Du drückst mit aller Kraft mit Deinem Kopf.

Martina schlägt vor, ich könne versuchen, mich wieder hinzulegen. Ich folge ihrem Rat und gehe ins Zimmer, lege mich auf das Bett hin, auf die Seite. Diesmal ist es angenehm, wie eine Erleichterung. Ich mache die Augen ein wenig zu. Kurz darauf kommt Martina ins Zimmer. Sie will nochmal nach meinem Muttermund schauen. Mit ihrer gewohnten ruhigen Stimme fragt sie mich, ob ich lieber in die Hocke gehen möchte oder so liegen bleiben. Du bist angeblich gleich da.

Von da an verstehe ich gar nichts mehr. Rückblickend ist es wie ein nebeliges Durcheinander und ich habe das Gefühl, dass ich aus meinem Körper austrete. Ich schwebe. Aber ich bin da und bin ganz schön aktiv. Martina hat das Bett mit Schutzeinlagen bedeckt, wie ich das viel später wahrnehme. Ich habe mich für das Liegen entschieden, vor allem weil mich die Schwerkraft an die Matratze gefesselt hat. Du drückst wie wild und ich begleite Dich mit den verschiedensten Tönen.

Ich glaube, dass Yannick irgendwann meine Hand nimmt. Ich soll sie mit aller Kraft gedrückt haben, hat er mir später berichtet. Ich merke nicht mal, dass er meine Hand hält. Ich bin wieder im Sturm und halte mich am Wind fest. Er ist wie eine starke Strähne, die wild durch die Luft wirbelt. Ab und zu erreichen mich Wortfetzen von Martina oder Yannick. Aber sie klingen wie ein weites Echo im Sturm. Sie bringen mich kurzzeitig wieder ins Hier und Jetzt. Sonst bin ich schon weit weg.

Ich spüre Dein Kopf, eindeutig, aber wo genau, kann ich nicht sagen. Jetzt werden die Worte klar. Martina macht mir Mut, ihre Stimme ist wie ein sanftes Schulterklopfen in schwierigen Zeiten. Ihre Worte sind nicht zu viel, und nicht zu wenig, sondern genau richtig. Dein Kopf ist schon zum Teil raus, ich kann Dich aber noch nicht sehen. Dann entsteht eine Pause. Ich drücke noch mit aller Überzeugung und spüre nur ein Flutschen.

Jetzt bist Du raus. Ich bin wie im Rausch und verstehe die Welt nicht mehr. Bald legt Dich Martina auf meine Brust und allmählich realisiere ich, was passiert ist. Wir hören Deine Stimme, wir sehen Dein Gesicht, wir riechen Deine Haut und berühren Deine Finger. Du bist in dieser Welt angekommen. Erstmal bist Du still, dann fängst Du an zu schreien, so laut Du nur kannst, und so lange Du nur kannst. Yannick ist erleichtert: Dein Kopf, der vor ein paar Minuten so länglich und groß aussah, nimmt allmählich eine gesunde Form an.

Wir sind glücklich, aber realisieren es noch nicht. Es ist so kostbar und gleichzeitig so flüchtig. Eine kurze Zeit darauf hat die Nabelschnur aufgehört zu pulsieren und Deine Plazenta kommt raus. Ich muss noch einmal ganz bewusst und konzentriert durchatmen und drücken. Du bist von meiner tönenden Stimme beeindruckt und hörst sofort auf zu schreien.

Ich will mir das Organ, das mit Dir auf diese Welt gekommen ist, einmal anschauen. Es ist groß und rund und schimmert so schön in bläulichen und purpurroten Tönen. Es hat Dich neun Monate lang genährt und übergibt Dich jetzt an uns.

Du kommst an meine Brust, aber es klappt nicht. Es ist schwer und fühlt sich nicht richtig an. Aber es macht nichts, der Moment ist einfach noch nicht da und wird sich, zu unserem Glück, später in der Nacht ergeben.

Später begleitet mich Martina auf die Toilette. Es kommt sehr viel Blut und ich fühle mich ein wenig entstellt. Vor allem verweile ich noch in diesem Rausch, in dem ich mich die letzten Stunden befunden habe und mich immer noch befinde.

Sie räumt ein wenig auf und gibt uns einiges mit auf den Weg, immer noch in ihrer ruhigen und fürsorglichen Stimme. Ich bin sehr dankbar für ihr Dasein. Eine stille und durchaus kompetente Beobachterin, die mich und uns mit Gefühl, Kraft und Können begleitet und Dir schließlich in diese Welt geholfen hat. Sie hat mich bekräftigt, wenn es nötig war, und geschwiegen, wenn ich Ruhe gebraucht habe.

Genau diese äußerlichen Umstände haben es mir ermöglicht, Deine Geburt als ein wundervolles, inniges und nicht schmerzhaftes Erlebnis willkommen zu heißen. Nun geht sie wieder fort, das Wochenende beginnt. Es ist ungefähr ein Uhr mittags und seit zwei Stunden beglückst du unser Nest. Allerlei, Allerzwei, Allerdrei.

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