Hope: Matteos Geburt

Diese Geschichte durfte ich zusammen mit Hope aufschreiben. Wenn auch du Hilfe brauchst bei der Formulierung deiner Geburtsgeschichte, schick mir eine Email: ichgebaere@gmail.com.
Lieber Matteo!
In Liebe wurdest du geboren, wenn auch in schwierigen Umständen.
Ich vertraute mir und meiner eigenen Kraft. Und ich vertraute dir. Wir beide zusammen würden das schon schaukeln.
Du hattest es eilig. Am 12. Juni 2016 solltest du zur Welt kommen. Du hattest dir aber in den Kopf gesetzt, dass dein Geburtsdatum voll mit meiner Lieblingszahl besetzt sein sollte, und so kamst du schon am 6. Juni 2016 zur Welt.
Mein weiser Körper hatte schon drei Tage vorher mit der Geburtsvorbereitung angefangen: Ich konnte kaum mehr etwas essen. Der Körper schuf Platz für dich: Je weniger Nahrung in Darm und Magen, desto mehr Platz für dich auf dem Weg in die Welt. In diesem Zeitraum hatte ich auch bereits regelmäßig Wehen, die aber noch nicht sehr stark waren.
Die starken Wehen gingen dann am 5. Juni vormittags los. Dein Vater war da noch arbeiten, und so kamen deine Großeltern zu deiner Unterstützung. Opa kochte mir, weil ich extremen Hunger hatte, erstmal mein Lieblingsessen: Kartoffeln mit Senfsoße und Eier. Ich lag in der Zeit auf dem Bett und veratmete die Wehen. Ich hatte nie einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht — das war aber auch nicht nötig, denn mein Körper wusste instinktiv, was mir gut tat. Und ich hatte auch genug Vertrauen in meine eigene weibliche Intuition.
Als das Essen dann fertig war und meine Wehen immer stärker wurden, wollte ich essen, habe dann aber nur ein oder zwei Löffel runter bekommen. Für Opa tat mir das richtig leid, weil er ja extra für mich gekocht hatte.
 
Aber, wie gesagt: drei Tage zuvor hatte der Körper sich bereits entleert; da noch mal nachzuladen wäre nicht sinnvoll gewesen.

 

Deine Oma hat mir in der Zeit noch geholfen, die Wäsche zusammenzupacken. Trotzdem war ich heil froh, als dein Papa da war. Er war einfach noch eine viel größere Unterstützung, weil er mir und dir genauso vertraute, wie ich es tat.
Mit ihm fuhr ich dann ins Krankenhaus.
Als wir im Krankenhaus ankamen, war eine sehr nette Hebamme da. Ich konnte nochmal ein Entspannungsbad nehmen und fühlte mich im Wasser wohl. Leider war die Wanne für eine Geburt ziemlich unpraktisch, weil sie dafür zu eng war. Das Krankenhaus hatte zwar ein Geburtsbecken, das auch frei war, aber mittlerweile hatte es bei den Hebammen einen Schichtwechsel gegeben. Die neue Hebamme verbot mir dann die Wassergeburt, weil sie meinte, deine Herztöne seien zu schlecht gewesen.
Das war für mich wirklich wie ein Schlag ins Gesicht: Seit der Besichtigung des Krankenhauses während der Schwangerschaft wollte ich unbedingt eine Wassergeburt erleben. Ich hatte mir extra dieses Krankenhaus ausgesucht, weil es mir den natürlichsten Eindruck machte: hier, so dachte ich, könnte ich dich selbstbestimmt gebären, ohne unnötige Eingriffe. Hier könnte ich geborgen sein und mir selber vertrauen.
Leider kam es dann anders.
Die neue Hebamme erklärte mir also, deine Herztöne seien zu schlecht und deshalb sollte ich die ganze Zeit am CTG hängen. Und tja, mit CTG kann man ja schon kaum laufen — aber erst recht nicht ins Wasser. Also sollte ich die ganze Zeit auf dem Bett liegen bleiben. Das konnte ich aber nicht. Ich hatte den Drang, mich zu bewegen. Und weil sie unbedingt das CTG dran lassen wollte, lief ich also im Kreißsaal auf und ab, wie mir die Kabel es erlaubten.
Die Hebamme wollte mir dann auch Schmerzmittel andrehen. Ich habe abgelehnt, weil ich dich bewusst wahrnehmen wollte. Ich war der Meinung, dass mich jede Wehe näher zu dir bringt, und ich wollte die Kraft meines Körpers bewusst spüren. Das hätte ich mit Schmerzmitteln nicht gekonnt.
Ich spürte auch die Müdigkeit immer mehr, immerhin waren wir schon ziemlich lange beschäftigt. Dein Vater tat sein Möglichstes, um mich zu unterstützen. Er reichte mir Wasser, hielt meine Hand — aber natürlich lag es trotzdem in erster Linie an dir und mir, die Geburt voran zu bringen.
Die Hebamme legte mir mehrfach ans Herz, doch mal ein wenig zu schlafen. Sehr witzig. Ich konnte natürlich nicht schlafen. Dafür waren die Wehen zu stark und mein Bewegungsdrang zu fordernd.
Irgendwann musste ich zur Toilette — mit CTG ist das aber alleine nicht möglich gewesen. So habe ich also nach der Hebamme geklingelt. Das hat die Hebamme genervt, dass ich ihre Hilfe brauchte. Dabei war sie doch diejenige, die mich an das CTG gefesselt hatte!
Während des Toilettengangs, gegen 0:30, platze die Fruchtblase. Ich hab den Schwall genau gespürt. Unsere Hebamme meinte allerdings, dass das wohl nicht der Fall gewesen sei. Sie schaute widerwillig nach und stellte dann fest, als sei es eigentlich eine Nebensache, dass ich doch Recht hatte. Die Fruchtblase war geplatzt. Sie fand offensichtlich, dass meine Intuition, was dich und mich anging, nicht wichtig sei. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass sie mich ernster genommen hätte. Das hätte uns beiden vermutlich vieles erleichtert.
Ich hatte Vertrauen in uns beide, sie fand mich allerdings sehr nervös und gab mir Globuli. Leider steht im Geburtsbericht nicht, welche Globuli das waren, so dass mir schwer fällt, einzuschätzen, ob es eine gute Wahl war. Dieses Argument zieht sich leider durch deine gesamte Geburt: Ich als Schwangere und werdende Mutter wurde von den Menschen um mich herum nicht ernst genommen — weder in meiner Intuition, noch in meinen Wünschen. Es ist ein mieses Gefühl, so ausgeliefert zu sein. Häufig wird mit dem Wohle des Kindes argumentiert: Ich wolle doch, dass du gesund geboren würdest, also solle ich mich nicht so anstellen. Mit dieser Einstellung provozieren die Krankenhäuser leider Komplikationen, die es sonst gar nicht gäbe. So war es auch bei dir.
Gegen Ende der Eröffnungsphase hat dein Papa mir Lachgas gegeben, wenn die Wehen wirklich hart waren. Er hat wirklich alles getan, was möglich war, um mich und dich zu unterstützen.
Als es denn so weit war, dass du geboren werden solltest, musste ich leider erleben, dass Klinikpersonal die gegebene Macht nicht immer nur zum besten nutzt: Eine zweite Hebamme und ein Arzt kamen dazu, und diese legten sich auf mich drauf. Ich lag also im Bett, und jeweils von jeder Seite wurde mir mit großem Gewicht auf dem Bauch herum gedrückt. Ich hatte Presswehen und habe doll gepresst. Leider kamst du nicht voran, so dass sie sich auf meine Rippen gelegt haben, um dich nach unten zu drücken.
Das war ziemlich schmerzhaft — ich hatte später auch viele Hämatome, die von der Gewaltanwendung zeugten. Gebracht hat das alles allerdings nichts: Du lagst so, dass du den Weg nicht fandest. Ich gehe davon aus, dass das damit zu tun hat, dass ich liegen musste: Hätte ich mich frei bewegen dürfen, wärest du vielleicht noch weiter gerutscht. Und hätte man mich vorher in die Wanne gelassen, wäre ich vermutlich auch nicht so erschöpft gewesen.
So aber entschied das Klinikpersonal, dass sie dich mit einer Saugglocke ziehen würden. Und so kamst du am 06.06.2016 um 04:25 Uhr in der Früh mit 3270 Gramm Gewicht, einer Länge von 49 cm und einem Kopfumfang von 33 cm zur Welt.
Die Saugglockengeburt war natürlich ein großer zusätzlicher Stress — sowohl für dich, als auch für mich. So eine Saugglocke kann zu Hämatomen und sogar Hirnblutungen führen, so dass wir in den nächsten drei Tagen anfangs sogar alle 30 Minuten, später etwas weniger, einen Checkup durchzuhalten hatten. Du kannst dir vorstellen, dass auch das für uns beide ziemlicher Stress war. Schlafen, kuscheln, essen — alles wurde durch die engmaschige Kontrolle unterbrochen…
Nach der Geburt haben sie die Nabelschnur zwar auspulsieren lassen, aber trotzdem recht früh getrennt und mir außerdem direkt ein Stillhütchen auf die Brustwarze gelegt, weil sie der Meinung waren, du könntest diese nicht richtig fassen. Und so haben wir die ersten acht Monate mit Stillhütchen gestillt. Ich hatte jeden zweiten bis dritten Tag in dieser Zeit einen Milchstau mit schmerzhaften Knoten und oft auch Entzündungen. Das Stillhütchen tat mir gar nicht gut und ich wünsche mir, dass ich die Möglichkeit bekommen hätte, von Geburt an ohne Hütchen zu stillen. Ich konnte es ja noch nicht mal ausprobieren!
Als du dann genau acht Monate alt warst, hast du zu meiner großen Erleichterung das Hütchen weggerissen und so angedockt — und seitdem haben wir ohne gestillt! Ich bin trotz Stillhütchen sehr froh, dass du keine Ergänzung durch Säuglingsnahrung bekommen hast. Die Muttermilch war perfekt auf dich abgestimmt und du hast dich so von vornherein gut entwickelt. So hättest du auch das Vitamin K eigentlich gar nicht gebraucht, das du nach der Geburt im Krankenhaus bekommen hast und das vermutlich dazu beigetragen hat, dass du eine Neugeborenengelbsucht entwickelt hast. Zum Glück waren die Werte nicht so hoch, dass wir deswegen noch länger im Krankenhaus bleiben mussten.
Lieber Matteo, ich hätte mir für dich und für mich eine Geburt gewünscht, in der mir als Gebärenden mehr Vertrauen entgegen gebracht worden wäre. Das wäre sicherlich für dich und für mich entspannter gewesen. Um so froher bin ich, dass wir beide eine gute Bindung zu einander aufbauen konnten.
Nach deiner Geburt habe ich mir fest vorgenommen, deine Geschwister, falls sie sich auf den Weg machen, zu Hause zur Welt zu bringen. Denn ich bin diejenige, die meinen Körper am besten kennt.

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