Interview mit Stefanie Bruns über Alleingeburten, Geburtsvorbereitung und Selbstbestimmung: „Sicherheit war für mich zu Hause“

Bild von Stefanie Bruns

Vor ein paar Wochen stand mir Stefanie Bruns für ein Interview zur Verfügung. Den meisten Menschen ist sie bekannt als die Systemikerin oder einer der beiden Köpfe der Online Coaching Akademie bekannt.

Mit mir sprach sie statt über ihr Business über ihre Geburten, ihre Einstellung zu Alleingeburten und ihren Blick auf unser Gesundheitssystem.

Sie erzählt, wie sie ihr erstes Kind im Krankenhaus gebar, und dass diese Erfahrung für sie den Grundstein legte, ihre weiteren Kinder nicht mehr im Krankenhaus zu gebären.

Sie berichtet von einer „halb-geplanten“ Alleingeburt, von einer Geburt in Beckenendlage, und einer Geburt, die so schnell war, dass sie ihren Mann gar nicht mehr geweckt hat.

Stefanie erklärt auch, dass sie sich wünschen würde, dass Frauen selbstbestimmt im Krankenhaus gebären könnten.

Sie empfiehlt Frauen, sich so viel Wissen wie möglich anzueignen.

Aus meiner Sicht zeigt dieses Video eines sehr deutlich: Wenn Frauen Informationen haben und wissen, worum es geht, ist das der erste Schritt hin zu einer selbstbestimmten Geburt — unabhängig vom Geburtsort.

Ich bedanke mich bei Stefanie für ihre Zeit, ihre klare Sprache und ihr Vertrauen in die weibliche Gebärkraft!

Wenn du das Interview lieber hören statt lesen willst, kannst du hier zum Ende des Beitrages springen. Dort ist das Video eingebettet.

* In diesem Beitrag nennt Stefanie Bücher, die sie empfiehlt. Die Links sind Affiliate Links, das heißt: Wenn du über den Link das Buch bestellst, erhalte ich eine kleine Provision. Auf deinen Kaufpreis wirkt sich das nicht aus; Amazon verdient einfach ein bisschen weniger an deinem Kauf und ich dafür auch. Die entsprechenden Links sind mit dem Sternchen(*) gekennzeichnet.

Stefanie, du hast 4 Kinder, und davon 3 Kinder alleine zur Welt gebracht. — Alleine, also komplett ohne medizinische Begleitung. Was war der ausschlaggebende Punkt für diese Entscheidung?

Ich denke, wenn es heutzutage möglich wäre, die Gebärsituation sehr selbstbestimmt zu gestalten, könnte man überall gebären. Das heißt, auch in einer sicheren Umgebung wie dem Krankenhaus. Denn wenn wirklich etwas ist, wäre es gut, wenn man zum Beispiel Sauerstoffversorgung und Fachpersonal mit am Start hat. Das Ding ist, dass es für mich keine sichere Umgebung war, als ich mein erstes Kind bekommen habe. Und das hat mich letztlich bewogen, dass ich als erstes gesagt habe: Ich bekomme nie wieder ein Kind! Ich wäre schließlich fast gestorben dabei und habe eine große Geburtsverletzung davongetragen. Die Blutung konnte nicht so schnell gestillt werden; ich hatte ein großes Hämatom und viel Blut verloren. Die Situation war sehr haarig.

Das hat uns beide veranlasst, zu sagen: Nö, das war’s jetzt! Die Familienplanung ist mit einem Kind abgeschlossen. Wie das häufig so ist, mit der Planung: Es kommt anders, als du denkst. Ich war wieder schwanger. Der erste Gedanke war: Ich freue mich total. Aber der Zweite war: Ich hab Angst! Denn mir wurde gesagt, der Geburtskanal ist zu eng, ich würde wieder eine Plazenta-Ablösungsstörung haben, es würde sich wieder ein Hämatom bilden und ich hätte wieder eine Schwangerschaftsvergiftung.

Und ich dachte mir: Oh mein Gott, wie krank scheine ich zu sein, mit so einem dysfunktionalen Körper — noch nicht mal in der Lage, ein Kind zu gebären!

Und dann habe ich mich einfach mit jeder einzelnen Sache auseinander gesetzt. Und ich stellte fest: Das ist eigentlich Quatsch. Ich sprach mit dem Facharzt und fragte: Wie kann es sein, dass eine so große Frau — ich bin 1,80m groß! — mit so einem formschönen weiblichen Becken einen zu engen Geburtskanal hat!? Das passt für mich nicht aufeinander. Ich dachte mir: Wenn jemand gut Kinder gebären kann, dann ich! Und er meinte damals schon im Krankenhaus: „Ja, das kann schon sein, dass die Tabletten, die wir Ihnen gegeben haben, dazu geführt haben, dass das Hämatom zu Stande kam. Und dass das gar nicht durch den engen Geburtskanal passiert ist.“

Die Plazenta-Ablösungsstörung ist auch so eine Sache: Vielleicht wartet man einfach nicht lange genug und reißt dann die Plazenta raus und sagt zur Frau, sie hätte eine Ablösungsstörung.

Letztendlich hat es sich auch so bestätigt: Ich hatte beim zweiten Kind Probleme mit der Plazenta. Ich hab eben nur über eine Stunde gewartet, bis sie von alleine kam; und das wird im Krankenhaus eben in den seltensten Fällen gewährt, weil alles routiniert ist. Alles hat seine Abläufe und seine Zeitrahmen.

Und das meine ich: Das ist der Zwiespalt. Wenn mich jemand fragen würde, was ist die sicherste Umgebung, würde ich sagen: Ja, schon das Krankenhaus, wenn man dort selbstbestimmt gebären könnte.

Und ich habe mich eben zu dieser drastischen Kehrtwende entschieden und habe gesagt: Nein. Wobei es auch beim zweiten Kind eher so geplant war, dass es im Geburtshaus kommt. Aber mein insgeheimer Wunsch war: Ich möchte eine Alleingeburt.

Als ich zum ersten Mal schwanger war, kannte ich das „Konzept Alleingeburt“ gar nicht. Ich hatte zwar das Gefühl, ich will alleine gebären, ich will von allen in Ruhe gelassen werden, ich will nicht ins Krankenhaus. Auch, als die Komplikationen verbrieft waren im Mutterschaftspass, war mein Gefühl: Nein, ich mache das alleine.

Aber da war der Druck so groß, und ich wusste nicht, dass es so etwas überhaupt gibt, das man so was machen kann… Und beim zweiten Mal habe ich es mir insgeheim gewünscht, aber eben auch nicht durchgesetzt. Aber ich hab zu meinem Kind immer gesagt: „Komm ganz schnell, komm ganz schnell!“ Das war diese Affirmation, die ich mir immer gesagt habe.

Und dann ging es los. Ich sagte mir: Ach, du brauchst noch nicht die Hebammen rufen. Dann ging es so schnell, dass die Hebammen zu spät kamen. Das war also eine halb-geplante Alleingeburt. Das Kind war innerhalb einer Stunde da. Und so hatten wir die erste Alleingeburtserfahrung.

Du hast es also geplant, aber niemandem kommuniziert.

Ja, genau. Es war insgeheim geplant. Ich habe mich in Wirklichkeit nicht getraut, dass das tatsächlich stattfinden kann. Es war tatsächlich so! Ich hab dann noch zu meinem Mann gesagt: „Hol die Malerfolien!“ Er antwortete: „Ich gehe jetzt nirgendwo hin!“ Das war so eine Situation — es ging sehr, sehr schnell. Die Hebammen kamen dann eine Viertelstunde zu spät und waren aufgeregter, als wir.

Und mit dieser Erfahrung war dann die zweite Alleingeburt mit meinem dritten Kind auch nicht weit her. Da kam es eben zu der Komplikation, dass es eine Beckenendlage war. Das heißt, die Hebamme hat gesagt: „Ich kann gar nicht zu dir nach Hause kommen.“ Dann haben wir alle Fälle durchgesprochen. Sie wäre verpflichtet, den Notarzt zu holen! Und ich dachte mir „Oh mein Gott, den Stress will ich gar nicht!“

So war das quasi eine geplante Beckenendlagenalleingeburt. Das war natürlich haarig. Mein Mann war auch nicht zu hundert Prozent davon überzeugt, dass das alles glatt geht…

Und war dein Mann dann dabei?

Ja, er war dabei. In den letzten 10 Minuten habe ich ihn dann weggeschickt zum Wasser holen. Ich sagte „Hol mir warmes Wasser!“, obwohl ich keines brauchte. Ich wollte einfach, dass ich diesen Raum in Ruhe hatte. Denn diese Energien sind einfach so stark. Man spürt, wenn jemand unentspannt ist, auch, wenn er mir vertraut hat und schon gesehen hat: Okay, sie kann ein Kind allein gebären.

Auch das erste Kind war eine Alleingeburt im Krankenhaus. Die Hebamme kam ganz zum Schluss rein. Sie hatte immer mal zwischendruch gefragt: „Brauchst du Unterstützung?“, und ich sagte dann „nein, alles ist gut“. Aber durch die Komplikationen hatte er dann diese schlechten Erfahrungen: Zu früh wurde die Plazenta geholt und medikamentiert im Vorfeld — das war schon schlecht.

Tja, und so kam es eben zur Beckenendlagenalleingeburt. Und das war auch alles entspannt. Ich hatte gelesen, man bräuchte Wasser idealerweise. Im Krankenhaus geht das aber gar nicht, denn da haben sie keine Kontrolle darüber. Eine Beckenendlange wird am liebsten so oder so mit Kaiserschnitt gemacht, oder eben versucht, am Anfang, für vielleicht zwei Stunden, die Frau allein gebären zu lassen, und dann greift man ein. Und das weiß ich von vielen Freundinnen, aber auch von Fachpersonal, dass das so der Standard ist und nur ganz wenige Kliniken das überhaupt spontan begleiten. Das wusste ich im Vorfeld, und deshalb habe ich mich dazu entschieden.

Und das vierte Kind war letztendlich dann keine Frage mehr. Da waren wir in Portugal — und in Portugal ist das Gesundheitssystem so, wie in den 80ern in Deutschland, so kann man das vergleichen. Die Frauen haben quasi kaum Rechte, wenn sie im Krankenhaus sind. Geburtshäuser gibt es nicht, oder so gut wie nicht. In den großen Städten gibt es ein paar, aber auf dem Land gar nicht.

Und so war die Alleingeburt am Naheliegendsten. Da war meine einzige Sorge: Wie bekomme ich das Kind angemeldet?

Und die Geburt lief dann in Portugal mit Blick auf’s Meer?

Wir waren mitten im Wald. Es ging ziemlich spät los. Ich hätte ehrlich gesagt gar nicht erwartet, dass das schon die Geburt ist. Das Kind hat sich immer noch gedreht und war immer mal mit dem Kopf oben, dann mit dem Kopf unten, dann wieder mit dem Kopf oben, dann wieder unten. Es hatte sich noch gar nicht gesenkt. Und hat es sich innerhalb von einer Stunde gesenkt, und kam raus. Ich weiß letztendlich auch nicht, wie herum es jetzt raus kam. Es war alles so bewegend, und ich hatte mir vorher noch überlegt: „Soll ich jetzt meinen Mann wecken?“, und dachte dann: „Ach ne.“

Meine Tochter wurde dann wach, als sie etwas gehört hat, einen Schrei. Und sie dachte: „Oh nein, Mama hat bestimmt Rückenschmerzen“, denn ich hatte mir vorher noch so eine Iliosakralgelenksblockade zugezogen, 2 Wochen vor der Geburt. Das waren dann so meine Sorgen: Kann ich da wirklich gut gebären, wenn ich so Rückenschmerzen habe und nur so am Stock laufen kann!?

Das hat sich erst in dem Moment nach hinten verflüchtigt, als die Wehen losgingen. Und das ist auch eine spannende Erfahrung, dass der Körper sortiert: Was ist jetzt wichtiger?

Tja, es war unkompliziert und genauso schnell, innerhalb einer Stunde. Und alles war gesund und munter.

Du hast schon erwähnt: Dein Mann hat dich prinzipiell unterstützt. Bei der zweiten Geburt hattest du Hebammen eigentlich mit dabei. Hast du andere Menschen mit in die Entscheidung eingebunden? Wie war das bei der dritten Geburt?

Die Hebamme hat angeboten, dass sie kommt, wenn das Kind da ist. Damit sie rechtlich raus ist. Und damit wir dann die Papiere haben. Und genau so haben wir es gemacht. Das Kind war da, wir haben sie angerufen, sie kam, hat die Geburt bezeugt. Und wir hatten keine Probleme beim Anmelden.

Und bei der vierten Schwangerschaft habt ihr vorher gar keine medizinische Betreuung genutzt?

Ich hatte schon bei der dritten Schwangerschaft auch keine medizinische Versorgung, aber mein Mann wollte unbedingt eine Hebamme. Deshalb habe ich sie drei Wochen vor der Geburt informiert und habe gesagt „Ich bin schwanger.“

Dann hat sie eben festgestellt: Das Kind liegt falsch herum. Dann habe ich mich zum ersten Mal mit diesem „Falsch herum“ auseinander gesetzt um dann festzustellen: Nein, es ist auch eine ganz normale Gebärelage, nur sie ist eben sehr selten. In den meisten Ländern, die nicht industriell verformt sind, wird das Kind dann auch spontan geboren.

Wie haben andere Menschen im Nachhinein auf deine Alleingeburt reagiert? Haben sie dich beglückwünscht, dass du noch lebst? Waren sie ehr positiv oder negativ?

Das ist natürlich ein sehr heikles Thema. Bei der Beckenendlage habe ich meine Freundin eingeweiht, damit ich jemanden zum Reden hatte. Sie hat selber fünf Kinder. Aber auch da galt: Wenn du nicht selber drin steckst, hast du einfach auch Angst. Und sie hatte auch Angst. Angst, dass alles in Ordnung ist.

Ich denke: Wenn jemand nicht hundertprozentig offen ist für diesen Ansatz, dann erzählt man’s lieber nicht. Das ist, was ich sagen würde. Bei dem Partner ist es auch so eine Sache. Man kann einfach nicht erwarten, dass jemand das sofort alles nachvollzieht und versteht.

Und man darf auch nicht vergessen, dass man selbst in diesem Körper steckt, und diese Gefühle hat. Unsicherheit und Angst ist natürlich auch da – aber du hast ein Gefühl für diese Angst. Du weißt: Ist das jetzt eine rationale Angst oder eine irrationale Angst?

Wenn du aber nicht drin steckst, kannst du nur mit den Informationen, die du bekommst, umgehen. Ich kann absolut nachvollziehen, dass Männer und Außenstehende so was abstrus finden und risikobelastet.

Gab es die Situation, dass dir gesagt wurde: „Du risikierst auch das Leben deines Kindes, und deshalb ist das Ganze unverantwortlich!“?

Ja, das wurde natürlich alles heiß diskutiert.

Ich kann mich erinnern: ich hatte ein Zeitungsinterview. In der Welt war das damals. Und das wurde richtig heiß diskutiert. Das wurde gegenübergestellt: Zuerst hat die Frau mich interviewt. Und dann hat sie immer zwischen meine Passagen einen Facharzt sprechen lassen. Und das wusste ich natürlich vorher nicht. Das ist natürlich journalistisches Geschick, jemanden so etwas sagen zu lassen wie „Ja, es hat sich einfach gut angefühlt“, und dann dagegen den Facharzt der Gynäkologie zu setzen, der sagt: „Es ist unverantwortlich, wenn Frauen nach ihrem Gefühl gehen! Es passieren jeden Tag so viele Unfälle!“

Deswegen ist es immer so schwierig, über das Gefühl zu sprechen, was man hat. Ich verlasse mich lieber auf die Statistik. Ich bin Psychologin. Ich habe mich sehr viel mit Statistik auseinander gesetzt und auch diese Geburt in Beckenendlage zum Beispiel war nicht einfach aus dem Gefühl heraus. Sondern ich habe sehr viele Studien gewälzt. Ich habe geschaut: Wo kommen die Empfehlungen überhaupt her, dass man einen Kaiserschnitt macht? Wie hoch ist die Verletzlichkeitsrate wirklich? Was sind das für Gefahren, die kommen? Und wie kann man jede einzelne Gefahr so früh wie möglich ausräumen und präventiv angehen?

Und dann kommst du eben dazu, dass im Wasser am besten ist, in tieferem Wasser, in Salzwasser. Und dann am besten hands-off, nicht anfassen, damit das Kind nicht erschrickt, und am besten auch kein Fremder. Du als Mutter kannst es anfassen, das Kind kennt deine Energie und deine Hand, deinen Körper.

Wenn du das alles weißt, dann kannst du bestimmte Sachen machen. Das Interessante ist, dass die Alleingeburtsstatistik, die es weltweit gibt, sagt: Die Frauen, die allein gebären, die bewusst allein gebären — das sind nicht die sechszehnjährigen jungen Mütter, die aus Verzweiflung auf einer Toilette gebären und das Kind dann in eine Mülltonne schmeißen, weil sie nicht wissen, wie sie das machen sollen, wie sie’s großziehen sollen — sondern diejenigen, die bewusst allein gebären, die haben einen sehr, sehr hohen Wissensstand über alle Geburtsvorgänge.

Und daher ist die Quote auch sehr, sehr gut; und die Verletzlichkeitsrate sehr, sehr gering. Wenn man das vergleicht, mit dem, was im Krankenhaus passiert: Es wird häufiger geschnitten (also häufiger ein Dammschnitt angesetzt), es wird häufiger medikamentiert in alle Richtungen — beschleunigen, entschläunigen — und das führt natürlich dann dazu, dass auch die Kaiserschnittrate erhöht ist.

Natürlich gibt es auch Fälle, die verlegt werden müssen ins Krankenhaus. Es wäre Augenwischerei, wenn man sagen würde, alles ist dufte und gut. Aber wenn du dir das über die Prozente anschaust: Es ist nicht gefährlicher, wenn die Frau informiert ist und genau weiß: „Ab wann ist es schwierig und was mache ich, wenn ein Kind blau raus kommt? Wie kann das Kind am besten überleben, wenn ich keine Sauerstoffflasche habe? Was sind aktivierende Übungen?“ Und da gibt es ja eine große Bibliothek auf Youtube, wo sich Leute aufregen und sagen „Oh mein Gott, wie kann die Frau alleine gebären, das Kind ist blau und braucht sofort Sauerstoff!“ Die Mutter ist aber ganz kompetent, nimmt das Kind, streichelt es, reibt den Rücken und klatscht dann vielleicht auch mal drauf — und animiert es wieder!

Wenn du dich mit diesem Worst Case auseinander setzt – und das würde ich so wie so immer machen! Egal, ob du im Krankenhaus gebierst, im Geburtshaus gebierst — was machst du wenn!? Was machst du, wenn du einen Geburtsstillstand hast? Was machst du, wenn dir ein Kaiserschnitt empfohlen wird? Was machst du, wenn das Kind blau raus kommt? Was machst du, wenn es nicht überlebensfähig ist? Es muss ja noch nicht mal an dir liegen!

Mir haben dann solche Sachen geholfen: Wenn ich so etwas gesehen habe, und gewusst habe: „Okay, ich muss mir noch die und die Skills aneignen („Wie reanimiert man ein neugeborenes Kind?“), und dann bin ich einfach safe, was das angeht!“

Natürlich gibt es auch gewisse Momente, in denen hätte ich den Notarzt gerufen. Wir wohnten damals nicht weit vom Krankenhaus entfernt, nur zehn Minuten zu Fuß. Das wäre auf jeden Fall mein Backup gewesen. Ich bin da keine Fanatikerin. Sondern ich würde immer für die höchste Sicherheit arbeiten. Aber es kann eben auch sein, und das ist das, was ich eingangs gesagt habe, dass die höchste Sicherheit ist: Zu Hause, allein!

Wenn man sagt, man will nicht ins Krankenhaus, wird man häufig in eine esoterische Ecke geschoben. „Zu Hause, vor dem Kamin, mit Kerzenlicht.“ Nur wenige sagen: „Statistisch gesehen ist das ja vielleicht gar nicht so doof. Du bist ja auch sonst, in deinem ganzen Business-Auftritt, immer jemand, die auf die Fakten schaut. Und die immer sagt: Je mehr wir wissen, desto genauer können wir sagen, woran es liegt, und was wir tun können. Du bist also genau so in deine Geburten gegangen. Das bedeutet ja letztendlich, dass eine Frau, so lange sie sich selber mehr Wissen aneignet, eigentlich immer nur sicherer werden kann, weil sie in der Lage ist, die Entscheidung selber zu treffen, und sie nicht von außen getroffen werden muss. Wäre das auch deine Empfehlung, wenn jetzt jemand sagt, „Ich will das auch?“

Ich würde da vorsichtig sein. Ich würde das so angehen: Du hast ein bestimmtes Grundgefühl. Wenn ich zum Beispiel meine Freundin anschauen würde, oder Frauen in meiner Familie, da wäre das Grundgefühl: So sicher, wie möglich. Für die wäre es total scary, zu hause zu bleiben. Für die ist das sicher, ins Krankenhaus zu gehen. Die freuen sich, wenn sie endlich zur Geburt ins Krankenhaus gehen können. Dann ist das vollkommen in Ordnung! Ich bin wirklich eine Verfechterin, die sagt: Für jede so, wie es am sichersten ist!

Für mich ist es nun mal anders herum. Ich kenne auch viele aus der Alleingeburts-Szene oder der natürliche-Geburt-Szene, die sagen: „Für mich ist es so, wie für wenige. Ich gebäre am liebsten in Sicherheit, wenn ich alleine bin oder meine besten Vertrauten (das kann eine Doula sein, zwei Hebammen, der Mann, die Schwiegermutter — wer auch immer!) dabei sind.“ Das muss jede für sich erstmal entscheiden.

Wenn du dieses Grundgefühl hast, kannst du dafür Beweise finden. Du kannst es eben belegen. Denn: Wenn du raus gehst damit, wirst du angefeindet. Und Zahlen stärken einfach deinen Rücken. Das ist das, was mir dabei sehr, sehr wichtig ist. Denn dann bin ich nicht mehr allein! Wenn ich allein da stehe und sage: „Es fühlt sich für mich aber so an“, dann bin ich immer angreifbar. Wenn ich aber auf den Tisch legen kann: „Das sind die Zahlen! So und so viele Kaiserschnitte gibt es hier in dem Krankenhaus. Ist das nicht fragwürdig, dass das eine Krankenhaus eine Kaiserschnittrate von 46 Prozent hat und das nächste bloß eine Kaiserschnittrate von 16 Prozent; oder dass die Kaiserschnittrate in Deutschland viel höher ist als in den Niederlanden – liegt das an den deutschen Frauen? Sind die Frauen hinter der Grenze prädestinierter, oder liegt das vielleicht am System?“

Dann kann ich auf einer anderen Grundlage diskutieren und nehme mich persönlich raus aus dem Feuer und dem Gefecht. Und das macht die Sache stark.

Wann immer du, egal für welche Option, diskutieren musst: Hol dir Experten, die das einfach schon tausendfach beschrieben haben, die das in Bücher geformt haben, in Kurse gepackt haben. Sei es Michael Odent*, Ina May Gaskin*, die schon Preise für ihre Arbeit erhalten haben. Wenn du solche Leute mit in die Diskussion nimmst, und jemandem darlegen kannst: Das ist nicht deine Spinnerei, das ist nicht deine Angst – weil häufig wird ja gesagt, du hast nur Angst vor Behandlung, oder Angst vor Spritzen oder Angst vor invasiven Maßnahmen – dann kann man eben darlegen, dass du eigentlich nicht weg von, sondern hin zu dich bewegst. Hin zu einer sicheren Geburt, nicht weg von einer Geburt, die unsicher sein könnte. Und das ist eine ganz andere Diskussionsgrundlage. Das können Leute auch eher verstehen, die ja nicht in deinem Körper stecken.

Mit der Nennung von Ina May Gaskin und Michel Odent hast du meine nächste Frage bereits vorweg genommen, nämlich: Ob du Kontakte hast, die du empfehlen möchtest. Die beiden Namen nehme ich also in diese Liste auf.

Meine nächste Frage hast du eigentlich auch schon beantwortet: Wenn du nur eine Sache in der deutschen Geburtshilfe ändern könntest, was wäre das?

Selbstbestimmung. Dass die Frauen einfach selbstbestimmter agieren können. Und wenn die Ärzte kommen, dass sie dann auch akzeptieren, dass du jetzt gerade das nicht haben willst. Du willst jetzt da nicht liegen, um das CTG zu machen. Du willst jetzt laufen, weil du vielleicht laufen willst während der Geburt. Dann muss das akzeptiert werden. Dann kann quasi nicht die Standarduntersuchung über deinen Wunsch gerückt werden.

Also, Selbstbestimmung. Und damit einher geht, als Unterpunkt: Information. Ich kann zum Beispiel jeder das Buch von Sarah Schmidt empfehlen. Es heißt „Alleingeburt*“, aber ich würde das jeder schwangeren Frau empfehlen. Auch, wenn sie ins Krankenhaus geht, das ist vollkommen egal. Da sind alle Infos drin, die du wissen musst, wenn es um den Geburtsprozess geht. Und was es für Besonderheiten geben kann.

Darüber hinaus gibt es noch mehr Bücher, aber das sind so die drei Klassiker, die ich immer empfehlen würde.

Im Umkehrschluss heißt das also, du würdest nicht jeder Frau empfehlen, alleine zu gebären, sondern wirklich zu schauen: Wo fühle ich mich am sichersten? Weil der sichere Geburtsort derjenige sein sollte, der dann auch gewählt wird.

Genau. Im Grunde genommen hat das immer mehrere Ebenen. Wenn du dich vorbereitest auf die Geburt und es ist vielleicht deine erste oder deine zweite, bei der du andere Erfahrungen machen willst als bei der ersten, dann musst du auf mehreren Ebenen arbeiten.

Das eine ist die Ebene, die wir jetzt schon angesprochen haben: Dass du Informationen bekommst. Dass du informiert bist. Dass, wenn dir angetragen wird, „Ich möchte einleiten“, dass du im Kopf hast: „Okay, Einleitung ist vielleicht nicht schlecht. Wenn die Nabelschnur nicht mehr durchblutet ist, ist das durchaus eine gute Sache. Wenn aber es noch keinen Mangel gibt, bei der Nährstoffversorgung des Kindes, dann kann ich auch noch warten. Denn eine Einleitung kann eben auch wieder negative Folgekonsequenzen haben. Also solche Sachen musst du wissen. Das ist die eine Ebene: Information.

Die andere Ebene ist: Dein Mindset dazu. Was hast du für furchtbare Geurtsgeschichten gehört von deiner Mutter, von deiner Tante… Jemand ist verblutet, jemand ist gestorben, jemand ist mit der Saugglocke geholt worden. Was hast du vielleicht selbst, als du geboren wurdest, für ein Trauma erlebt? Auch das kann im Vorfeld bearbeitet werden. Und dass du bewusst dich nicht framest, was das Thema Geburt angeht.

Ich habe es vorhin schon gesagt: Immer, wenn ich gedacht habe „Oh, Geburt“, dann habe ich mir gesagt: „Schnell, leicht und glücklich! Schnell, leicht und glücklich! Und gesund!“ Das habe ich mir immer mantraartig vorgesprochen.

Und ich habe auf der anderen Seite — und das ist die dritte Ebene, die man auch beachten muss — mit dem Körper gearbeitet. Jeder, der sich ein bisschen damit beschäftigt hat, weiß: Dammmassagen sind zum Beispiel eine Sache. Aber es geht noch viel tiefer. Jedes Mal, wenn du merkst, dass du verspannt bist, den Kiefer zusammenbeißt: Entspann erst mal ganz bewusst deinen Mund, vielleicht deinen ganzen Körper, nimm die Schultern zurück!

Das geht so weit, dass du nicht nur an dieser Stelle, an der du deinen Muskel ein bisschen dehnst, dich entspannst sondern damit auch deinen Beckenboden entspannen lernst.

Denn letztendlich ist Geburt das Zulassen dieser Welle, die durch dich hindurch geht. Und die größten Schmerzen entstehen, wenn Frauen sich dagegen wehren. Das heißt nicht, dass jede eine schmerzfreie Geburt haben kann. Ich würde aber für mich nie sagen, dass ich Schmerzen gehabt hätte. Aber es war gewaltig, was durch mich durch gegangen ist.

Ich möchte, dass mehr von solchen Geschichten in die Welt kommen. Viele meiner guten Kollegen haben das auch schon über Youtube in deutscher Sprache zur Verfügung gestellt. Es gibt Leute, die schreiben direkt Geburtsgeschichten um und auf, und schreiben Wunschgeburtsgeschichten.

Das ist eben so stark, dass du auch auf dieser Ebene arbeiten musst: Dass du deinen Körper mit einbeziehst, denn wenn es dann darauf ankommt, dann musst du dich bewusst entspannen! Da hilft nichts anderes. Du musst es zulassen. Da passiert gerade was in deinem Körper und du kannst es nicht kontrollieren. Das ist wie ein Reflex. Das Kind wird herausgebracht, und du kannst nur mit dem Strom schwimmen. Wenn du dich da entspannst, dann geht es viel, viel einfacher und schneller.

Und diese Kraft, zuzulassen, war das, was dir im Krankenhaus nur eingeschränkt gelungen ist, weil vorher bereits eingegriffen wurde?

Also, was im Krankenhaus passiert ist, war: Ich hatte eine Diagnose für eine Spätgestose. Deswegen war die Empfehlung: Sie wollten das Kind gleich holen. Da hab ich dann gesagt: „Moment, das kommt auf gar keinen Fall in Frage! So lange zu sehen ist, dass das Kind wohlauf ist — da war ich bereit, es jeden Tag checken zu lassen — werde ich nicht einleiten. Sondern ich möchte spontan gebären.“ Und dann wurde mir aber nahe gelegt, blutdrucksenkende Mittel zu nehmen, denn die Spätgestose hatte Bluthochdruck als ein Symptom. Da hab ich gesagt, das möchte ich nicht. Und trotzdem wurde mir nahegelegt, das solle ich machen. Da gäbe es sonst Spätfolgen. Da hab ich dann gefragt, was für Spätfolgen!?

Das war wie so ein Kuhhandel: Ich schaffte es, diese Einleitung zu verhindern, aber ich nahm dann die Medikamente. Das war im Nachhinein betrachtet vollkommener Bullshit. Ich hätte beides abwehren müssen.

Aber in so einer Situation war das… Na ja, ich hatte das Gefühl, dann gebe ich ihnen auch was, ich nehme das eben. Und das hat letztendlich dazu geführt, dass die Zellen sich erweitert haben und deswegen unter Druck das Hämatom entstanden ist.

Das war das eine, dass ich eben diese OP danach hatte — also natürlich geboren, und dann hab ich doch meine Rückenmarksbetäubung danach bekommen und musste dann noch eine Stunde operiert werden. Das war natürlich in puncto Bonding schlecht! Das Kind liegt nicht auf deinem Bauch, und du stillst es nicht, sondern hast ganz andere Sorgen.

Und dann haben sie eben sofort an der Plazenta gezogen. Sie haben sie quasi rausgerissen.

Das ist das, was passiert ist. Also zwei Sachen, unabhängig von einander, die schief gelaufen sind. Das eine wegen der Falschmedikamentierung, das andere schlicht wegen Ungeduld.

Bei allen drei weiteren Geburten hat sich einfach bestätigt: Meine Plazenta kommt eben erst anderthalb bis eine Stunde später. Aber dafür ohne Probleme. Und wenn du das aber nicht weißt — und da greift wieder die Information — dann denkst du, du bist unnormal. Die Ärzte werden nervös. Ich bin dann noch mit meinen Schüsslersalzen gekommen, aber die wirken auch nicht von einer Minute auf die nächste.

Und das sind dann so Sachen, wo ich sage: Okay, du musst auf mehreren Ebenen vorbereitet sein. Bei der ersten Geburt wusste ich das zum Beispiel gar nicht, mit der Plazenta, dass das auch drei Stunden oder sogar den ganzen Tag dauern kann in Ausnahmefällen, bis die geboren wird.

Das war ein Informationsdefizit, sonst hätte ich da auch schon anders reagieren können — selbstbestimmer reagieren können!

Kannst du uns noch das absolute Highlight aus deinen vier Geburten erzählen?

Das absolute Highlight ist, dass du das selbst kontrollieren kannst. Dass du dir das so vorstellen kannst durch Visualsierung, wie das alles abläuft: Dass du das Kind gesund in den Händen hältst, im Arm, wie du es das erste Mal anlegst — und das passiert dann auch tatsächlich! Und mein Highlight ist, dass ich quasi immer wieder auch meine Angst besiegt habe. Denn natürlich habe ich auch Ängste. Und wie das am besten geht (und ich empfehle das jeder, egal, wo sie gebiert, egal, was sie für Ängste hat) ist, immer sich den Worst Case anzuschauen:

Was passiert? Ich bin mit meinem Mann durchgegangen, was passiert, wenn das Kind stirbt bei der Geburt, was passiert, wenn ich sterbe, was passiert, wenn wir beide sterben? Was passiert, wenn es behindert ist? Und so konnten wir ohne Angst — ohne irrationale Angst — reingehen in diesen ganzen Prozess.

Dabei haben mir auch wieder die Zahlen geholfen. Ich habe mir angeschaut: Wie wahrscheinlich ist es denn, dass ein Kind durch mangelhafte Sauerstoffversorgung behindert wird? Alle Wahrscheinlichkeiten wahren viel, viel niedriger, als wenn ich mit einer Beckenendlage zum Beispiel ins Krankenhaus gegangen wäre. Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen Kaiserschnitt haben, viel viel höher, bei um die 80 Prozent.

Dass etwas passiert, dass ein Kind stirbt, dass eine Frau stirbt bei einer Beckenendlage, das passiert auch im Krankenhaus. Auch noch heute. Es ist zwar selten, aber es passiert. Keiner kann dir diese Garantie geben. Das ist so wie so noch so eine Sache. Ich denke, daran krankt auch diese Selbstbestimmung im Krankenhaus, weil es Verantwortlichkeiten gibt. Wenn du das einmal verstehst, dass du keine Selbstbestimmung mehr hast (also schon, wenn du den Hebammenvertrag unterschreibst, dann haftet die Hebamme für bestimmte Sachen), dann weißt du auch, warum es es so wenig Selbstbestimmung gibt, auch heute noch? Wir haben immerhin fast 2020. Weil es immer um Verantwortlichkeiten, um Geld, um Rechtsansprüche geht. Und das müsste irgendwie entkoppelt werden.

Als ich das einmal erkannt hatte, als mir das so klar vor Augen lag (da hatte ich wie so ein Awakening, was die Geburt angeht), da dachte ich so: Wow. Es hat alles Hintergründe.

Wenn du dir anschaust, wie die Frauen praktisch seit der Urgeschichte geboren sind, um zu gebären, dann kannst du auch ein anderes Gefühl zu dir selbst und zu deinem Körper haben. Du kannst anders in diese Schwangerschaft herein gehen.

Diese Vorsorgeuntresuchungen — die sind gut gemeint! Aber welchen Effekt hat das? Das hat den Effekt, dass du quasi immer wartest auf den Befund. Und der Doktor sagt dir, wie es dir geht. Und wenn du dann so etwas hörst, wie „zu wenig Fruchtwasser“, dann machst du dir Sorgen die ganze Zeit. Oder: „das Kind liegt zu tief!“ — Sorgen! „Der Gebäremutterhals ist verkürzt!“ — Sorgen!

Das sind so Sachen, die musst du einfach auf dem Schirm haben. Ich sag nicht, dass keiner zum Arzt rennen soll. Es ist eine gute Sache. Aber du musst das relativieren, die Informationen, die du bekommst, und abchecken mit deinem Gefühl, mit Statistiken. Und schauen, wie du die Sache sicher für dich und dein Kind gestaltest.

Das war das perfekte Schlusswort zur perfekten Zeit. Ich bedanke mich deshalb ganz, ganz herzlich. Es ist großartig, dass du diesem Interview zugestimmt hast und ich freue mich schon sehr auf die Veröffentlichung!

Es ist immer eine Erfüllung und Berufung, über dieses Thema zu sprechen und kann ich kann nur einen großen Dank aussprechen, an alle, die das wirklich weiter voran bringen, damit die Geburtskultur revolutioniert wird. Revolution hört sich immer so nach etwas Neuem an — letztendlich muss es ein Stück weit wieder zurückgeführt werden. Also eher: „naturiert wird“, so könnte man es am besten sagen.

Das Interview zum Hören & Anschauen

Unten habe ich das Video eingebettet. Viel Spaß beim Schauen!

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