„Wo gibt es denn da Gewalt?“ – Wie ich negativ auffiel, weil ich Gewalt unter der Geburt ansprach

Mansplaining: Wo gibt es denn da Gewalt?

Wie ich letztens von krassem Mansplaining betroffen war und mir gesagt wurde, dass ich nicht gerade positiv auffiele, wenn mein Thema immer nur Gewalt unter der Geburt sei, erzähle ich in diesem sehr persönlichen Erfahrungsbericht.

Letztens war ich auf einer sehr guten Veranstaltung zum Thema der lokalen Umsetzung der Istanbul-Konvention bei uns in der Region.

Das lokale Frauenhaus stellte sich vor. Dann gab es einen sehr informativen Beitrag zum Inhalt und der Bedeutung der Istanbul-Konvention gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt des Europarates.

Danach ging es um die lokale Umsetzung. Die Rede kam auf einen Runden Tisch, an den verschiedenste Akteure geholt werden sollten. Ich sprach an, dass auch die Krankenhäuser einbezogen werden sollten, damit das Thema Gewalt unter der Geburt ebenfalls berücksichtigt würde.

„Wo ist denn da Gewalt?“

Einer der wenigen anwesenden Männer in der Runde meldete sich: „Entschuldigung, da stehe ich jetzt auf dem Schlauch. Wo passiert denn da Gewalt?“ Bevor ich anfangen konnte, zu erklären, fügte er hinzu: „Also, ich war ja bei den Geburten meiner beiden Kinder dabei. Da war keine Gewalt. Ja, das ist schon eine sehr schmerzhafte Sache, aber das ist ja wohl normal.“

Nein, ist es nicht. Andere Frauen schalteten sich in die Diskussion ein und erklärten ihm, dass es um Objektivierung, um ungewollte Standardprozesse, um fehlende Aufklärung, um das allseits bekannte „jetzt stellen Sie sich mal nicht so an!“ geht. Er wirkte nicht überzeugt, aber immerhin sah er ein, dass ich keine Einzelmeinung vertrat und dass den anderen Menschen im Raum das Thema offensichtlich nicht ganz neu war.

Der Mensch „war bei zwei Geburten dabei, und hat da keine Gewalt gesehen“. Ich will mich nicht zu lange über Mansplaining im Allgemeinen aufregen. (Gute Beiträge dazu sind zum Beispiel in der Zeit und bei Watson.ch erschienen.) Vielleicht hatte seine Frau tatsächlich zwei wunderbare Geburten ohne ungewollte Eingriffe, und er schloss von diesen Erfahrungen auf die Allgemeinheit.

Die Diskussion ging weiter; andere Themen kamen auf.

„Sie fallen damit nicht gerade positiv auf“

Dann wurden weitere Projekte und Veranstaltungen angesprochen, die rund um den 25. November als Aktionstag gegen Gewalt an Frauen anstünden. Ich zeigte auf, dass Mother Hood e.V. Begleitungen anbietet für Frauen, die bei der Roses Revolution teilnehmen wollen und erklärte kurz das Prinzip: Frauen, die Gewalt unter der Geburt erleiden mussten, legen vor den entsprechenden Geburtsorten rosafarbene Rosen ab. Ich teilte die Postkarten aus, die ich dazu mitgebracht hatte.

„Na, das ist ja wohl Ihr Thema!“, wendete der gleiche Mann von vorher ein. Ja, das ist es. Offensichtlich. Er fand aber wohl, dass ich es zu weit in den Vordergrund gerückt hätte. Oder so. Denn als nächsten Satz sprach er: „Und das meine ich nicht nur positiv.“

Bäm.

Das saß. Da zeitgleich zu diesem Einwurf auch andere Gespräche stattfanden, fiel es kaum jemandem auf. Für mich hat der Satz dennoch sehr viel bedeutet.

Okay, habe ich ihn richtig verstanden, dass er meinte, ich solle das Thema nicht so aufbringen? Es würde nicht in die Runde passen? Ich würde es den anderen aufzwingen? Ich habe mich über die gesamte Dauer des Workshops weniger zu Wort gemeldet als er (und er hat uns sogar erzählt, dass er Wohnungen vermietet, von denen aber gerade keine frei sei…) — und ich habe meine Themen, finde ich, passend angebracht.

Zum Runden Tisch gehören die Krankenhäuser.

Die Veranstaltungen zum Roses Revolution Day passten genau ins Profil.

Offensichtlich fiel ich ihm in diesem Moment aber negativ auf. Mir kam sofort die „angry woman“-Debatte in den Kopf.

„Oh Mensch, ihr ist persönliches Leid widerfahren und jetzt projiziert sie das auf alle Leute und nervt mich damit, obwohl es mich doch gar nichts angeht.“

Ich bin erschüttert.

Selten wurde ich von einem Mann verbal so für das niedergemacht, was mir wichtig ist. Ich hätte um so weniger damit gerechnet, als dass sich dieser Mann für eine Denkfarbrik zum Thema Verhinderung von Gewalt gegen Frauen angemeldet hatte. Ich dachte, in der Runde könnten wir offen sprechen.

Offensichtlich habe ich mich getäuscht.

Kurz war ich überlegt, ab jetzt, angelehnt an Reni Eddo-Lodge in Warum ich mit Weißen nicht mehr über Hautfarbe spreche, einfach zu sagen: Und deshalb spreche ich mit Männern nicht mehr über das Thema. Wie Reni allerdings in ihrem Buch feststellt, ist das auch keine Lösung.

Ich werde also auch weiterhin mit Männern über Gewalt unter der Geburt sprechen. Ich werde ihnen weiterhin erklären, dass eine Aufdehnung des Muttermundes unter der Wehe ohne vorherige Einwilligung eine Ausnutzung einer Vertrauenssituation ist, die nicht nur schmerzlich ist, sondern auch negative Folgen für den Geburtsverlauf haben kann.

Ich werde weiterhin dafür eintreten, das Thema so zu veröffentlichen, dass Frauen sich nicht dafür rechtfertigen müssen, Gewalt unter der Geburt ansprechen zu müssen.

Geplatzte Wunschgeburten sind manchmal einfach Pech. Und manchmal sind sie kein Pech, sondern das Resultat von Gewalt unter der Geburt.

Damit das aufhört, bin ich bereit, aufzufallen. Auch, wenn es manchen „negativ auffällt“.

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