Jenny: Levi kam nach 2 Tagen Wehen durch einen Horrorkaiserschnitt

Jenny mit Levi

Jenny erzählt von der Geburt ihres Sohnes Levi: Nach 2 Tagen mit Wehen und einem Muttermund, der sich immer noch nicht vollständig geöffnet hatte, entschied Jenny sich für einen Kaiserschnitt. Leider wurde ihr Einwand, dass die PDA nicht richtig wirkte und sie deshalb auf der rechten Bauchseite alles spürte, nicht ernst genommen, als die OP begann. Jenny beschreibt, wie sie trotz dieser traumatischen Erfahrung ihren Sohn lieben gelernt hat. Und dass ihr Mann dafür gesorgt hat, dass sie durch alle Phasen der Geburt ruhig bleiben konnte.

Geburtsvorbereitung

Kurz vor der Geburt eines Kindes bereiten sich die Eltern emotional darauf vor. Bei den Müttern ist diese Vorbereitung mit vielen Faktoren verbunden. Nicht nur ist man emotional überfordert. Wie sich die Männer emotional vorbereiten kann ich schlecht einschätzen. Es ist wahrscheinlich sehr individuell. Mein Mann versucht seine Emotionen immer zurück zu halten bis zum Moment, wenn das große Ereignis passiert. 

Als Frau kommt es bei der Vorbereitung auch darauf an, ob es das erste Kind ist. Im Sommer 2018, als ich kurz vor der Geburt unseres dritten Kindes war, dachte ich vor allem daran zurück, wie es bei den ersten beiden Geburten war.

Als ich mit unserem ersten Kind (Sohn) schwanger war, war ich 25. Nicht nur war ich jung, ich selbst war ein Einzelkind und habe somit auch noch nie mitbekommen, wie es ist, ein Baby zu Hause zu haben. Außerdem hatten die meisten meiner Freundinnen noch keine Kinder. Somit konnte ich mich nicht mit vielen darüber austauschen. 

Schwangerschaftsprobleme

Schon die Schwangerschaft war alles andere als einfach. Es war im Jahr 2011/2012 in Jerusalem, wo wir seit 2010 lebten. Fast die gesamte Schwangerschaft ging es mir nicht gut und dazu kam noch eine Nierenentzündung im 5. Monat, mit der ich eine Woche im Krankenhaus lag. Wir hatten zwar keinen Vorbereitungskurs besucht, weil wir es für überflüssig hielten, haben uns aber eine Doula ausgesucht. Sie sollte uns während der Geburt unterstützen. Ich wusste, dass in Israel bei der Geburt nur die Hebamme dabei ist. Ein Arzt wird nur im Notfall gerufen. Also wollte ich, dass die Doula mir hilft richtig zu atmen usw. Wir hatten auch eine Freundin, die als Hebamme in Australien und dann in Israel arbeitete. Sie stand uns mit Rat immer zur Verfügung. Ich erzählte ihr regelmäßig, wie es mir ging, was mir weh tat. 

Relativ früh in der Schwangerschaft fängt man an, daran zu denken, wie die Geburt wohl sein wird. Mein Schwangerschaftsbuch, das ich mir in Deutschland gekauft hatte, beschrieb viele Symptome woran man merkt, dass es los geht. Auch das Platzen der Fruchtblase wurde dort beschrieben. Aber sowohl das Buch als auch unsere Freundin-Hebamme haben mir versichert, dass, wenn die Fruchtblase platzt, es nicht wie in Hollywood Filmen passiert, dass es plötzlich platsch macht, sondern das Wasser eher tropft. In dem Fall, dass zuerst Wehen kommen, haben mir sehr viele in Israel geraten, erst ins Krankenhaus zu fahren, wenn die Wehen alle zehn Minuten kommen. 

Fruchtblase wie in Hollywood

Normal war aber noch nie mein Lebensmotto. In der 39. Woche saßen meine Mann und ich abends zusammen und schauten eine deutsche Fernsehserie, da spürte ich ein Platzen in meinem Bauch und sprang vom Sofa auf. Da lief schon das Fruchtwasser wie aus dem Eimer meine Hose runter. Wir lachten. Bei uns also doch wie in Hollywood. Panisch rannten wir zum Handy und riefen unsere Hebamme-Freundin an. Sie beruhigte uns und riet mir, in Ruhe zu duschen und dann ins Krankenhaus zu fahren. Natürlich hatte ich meine Krankenhaustasche bereit. Also folgten wir ihrem Rat. Wir meldeten uns natürlich auch bei unserer Doula. Jerusalem hat zwei große Krankenhäuser, das eine im Zentrum der Stadt und das Hadassa Krankenhaus am Rand der Stadt. Im zweiten hatten wir uns bereits in der 25. Schwangerschaftswoche angemeldet. Wir stiegen in unser Auto. Mein Mann legte mir ein Handtuch auf den Sitz, da das Fruchtwasser immer weiterlief. Wir waren beide aufgeregt und angespannt, weil wir keine Ahnung hatten, was uns jetzt erwartete. Mein Mann ist ein gnadenloser Optimist und hat versucht, positive Stimmung zu verbreiten. 

Noch hatte ich keine Wehen und fand den Anfang der Geburt extrem amüsant.

Wehen im Krankenhaus

In der Geburtsstation angekommen, machten wir die reguläre Prozedur mit Blut abnehmen, anmelden, an den Wehenschreiber angeschlossen werden. Wir saßen und warteten aber es passierte nichts. Es wurde spät, also gab man uns ein Zimmer und schickte mich erstmal schlafen. Leider hatte das Zimmer nur ein Einzelbett und einen Sessel. So verbrachten wir die Nacht, ich auf dem Bett, ab und zu von Wehen aufwachend, und mein Mann auf dem Sessel.

Am nächsten morgen gingen wir in die Kantine vom Krankenhaus zum Frühstück. Da hatte ich plötzlich während des Essens Wehen. Ich dachte: „Hurra, es geht los!“ Nach dem Essen war ich in unserem Zimmer wieder am Wehenschreiber. Die Wehen kamen jede halbe Stunde oder so, da kam unsere Doula ins Zimmer und guckte auf den Wehenschreiber. Sie wurde fast weiss. „Das kann nicht sein. So was habe ich noch nie gesehen“, sagte sie. Mein Mann und ich guckten neugierig zu ihr. „Deine Wehen sind statt eine Minute lang, acht Minuten lang.“ Das war aber nur der Anfang dieser verrückten ersten Geburt. 

Die Stunden vergingen, doch die Wehen wurden nicht häufiger. Das hieß, ich konnte noch nicht ins Geburtszimmer. Mein extrem ungeduldiger Charakter war da nicht von Vorteil. Dieser Donnerstag war wohl der längste Tag in meinem Leben. Ich fragte die Hebammen, ob ich endlich gebären könne. Sie prüften, wie weit die Muttermundsöffnung war und verneinten es immer wieder. Sie versprachen, dass sie es mit dem Arzt besprechen werden. 

Meine Fruchtblase war zwar am Vortag geplatzt, dem Baby ging es aber super. Er hatte es nicht eilig. Ich glaube, am frühen Abend hat man dann entschieden, mich ins Geburtszimmer zu bringen. Dort bekam ich einen Wehenverstärker, damit mein Muttermund endlich weiter aufginge, und Epidural, also eine PDA. Ich habe bereits in der Schwangerschaft entschieden, dass ich auf jeden Fall mit Schmerzmittel gebären wollte. Die Wehenschmerzen bevor man die PDA legen darf, sind hart genug, warum sollte ich noch bei der Geburt diese höllischen Schmerzen ertragen? Doch meine Rechnung ging nicht ganz auf. Komischerweise ging mehrmals die PDA-Anlage aus, ging kaputt und musste ausgetauscht werden.

PDA gegen den Schmerz

In diesem Zustand vergingen weitere 24 Stunden. Der Muttermund öffnete sich nur sehr langsam und war noch einige Zentimeter davon entfernt, das Baby durchzulassen. Zwischendurch hat man mir auch noch Fruchtwasser reingepumpt. Ich fand es irgendwie amüsant, dass ich mittlerweile um die 10 Schläuche an mir hatte. Am Freitagabend fängt Schabbat an. Mein Mann ging in die Krankenhaussynagoge beten, kam wieder, machte für uns Kiddusch (das ist ein Segensspruch über Wein). Das Bild sah von außen vermutlich ziemlich verrückt aus.

Kaiserschnitt mit fehlerhafter Betäubung

Dann kam der Oberarzt vorbei und schaute sich an, wie die Situation war. Er erklärte mir, dass wir natürlich weiter versuchen könnten, das Baby auf natürlich Weise rauszuholen, es aber vermutlich noch lange dauern würde, wenn es überhaupt klappte. Nach über zwei Tagen im Geburtsprozess war ich mehr als erschöpft und es gab schlechte Aussichten für eine baldige Geburt. Der Oberarzt sagte, wir sollten vielleicht einen Kaiserschnitt machen. Natürlich war mir klar, dass der Kaiserschnitt immer eine mögliche Option für die Geburt ist, vor allem wenn es anders nicht funktioniert. Aber ich hatte so sehr gehofft, dass mir das nicht blüht. Ich habe furchtbare Angst vor OPs. Als der Oberarzt das aussprach, brach ich in Tränen aus. Er gab mir etwas Zeit, das zu überlegen. Ich hatte absolutes Vertrauen in die Hebammen und Ärzte und wusste, dass sie es nicht machen würden, wenn es nicht zwingend nötig wäre. Und ich wollte dieses Leiden meinem Körper nicht mehr antun und vor allem meinem Baby.

Genau in dieser Zeit fühlte ich aber, dass die rechte Bauchseite nicht mehr auf die PDA reagierte und ich die Wehen auf der rechten Seite spürte. Das erzählte ich dann den Hebammen und dem Arzt. Sie sagten, wir schauen gleich im OP, was los ist.

Mein Mann durfte zum Glück mit, ich brauchte ihn, ich hatte wirklich große Angst. Ich muss mich gerade echt zusammenreißen, wenn ich daran zurückdenke.

Ich musste da durch. Das Baby rauszaubern war keine Alternative. Wir fuhren ins OP-Zimmer. Ich wurde wie Jesus angebunden, Arme in die Seiten. Alles wurde vorbereitet und sie fingen wohl an, mich aufzuschneiden. Da fing ich an zu schreien, weil ich die rechte Seite fast komplett spürte. Sofort gab mir der Anästhesist eine Sauerstoffmaske und sagte, ich solle drei Mal tief ein- und ausatmen. Dann wurde alles schwarz und ich weiss nicht mehr, was danach passiert ist. Im Nachhinein war das vermutlich die traumatischste Erfahrung dieser Geburt gewesen.

Aufwachen ohne Baby

Als ich aufwachte, hatte ich keinen Bauch mehr, ich sah aber mein Baby nicht und hatte furchtbare Schmerzen im Schnitt. Ich schrie nur im Aufwachen: „painkillers, give me painkillers!“

Mein Mann war neben mir, aber ich erinnere mich nicht daran, ob er mir schon da erzählte, was passiert ist, oder erst später. Als ich die Vollnarkose bekam, wurde er aus dem OP-Zimmer rausgeführt. Das Baby hat wohl in den ersten Sekunden nach der Geburt nicht geatmet und wurde sofort ins Babyzimmer weggebracht und an Sauerstoff angeschloßen. Er ist zwischen mir und dem Baby die ganze Zeit hin und her gelaufen.

Der Aufwachraum ist keine schöne Erfahrung. Man liegt in einem riesigen Zimmer mit lauter stöhnenden, aus den OPs aufwachenden Menschen. Nach dem ich eine Weile im Aufwachraum verbracht hatte, wurde ich in mein Zimmer gebracht. Das Baby durfte ich immer noch nicht sehen.

Mein Mann überredete dann die Krankenschwester, dass er mir das Baby für fünf Minuten bringen konnte. Dem Baby ging es gut, er wog ganze 3910 Gramm. Als er in meinem Arm lag, war ich total überfordert. Es war das erste Kind und ich war von dieser Horrorgeburt erschöpft. Die Muttergefühle kamen nach und nach. Ich habe aber versucht, mir keinen Druck zu machen. Jede Geburt ist anders und jede Bindung ist anders. Manche sind sofort da und manche brauchen Zeit. Wir sind eben Menschen, keine Roboter.

Jenny Havemann ist Autorin, Mutter dreier Kinder, Geschäftsführerin eines Startups und bloggt auf Die 13 Blumen. Du findest Jenny auf folgenden Kanälen: Jenny auf Twitter; Jenny auf Facebook, Jenny auf LinkedIn, Jenny auf Instagram.

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