Tanja: aus der Auto-Branche zur Hebamme

Tanja: Aus der Autobranche zur Hebamme

Tanja war in der Automobil-Branche tätig, bevor sie beschloss, nochmal komplett umzuschulen und Hebamme zu werden. Sie hat in ihrer Heimat Österreich das erste von drei Ausbildungsjahren absolviert und erzählt uns, warum sie jetzt Hebamme wird! Dieses Interview ist Teil der Serie Fachkräfte berichten.

Bitte stell dich kurz vor!

Ich bin Tanja, 30 Jahre alt und studiere gerade als zweite Berufswahl das Fach „Hebamme“ an einer Fachhochschule in Österreich. Ich habe noch keine eigenen Menschenkinder, verwöhne aber meine 2 Katzen und meine Hündin sehr, vielleicht auch etwas zu sehr 😊. Da ich mich in meinem ersten Beruf als Automechanikerin nicht mehr wohl gefühlt habe, habe ich mich länger auf dem Jobmarkt umgesehen und den Beruf der Hebamme kennen und lieben gelernt.

Copyright: Tanja Brandl. Eine Nutzung des Fotos ist nicht gestattet!

Welchen Beruf übst du aus, der mit der Geburt zu tun hat?

Ich werde Hebamme: ich helfe also, die Zeit vor der Geburt bis einige Wochen nach der Geburt und auch die Geburt selber gut informiert und umsorgt zu durchleben.

Das erste Ausbildungsjahr war geprägt von Vorfreude und Überforderung, da die Vorstellung und die Realität sich getroffen haben und man einfach extrem viel neues sieht, lernt und auch meistern darf.

Und jetzt im zweiten Jahr geht es darum, das Gelernte zu festigen. Wir kennen jetzt die Grundhandgriffe und ich freue mich schon sehr darauf, das Ganze jetzt zu üben und immer selbstständiger zu arbeiten. Und ich habe dennoch immer noch ein Jahr Zeit, so dass ich jetzt noch denken kann: „Gott sei Dank muss ich das jetzt noch nicht entscheiden“ oder „glücklicherweise muss ich die Situation noch nicht alleine meistern“.

Ja und im dritten Jahr ganz klar, das Ziel vor Augen: Ich habe eigentlich eine gute Vorstellung von dem, was ich machen möchte. Und ich hoffe, dass mein kleiner Plan gut funktioniert.

Ich möchte in der Selbstständigkeit oder eventuell als Kassenhebamme in der freien Praxis arbeiten. Also alles außerhalb des Krankenhauses, beginnend von Aufklärung an den Schulen, eigenen Kursen für pubertierende Mädchen, Betreuung in der Schwangerschaft und Hausgeburten sowie Nachbetreuung, Stillhilfe und auch die erste Ernährungsberatung mit Beikost etc.

Darauf freue ich mich schon sehr, und diese Vorstellung bringt einen dann auch gut durch die Prüfungszeiten.

Wann und warum hast du dich entschlossen, diesen Beruf zu ergreifen?

Das hat sich über eine Zeit lang entwickelt. Ich habe mich in meinem Berufsbild nicht mehr wohlgefühlt. Es hat mir die Sinnhaftigkeit meines Tuns gefehlt. Ich dachte mir oft am Morgen schon „Puh, wieder so ein Tag mit vielen Besprechungen. Da kommt es wieder zu Streitereien und im Prinzip geht es „nur“ um ein paar Teile für ein Auto.“

Ein Auto – davon gibt es schon zu viele und viele der Komponenten sind nicht recyclebar und leider interessiert das aber in der Entwicklung keinen, weil es nur schnell und billig lieferbar sein soll.

Bitte versteht mich nicht falsch. Natürlich bin ich froh, dass ich ein Auto habe, und dass es jemand entwickelt und gebaut hat – aber selber jeden Tag 100% Energie in Preis- und Termindiskussionen zu stecken und zu wissen, dass dieses oder jenes umweltfreundlichere Material nur aus Kostengründen nicht verwendet wird, hat mich auf Dauer unglücklich gemacht.

Daher habe ich mich nach langem hin und her auf die Suche nach einem Beruf gemacht, in dem ich einen Sinn gefunden habe, und in dem es auch genügend Spielraum für persönliche Entwicklung und Veränderung gibt.

Da ich mit 29 auch nicht mehr die Jüngste war, um einen komplett neuen Beruf zu beginnen, habe ich mich im Vorfeld sehr genau informiert. Das Berufsfeld der Hebamme ist unglaublich breit. Es beginnt im Prinzip bereits bei der
Aufklärung an Volksschulen, spätestens bei der ersten Regel der Mädchen, geht über alle möglichen Geburtsvorbereitungskurse zur Betreuung der Frau in der Schwangerschaft, Begleitung der Geburt und Hilfestellung nach der Geburt.

Und zusätzlich kann man sich noch in vielen Bereichen spezialisieren, wie Akupunktur, Massagen, Kräuterkunde, Ernährung, Stillberatung, Tragebratung und so weiter.

Seit wann arbeitest du in diesem Beruf?

Ich bin mit dem ersten von drei Ausbildungsjahren fertig.

Erzähle uns von den schönen Seiten deines Berufs!

Man darf bei einem ganz besonderen Lebensabschnitt der Frau dabei sein und ihr und auch ihrem Partner durch Höhen, Tiefen und Ängste helfen und kann auch die Erfolge miterleben.

Der Moment, wenn die Eltern ihr Kind das erste Mal begrüßen, ist schon sehr berührend. Da weiß man, wofür man gearbeitet hat, und warum man sein Herzblut gegeben hat und wirklich 100% investieren soll – das Aufstehen ist keine lästige Pflicht mehr! Man freut sich auf die Geschichten, die der Tag bringen wird.

Erzähle uns von Situationen, in denen du dich nicht wohl gefühlt hast und warum das so war!

Natürlich ist Geburt mit dem Tod sehr nahe verknüpft. Aber es ist nun mal so, dass auch das Sterben zu unserem Kreislauf gehört. Fehlgeburten oder schlimme Erkrankungen oder schlechte Diagnosen sind natürlich Situationen, die nicht einfach sind. Aber gerade hier ist eine gute Betreuung noch wichtiger!

Nenne uns ein paar Eigenschaften, die nötig sind, um deinen Beruf gut auszuführen!

Das ist eine gute Frage. Da jeder Mensch individuell ist, braucht er auch eine für ihn passende Betreuung.

Ich denke, das einzig wirklich Wichtige ist, dass man sein Einfühlungsvermögen nicht verliert und einfach sagt „das ist nicht schlimm“, denn es kann für die betroffene Person sehr schlimm sein – Auch wenn es für uns vielleicht von Außen wie eine Kleinigkeit wirkt.

Als Beispiel: Manche Frauen haben Angst vor Nadeln und sollen aber einen Venenzugang bekommen. Manche Hebammen gehen gar nicht darauf ein sondern sagen nur „ach das ist nicht schlimm“ und legen einfach den Zugang.

Besser wäre es, mit der Frau darüber zu sprechen, wovor genau Sie sich fürchtet. Danach kann ich erklären, warum ich das jetzt aber machen sollte.

Also ich will meine eigene Meinung nicht einfach blind auf das Gegenüber übertragen und sagen: „weil ich das so mache, muss es so sein!“ Es geht darum, was die Frau will, und wie es der Frau in der Situation geht. Erweitert geht es dann auch um den Partner, aber gerade bei der Geburt und im Umgang mit dem Wehenschmerz ist die Konzentration auf die Frau gerichtet.

Wie wünschst du dir deine Rolle bei Geburten und was kannst du davon im Normalfall umsetzen?

Am besten wäre es, wenn man vor der Geburt als Informationsquelle gesehen wird, die man alles fragen kann.

Bei der Geburt selber würde ich mir wünschen, dass ich einfach nur dabei sein darf und die Frau unterstütze; mit dem, was sie gerade braucht.

Es wäre schön, wenn man sich vorher schon kennt und in Ruhe erklären kann, welche Dinge bei einer Geburt geprüft werden müssen und warum (zum Beispiel die kindlichen Herztöne) und auf welche Dinge die Frau Wert legt. Wenn viele Handlungen vorher schon erklärt wurden und wir besprochen haben, was welchen Zweck dient, dann ist die Geburt selber entspannter und angstfreier.

Welche strukturellen Verbesserungen wünschst du dir für deinen Beruf?

Leider wissen sehr viele Frauen gar nicht, dass sie einen gesetzlichen Anspruch auf die Betreuung einer Hebamme haben! Auch nach einer Geburt im Krankenhaus hat man Anspruch auf Hausbesuche durch eine Hebamme. Hier fehlt einfach noch ganz viel Information — auch darüber, was wir eigentlich alles machen.

Welches Vorurteil über deinen Beruf würdest du gerne aus der Welt schaffen?

Witzigerweise sagen viele als erste Reaktion, wenn man Ihnen erzählt, dass man Hebamme ist oder wie in meinem Fall gerade die Ausbildung macht: „Boor neee das wäre nichts für mich.“ Wenn man diese Aussage dann hinterfragt, kommt ganz oft, dass es so ein „grauslicher“ Beruf sei und was man da nicht alles sehen würde.

Ehrlich gesagt verstehe ich die Aussage nur teilweise: Ja, es wird keine Geburt ohne Fruchtwasser und etwas Blut geben, aber deswegen ist der ganze Prozess an sich ja nicht ekelhaft. Es sagt ja auch niemand zu einem Chirurgen „nein deinen Job will ich nicht der ist so ekelhaft“, oder?

Wenn du mit einem Fingerschnipsen eine Sache in der österreichischen Geburtshilfe und Geburtsmedizin ändern könntest, was wäre das?

Die Angst vor der Geburt an sich: Ja, es ist intensiv; ja, es ist auch schmerzhaft, aber viele Frauen beschreiben nach der Geburt, dass sie den Schmerz gar nicht direkt wahrgenommen haben. Der Körper und die Hormone, die er dabei ausschüttet, ist ein absolutes Wunderwerk!

Und eine Geburt ist per se nichts „Krankes und Gefährliches“. Ich finde es sehr schade, dass beispielsweise Hausgeburten als sehr gefährlich angesehen werden, wo doch die Komplikationsrate sehr viel niedriger ist als im Krankenhaus.

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