7 Expertinnen und ihre Wünsche für die Geburtshilfe

Titel: Was würdest du in der Geburtshilfe gern ändern?

Im Frühjahr hatte ich sieben Fachfrauen interviewt, die in verschiedenen Bereichen rund um die Geburt tätig sind. Neben ihren persönlichen Werdegängen und Vorlieben habe ich allen die folgende Frage gestellt:

Wenn du mit einem Fingerschnipsen eine Sache in der deutschen Geburtshilfe ändern könntest, was wäre das?

Natürlich fiel es schwer, sich auf eine Aussage zu konzentrieren. Viele haben deshalb gleich mehrere Aspekte genannt. Außerdem waren die Antworten natürlich auch geprägt von den persönlichen Schwerpunkten der Frauen.

Was wünschen sich Fachfrauen für die Geburtshilfe?

Das Ziel all dieser konkreten Wünsche ist klar: Die Fachfrauen wünschen sich, dass die einzelne Gebärende im Mittelpunkt steht und angemessen unterstützt werden kann. An verschiedenen Stellschrauben muss dafür angesetzt werden.

  1. Die Frauen selber müssen in die Lage versetzt werden, die Angst vor der Geburt zu verlieren. Hierzu ist gesellschaftlicher Wandel nötig.
  2. Juristisch oder wirtschaftlich dürfen keine Anreize mehr gesetzt werden, bei Geburten zu intervenieren.
  3. Eine bessere Betreuung der Schwangeren durch Hebammen – und damit verbunden mehr finanzielle und zeitliche Spielräume im Hebammenberuf.

Besonders eindrucksvoll finde ich dieses Ergebnis, weil es zeigt, dass die Fachfrauen das gleiche Ziel haben – auch, wenn sie bei der Geburt unterschiedliche Rollen einnehmen!

Das Ergebnis lässt mich deshalb hoffen, dass wir Veränderungen in der Geburtshilfe erreichen können. Bei bestimmten Positionen können wir unterschiedlicher Meinung sein. So lange wir auf das gleiche Ziel hin steuern, können wir es auf ganz unterschiedlichen Wegen dennoch erreichen.

Folgend zitiere ich noch mal alle sieben Antworten, die die Frauen in ihren jeweiligen Interviews gegeben haben.

Antworten von sieben Fachfrauen auf die Frage, was sie in der Geburtshilfe gerne ändern würden

Ärzte sollten nur in notwendigen Momenten zur Stelle sein, nicht grundsätzlich im Kreißsaal. Es sollte Provisionen und höhere Vergütungen auf natürliche Geburten geben. Kaiserschnitte sollten dagegen nicht so gut bezahlt werden.

Die Geburt sollte nicht zeitlich begrenzt werden – sondern wir sollten Geduld aufbringen.

Ich wünsche mir außerdem: Mehr Geburtshäuser, mehr Hausgeburtshebammen, mehr Doulas in Kreißsäälen.

Katharina, Doula. Das vollständige Interviewmit Katharina findest du hier.

Die Angst vor juristischen Klagen der Eltern auf Seiten der Geburtshelfer. Diese Angst und die Konsequenzen aus dieser Angst können das Einleiten von medizinischen Maßnahmen, also den Geburtsverlauf, massiv beeinflussen. Außerdem führt die Sorge vor Klagen zu einem großen Mehraufwand an Dokumentation während bzw. nach der Geburt. Diese Zeit könnte gegebenenfalls aber besser genutzt werden, um eine andere Frau bei ihrer Geburt zu begleiten und ihr zur Seite zu stehen.

Eva, Ärztin. Das vollständige Interview mit Eva findest du hier.

Für die Hebammen, wie alle Menschen im Pflegebereich, würde ich mir weniger Schreibkram wünschen und 50% Arbeitszeit für 100% Lohn. 

Zudem würde ich mir wünschen, dass es verpflichtend wird, Geburtsberichte deutlich zu schreiben und diese als Standard den Frauen ausgehändigt werden.

Kristellern sollte unter Strafe gesetzt werden.

Kliniken sollten nicht nur hinsichtlich der Kaiserschnittraten, sondern auch bzgl. VE [Vakuum-Extraktion, also Saugglockengeburt] und Zange sowie Dammschnitten kontrolliert werden und es auch hier eine Senkung geben.

Sylvia, Doula. Das vollständige Interview mit Doula Sylvia findest du hier.

Die Angst vor der Geburt an sich: Ja, es ist intensiv; ja, es ist auch schmerzhaft, aber viele Frauen beschreiben nach der Geburt, dass sie den Schmerz gar nicht direkt wahrgenommen haben. Der Körper und die Hormone, die er dabei ausschüttet, ist ein absolutes Wunderwerk!

Und eine Geburt ist per se nichts „Krankes und Gefährliches“. Ich finde es sehr schade, dass beispielsweise Hausgeburten als sehr gefährlich angesehen werden, wo doch die Komplikationsrate sehr viel niedriger ist als im Krankenhaus.

Tanja, Hebamme. Das vollständige Interview mit Tanja findest du hier. Tanja kommt aus Österreich, die Frage lautete deshalb, was sie gerne an der österreichischen Geburtshilfe ändern würde.

Dass Frauen selbstbestimmt und sicher entbinden können egal ob in der Klinik oder außerklinisch. Dazu brauchen wir viel mehr Hebammen, die deutlich mehr verdienen und mehr Zeit für jede einzelne Frau haben.

Katrin, Trauerbegleiterin. Das vollständige Interview mit Katrin findest du hier.

Dass es keine „Gewalt“ im Kreisssaal mehr gibt, keine Geburten mehr als medizinisch oder menschlich kalt oder gar wirklich unsanft stattfinden, damit die Mutter respektiert wird und keine Geburtstraumata mehr passieren, die menschlich verhinderbar sind.

Patricia, Doula. Das vollständige Interview mit Patricia findest du hier.

Das System krankt leider an vielen Stellen!

Erstens wünsche ich mir viel mehr Geld für die Geburtshilfe, damit  jede Mutter während der Geburt die Begleitung erfährt, die sie gerade benötigt. Von dem Geld müssten nicht nur mehr Stellen für Ärzte und Hebammen geschaffen, sondern auch die Vergütung für natürliche Geburten für die Kliniken erhöht werden. Es kann nicht sein, dass natürliche Geburten, die etwas länger dauern oder aufwändiger zu begleiten sind, für die Kliniken zum Verlustgeschäft werden. Müttern und Kindern eine gut begleitete, sichere Geburt zu ermöglichen ist eine Investition in unsere Zukunft und in unsere gesamte Gesellschaft!

Zweitens wünsche ich mir eine juristische Veränderung: Bisher hängt die Frage der Haftung wie ein Damokles-Schwert über allen, die Geburten begleiten und betreuen. Es ist aus juristischer Sicht sicherer, wenn man interveniert. Abwarten ist dagegen rechtlich immer von Nachteil. Der Druck des Handelns ist unglaublich groß. Das ist ein großes Problem. Dieser hohe forensische Druck auf den Geburtshelfer*innen – egal ob Hebamme oder Ärzt*in – muss sinken!

Als dritten Punkt unterstütze ich die Forderung nach einem Haftungsfonds, damit die Haftpflichtprämien für Hebammen und auch für Belegärzte, die Geburtshilfe anbieten, nicht mehr weiter steigen.

Dr. Ute Taschner, Ärztin und Autorin des Buches Geburt nach Kaiserschnitt. Zum vollständigen Interview kommst du hier.

Und was möchtest DU gerne ändern?

Natürlich interessiert mich auch, was du gerne in der deutschen Geburtshilfe ändern würdest. Hinterlass mir gerne einen Kommentar oder schreib mir eine Nachricht.

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