Ich gebäre ein Mädchen! Oder einen Jungen! Oder auch nicht. Oder überhaupt.

Ich gebäre einen Jungen? Ein Mädchen? Egal?

„Oh wie schön! Du bist schwanger!“ – Ja, es ist schön, ich freue mich.

„Was wird es denn?“ – Öh. Ein Mensch. Ein Känguruh. Eine Wuchtbrumme. Dreieinhalb Kilogramm Liebe.

Die Frage, ob dein Baby einen Penis hat, oder nicht, ist für viele Leute sehr wichtig.

Ist sie auch für dich wichtig? Warum eigentlich?

„Es ist mir vollig egal, was es wird. Hauptsache, er ist gesund!“

Memet Scholl.

In manchen Gegenden der Welt macht es einen großen Unterschied, ob du mit einem Mädchen oder einem Jungen schwanger bist. Anna-Elisabeth erzählt zum Beispiel von ihren Erfahrungen in Indien.

Auch bei uns ist es irgendwie nach wie vor ein Unterschied. Als ich meine Tochter zur Welt brachte, änderte sich mein Fokus – was ich selber nicht geglaubt hätte. Feminismus ist für mich nun nicht nur gesellschaftlich, sondern auch persönlich nötig. Und weil man nicht möchte, dass Kinder aufgrund des „falschen“ Geschlechts abgetrieben werden, darf man auch in Deutschland das Geschlecht übrigens erst verraten, wenn die Frist zur straffreien Abtreibung vorbei ist. Medizinisch wäre das Geschlecht über einen Bluttest allerdings schon früher zu ermitteln.

Macht es für die Geburt einen Unterschied, ob ich einen Jungen oder ein Mädchen gebäre?

Rein physiologisch macht es kaum einen Unterschied. Statistisch gesehen sind Jungen bei der Geburt ein wenig größer und schwerer als Mädchen – allerdings so wenig, dass es für die Geburt kaum einen Unterschied macht. Wenn du dein Mädchen vaginal zur Welt bringen kannst, dürfte das auch bei einem Jungen funktionieren.

Aber direkt nach der Geburt fängt es an

Bekommt dein Baby ein blaues oder ein rosafarbenes Bändchen mit dem Namen an den Arm? In den nächsten Wochen wird dein Kind viele Dinge entweder in blau oder in rosa erhalten.

Übrigens ist die Zuordnung sowohl zeitlich als auch räumlich unterschiedlich:

Dass Jungen blau tragen, wurde erst mit dem Matrosenanzug üblich. Davor galt blau als Farbe der Mutter Gottes – und war damit für Mädchen reserviert. In Belgien ist es übrigens heute noch so.

Turning Sex into Gender

Es gibt Argumente dafür, das biologische Geschlecht des Babys bereits vor der Geburt zu wissen. Man kann den Namen aussuchen, und die Verwandtschaft hört auf, endlich nachzufragen, was es denn nun wird.

Lasst mich dennoch eine Lanze brechen für das unbekannte Babygeschlecht.

Babys sind Babys sind Babys. Sie haben Babybedürfnisse, und die sind unabhängig vom biologischen Geschlecht. In der Schwangerschaft gilt das umso mehr. Das Menschenkind in deinem Bauch hat keine geschlechtsspezifischen Bedürfnisse.

Wenn wir dennoch das Geschlecht unseres Babys kennen, schreiben wir dem Baby Eigenschaften zu.

Wenn das Baby im Bauch viel strampelt, und du weißt, dass es einen Penis hat, denkst du dir vielleicht „Typisch Junge – so wild!“

Klar, wir sagen immer „mein Kind darf mit allem spielen“. Und ich glaube dir sogar, dass du das ernst meinst. Ich glaube dir dagegen nicht, dass du dich freimachen könntest vom Einfluss der Menschen um dich herum. Egal, ob du willst, dass deine Tochter Ballet tanzt oder Rugby spielt: Beide Wünsche sind auch gespeist aus der Rolle, die sich daraus für deine Tochter in der Gesellschaft ergibt.

Besonders krass finde ich das übrigens, wenn das biologische Geschlecht auch sprachlich bereits vor der Geburt eindeutig einem gesellschaftlichen Geschlecht zugeordnet wird. Das ist mir letztens in einem englischsprachigen Beitrag aufgefallen. Rachel Norman schrieb auf ihrem Blog einen Beitrag mit dem Titel „The Pros to Finding Out (and Not Finding Out) Your Baby’s Gender“. Vielleicht liegt es daran, dass sie aus religiösen Gründen das Wort Sex nicht nutzen wollte (Rachel ist gläubige Christin). Dennoch – das Beispiel zeigt aus meiner Sicht gut, in welche Rollen wir unsere Kinder anhand ihres primären Geschlechts zwingen.

Und genau deshalb plädiere ich dafür, vor der Geburt das Geschlecht des Babys nicht zu kennen.

Je weniger Zeit wir damit verbringen, uns unser Kind in geschlechterspezifischen Rollen auszumalen, um so besser!

Wir verhindern so, dass aus dem biologischen Geschlecht unseres Kindes auch direkt das soziale Geschlecht unseres Babys konstruieren. Wir werden die Konstruktion so oder so beginnen. Es lässt sich kaum vermeiden. Aber lasst uns immerhin erst dann damit anfangen, wenn das kleine Wesen auf der Welt ist. Dann ist immer noch genug Zeit, um das Kind „süß“ anzuziehen – natürlich geschlechterspezifisch.

Forschung zu Geschlechterrollen bei Kindern

Übrigens: Wenn du glaubst, dass du dein Kind doch neutral erziehst, habe ich hier eine gute Zusammenfassung für dich: Auf wu2k.de gibt es eine leicht-verständliche Analyse von „Baby-X“-Experimenten. Erwachsene spielen mit Kindern, deren biologisches Geschlecht sie nicht kennen. Anhand des Namens vermuten sie ein Geschlecht. Und spielen mit den entsprechend „passenden“ Spielsachen.

Und noch mal übrigens: Wenn du Interesse an einer detaillierten Analyse dazu hast, wie sich die geschlechtsspezifische Jungen- und Mädchenmode in den USA in den letzten 125 Jahren entwickelt hat, empfehle ich dir das Buch von Jo Paoletti: Pink and Blue. Telling the Boys from the Girls in America (Werbelink). Oder du schaust mal in ihren Blog, auf dem es nur so wimmelt von guten Beiträgen zum Thema Gender bei Kindern. Einer meiner Lieblingsbeiträge ist dieser hier: Clothes make the boy – but what?

Und du?

Wie siehst du die Entwicklung, dass wir das Geschlecht unserer Kinder bereits vor der Geburt kennen? Findest du, dass ich alles viel zu dramatisch darstelle? Welche positiven Aspekte hat es, das Geschlecht des Babys bereits zu kennen? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

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