Serienstart: Was hat Geburt mit Feminismus zu tun?

Feminismus und Geburt 1

Eigentlich sollte ich gerade Werbung für mein neues Ebook Der kompetente Hausgeburtsvater schreiben. Immerhin ist das Buch in der limitierten ersten Auflage jetzt für Newsletter-Abonnent*innen zum Sonderpreis erhältlich.

Stattdessen schreibe ich nun also doch einen Beitrag zum Thema Geburt und Feminismus.

Nein, dieser Beitrag passt nicht in irgendeine langfristige Content-Strategie. Nein, er wird vermutlich nicht der meist-gelesene und meist-kommentierte und meist-geteilte Beitrag auf diesem Blog.

Aber es juckt mich in den Fingern. Und das schöne ist ja: Mein Blog, meine Regeln. Also schreibe ich jetzt einen Beitrag über Feminismus, Gleichberechtigung und Geburten – und das alles zu einem Zeitpunkt, da auch Corona immer noch unseren Alltag beeinflusst und wir uns nicht sicher sind, ob oder wann denn nun die zweite Welle kommt.

Ausschlaggebend ist Jenni vom Blog Sonnenkinderleben. Und während ich diesen Beitrag geschrieben habe, ist mir aufgegangen, dass er viel zu lang wird für einen einzigen Artikel. Ich mache deshalb daraus eine Artikel-Serie.

Die einzelnen Beiträge lauten nach aktuellem Stand:

  1. Mein Feminismus
  2. Was hat eine Geburt mit Feminismus zu tun? Geburten aus gesellschaftlich-feministischer, machsystemischer Sicht
  3. Feministische Geburtsvorbereitung
  4. Hebammen jenseits des Systems
  5. Die Praxis: Gleichberechtigung und Geburt – überhaupt möglich?
  6. Geburten und Corona: Die Gesellschaft unter dem Brennglas der Pandemie

Sie sind aber noch nicht alle geschrieben. Es kann also sein, dass sich daran noch etwas ändert.

Für heute geht es los mit einem persönlichen Einstieg:

Ich bin Feministin. Was bedeutet das?

Was ist denn eine feministische Geburt? Ich kann an dieser Stelle kaum für alle Menschen sprechen. Auch, wenn wir uns Feminist*innen nennen, dürfen wir unterschiedlicher Meinung sein. Feminismus ist eher so eine Art Grundkonsens, auf deren Basis wir dann sehr angeregt diskutieren.

Hier kommt deshalb zunächst mal meine eigene Definition von Feminismus. Und damit es nicht heißt, ich würde (bewusst oder unbewusst) bestimmte Aspekte unterschlagen, formuliere ich diese Definition nur auf mich bezogen. Es geht also nicht um den Feminismus sondern es geht um mich als Feministin.

Als Feministin strebe ich eine Gesellschaft an, in der Menschen nicht aufgrund bestimmter körperlicher, sozialer oder anderer Merkmale systematisch benachteiligt werden. Besonders deutlich wird diese systematische Benachteiligung für mich bezogen auf das Geschlecht. Denn hierbei geht es nicht um Minderheitenrechte. Frauen machen (knapp über) die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland aus.

Ja, in bestimmten Bereichen werden auch Männer systematisch benachteiligt. Das ist genauso falsch wie andersherum.

Warum spreche ich dann also von Feminismus statt Humanismus?

Das Wort Feminismus zeigt für mich, dass es explizit darum geht, die alten gesellschaftlichen Strukturen und Muster zu durchbrechen, die Frauen jahrhundertelang in ihren Möglichkeiten systematisch eingeschränkt haben. Das Aufbrechen dieser Strukturen hat etwas mit der Verschiebung von Macht zu tun.

(Exkurs: Im Gegensatz dazu bezeichnet der Humanismus auch Strömungen, die eigentlich nur den Männern neue Errungenschaften brachten. Und der auch von männlichen Gelehrten entworfen wurde. Der Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia listet verschiedene Vordenker. Keine Frauen.)

Es geht um Macht. Und um Strukturen. Um Machtstrukturen.

Feministin zu sein bedeutet für mich deshalb, die herrschenden Machtstrukturen zu hinterfragen. Wer Macht hat, kann diese nutzen, um die eigene Stellung zu verbessern. Das perfide an der Sache ist, dass diejenigen Menschen, die von diesen festen Strukturen profitieren, es oft gar nicht merken. Der Satz „Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ ist deshalb aus dem Mund eines Mannes nicht mehr als ein Lippenbekenntnis, wenn er nicht ergänzt: „Aber es gibt Strukturen, die es Frauen erschweren, bestimmte Ziele zu erreichen.“ Und damit meine ich nicht die unterschiedliche Aufteilung von Muskelmasse im Körper.

Die Negierung solcher Machtstrukturen durch privilegierte Schichten ist und bleibt ein Problem, und zwar auch in anderen Schattierungen. Zum Thema Rassismus erklärt Reni Eddo-Lodge das ganz wunderbar in ihrem Buch Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche.

Feminismus geht deshalb über die pure Idee der Gleichberechtigung hinaus.

Gleiche Rechte zu haben, bedeutet nicht, auch gleiche Möglichkeiten zu haben. Klar, Frauen* haben auch nicht immer genau die gleichen Möglichkeiten. In Bezug auf Geld, Gesundheit, Hautfarbe und Behinderungen sind wir alle sehr unterschiedlich. In vielen dieser Punkte gehöre ich zur privilegierten Oberschicht. [Das Sternchen hinter Frauen* zeigt an, dass ich dabei auch Menschen einbeziehe, die nicht traditionell als Frauen gelten würden, sich aber selber als Frau einordnen.]

Ich versuche deshalb, meine Privilegien, wo immer möglich, zu nutzen, um Machtstrukturen im System aufzudecken und abzuschwächen oder gar aufzuheben.

Denn das ist für mich ein wesentlicher Aspekt feministischen Handelns: In unserem Alltag nutzen wir die uns (unterschiedlich gegebene) Macht dazu, diejenigen Strukturen aufzubrechen, die Menschen systematisch daran hindern, bestimmte Dinge zu tun, bestimmte Entscheidungen zu treffen und bestimmte Ansichten zu vertreten.

Wer ist Schuld?

Das bedeutet auch einen schwierigen Spagat: Einerseits sehe ich die Verantwortung für mein Leben ganz allein bei mir. Eine Opferrolle lehne ich ab, denn, so dramatisch es auch klingen mag: Ich bin die einflussreichste (ich könnte auch schreiben: mächtigste!) Person in meinem Leben. Aus dieser Perspektive heraus sind auch alle anderen Erwachsenen, egal welchen Geschlechts, die mächtigsten Personen in ihrem Leben.

Das klingt zunächst einmal nach dem schönen liberalen Grundsatz, dass alle ihr Ding machen und dadurch die Gesellschaft als Ganzes ganz toll wird.

So einfach ist es allerdings nicht. Im Gegenteil: Wie ich vorhin bereits andeutete, bedeutet Feminismus für mich, aus der bestehenden Situation heraus etwas dafür zu tun, dass sich diese Situation ändert. Ich drücke dabei andere Frauen* nicht in die Opferrolle hinein, sondern mache darauf aufmerksam, dass sie es in ihrer Situation in bestimmten Aspekten schwerer haben, weil sie Frauen sind. Sie selber sind immer noch die machtvollsten Wesen in ihrem Leben. Trotzdem müssen sie mehr Energie aufwenden, um eine Situation zu ändern, als nicht-Frauen*.

Mein Fazit lautet deshalb:

Feminismus ist nach wie vor nötig. Die Strukturen, die unsere Vorfahren geschaffen haben, hatten vielfach ihre Berechtigung. Und selbst, wenn nicht: Sie waren einfach das Resultat ihrer Umstände. Doch nichts hindert uns daran, auch die stärksten verwachsenen Strukturen aufzubrechen und zu unseren Gunsten zu verändern.

Die Präsenz von Frauen* ändert sich in vielen Bereichen – in manchen Fällen schneller oder offensichtlicher als anderswo. Die darunterliegende Frage ist allerdings, ob das ein Resultat von veränderten Machtsystemen ist, oder ob es sich lediglich um Einzelfälle handelt, die nicht wegen, sondern trotz der Machtsysteme an ihre Positionen gelangt sind.

Die Sache mit den Privilegien & dem schlechten Gewissen

Ein paar Anmerkungen habe ich noch zu Privilegien und dem schlechten Gewissen.

Es geht mir in diesem Beitrag und den folgenden nicht darum, alle Menschen zu verdammen, die in irgendeiner Art privilegiert sind. Es geht mir auch nicht darum, allen weißen heterosexuellen nicht behinderten Männern zu sagen, dass sie A*schlöcher seien und ihre Zeit nun abgelaufen sei.

Im Gegenteil. Ein Privileg an sich ist noch nichts Schlechtes. Manche Menschen arbeiten hart für ihre Privilegien. Anderen fallen gewisse Privilegien in den Schoß. Manche Privilegien fallen im Laufe eines Lebens weg, andere kommen dazu. Oder die Wahrnehmung eines bestimmten Status ändert sich. Dass ich hier so offen über Feminismus schreibe, ohne dass ich deshalb Nachteile staatlicherseits hinnehmen muss, wäre vor ein paar Generationen ebenfalls noch schwer vorstellbar gewesen.

Der einzelne Mann kann nichts dafür, dass über Generationen hinweg sein Geschlecht fast immer an den Schaltstellen der Macht saß.

Schlecht fühlen müssen sich also erstens nicht alle Männer und zweitens nicht nur Männer. Schlecht fühlen sollen sich alle Menschen, die ihre Privilegien nutzen, ohne sie zu hinterfragen. Schön wäre es natürlich, wenn dieses schlechte Gewissen dann Ausgangspunkt für eine Verhaltensänderung würde. Genau an diesem Punkt stehe auch ich andauernd. Immer wieder tappe ich in die Falle, dass ich meine Privilegien als gegeben hinnehme und erst später oder gar nicht merke, was da eigentlich passiert ist.

Es geht also nicht um eine einmalige Entscheidung. Es geht um die Umsetzung, jeden Tag neu.

Und das bringt mich wieder zurück zur Eingangsthematik: Corona, Feminismus, Gleichbereichtigung, Geburten. Jede Geburt kann ein kleiner feministischer Schritt sein. Wir müssen ihn nur wagen.

Und weil zum Feminismus auch gehört, dass Frauen einen Ratgeber für Männer schreiben dürfen, kann ich es mir nicht verkneifen, hier doch auch noch mal den Link für mein Ebook der kompetente Hausgeburtsvater zu posten. (Übermorgen verlose ich im Newsletter 2 Exemplare.) Vielleicht kann ich mir so sogar einen Wunsch erfüllen und mit feministischen Texten Geld verdienen.

Und mit dieser allgemeinen Einleitung endet mein erster Beitrag der Mini-Serie Geburten und Feminismus.

Im nächsten Beitrag beschäftige ich mich mit der Frage: Was hat eine Geburt mit Feminismus zu tun? Ich analysiere Geburten aus gesellschaftlich-feministischer, machtsystemischer Sicht. Der Beitrag geht morgen online.

4 Gedanken zu „Serienstart: Was hat Geburt mit Feminismus zu tun?“

  1. Liebe Katharina, das ist ja ein super spannendes Thema. Ich freue mich riesig auf deine Beiträge. Was mir bei Geburt und Feminismus als erstes in den Sinn kam, war der Aspekt der Selbstbestimmung. Aber natürlich ist das Ganze noch viel mehr. Allgemein habe ich das Gefühl, dass bei dem ganzen Themenkomplex Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett die Frauen oft in veraltete Muster zurückgedrängt werden. Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf brauche ich ja erst gar nicht zu erwähnen.
    Super spannend das Ganze.

    1. Hallo Lisa,

      danke dir für deine Rückmeldung! Ja, um Selbstbestimmung wird es gehen. Es ist ein heikles Thema – immerhin geht es um Leben und Tod – doch umso wichtiger ist es, dass wir darüber sprechen! Ich bin gespannt, wie du den morgigen Beitrag finden wirst… Herzliche Grüße!

  2. Pingback: Selbstverteidigung, Sichtbarkeit & Solidarität – #SayHerName #BreonnaTaylor – feministischbloggen

  3. Pingback: Resümee meiner Blogparade zu Corona, Feminismus und Gleichberechtigung - SonnenKinderLeben

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