[Serie: Geburten und Feminismus] Teil 2: Was hat eine Geburt mit Feminismus zu tun? Geburten aus gesellschaftlich-feministischer, machsystemischer Sicht

Was haben Geburten mit Feminismus zu tun?

Dies ist der 2. Teil der Artikelserie zu Feminismus und Geburten. In diesem Artikel beantworte ich die Frage „Was hat eine Geburt mit Feminismus zu tun?“ Alle Artikel der Serie findest du hier:

  1. Mein Feminismus
  2. Was hat eine Geburt mit Feminismus zu tun? Geburten aus gesellschaftlich-feministischer, machtsystemischer Sicht
  3. Feministische Geburtsvorbereitung
  4. Hebammen jenseits des Systems
  5. Die Praxis: Gleichberechtigung und Geburt – überhaupt möglich?
  6. Geburten und Corona: Die Gesellschaft unter dem Brennglas der Pandemie

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Geburten sind ein spannendes Thema für Feminist*innen. Ich will hier nicht auf die Grundsatzdebatte eingehen, ob Frauen sich aufgrund ihrer Gebärfähigkeit auf eben diese reduzieren lassen sollten oder nicht. [Obwohl das Thema bestimmt noch mal in einem eigenen Beitrag aufkommen wird.]

Gehen wir für den weiteren Verlauf dieses Textes einfach davon aus, dass eine Frau sich dafür entschieden hat, ein Kind zu bekommen. Und nun bereitet sich diese Frau also auf die Geburt vor.

Männer sind (bis auf wenige Trans*Väter) nicht in der Lage, ein Baby zu bekommen. Also sollten wir meinen, dass bei Geburten Männer keine Rolle spielen. Wir sollten meinen, dass Geburten in den Händen von Frauen liegen. Wir sollten davon ausgehen, dass hier die Machtverhältnisse anders herum sind. Dass Männer ausgeschlossen werden und Frauen ihr eigenes Ding machen.

Geburten könnten eine starke Bastion feministischer Ideen sein. Häufig sind sie es leider nicht.

Ich habe im ersten Teil dieser Serie habe ich sehr häufig die Begriffe Macht, Struktur und Machtstruktur genutzt. Und genau hier liegt das Problem. Die Strukturen, innerhalb derer wir heutzutage unsere Kinder bekommen, sind eng.

Sobald wir die Tür des Krankenhauses durchschreiten, geben wir die Selbstbestimmung über unseren Körper an das Krankenhauspersonal ab. Das gilt nicht nur, aber auch, für Schwangere.

Wir alle kennen Geschichten von CTGs, die angeschlossen wurden, obwohl sie in der Bewegungsfreiheit einschränkten. Wir wissen um unabgesprochene Dammschnitte und andere Übergriffigkeiten. Manche von uns haben sogar noch schlimmere Gewalt unter der Geburt erlebt. Lange wurde darüber geschwiegen. Seit einigen Jahren aber regt sich in dieser Hinsicht etwas. Es sind kleine Schritte, aber auch dank der Aufmerksamkeit am Roses Revolution Day lehnen sich immer mehr Frauen gegen solche Erlebnisse auf. Okay, nicht alle Menschen finden, dass Gewalt in Kreißsälen ein Problem sei. Es gibt auch Menschen, die das Thema eher nervig finden.

Doch auch jenseits dieser Gewalt, die Frauen unter der Geburt viel zu häufig angetan wird, gibt es im Krankenhaus häufig Situationen, in denen die Gebärende nicht das Subjekt ihrer Handlung ist. „Das machen wir hier immer so“, hören wir dann. Selbst, wenn es bloß um einen Zugang oder einen Einlauf oder die Position des Bettes im Kreißsaal geht: Als Gebärende hast du dich da gefälligst du fügen!

Dieses Vorgehen widerspricht grundsätzlich bereits einem feministischen Verständnis von Geburt.

Die Frauen tun sich das doch gegenseitig an!

Nun ist es so, dass Gebärende diese Sprüche manchmal von männlichen Ärzten, häufig aber auch von Ärzt*innen oder Hebammen zu hören bekommen.

„Da siehst du mal! Die Frauen sind sich doch gegenseitig nicht grün! Die könnten das doch ändern!“ Den Satz habe ich schon häufig gehört. Und es stimmt ja: Eigentlich könnten wir doch mal damit aufhören, uns selber das Leben schwer zu machen. Frei nach der Sozialistischen Internationalen könnten wir Gebärenden (oder Gebärfähigen) aller Länder uns vereinigen. Wir könnten einfach aufhören mit der Bevormundung. Wir könnten die gebärende Frau zum Subjekt ihrer Handlungen bestimmen – beziehungsweise, um genau zu sein: Wir könnten aufhören, ihr die Handlungsgewalt abnehmen zu wollen.

Jana Friedrich hat auf ihrem sehr lesenswerten Blog dazu auch einen tollen Beitrag veröffentlicht: Warum der Geburtsmodus nichts mit Feminismus zu tun hat.

Könnten wir also die Macht über die Geburt in die Hände der Gebärenden legen? Ja. Und nein. Wie so häufig liegt die Schwierigkeit im Detail.

Manche Frauen, so wie ich selber, entscheiden sich für eine außerklinische Geburt. Sie gehen davon aus, dass an einem Ort, an dem nicht Ärzt*innen das Sagen haben, mehr Platz für ihre eigenen Wünsche, Ideen und Präferenzen ist. Manche haben Angst vor Übergriffen, andere fühlen sich zu Hause oder im Geburtshaus einfach wohler.

Sind außerklinische Geburten die Lösung aller feministischen Probleme?

Leider sind außerklinische Geburten nicht das Allheilmittel für eine feministische Geburt. Denn ich erinnere nochmals daran: Feministisch ist eine Geburt für mich dann, wenn es keine systematischen Zwänge gibt, die auf die Frau einwirken.

Diese systematischen Zwänge gibt es nun aber auch bei Hausgeburten durchaus.

[Zwischenwurf: Auch bei außerklinischen Geburten kann es übrigens sein, dass die Frauen übergriffig behandelt werden. Zwar ist das seltener, es kommt aber durchaus vor.]

Bereits in der Schwangerschaft fängt das an: Willst du eine Hebamme bei der Geburt dabei haben, musst du in das entsprechende Raster fallen. Die medizinischen Voraussetzungen für eine Hausgeburt müssen gegeben sein. Sonst darf dich keine zugelassene Hebamme in Deutschland betreuen. Selbst, wenn in der gesamten Schwangerschaft eine Hausgeburt realistisch scheint, kann es immer noch aus Systemzwängen heraus (also ohne medizinische Indikation) nötig sein, dass du dein Kind im Krankenhaus zur Welt bringst – zum Beispiel, weil die Hebamme dich wegen eines Problems am 40+3-Termin nicht betreuen darf oder weil du dein Kind bei 42+0 noch nicht auf die Welt gebracht hast.

Auch bei den Doulas gibt es viele, die nur unter bestimmten Voraussetzungen Frauen begleiten – zum Beispiel ist bei manchen Doulas Voraussetzung, dass eine Hebamme ebenfalls dabei ist.

Lösung von systemischen Zwängen

Es gibt deshalb immer wieder zwei unterschiedliche Strategien, diese systemischen Zwänge zu lösen: Einerseits die Flucht aus dem System und andererseits die Veränderung des Systems von innen heraus.

Mehr Frauen* in Entscheidungspositionen

Ein Ansatz ist es, mehr Frauen* in die entscheidenden Positionen im Gesundheitsapparat zu bringen. Die Hoffnung dahinter ist, dass Frauen* dann die systemischen Zwänge eher auflösen würden, als Männer das in den vergangenen Jahrzehnten getan haben.

Für dieses Ziel setzt sich zum Beispiel der Verein Spitzenfrauen Gesundheit ein. Dessen Agenda fokussiert sich zwar nicht ausdrücklich auf Hebammen, doch würden auch die Hebammen von den Forderungen des Vereins profitieren.

Langfristig kann dieser Weg uns als Gesellschaft viel bringen. Ich würde sogar sagen, er ist unbedingt nötig. Kurzfristig bringt er einer Schwangeren trotzdem eher wenig.

Das System so weit wie möglich verlassen

Der entgegengesetze Ansatz ist es, das System so weit wie möglich zu verlassen. Für viele Menschen scheint schon eine Hausgeburt in Anwesenheit einer Hebamme radikal. Da allerdings auch Hebammen bestimmte Regeln haben, die sie bei Hausgeburten umsetzen müssen, wählen manche Frauen* den noch radikaleren Schritt und entscheiden sich für eine Geburt ohne medizinische Begleitung.

Manche Frauen* sprechen dann von einer Alleingeburt — wobei das häufig nicht wörtlich gemeint ist, weil zum Beispiel Familienmitglieder oder eine freie Doula anwesend sind.

Andere Frauen* sprechen deshalb auch lieber von einer Freien Geburt. Dieser Begriff zeigt aus meiner Sicht auch genau, dass es den Frauen bewusst um eine Flucht aus dem medizinischen System geht. Sie wollen frei von der Macht der anderen die volle Verantwortung für ihre Geburt tragen. Das bedeutet auch, dass sie die Verantwortung tragen für alles, was schief laufen könnte. Es gibt Länder, in denen Alleingeburten rechtlich untersagt sind – zum Beispiel in Österreich. In Deutschland sind sie rechtlich erlaubt.

Für mich als Feministin steht sowohl bei Abtreibungen als auch bei der Geburt die Entscheidung der Frau an erster Stelle. Dennoch kann ich verstehen, dass auch der Vater ein legitimes Interesse an der Entscheidung hat. Gerade bei der Frage, ob medizinisches Personal anwesend sein sollte, kann ich deshalb nachvollziehen, dass manche Väter ein Mitspracherecht fordern. Ob sie es auch haben sollten, greife ich in diesem Artikel auf: Alleingeburten – inakzeptabel?

Zur Geburtsvorbereitung auf eine Alleingeburt habe ich hier mehr Informationen zusammengestellt.

Selbstverantwortung – Selbstverantwortlichkeit – Wissen

Viele Frauen, die alleine gebären, sind übrigens auf die Geburt wesentlich besser vorbereitet, als die Durchschnittsschwangere.

Diesen Aspekt möchte ich noch mal ins Zentrum einer feministischen Analyse stellen. Er bildet deshalb den nächsten Teil meiner Serie.

Hebammen jenseits des Systems

In den USA gibt es nun sogar eine nicht-anerkannte alternative Ausbildung zur Hebamme. Was es damit genau auf sich hat, werde ich in Teil 4 der Serie noch genauer beschreiben.

Wieso ist das System eigentlich so, wie es ist?

Der Wunsch nach Verbesserung

Wie ich bereits schrieb, sind Systeme nun mal ein Resultat ihrer Zeit. Statt sie pauschal zu verurteilen, hilft es, wenn wir verstehen, warum genau solche Systeme und Strukturen geschaffen wurden.

Im Fall von Geburten war es ein Anliegen, die hohe Mütter- und Säuglingssterblichkeit zu verringern. Man(n) sammelte dazu Daten, wertete diese statistisch aus und schlussfolgerte daraus, was normal und was nicht normal sei. Das nicht-normale wurde dann zur Gefahr erklärt. Fortan war es das Ziel, die Geburten so zu überwachen, dass nicht-normale Abläufe herausgefiltert würden und behandelt werden könnten.

Das Ziel war also grundsätzlich erstrebenswert!

In manchen Fällen führte und führt die Einmischung in die Geburt aber trotz guter Absicht dazu, dass sie noch schwieriger wird.

Um das zu verdeutlichen, möchte ich ein Beispiel geben.

Um kontrollieren zu können, wie weit das Köpfchen des Babys bereits im Geburtskanal steckt, ist es sinnvoll, einen freien Blick auf den Gebärmutterhals zu haben. Am besten einsehbar ist dieser, wenn die Gebärende auf dem Rücken liegt und der*die Mediziner*in davor sitzt. So kann die Kontrolle gewährleistet werden.

Diese Position auf dem Rücken ist allerdings für den Geburtsverlauf nicht förderlich. Trotzdem haben die allermeisten Frauen in den letzten Generationen ihre Kinder in Rückenlage zur Welt gebracht.

In diesem Fall schränkt also die medizinische Kontrolle den Geburtsverlauf ein. Ist das nötig oder unnötig? Es kommt, wie so häufig, auf den Einzelfall an.

Ich bin deshalb keine Freundin davon, den medizinischen Fortschritt grundsätzlich zu verdammen. Im Gegenteil bin ich dankbar für jeden lebensrettenden Kaiserschnitt.

Für die weitere Entwicklung würde ich mir einfach wünschen, dass medizinische Fortschritte darauf aufbauen, den natürlichen Verlauf so weit wie möglich zu unterstützen, statt ihn zu ersetzen. Das mag einfach klingen, doch wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns. Es gibt viele Vereine und Initiativen, die sich für solche Änderungen einsetzen. Ich habe vor, hier in der nächsten Zeit eine Übersichtsliste zu erstellen. Wenn du diesen Beitrag liest und an dieser Stelle noch kein Link gesetzt ist, gib mir gerne einen sanften Schubs, indem du mich an mein Versprechen erinnerst!

Geld regiert die Welt & Der Anwalt droht mit der Klage

Heutzutage kommen noch zwei weitere Aspekte dazu, die ebenfalls systemische Zwänge aufbauen: Zum einen sind Krankenhäuser Einrichtungen, die wirtschaftlich arbeiten müssen. Für ein Frau*, die einfach nur 13 Stunden braucht, um ihr Kind zur Welt zu bringen, bekommt ein Krankenhaus wenig Geld. Wehenmittel kommen da gelegen: Einerseits beschleunigen sie die Geburt, andererseits wird der Einsatz von Medikation bezahlt. Ein Kaiserschnitt lohnt sich für ein Krankenhaus viel mehr als eine lange interventionsfreie Spontangeburt.

Das heißt natürlich nicht, dass jeder Kaiserschnitt finanziell begründet ist. Es heißt auch nicht, dass alle Gynäkolog*innen grundsätzlich das Konto des Krankenhauses im Hinterkopf haben. Eva zum Beispiel wehrt sich gegen diesen pauschalen Vorwurf. Dass ein Kaiserschnitt aber mehr Geld bringt als eine komplikationslose Spontangeburt, ist dennoch ein Fakt. Ich hoffe, in der nächsten Zeit dazu mal einen ausführlicheren Bericht veröffentlichen zu können.

Außerdem ist es leider so, dass medizinisches Personal häufig eingreift statt abzuwarten. Ein Nicht-eingriff kann vor Gericht nämlich zu Schadensersatzansprüchen führen, wenn etwas schief läuft. „Blinder Aktionismus“ (Zitat meiner Geschichtslehrerin aus der Mittelstufe) ist vor Gericht leichter zu rechtfertigen als aufmerksames Abwarten. Auch Dr. Ute Taschner, Autorin des Buches Meine Wunschgeburt – Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt, sieht dieses Punkt sehr kritisch, wie sie im Interview erklärt.

Fazit: Wie kann eine Geburt feministisch sein?

Jenseits von allen systemischen Zwängen ein Kind zur Welt zu bringen, ist heutzutage wohl eine größere Herausforderung, als je zuvor. Es wäre allerdings zu einfach, sich die „gute alte Zeit“ zurückzuwünschen. Nein, ich wünsche mir keine Zeit zurück, in der die Müttersterblichkeit in Deutschland bei 500 Toten je 100.000 Lebendgeborenen lag.

Ich wünsche mir, dass jede Frau* sich darüber im Klaren ist, dass sie die Zügel umso mehr aus der Hand gibt, je weniger sie weiß. Ich wünsche mir, dass es normal ist, über Geburten, Geburtsverläufe und die rechtliche Situation zu sprechen.

Im Idealfall ist dann auch eine Geburt im Krankenhaus feministisch: Und zwar dann, wenn die Gebärende entscheidet, wann sie die Meinung des medizinischen Personals hört und auch nach dieser Einschätzung selber entscheidet, wie sie nun weiter verfährt.

Unter diesen Bedingungen kann ein Kaiserschnitt genauso feministisch sein wie eine Alleingeburt im Wald.

Hiermit endet mein zweiter Teil der Serie zu Geburten und Feminismus.

Morgen geht es an dieser Stelle weiter mit dem Thema Feministische Geburtsvorbereitung.

3 Gedanken zu „[Serie: Geburten und Feminismus] Teil 2: Was hat eine Geburt mit Feminismus zu tun? Geburten aus gesellschaftlich-feministischer, machsystemischer Sicht“

  1. Das ist so eine unglaublich spannende Sichtweise. Unter diesem Gesichtspunkt waren meine Geburten alles andere als feministisch. Teilweise auch, weil ich es nicht besser wusste.

    1. Und ich hoffe sehr, dass du die deshalb keine Vorwürfe machst. Zu tief ist die Idee in uns verankert, dass andere das für uns richten. Auch meine Geburten waren nicht so unabhängig, wie ich es idealerweise hätte. Ich glaube, diesen Aspekt sollte ich noch mal explizit aufnehmen…

      1. Danke für deine liebe Antwort. Du leistest damit (sowieso generell mit deiner Arbeit) einen wesentlichen Beitrag um auch anderen Frauen Mut zu machen.
        In meiner Jugend war mir kaum klar, dass es möglich ist anders zu gebären als im Krankenhaus (total dumm eigentlich) und ich dachte dann eben, dass man sich dann eben in die Hände der Ärzt*innen und Hebammen gibt. Wie viel von der Selbstbestimmung dort abgegeben wird, so weit habe ich natürlich nicht gedacht. Gut, dass du sagst, dass es nicht so sein MUSS, aber dass du eben auch erwähnst, dass auch ein Kaiserschnitt feministisch sein kann.

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