Sabine: Hausgeburt nach vier Krankenhausgeburten

Hausgeburt nach 4 Krankenhausgeburten

Ilanya Salvea Marclyn, geb am 18.06.19

Vorsicht seeeeehr lang….

Es war Nacht, ich schlief tief und fest. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich einen Schmerz empfunden hab „War das eine Wehe?“ hm…. Ich stand auf, ging aufs Klo und dachte, ich hätte geträumt, denn es kam nichts mehr. Das ganze wiederholte sich noch mal. „Da war nun wirklich etwas.“ Ich legte mich danach wieder hin und schlief direkt ein.

Um 6.15Uhr klingelte der Wecker für die Schulkinder. Doch ich war schon früher wach (5.45Uhr), konnte einfach nicht mehr einschlafen. Also lag ich da, las mir Mails auf dem Handy durch. Um 6.00Uhr fing es an zu ziehen, richtig schmerzhaft.

Mein Mann war direkt wach. „Was ist los?“ fragte er, ich er klärte ihm, dass es zwar grade saumäßig weh tat, aber recht kurz war. Die Kinder standen nun auch alle 4 auf, mein Mann half den kleinen und machte sich nebenbei auch fertig. In der Zeit bis 6.30 hatte ich noch 3 Wehen, die mir aber echt sehr kurz vorkamen. Aber ich machte dann mal einen Wehentracker an. So hab ich dann gesehen, dass die Wehen doch mindestens eine Minute dauerten. Aber sie waren 20, 18 und 16 Minuten auseinander.

Allein mit den kleinen Kindern

Ich schickte meinen Mann um 7.30 Uhr auf Arbeit. Mit den Worten „Wenn es doch sich ändern sollte ruf ich dich zurück!“

Die Großen waren auch aus dem Haus und ich hatte nur noch die beiden jüngsten in der Wohnung. Doch plötzlich zogen die Wehen an. Sie waren so unsagbar schmerzhaft. Und ich hatte Sorge, dass ich die beiden nicht mehr in den Kindergarten bekäme. Die Zeit verkürzte sich auf 5 bis 8 Minuten. Und die Kleinen waren nicht mal angezogen.

Langsam musste ich echt veratmen. Meine Tochter (3) kam zu mir, streichelte mir den Arm und küsste meinen Bauch. Obwohl es mir unter den Wehen nicht gut ging, so sah ich, dass sie keine Angst hatte. Das fand ich erstaunlich.

Dennoch schrie alles in mir danach, dass sie unbedingt weg müssten. Ich wollte nicht, dass sie dabei wären. Egal, wie gut sie es verkraften würden. So redete ich mit ihnen und bekam sie angezogen. Wir gingen dann langsam ans Auto und ich hoffte, dass ich das schaffte.

Meine zwei Mäuse haben aber auch wirklich gut gehört an dem Morgen und schnallten sich zügig an. In dem Moment, als ich mich setzte, kam eine Wehe und ich überlegte kurz, ob ich den Weg von nicht mal 5 Minuten fahren sollte. Aber laufen ginge eben gar nicht. Der Abstand war in dem Moment noch bei fünf bis acht Minuten.

Also fuhr ich los, ganz langsam. Mein Körper hat wohl genau gewusst, dass er nichts tun durfte. Denn bis ich am Kindergarten war, kam gar nichts, dann kam, als das Auto stand und aus dem Auto ausgestiegen bin, die nächste Wehe.

Die Zeit war bei 10 Minuten. „Puh, okay, es wird wieder weniger“, dachte ich.

Eine Mama, die mich kennt, sah mich beim Aussteigen, schaute mich an und meinte „Alles okay?“ Ich erklärte ihr, dass ich gerade immer mal Wehen hatte. Daraufhin wollte sie schon den RTW rufen und ich hab voller Panik vor dem Krankenhaus zugesehen, dass ich die beiden schnell in die KiTa bekäme.

Hab nur der Erzieherin zugerufen: „Ich bin direkt wieder weg, Schuhe müssen sie noch ausziehen.“ Dann bin ich genau so wehenfrei wieder zurück gefahren. Beim Aussteigen vor der Haustüre erwischte mich die nächste und dann war ich ja endlich Zuhause.

Alleine zu Hause mit starken Wehen

Nun ging es erst mal stärker los. Von jetzt auf gleich waren die Abstände bei drei bis fünf Minuten. Ich rief meinen Mann an, er solle zurückkommen. Doch er meinte, er müsse erst mal noch auf Arbeit (1 Std. Fahrt) und dort eine Übergabe machen. Ich rief meine Hebamme an, die genauso eine Stunde Fahrt zu mir brauchte, je nach Verkehr.

So stand ich dann da und wehte vor mich hin. Plötzlich kam mir meine Wohnung so dreckig vor, obwohl ich seit Tagen nichts anderes tat als putzen und räumen. Also fing ich an, aufzuräumen, Geschirr zu spülen und die Couch für die Geburt vorzubereiten.

In der Zwischenzeit hat noch eine Freundin angerufen und unterhielt sich mit mir. Sie wollte warten, bis wenigstens einer bei mir wäre, also Hebamme oder Mann. Während der Wehen oder dem Auf-der-Toilette-sitzen überlegte ich immer, ob ich auflegen sollte, denn es war mir doch sehr unangenehm. Aber ich hielt durch.

Dann rief noch ein Lehrer an: Mein Sohn hatte eine Einverständniserklärung nicht ausgefüllt und er wollte mein Einverständnis. Das gab ich ihm unter einer Wehe und er musste echt Lachen. In dem Moment klingelte es an der Tür und meine Hebamme war da.

Unterstützung durch den Ehemann

Es war 10.30 Uhr und ich hatte Abstände von anderthalb bis drei Minuten. Mein Mann ließ noch etwa 15 Minuten auf sich warten. Als er dann die Türe rein kam und mich in den Arm nahm, fiel alles von mir ab.

Und ab diesem Moment kam eine Wehe nach der anderen.

Der Schmerz, der bis zu dem Moment noch erträglich war, wurde unerträglich. Ich dachte an meine anderen Geburten und fragte mich, warum ich so leiden musste. Ich visualisierte einen Tunnel, der schön weit war und wollte, dass mein Kind da durch gleitete.

Aber jede Wehe wurde schlimmer.

Ein Gefühl, als wenn man mir das Becken sprengen würde. Es tat weh in den Oberschenkeln, im Bauch, im Rücken, einfach überall. Ich wollte nicht wieder so leiden. Mein Mann sah mich ganz ängstlich an, er leidet immer so sehr mit. Die Hebamme sagte mir ständig, ich solle loslassen und mich frei machen. In dem Moment, als ich ihre Stimme hörte, blockierte ich wieder total.

Aber ich schaffte dann wieder, meine Gedanken zu ordnen und aufs Neue zu versuchen. Da ich hier im Haus ja Sorge hatte, dass die Nachbarn sich beschwerten, haben wir die Wohnzimmertür zugemacht, so konnte ich zumindest sicher sein, dass man mich nicht im ganzen Haus schreien hörte.

Raus aus dem Tunnel, rein in den Tunnel

Und wie ich schrie. Ich schrie um mein Leben.

Ich versuchte verschiedene Positionen, einmal vor der Couch kniend und auf der Couch aufgestützt, das war mir noch die angenehmste Position. Dann ging mein Mann mal raus, kochte Kaffee, er öffnete die Wohnzimmertür und ich war im Kopf wieder voll da, natürlich kam dann direkt eine Wehe und ich traute mich nicht zu schreien, loszulassen, meine Hebamme wollte helfen und sprach zu mir, ich hätte fluchen können, holte es mich doch so sehr aus meiner Trance, die ich mir in stillen Momenten immer wieder erschaffen konnte.

So ging es ein paar mal: Irgendwer musste kurz raus (mir Trinken holen, eine Banane auf die ich fast erbracht, die zweite Hebamme anrufen, etc.) oder redete mit mir, sagte mir, wie ich mich legen könnte, wollte mir helfen. Ich spürte, wie gut es alle meinten und doch hätte ich weinen können vor Verzweiflung. Ich bekam meinen Kopf nicht abgeschaltet.

Wollte einfach nur weg im Kopf, wollte Ruhe für mich, wollte, dass der Schmerz aufhörte.

Es wurde immer schlimmer, ich konnte teilweise noch stehen und den Schmerz durch Bewegung weg bekommen. Aber so ging es am Ende nicht mehr. Ich legte mich auf die Couch, sprang direkt wieder auf, weil die Wehe nicht zum Aushalten war. Ich hab echt erwartet, dass mir jeden Moment irgendwas zerbräche.

Versagerin?

Dieser Schmerz ließ nicht mehr los, er schwächte kaum ab bis zu nächsten Wehe. In meinen Gedanken war das Wort „Versagerin“, so war ich doch im Glauben, es läge nur an mir und ich könnte einfach Wehen nicht ertragen.

Ich wäre ein Schwächling. Ebenso wie bei den anderen vier Geburten. Und ich wollte noch ein Kind? Wieso nur, wieso…

So vergingen in meinem Kopf Stunden (in Wirklichkeit nur Minuten). Ich kniete mich auf die Couch, versuchte immer wieder zur Ruhe zu kommen, mein Kind zu spüren, aber ich spürte nichts, wusste nicht, wo ich stand. Die Hebamme sagte einmal zu mir, ich solle doch mal in mich rein tasten, ob ich den Kopf schon spüren könnte. Aber das wollte ich nicht, konnte ich irgendwie nicht, dann kam die nächste Wehe. Quälte mich.

Und ich dachte mir, ich müsse nun mal dafür sorgen das dieses Kind raus käme. Ich drückte in den Bauch (körperlich, nicht mit Händen oder so) und hoffte, dass ich meinem Baby so helfe, durchzukommen. Mir fielen tausend Gründe ein, warum es nicht weiter gehen könnte. Der blöde sprechende Kopf mal wieder.

Dann sagte die Hebamme noch mal ich solle doch mal tasten, diesmal tat ich es und fühlte den Kopf. Doch die Berührung löste die nächste Wehe aus, und ich musste zusehen, dass ich mich wieder gestützt bekam. Ich wollte meinen „inneren“ Körper hoch heben, wollte dem Baby Platz machen in dem ich außen anhob. Natürlich nutzte es nichts.

Gute Ideen und schlechte Umsetzung

Die Hebamme drückte mir immer wieder Kaffepads auf den Damm, das war so unangenehm, ich hatte Angst, dass ich nach ihr treten würde, denn ich hatte das Bedürfnis, alles von mir wegzuschieben, zu schlagen und zu treten.

Aber ich schaffte es unter dem Schmerz, mich zu melden und ihr klar zu machen, das ich das grade nicht wollte.

Immer wieder hörte sie nach dem Herz und auch, wenn ich das genau so wenig wollte, so hatte ich Sorge, dass etwas nicht stimmen könnte und, wenn ich die Untersuchung ablehnen würde, ins Krankenhaus müsste. Also ließ ich es zu.

Aber das Wissen, dass sie schon so weit unten war, half mir, die Kraft zu sammeln, sie raus zu schieben. Und wie ich schob. Mit jedem Schmerz ein Stück weiter. Und dann machte es plopp, die Fruchtblase war endlich geplatzt. Und der Kopf kam kurz darauf durch. In diesem Moment wollte ich nicht mehr, alles tat weh, alles in mir brannte, ich fing an zu betteln, dass sie die Kleine doch bitte raus holen sollten, dass ich nicht mehr könne und dass ich es nicht mehr aus eigener Kraft schaffte.

Aber sie sprachen „nur“ mit mir. Sie sagten mir, dass es gleich geschafft sei und ich doch nur noch einmal schieben sollte. So schob ich und mein Kind war geboren.

Der unbändige Schmerz war sofort weg, wie ausgelöscht. Als hätte es ihn nie gegeben.

Warum nur? Was soll das?

Egal.

Erst mal wollte ich wissen, ob mein Kind auch wirklich ein Mädchen war. So war es und ich nahm sie in den Arm, ich selbst von oben bis unten mit Fruchtwasser voll (-wie hab ich das nun geschafft?-).

Kaum fünf Minuten später merkte ich, wie sich die Plazenta leicht und schmerzfrei raus schob.

Ich war noch so kraftlos, dass ich nicht mal mein Baby gesehen hab. Ich konnte meine Augen nicht öffnen. Lag einfach nur da und hörte, dass meine Hebamme und mein Mann sich die Plazenta anschauten, dass sie zufrieden waren und alles vollständig.

Die Hebamme schaute nach mir, ich hatte trotz des extremen Pressens keine Verletzungen davongetragen. Langsam kam die Kraft zu mir zurück und wir betteten mich um, mit vereinten Kräften (ich rollte mich mit der Kleinen im Arm hin und her, mein Mann und die Hebamme entfernten die Decken und Folie).

Geburtszeit 11.51Uhr (nicht mal 1,25 Stunden nachdem mein Mann zur Tür rein kam.)

Doch kein Weichei

Nun wurde Ilanya gemessen und gewogen (4100g und 55cm, 36cm Kopfumfang) und ich fragte die Hebamme, warum ich so litt unter der Geburt. Sie erklärte mir, dass mein Kind schon vor einer Stunde so stark nach unten drückte — aber mein Muttermund nicht aufgegangen wäre. Dadurch verteilte sich der Druck im Becken. Sie sagte selbst, dass dies nichts „Normales“ beziehungsweise Alltägliches ist und sie auch so nicht kennt. Und dass ich kein Weichei wäre, dass ich eine sehr starke Frau wäre dass ich nun mein fünftes Kind spontan mit diesen Schmerzen geboren hab.

Ich bat meinen Mann um ein paar Fotos und eine Suppe, dann war der Tag für mich nur noch gefüllt mit Ausruhen, mit den Geschwistern (die kamen der Reihe nach aus der Schule und Kindergarten) Ankommen und die kleine Kuscheln und Stillen.

Ich habe es geschafft und bin echt dankbar für die Entscheidung zur Hausgeburt. Ich war nach 3 Tagen schon wieder fit und nur der Wochenfluss erinnerte daran, dass ich gerade erst ein Kind geboren hatte. Nach 20 Monaten üben (jedes andere Kind entstand in maximal vier Übungszyklen) und schon von Beginn in meiner Lieblingsfacebook-Gruppe zu außerklinischen Geburten hätte ich mir es nie so vorgestellt.

Leider hab ich keine tollen Bilder. Mein Mann hat nicht daran gedacht, dass ich gerne Fotos hätte.

Und deine Geschichte?

Diese Geschichte habe ich nicht geschrieben, durfte sie aber veröffentlichen. Hast du deine Geburtsgeschichten aufgeschrieben? Oder fehlen mir dir die Worte? Willst du dazu meine Unterstützung in Anspruch nehmen, um die richtigen Worte zu finden? Ich helfe dir beim Schreiben der Geburtsgeschichte. Achtung, sie wird lang. Viel länger als diese hier. Das liegt alleine schon daran, dass du nicht schreiben musst, sondern erzählst. Hier gibt es mehr Informationen!


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Der komplette Adventskalender

Hier findest du alle Geschichten, die ich im Geburtsgeschichtenadventskalender 2020 veröffentliche bzw. bereits veröffentlicht habe:

  1. Tina: Badewannengeburt mit Glückshaube
  2. Annika: Hausgeburt trotz hohen Blutdrucks
  3. Susa: Torpedo-Überraschungs-Ei
  4. Mirabella: Ein Wehentag mit großem Geschwisterkind
  5. Laura: So schnell kann keine Hebamme sein
  6. Anna: Heilsame Hausgeburt
  7. Anja: Silvesterknaller
  8. Anja: Anstrengende Geburt zu Hause
  9. Viola: insertio velamentosa bei der Hausgeburt
  10. Anja: Drei Tage Rumgewehe vor der Wassergeburt
  11. Katharina: Geburtshausgeburt mit Schlafmangel
  12. Anja: Schlechte Laune und gute Geburt
  13. Katharina: Steigerung von „Keine Verletzungen“
  14. Natalie: Langes Rumgewehe und plötzliches Plopp
  15. Sabine: Hausgeburt nach vier Krankenhausgeburten
  16. Linda: Hausgeburt nach Kaiserschnitt
  17. Barbara: Erst lag das Baby quer
  18. Julias Zwillinge
  19. Natalie: Auf einmal waren die Presswehen da
  20. Anna-Christina: Selbstbestimmt im Krankenhaus, bis auf die letzten Minuten
  21. Kristina: Ich kann gebären!
  22. Irene: Kurze, heftige Hausgeburt
  23. Anna-Christina: Druckvolle Hausgeburt
  24. Kristina: Natürlich eingeleitete Hausgeburt

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