Kristina: Ich kann gebären

Kristina: Ich kann gebären

Wir nähern uns Weihnachten! Heute öffnen wir schon das 21. Türchen des Geburtsgeschichtenadventskalenders. Kristina erzählt darin von der Geburt ihrer Tochter im Geburtshaus Altona. Nach einer traumatischen ersten Geburtserfahrung war diese zweite Geburt sehr heilsam für sie.

Traumatische Erfahrungen

Nach meiner ersten traumatisischen Geburt war der Gedanke daran, dies nochmal durchmachen zu müssen der absolute Horror. Zum Glück war es schon 5 Jahre her und ich zu dem Zeitpunkt in Therapie, denn sonst weiß ich nicht ob ich mich für das Kind entschieden hätte. Auch dieses Wunder war, wie das erste, nicht geplant, aber definitiv gewollt.

Mein Partner und ich waren erst seit kurzem zusammen, aber wir waren davor schon sehr lange befreundet und kannten uns gut.Ich sprach das Thema traumatisische Geburt überall offen an und so kam es, dass meine Hebamme beim Gynäkologen mir das Geburtshaus in Altona empfahl. Zuerst sah ich mich absolut nicht dazu in der Lage, solch etwas schreckliches wie eine Geburt bei vollem Bewusstsein durchzumachen und überlegte stattdessen, wie ich die Ärzte überreden könnte, mir einen Kaiserschnitt zu verpassen. 

Geburt im Geburtshaus?

Zum Glück regte sich in mir Widerstand und ich hörte auf ihn. Wir nahmen am Infoabend im Geburtshaus teil und auf einmal wusste ich „Ja hier will ich gebären!“ Ich fühlte mich so wohl und spürte, dass es das war, was ich suchte.

Doch dann kam der Dämpfer.

Wie waren für die Anmeldung viel zu spät dran (4. Schwangerschaftsmonat). Niedergeschlagen setzten wir uns auf die Warteliste und gingen. Ich suchte mir eine Doula, aber ich war trotzdem so traurig und es folgte eine Achterbahn der Gefühle, bis ich eines Tages die Nummer des Geburtshauses auf meinem Telefon sah.

„Frau P. wir hätten einen Nachrückplatz frei. Wenn Sie möchten, dann….“ „JA OMG JA, ja ja ja!“ Ich war so glücklich und erleichtert und bin auch heute unendlich dankbar für diese Chance. Der Rest der Schwangerschaft war schön. Ich ging abwechselnd zu meinem Gynäkologen und zur Vorsorge ins Geburtshaus. Wir machten einen Geburtsvorbereitungskurs im Geburtshaus, welcher wie eine Therapie für mich war. Die Hebammen und meine Doula bestärkten mich und sagten mir immer wieder, dass ich es schaffen würde und dass ich das könnte, dass ich dazu gemacht sei, Kinder zugebären. Viele der dort zum erstenmal gehörten Sätze wurden zu meinem Geburtsmantra.

Der ET kommt und geht

Ich erreichte wieder locker den ET, die erste Schwangerschaft wurde an ET plus 8 künstlich eingeleitet. Obwohl ich mich darauf vorbereitet hatte, über den ET zu gehen, war ich am ET niedergeschlagen. Am nächsten Tag ging es mir wieder besser. Ich hatte nun alle zwei Tage eine Untersuchung im Geburtshaus und ich freute mich immer über die Hebammen dort. Es stimmte mich sehr gut ein. 

Am Freitag verabschiedete mich die Hebamme mit den Worten „oder vielleicht bis später“, aber rein von der Untersuchung her war noch nichts geburtsreif.

Am Samstag gingen wir einkaufen und intuitiv hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, in der nächsten Zeit nicht mehr zum Einkaufen zu kommen. Ich trank über Tag den Gewürztrunk und aß mich Abends nochmal richtig voll. Um 24Uhr gingen wir schlafen.

Rückenschmerzen als Geburtsbeginn

Ich schlief total unruhig, weil mir mein Rücken so weh tat. Irgendwann wechselte ich ins Wohnzimmer, weil ich mich mit dem Fernseher von meinen Schmerzen ablenken wollte. Öfters musste ich plötzlich auf Toilette, aber auch das hielt ich für normal. Irgendwann wurde mir unwohl und ich verfluchte es, soviel gegessen zu haben.

Doch irgendwas war komisch.

Die krampfigen Schmerzen im unteren Rücken kamen intervalartig und regelmäßig. Um 2 Uhr fing ich an, eine Wehenapp mitlaufen zu lassen. Tatsächlich, alle 6-8 Minuten und circa eine Minute lang. Ich beobachtete das eine Stunde lang, dann weckte ich meinen Partner. „Es geht los! Ich will in die Wanne, bleib mal wach, falls ich Hilfe brauch!“ Den Blick von ihm werde ich nie vergessen, es war sein erstes Kind.

In der Wanne wurden die Abstände der Wellen und auch die Intensität immer knackiger. „Okay, so ist es auszuhalten, aber lass mal fertig machen fürs Geburtshaus. Gehst du bitte deinen Plan durch?“

Kopf abschalten nicht möglich

Während mein Partner also das Bett frisch bezog, seine Eltern wach klingelte, damit sie den Hund abholten und so weiter, versuchte ich, mit den Wellen klar zu kommen. Ich schaffte es nicht. Sie überrollten mich gnadenlos. Ich verkrampfte und die Schmerzen wurden immer schlimmer. Ich war total im Kopf. Ich sah mein Vorhaben, im Geburtshaus zu entbinden, als gescheitert an, denn so würde ich es niemals schaffen. Ich schrie, ich wimmerte, ich weinte.

„Wir müssen JETZT los!“ sagte ich um 6 Uhr. Er rief das Taxi. Obwohl weder seine Eltern noch meine Doula es bisher zu uns geschafft hatten, fuhren wir um kurz nach sechs Uhr morgens ins 20 ´-Minuten-entfernte Geburtshaus. 

Der eisige Wind draußen war wie eine Ohrfeige für mich. „Los jetzt!Wir schaffen das! Der Plan steht und wir ziehen das jetzt durch!“, sagte ich mir. Im Taxi schrie ich jede Welle in das Tuch meiner Doula. Die Fahrt war grausig und kam mir ewig vor. Ich konzentrierte mich dadurch aber komplett auf mich, was dazu führte, dass ich die Wellen wieder besser nehmen konnte.

Hebammentipps im Geburtshaus

Am Geburtshaus angekommen waren die Wellen jede Minute eine Minute lang und ich tönte sie laut mit. Das befreite und gab Kraft. Die Hebamme von Freitag hatte noch Dienst und begrüßte mich lächelnd aber etwas überrascht, dass die Geburt schon so fortgeschritten war. Ich erzählte ihr noch, dass der Gewürztrunk garnicht so schrecklich schmeckt wie alle sagen, danach hatte ich kaum Zeit um zu Reden. I

ch hielt mich am Tuch, was an der Decke hing, fest und es war eine Erleichterung daran ziehen und sehr laut mittönen zu können. Ich bekam den Tipp, tief zu tönen, welcher Gold wert war.

Ich hörte, wie seine Eltern den Schlüssel abholten und kurz danach kam auch meine Doula. Sie massierte mir unentwegt den Rücken und die Beine. Der Schmerz in den Beinen war heftig. Mir war so heiß. Die Hebamme fragte mich, ob ich noch in die Wanne wollte. Ich nahm es gerne an.

Sie ließ das Wasser einlaufen und fragte mich, nachdem sie die Herztöne kontrolliert hatte, ob ich den Muttermundsbefund wissen wollte. Ich war mir nicht sicher, aber stimmte dennoch ein wenig ängstlich zu.

Mini-Aufenthalt in der Wanne

Vollständig, nur noch ein klitzekleiner Rand, Fruchtblase prall. Ich war sehr erleichtert, das zu hören.“Möchtest du nochmal zur Toilette, bevor du ins Wasser gehst?“

Ich wusste, was das bedeutete, und stimmte erwartungsvoll zu.

Und wie ich mir dachte sprang auf dem Klo mit einem lautem Knall die Blase. Die Wellen nahmen nun nochmal Fahrt auf, aber sie waren nun besser zu händeln. Ich stieg in die Wanne und hatte sofort die erste Presswehe. „Du musst dich hinsetzen oder hocken, sonst können wir das Baby nicht auffangen.“ „Ich kann nicht!“ schnaubte ich. „Kein Problem, willst du dann raus und dich weiter am Tuch festhalten?“ Das tat ich. So war es am besten. Leider meinte meine Doula es nur gut und trocknet mich ab, ich wäre gerne nass geblieben.

Es ist alles richtig

Nun ging es los. Nachdem ich nochmal lautstark versicherte, dass ich das hier alles nicht könnte und ich mich partout nicht traute mein Kind hinauszupressen, steh-hockte ich mich hin, mein Partner stütze mich am Rücken ab, meine Hebamme und die dazu gekommene zweite Hebamme knieten vor mir und versicherten mir, dass alles richtig und alles super war. Sie motivierten mich ungemein.

Das Köpfchen trat langsam durch den Ring of Fire, aber dafür kam es dann auch nur zu leichten Abschürfungen. Fühlen wollte ich nicht. Nach ein paar kräftigen, anstrengenden Presswehen fing meine Hebamme die Kleine auf und übergab sie mir sofort. 

„Acht Uhr, das ging flott!“ Was so früh erst? Mir kam es viel länger vor.

Wir legten uns auf das Bett, das neben uns stand und da kam ich wieder voll zu mir. Ich hab es geschafft! Ich! Ganz alleine ich! Unfassbar!

Ich fing an zu weinen und war der glückliche Mensch in diesem Raum.

Ich kann gebären

Ich bedankte mich überschwänglich bei den Hebammen und meiner Doula, doch dann sagte die Hebamme etwas, was meine Sicht für immer veränderte:

„Wir haben garnichts gemacht!Das warst ganz alleine du, Kristina!“

Das war der Moment, in dem ich sicher und selbstbewusst sagen konnte „Ja, ich kann gebären!“

Nachdem wir meine völlig überraschte Mutter noch via Videoanruf bescheid gaben, die Untersuchungen erledigt waren, fuhren wir überglücklich gegen Mittag nach Hause und genossen von da an das Wochenbett.

Und deine Geschichte?

Diese Geschichte habe ich nicht geschrieben, durfte sie aber veröffentlichen. Hast du deine Geburtsgeschichten aufgeschrieben? Oder fehlen mir dir die Worte? Willst du dazu meine Unterstützung in Anspruch nehmen, um die richtigen Worte zu finden? Ich helfe dir beim Schreiben der Geburtsgeschichte. Achtung, sie wird lang. Viel länger als diese hier. Das liegt alleine schon daran, dass du nicht schreiben musst, sondern erzählst. Hier gibt es mehr Informationen!


Werbung: Freude schenken zu Weihnachten

Beim Klick auf das Banner oder hier öffnet sich der Oxfam-Unverpackt-Shop, auf dem du Geschenkideen findest, die Gutes in die Welt tragen. Ich erhalte eine Provision für jeden vermittelten Verkauf.


Der komplette Adventskalender

Hier findest du alle Geschichten, die ich im Geburtsgeschichtenadventskalender 2020 veröffentliche bzw. bereits veröffentlicht habe:

  1. Tina: Badewannengeburt mit Glückshaube
  2. Annika: Hausgeburt trotz hohen Blutdrucks
  3. Susa: Torpedo-Überraschungs-Ei
  4. Mirabella: Ein Wehentag mit großem Geschwisterkind
  5. Laura: So schnell kann keine Hebamme sein
  6. Anna: Heilsame Hausgeburt
  7. Anja: Silvesterknaller
  8. Anja: Anstrengende Geburt zu Hause
  9. Viola: insertio velamentosa bei der Hausgeburt
  10. Anja: Drei Tage Rumgewehe vor der Wassergeburt
  11. Katharina: Geburtshausgeburt mit Schlafmangel
  12. Anja: Schlechte Laune und gute Geburt
  13. Katharina: Steigerung von „Keine Verletzungen“
  14. Natalie: Langes Rumgewehe und plötzliches Plopp
  15. Sabine: Hausgeburt nach vier Krankenhausgeburten
  16. Linda: Hausgeburt nach Kaiserschnitt
  17. Barbara: Erst lag das Baby quer
  18. Julias Zwillinge
  19. Natalie: Auf einmal waren die Presswehen da
  20. Anna-Christina: Selbstbestimmt im Krankenhaus, bis auf die letzten Minuten
  21. Kristina: Ich kann gebären!
  22. Irene: Kurze, heftige Hausgeburt
  23. Anna-Christina: Druckvolle Hausgeburt
  24. Kristina: Natürlich eingeleitete Hausgeburt

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.