Hausgeburten und rechte Gesinnung

Hausgeburten und rechte Gesinnung

In diesem Beitrag geht es nicht um Tipps und Tricks. Es geht um die Frage, wie ich mich eigentlich positioniere zu Hausgeburten und unserer Politik.

Hausgeburten machen in Deutschland (anders als beispielsweise in den Niederlanden) nur einen verschwindend geringen Teil der Geburten aus. Häufig sind die Mütter und Familien, die Hausgeburten planen, auch sonst eher jenseits des Mainstreams zu finden. Das mag sich äußern in Impfansichten oder im Wunsch, kindergartenfrei zu leben. Insofern ist es nur ein kurzer Weg, diese Familien als grundsätzlich systemkritisch einzustufen.

„Systemkritisch“ bin ich dann also auch. Klar, ich bin kritisch gegenüber einem System, das Apparate höher schätzt als Erfahrung. Ich bin kritisch gegenüber einem System, das die gebärende Frau als alleinige Entscheidungsträgerin und -verantwortliche ablehnt.

Bin ich deshalb „systemkritisch“ per se?

In den sozialen Medien gibt es die Tendenz, Mütter, die sich für ihre Kinder einsetzen, für den rechten Rand zu mobilisieren. Die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz ist ein Beispiel dafür; die Masern-Impfpflicht ein anderes. Und hier genau fängt das Problem an: Ich mag persönlich einer politischen Maßnahme kritisch gegenüberstehen. Wenn nun der rechte Hand dieser Maßnahme ebenfalls kritisch gegenübersteht, bin ich dann rechts?

Nein, ich bin es nicht.

Und ich grenze mich deshalb auch davon ab. Ich bin in verschiedenen Facebook-Gruppen zum Thema Außerklinische Geburt aktiv. Dort sind vielleicht auch Menschen vom Rechten Rand, die mir einreden wollen, dass ich von der Politik verschaukelt werde, dass mir die Eliten etwas Böses wollen, dass Bill Gates, die Juden oder Homosexuelle es auf die Seelen, Körper und Gedanken meiner Kinder abgesehen hätten. Wann immer mir eine solche Meinung auffällt, widerspreche ich. „Das gehört aber nicht hier in die Gruppe“, heißt es dann. „Hier geht es um Hausgeburten, und nicht um Politik.“ In den Gruppen bleibe ich dann höflich. Hier würde ich gern unhöflich werden. Arschlecken, es geht nicht um Politik. Es geht immer um Politik. Es geht auch bei mir um Politik. Was meint ihr, warum ich mir die Mühe mache, diese ganzen Plenardebatten zu verfolgen, Abgeordnete anzurufen und mit ihnen zu diskutieren, warum wir mehr Personal und vor allem mehr Zeit und Verständnis für normale Geburtsprozesse haben müssen, statt uns so stark auf die Pathologie zu beschränken!? Weil es eben auch immer um Politik geht.

Keine Schwangere sollte sich Gedanken darüber machen müssen, ob sie sich ihre Wunschgeburt finanziell leisten kann. Ist aber so. Rufbereitschaftspauschale, Doulakosten, Geburtspoolanschaffung, Mütterpflege danach… Es ist nun mal politisch, dass manches von der Krankenkasse übernommen wird und anderes nicht.

Zurück zum Rechten Rand. Hausgeburten sind in der rechtsextremen Szene schon länger ein Thema. Der harte rechte Kern, der vielfach von der Bewegung QAnon gestützt wird, hat nun also Instagram und Mütter für sich entdeckt. Verschiedene Zeitungsberichte berichten, dass auch in Deutschland mit Parolen wie „Kinder gehören den Eltern, nicht dem Staat“ geworben wird. Klar gehören Kinder den Eltern. Ist doch logisch. Kann nicht verkehrt sein. Herzchen drauf. Und schwupps, bekommst du nach und nach andere Botschaften. Das alles immer mit süßen Kinderfotos. Es geht schließlich, so die Masche, um das Wohl der Kinder, das der Staat gefährde.

„Ach, jetzt zitierst du doch bloß die links-grün-versifften Medien. Das kannst du dir sparen.“ Ja und nein. Klar, die Zeit ist schon links. Die Welt dagegen gehört zu Springer. Oder ist Springer jetzt auch schon Teil eines Staatsmediums, wie es dann propagiert wird?

Übringes möchte ich in diesem Beitrag bewusst keine QAnon oder Pastel Q, wie sich der Mutti-Instagram-Ableger nennt, verlinken. Jeder Backlink im Internet stärkt die entsprechenden Seiten, und das will ich nun wirklich nicht.

Ich bin nicht die erste Geburts-Bloggerin, die sich in dieser Richtung äußert. Julia Jonas von Newborn Mothers hatte sich bereits ähnlich positioniert, allerdings nicht auf ihrem Blog, sondern auf Facebook. Ich versuche noch, den Eintrag wiederzufinden…

Im englischsprachigen Raum ist die Vereinahmung der „natural parenting“-community durch die Extreme Rechte bereits stärker vorangeschritten als hierzulande. Ich gehe allerdings davon aus, dass gerade im Zuge der anstehenden Bundestagswahl im September auch hier immer mehr Familien in den rechten Rand gezogen werden.

Das ist ein Problem. Ich will nicht, dass ich als Befürworterin von Hausgeburten automatisch als rechts gelte. Denn ich bin es nicht. „Linksgrünversifft“ oder „von den Staatsmedien indoktriniert“ trifft es wohl besser. Ich glaube daran, dass unsere Demokratie funktioniert. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen in die Politik gehen, weil sie etwas zum Guten verändern wollen (das glaube ich selbst bei denjenigen, die für die AfD kandidieren). Ginge es nur ums Geld, ließe sich in der freien Wirtschaft wesentlich mehr damit verdienen. Ich finde nicht jede Regierungsentsheidung gut. Ich sehe eindeutig Verbeserungspotential — sei es bei einer humanen Flüchtlingspolitik, einer kindgerechten Schulpolitik, der freien Wahl des Geburtsortes, der Wertschätzung von Care-Arbeit oder der Klimapolitik. Deshalb will ich mich für entsprechende politische Mehrheiten einsetzen. Auf dem Boden des Grundgesetzes. Und nicht dagegen.

Was also tun, wenn man eine Meinung vertritt, die auch die Extreme Rechte vertritt? (Ob nun bei Hausgeburten, Corona oder Kindergartenfrei? Ich mache es hier wie Marina Weisband (Link verweist auf Youtube mit den entsprechenden Datenschutzbestimmungen…): Lasst euch nicht vereinnahmen. Macht nichts mit der Extremen Rechten. Auf den ersten Blick scheint es sinnvoll, eine große Gruppe zu sein, um zu zeigen, dass die Meinung keine Einzelmeinung ist. Auf den zweiten Blick ist es das aber nicht wert. Wirklich nicht. Was nutzt mir eine Hausgeburt, wenn ich dafür mein Kind auf dem Spielplatz nicht spielen lassen kann, weil es wegen seiner dunklen Hautfarbe angemacht wird? Nichts. Ach, stimmt ja, mein Kind hat ja gar keine dunkle Hautfarbe. Ich brauche doch keine Angst zu haben. Das ist ein beschissenes Argument. Niemand sollte Angst haben müssen aufgrund einer Hautfarbe oder Sprache.

Es widerspricht sich nicht, Hausgeburten zu befürworten und politisch auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen. In meinen Beiträgen zu Feminismus und Geburten habe ich erläutert, dass die freie Wahl des Geburtsorts für mich tief mit einer feministischen Weltanschauung einhergeht. QAnon wäre da wohl anderer Meinung.

Fazit dieses sehr langen, nicht lektorierten sondern frei von der Seele geschriebenen Textes: Ich bin dankbar für alle, die sich durch meine Geburtsgeschichten, durch meine Tipps und durch meine Bücher inspirieren lassen. Schließlich lebe ich davon, dass ihr hier auf dem Blog vorbeischaut, lest und am besten sogar noch einkauft oder eine Geburtsgeschichte bucht. Ihr alle seid willkommen. Ihr werdet es allerdings auhalten müssen, dass ich mit meiner politischen Meinung nicht hinter den Berg halte.

Der Rechte Rand ist mir zuwider, denn er ist menschenverachtend und frauenfeindlich. (Jau, die jetzige Politik ist auch nicht immer das Gelbe vom Ei in Gleichberechtigungsfragen. Weiß ich. Arbeite ich dran.) Ich trete für eine weltoffene Politik ein. Ich werde deine Meinung akzpetieren, und wenn du an einem ernsthaften und ehrlichen Gespräch interessiert bist, so können wir dieses führen. Wenn du auf diesem Blog liest, dann sei dir darüber im Klaren, dass dies hier nicht der Rechte Rand ist.

Ich freue mich über Kommentare — sowohl diejenigen, die mir zeigen, dass ich nicht allein bin, als auch diejenigen, die meinen, ich schieße über das Ziel hinaus oder sei bereits itef indoktriniert vom tiefen Staat.

Wie gesagt — entgegen sonstiger Pracis ist der Text nicht nochmal gelesen. Frisch von meiner Seele. Danke für’s Lesen.

11 Gedanken zu „Hausgeburten und rechte Gesinnung“

  1. Liebe Katharina, wow, das ist ein schwieriges Thema. Danke, dass du dich dazu positionierst. Mir macht das Ganze auch ein wenig Angst — die Übergänge zu systemkritisch und rechts sind teilweise so fließend und sehr schwer zu erkennen. Danke für deine Arbeit. Auch dass du in den Gruppen widersprichst.

    1. Liebe Lisa, danke dir für die Ermutigung. Einerseits will ich natürlich möglichst viele Familien mit meinem Angebot erreichen. Andererseits ist es mir aber auch sehr wichtig, dass deutlich wird, dass ich damit keine menschenverachtenden Ideologien stärken will.

  2. Der Trend war mir neu. Ich hatte Hausgeburten bisher komplett in der linksgrünalternativen Szene mit gegebenenfalls einem esoterischen Touch verankert. Problematisch hätte ich da eher die Meinung zu evidenz-basierter Medizin (und in Verlängerung zu den Naturwissenschaften) gesehen und nicht rechtsextreme Verschwörungstheorien wie QAnon (wie auch immer man das glauben kann, das ist ja so abgedreht…da sind die Echsenmenschen fast gläubwürdiger 😜)

    1. Hallo Günther, ja du hast recht. Ich bin auch immer davon ausgegangen, dass Hausgeburten eher im Hippie-Umfeld und somit links zu verordnen seien. Ein Blick in die sozialen Netzwerke, gerade Instagram, zeigt aber, dass das leider nicht so ist.

  3. Pingback: Politik und Ausgleich [Freitagsfüller] | Ich gebäre

  4. Hallo Katharina,

    das Problem ist doch, dass viele dort am Rand von ihrer flachen Erde purzeln. Die Frage ist: Wo sind sie hin? Verloren für immer?

    Wir sind 2020/2021 leider an einem Punkt angekommen, an dem es keine festen Zuordnungen mehr gibt. Sowohl in den Mainstream-Medien als auch im Internet wird, entschuldige die Wortwahl, immer mehr an den Haaren herbeigezogener Scheiß in Worte gekleidet – und viele Menschen haben es echt schwer, Q-uatsch von „Wahrheit“ (TM) zu unterscheiden.

    Letztens hat ein Professor(!) im Fernsehen geäußert, dass auch Menschen, die Corona bereits durchgemacht haben, geimpft werden müssen – obwohl es Studien gibt, in denen sich nicht einer von diesen Menschen erneut mit dem Coronavirus ansteckte. Im Vergleich gab es in den Studien der Impfstoff-Hersteller unter den Geimpften tatsächlich Personen, die sich später infiziert haben. Immunsystem FTW! Da fragt man sich doch, wieso man so einen „Professor“ im Fernsehen zu Wort kommen lässt, der nichts anderes als eine allgemeine Impfpflicht gegen das Corona-Virus fordert. Hier der Beweis:

    Wenn im Fernsehen so viel von Lobbyismus durchseuchter Unfug verbreitet wird, muss man sich nicht wundern, dass die Grenze zwischen Vernunft und Wahn immer poröser wird. Was bleibt den Leuten denn anderes übrig? Es gibt keinen festen Punkt mehr, an dem sie sich orientieren können; nichts, worauf Verlass ist – Schwupps, ein neuer Anhänger für QAnon …

    Danke für den Artikel und Dein politisches Engagement. Antworten Dir die Politiker? Hören sie Dir zu? Und vor allem: Bringt’s was? Falls ja, sollte ich das auch mal versuchen. 🙂

    Liebe Grüße
    Patrick

    1. Hallo Patrick,

      danke dir für deinen Kommentar. Ich stimme dir zu: Was früher als links galt (Hausgeburten, Kritik am Schulsystem) sind heute vielfach Themen, die von rechten aufgegriffen wurden. Insofern ist es vielleicht schwieriger, sich persönlich rechts oder links zu verordnen. Und klar, gerade beim Thema Hausgeburten bin ich auch häufig geschockt davon, was im Mainstream dazu geschrieben oder gezeigt wird.

      In Bezug auf Corona bin ich allerdings noch vorsichtiger als bei Hausgeburten oder anderen Themen, und zwar, weil ich nicht die Zeit habe, mich so tief in das Thema einzuarbeiten. Ich habe mir die 20 Minuten Zeit genommen, das Video anzuschauen, das du verlinkt hast. Nun stellt sich aber genau wieder die Frage, die du aufgeworfen hast: Inwieweit vertraue ich diesem Video mehr als anderen Videos, die im Internet kursieren?

      Zum politischen Engagement: Ich allein bin schwach, gemeinsam sind wir stark. Ich engagiere mich deshalb in den Vereinen Mother Hood e.V. und Normale Geburt e.V. Diese Interessensverbände spiegeln gut wider, wofür auch ich mich einsetze. Mit Herrn Irlstorfer von der CSU habe ich aufgrund seiner Äußerungen in der Plenardebatte Kontakt aufgenommen (siehe hier). Kurzfristig sind solche Aktionen nie von Erfolg gekrönt. Langfristig ist es der einzige Weg, um etwas zu ändern. Ergo: Schreib deine*n Wahlkreisabgeordnete*n an und frag nach, was er*sie zu sagen hat. Schaden kann es kaum.

      Herzliche Grüße,
      Katharina

      1. Hallo Katharina, danke für Deine Antwort!

        Noch kurz zu dem Video: Der Patrick Strobach, der im Video zu sehen ist, macht eines richtig und benennt seine Quellen (ganz unten in der Video-Beschreibung). Das ist wissenschaftliches Arbeiten; wahllose Behauptungen aufgrund der eigenen Meinung sind es nicht. Das Fernsehen könnte ja wenigstens kurz eine DOI einblenden, damit interessierte Zuschauer dort weiterlesen können.

        Liebe Grüße
        Patrick

      2. Hallo Patrick,

        ich stimme dir zu, DOI oder jegliche andere Art der Quellenangaben ist unbedingt zu beachten. Ich sehe in diesem Zusammenhang auch noch Verbesserungspotential hier auf dem Blog. In manchen Artikeln habe ich sehr penetrant darauf geachtet, in anderen nicht. Allerdings ist der Anspruch bei Geburtsgeschichten natürlich auch ein anderer als bei wissenschaftlichen Behauptungen. Ein Beitrag ist ja sogar ein reines Quellenverzeichnis: Corona-Linkliste.

        herzliche Grüße an die ganze Familie!

        Katharina

  5. Pingback: Mütter der neuen Zeit: Buchrezension und Gewinnspiel | Ich gebäre

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