Natürliche Fehlgeburt: Interview mit Anja

Anja_Natürliche Fehlgeburt

Wir alle wünschen uns eine unproblematische Schwangerschaft und eine erhebende Geburtserfahrung. Doch es gibt sie: Diese Momente, in denen wir feststellen müssen, dass wir nicht alles kontrollieren können. In denen wir loslassen müssen. Statistiken zufolge sind Fehlgeburten auch heutzutage sehr häufig. Dennoch sprechen wir nicht darüber. Betroffene werden lange nicht immer so unterstützt, wie sie es bräuchten. Es braucht Frauen, die das Schweigen brechen. Ich bin deshalb sehr dankbar, dass ich heute dieses Interview mit Anja veröffentlichen darf., in dem sie über ihre Fehlgeburt zu Hause berichtet.

Anja hatte bereits einen Sohn, als sie eine frühe Fehlgeburt erlitt. Wie diese Zeit für sie war, beschreibt sie im Interview. Bitte sei achtsam mit dir und überlege, ob es gut für dich ist, von Anja zu lesen.

Die Veröffentlichung des Interviews geschieht mit einigen Wochen Verzögerung.

Wie alt war dein Sohn, als du wieder schwanger wurdest?

Zwei Wochen nach seinem ersten Geburtstag hielt ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand.  

Wie weit warst du, als du die Fehlgeburt hattest?

Mein Baby habe ich in der 10. Schwangerschaftswoche verloren. Es hat sich aber schon ab der 6. Woche nicht mehr weiterentwickelt. 

Wie hast du festgestellt, dass beim Baby etwas nicht in Ordnung war?

Als ich den Test in der Hand hielt, war meine Freunde nicht so groß. Warum weiß ich auch nicht. Und die Tage danach überkam mich eine Angst, die ich gar nicht beschreiben kann. Ich meine, uns war ja klar, dass wir ein zweites Baby wollen. Aber tief in mir hörte ich immer wieder ein „Aber was, wenn was nicht in Ordnung ist?“ In der 7. SSW war ich bei meiner Ärztin. Schon dort war mein Baby nicht ganz zeitgerecht entwickelt. Zwei Wochen später war ich nochmal dort und es war klar, dass es sich nicht weiterentwickelt hatte. Ich fühlte mich im Nachhinein so bestätigt in dem, was ich gefühlt hatte. 

Hast du deine Ängste mit deinem Mann oder deiner Ärztin oder beiden geteilt? 

Meine Ängste hatte ich nur mit meinem Mann geteilt. 

Hatte er ein ähnliches Gefühl?

Nein, er hatte kein schlechtes Gefühl. Er sieht immer alles positiv.

Wie war es für dich, als du in der Praxis erfahren hast, dass dein Baby nicht mehr lebte?

Die ersten paar Minuten war ich sehr gefasst oder einfach nur unter Schock. Da ich von Anfang an immer so ein komisches Gefühl hatte und der erste Termin ja auch nicht so positiv war, hatte ich diesen Satz meiner Ärztin irgendwie erwartet. „Ihr Baby hat sich nicht weiter entwickelt.“

Es war auch so, bevor wir den Ultraschall machten, fragte sie mich, ob ich denn keine Schmerzen hätte oder ob ich Blutungen hatte. Also hat sie wohl beim ersten Termin schon gesehen, dass etwas nicht passte. Das ist mir aber erst ein paar Tage danach so richtig bewusst geworden.

Als wir dann zurück im Besprechungszimmer waren und mir die ganzen Informationen ums Ohr gehauen wurden, was mich nun erwartete, habe ich die ersten Tränen verdrückt. Ich hörte nur noch Vollnarkose und Ausschabung. Da war es mit mir vorbei. Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Narkose geschweige denn eine OP. Ich hatte einfach nur Panik davor.

Das versetzte mich zusätzlich unter Schock und Schrecken.

Als ich im Auto saß habe ich einfach nur noch geheult. Da traf es mich mit voller Wucht und ich habe wirklich bitterlich geweint.

Wurde dir die Wahl gelassen, einfach keine Ausschabung zu machen, sondern zu warten, bis eine natürliche Fehlgeburt einsetzen würde?

Nein, diese Option wurde mir gar nicht genannt. Ich bekam gleich eine Überweisung an das Krankenhaus. Mir wurde zwar erzählt, dass es die Option gäbe, mit Hilfe von Tabletten, einen „natürlichen“ Abgang zu erzeugen, aber das wurde quasi nur so beiläufig erwähnt. Und meine Ärztin meinte auch, wenn die im Krankenhaus meinen, man sollte eine Ausschabung machen, sollte ich da nicht rein reden.

Wie ging es dann im Krankenhaus weiter?

Zwei Tage später (Mittwoch) hatte ich einen Termin im Krankenhaus zur Voruntersuchung. Dort waren die Ärzte aber wirklich sehr nett und einfühlsam. Es wurden mir zwei Optionen angeboten: Entweder eine Ausschabungs-OP oder die Tabletten zur Herbeiführung des Abgangs. 

Die Optionen mit den Tabletten machte mir viel Angst – vor Allem, weil man ja nicht weiß, wie man auf die Wehenmittel reagiert. Zuhause angekommen, habe ich mich schon damit abgefunden, die OP machen zu lassen. Ich dachte „den kleinen Eingriff werde ich schon schaffen!“

Aber mein Körper hat sich anders entschieden. Spät abends bekam ich leichte Blutungen. Am Tag darauf hatte ich einen Termin beim Anästhesisten. Den habe ich auch noch wahr genommen. Meine Blutung habe ich verschwiegen, denn ich wusste, sie würden mich sonst gleich dabehalten. Die OP war dann auf Montag angesetzt. Während dieser ganzen Zeit war ich aber mit meiner Hebamme ständig in Kontakt. Und ich bin dafür unheimlich dankbar! 

Die Blutungen wurden dann also stärker? Was sagte deine Hebamme dazu? Und wie fühltest du dich?

Die Blutungen wurden den ganzen Tag etwas mehr, so wie bei einer Periode. Ich war dann doch ganz froh, dass es von alleine los ging. Keine OP und keine Tabletten — alles ganz natürlich. 

Meine Hebamme hat stets meine Entscheidung akzeptiert und stand mir bei. Sie war nachmittags auch bei mir und wir entschieden uns, die Wehen, und somit die Fehlgeburt, mit einer Globulikur zu unterstützen. Sie meinte, dass es gerade dann hilfreich sei, wenn der Körper den Prozess schon gestartet hatte. Diese Kur dauerte 4 Stunden, in denen ich alle paar Minuten Globuli einnahm. Danach ging ich ins Bett. 

Am darauffolgenden Tag fing es dann mittags an mit Unterleibsschmerzen, die dann immer stärker wurden. Ich hatte dann tatsächlich leichte Wehen. Alle paar Minuten krampfte sich mein Bauch zusammen. Es war unangenehm, aber auszuhalten. Nachmittags wurde es dann leichter… und spätabends kündigte sich mit einem kurzen Stechen die endgültige Fehlgeburt an. 

Und ich hatte es geschafft! 

Wie fühltest du dich während dieses Wehentages? Warst du alleine?

Ich war bis frühen Nachmittag alleine mit meinem Sohn zuhause. Mein Mann war arbeiten. Mein Sohn macht — Gott sei Dank — noch langen Mittagsschlaf, deshalb ging es dann schon. Im Nachhinein hätte ich es aber anders gemacht. Aber ich muss sagen, dass ich am dem Tag echt gefasst war. Ich war so mit dem Vorgang beschäftigt, dass ich andere Emotionen gar nicht so wahr genommen habe. Ich war eher sogar erleichtert, dass es los ging und dass ich es bald geschafft hatte. 

Wie hättest du es im Nachhinein anders gemacht?

Ich hätte am Tag der Fehlgeburt gerne jemanden gehabt, der auf meinen Sohn aufpasste. Damit ich alleine gewesen wäre oder dass mein Mann daheim gewesen wäre. So musste ich unter Schmerzen meinen Kleinen betreuen, was nicht so angenehm war. 

Wie waren die Schmerzen für dich?

Sie waren gut verkraftbar. Klar es zieht ganz schön und ich hatte zur Sicherheit eine Schmerztablette genommen, weil ich auch nicht wusste, ob die Schmerzen stärker würden. Aber die hätte ich eigentlich gar nicht gebraucht. Nachmittags war es dann schon viel, viel leichter. 

Was war für dich mental der schwierigste Moment oder das schwierigste Ereignis?

Der Tag, an dem ich beim Frauenarzt war und erfahren habe, dass unser Baby nicht lebte. 

Glaubst du, dass es irgendetwas gegeben hätte, das dir diesen Moment vereinfacht hätte?

Nein. Ich glaube, die Situation kann niemand und nichts vereinfachen.


Hast du die Fehlgeburt durch ein Ritual oder eine besondere Handlung begleitet? Wie erinnerst du dich an dein Sternenbaby?

Unser Stern wird uns immer begleiten! Ganz klar! Ich habe damals ein Tagebuch angefangen. Ich habe dort alles niedergeschrieben. Deine Geschichte auf deinem Blog hat mir auch unheimlich viel Kraft gegeben. „STERNNENKINDER WARTEN IM HIMMEL AUF DICH“ – die Geschichte habe ich handschriftlich auf ein Blatt Papier angeschrieben und diese liegt mit dem positiven Test beim Tagebuch. 

Mein Stern ging auch unter die Haut: Ein Tattoo einer Pusteblume mit davon schwebenden Samen, und ein Samen ist ein kleines Herz.

Wie ging es nach deiner natürlichen Fehlgeburt zu Hause für dich weiter? Hattest du wieder deinen Zyklus wie vorher?

Bevor die erste Blutung nach exakt 4 Wochen kam, bekam ich noch eine Zyste. Der Eisprung hat noch nicht richtig funktioniert. Der zweite hat wohl funktioniert, denn ich bin wieder schwanger.

Wurde die Zyste behandelt?

Nein, man sagte mir, dass die von alleine wieder weg ginge und dass sie auch keinen Einfluss auf meinen Kundenwunsch hätte.

Und dann kam der zweite Zyklus und du wurdest wieder schwanger? Wie fühlte sich das an?

Die ersten Tage waren wirklich ein Auf und Ab der Gefühle. Ich wollte einfach auf meinen Körper vertrauen. Nur deswegen hatte ich getestet. Ich hatte wieder dieselben Anzeichen wie bei meinem letzten Schwangerschaften. 

Aber die ersten Tests waren negativ. Und ich war dann so traurig und ängstlich, weil ich dachte, dass mein Körper jetzt komplett sponn, also dass gar nichts mehr im Einklang war. Meine Periode kam aber nicht. Die Symptome waren da, aber die Tests negativ. 

Erst relativ spät schlug der erste Test an… aber nur wirklich hauchzart. Ich wusste echt nicht, was das zu bedeuten hatte. Ich wartete dann ein paar Tage. Dann wurden die Testergebnisse stärker, aber auch noch zart. 

Ich war total verwirrt. Ich hatte auch Angst, dass ich jetzt eine Eileiterschwangerschaft haben könnte. Es waren tausend Gedanken in meinem Kopf. Der letzte Test, den ich gemacht habe, war dann schon eindeutiger. Aber halt nicht so knalle positiv, wie man es kennt. 

Gestern war mein Termin bei meiner Ärztin. Ich bin Anfang 6. Woche und es war noch zu früh, um was zu sehen, was mir aber klar war. Mir war nur unheimlich wichtig, abzuklären, dass nichts anderes ist und dass, wenn ich schwanger bin, alles an seinem Platz ist. Und es ist alles an seinem Platz, Gott sei Dank! 

Mir ist gestern so ein großer Stein vom Herzen gefallen, ich war überglücklich. Gerade auch, weil ich mich nicht getäuscht habe! Und seitdem geht es mir auch viel besser! Auch wenn ich das Herz noch nicht schlagen gesehen habe, aber mein Körper funktioniert einfach wieder. Natürlich wird der Gedanke „Fehlgeburt“ mich bestimmt noch lange begleiten, aber diesmal habe ich einfach ein gutes Gefühl. Jetzt wird alles gut und ich bin so dankbar, dieser Seele einen Platz geben zu dürfen.

Was würdest du dir für andere Eltern von Sternenkindern wünschen?

Ich würde Ihnen viel Selbstvertrauen und Selbstbestimmung wünschen! Und vor Allem, dass sie sich Zeit nehmen! Man wird leider von vielen (bestimmt nicht allen) Ärzten zu einer schnellen Entscheidung gedrängt.

Und allgemein wünschte ich, dass das Thema Fehlgeburt und Sternenkinder kein Tabuthema mehr bleibt. Es ist so allgegenwärtig und es passiert einfach so vielen! Man ist einfach damit nicht allein!

Ich danke Anja für das Interview!

Wenn auch du ein Sternenbaby hast und darüber berichten möchtest, schreib mir gern eine Mail. Ideen, wie du dein Sternenkind ehren kannst, erhältst du auch als Willkommensgeschenk in meiner Email-Liste.

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