Schlechte Gefühle nach guter Geburt

Schlechte Gefühle nach guter Geburt

Liebe frischgebackene Mama,

herzlichen Glückwunsch! Dein Baby ist auf der Welt! Es ist gesund und die Menschen um dich herum freuen sich für dich. Du bist erschöpft, aber nicht groß verletzt.

Doch du fühlst dich enttäuscht. Du hattest andere Erwartungen an die Geburt. Vielleicht wolltest du zu Hause gebären und bist dann doch ins Krankenhaus gefahren. Vielleicht warst du von einer schmerzfreien Geburt überzeugt, und dann taten die Wehen höllisch weh. Vielleicht lag es ein „Kleinigkeiten“ — du hattest nicht die passenden Klamotten an; irgendjemand mit Mundgeruch war im Zimmer, es gibt von den entscheidenden Momenten keine Fotoaufnahmen.

Objektiv sind das alles Kleinigkeiten. Hauptsache, dein Baby ist gesund. Und du bist doch eigentlich auch ganz gut durch die Geburt gekommen.

Warum also fühlst du dich nun schlecht? Hattest du die falschen Erwartungen? Hättest du nicht so hohe Maßstäbe setzten sollen, um diese Enttäuschung nun zu verhindern?

Du hast nichts falsch gemacht!

Liebe Mama,

fühl dich umarmt. Fühl dich in den Arm genommen und verstanden. Du darfst diese schlechten Gefühle nach einer guten Geburt haben.

Deine Erwartungen waren nicht zu hoch. Du hast alles dafür getan, dass du deine Wunschgeburt erlebst. Dennoch darfst du nun ganz einfach enttäuscht sein. „Prepare, Prepare some more and then surrender“ ist ein Motto bei der Geburtsvorbereitung. Bereite dich vor, bereite dich noch ein bisschen mehr vor, und dann lass dich darauf ein. Genauso darfst du dich jetzt auch auf deine Enttäuschung einlassen.

Denn natürlich bist du enttäuscht. Du hattest ein Ideal, und das konntest du nicht erfüllen. Aus meiner Sicht wäre es dennoch nicht sinnvoll gewesen, nicht nach diesem Ideal zu streben. Denn ohne diese intensive Vorbereitung hättest du vermutlich dennoch unterbewusst ein Idealbild im Hirn gehabt. Wie du dich dann jetzt fühlen würdest, ist vollkommene Spekulation.

Wehen sind hart. Auf den Wellen reiten, mit den Wellen surfen – das klingt super; aber wir alle kennen die Bilder dieser Monsterwellen, bei denen wir dann einfach nur froh sind, wenn wir sie überleben. Geburt darf so sein. Sie muss es nicht, aber sie darf so sein. Sie darf dich überwältigen.

Lass zu, dass du erstmal enttäuscht bist. Es hat etwas Positives, dass dein Baby so zur Welt kam. Ich spreche hier nicht von Vorsehung oder Schicksal. Aber es wird etwas Gutes daran sein. Für dich; für euch als Familie, oder vielleicht für das Krankenhauspersonal? Selbst, wenn du es nie erfährst, darfst du davon ausgehen, dass die Geburt etwas Gutes in sich trug.

Du darfst dich über dein Baby freuen, du darfst stolz auf dich sein und gleichzeitig enttäuscht, dass die Geburt dich an deine Leistungsgrenze und darüber hinaus gebracht hat.

Lass deine Enttäuschung zu!

Liebe Mama,

es nutzt nichts, deine Enttäuschung über diese Geburtserfahrung zu verstecken. Die Enttäuschung ist echt. Dieses Gefühl bildest du dir nicht ein. An manchen Tagen wird die Erinnerung an diese Geburtserfahrung für dich härter sein als an anderen. Das Erlebte ändert sich zwar nicht, deine Einordnung des Erlebten kann sich allerdings je nach Tagesform ändern. Wenn deine innere Kritikerin durch deine Hormone gerade sehr stark ist, kommen dir die Kleinigkeiten vernichtend vor. An anderen Tagen siehst du viel sanfter auf das Geschehene zurück und kannst den Geschehnissen sogar etwas Gutes abgewinnen.

Beide Gefühle sind wahr. Beide Gefühle haben ihre Berechtigung. Beide Gefühle beschreiben deine Geburtserfahrung. Sie widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich.

Du brauchst dich auch nicht schlecht zu fühlen, aufgrund deiner schlechten Gefühle nach einer guten Geburt. „Ich sollte mich nicht so anstellen“ bringt dich nicht weiter.

Du entscheidest, ob die Geburt gut war. Immer wieder.

Liebe Mama,

nur du entscheidest, ob deine Geburtserfahrung das widerspiegelt, was du eine „gute Geburt“ nennen magst. Die Stempel anderer Menschen kannst du dir anschauen oder auch nicht. „Anders“ ist nicht immer schlechter. „Anders ist erstmal nur „anders“. Niemand hat das Recht, dir deine Auslegung des Geschehenen abzusprechen. Nur du weißt, wie du dich während der Geburt gefühlt hast und wie du dich dann danach fühlst.

Schreib auf, was du erlebt hast!

Liebe Mama,

schreib deine Erlebnisse und die dazugehörenden Gefühle auf. Wenn du sie an einem „schlechten“ Tag aufschreibst, wird die Geschichte anders klingen, als wenn du sie an einem „guten“ Tag aufschreibst. Das ist okay so. Schreib sie ruhig mehrfach auf. Oder schreib sie über einen längeren Zeitraum auf und lass beide Perspektiven zu. Gib sogar der Perspektive anderer Menschen Platz, wenn sie einen Einfluss auf dich hatte oder hat.

Wenn du einen Startpunkt suchst, lad dir gern meine Impulsfragen für die Geburtsgeschichte herunter. Oder, wenn du willst, dass ich deine Geschichte aufschreibe, melde dich gern bei mir. Ich freue mich auf dich.

Denn jede Geburt ist einzigartig.

Und jede Geburtserfahrung hat es verdient, aufgeschrieben zu werden.

Liebe Mama,

fühl hoch von Herzen umarmt.

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