Mitspracherecht von Partner*innen bei der Geburt: Wie viel darf ein*e Partner*in mitbestimmen?

Wie viel Mitspracherecht haben Partner*innen, wenn es um den Ablauf der Geburt ihres Kindes geht? Und was entscheiden sie eigentlich in Bezug auf ihre eigene Rolle bei der Geburt geht?

Worüber Partner*innen nicht mitreden sollten: Der Geburtsmodus

(Okay, eigentlich müsste da nicht „mitreden“, sondern „entscheiden“ stehen, aber so klingt das Inhaltsverzeichnis besser…)

Ich will einen Kaiserschnitt„, sagt sie. „Nein, das ist doch nicht normal, du solltest das Kind vaginal zur Welt bringen.“ Oder andersherum.

Aus dem Bekanntenkreis kenne ich ein Pärchen, bei denen der Vater des Kindes eine sehr vehemente Meinung hatte zur Frage, ob seine Angebetete besser einen Kaiserschnitt hätte oder nicht. Es war nicht so, dass sie sich nicht informiert hätte; sie hatte ihre sehr persönliche Wahl sowohl aufgrund von Literatur als auch nach einem Gespräch mit ihrer Frauenärztin getroffen.

Ihr Göttergatte war der Ansicht, er wüsste es besser.

Klar kann der*die Partner*in eine Meinung haben — sowohl als Laie als auch als Fachperson, also zum Beispiel als Geburtsmediziner*in oder als Entbindungspfleger bzw. Hebamme.

Unabhängig davon, ob die Meinung nun medizinisch fundiert ist oder nicht, ist es trotzdem nicht die Entscheidung des*der Partner*in, wie die Gebärende das Baby zur Welt bringt. Und zwar nicht vor der Geburt; und nicht während der Geburt; und auch nicht nach der Geburt a la „hab ich’s dir doch gleich gesagt“.

Keine andere Person hat ein Mitspracherecht.

Das klingt krass, oder!?

„Väter lieben ihre Kinder auch; sie sollten mitentscheiden können!“

Dem ersten Teil stimme ich zu. Dem zweiten nicht. Sie können sprechen, sie können nicht entscheiden. Das gilt übrigens nicht nur für werdende Papas, sondern für alle anderen Menschen jenseits der Schwangeren.

Ja, ich bin radikal. Was genau ich meine, schreibe ich im nächsten Abschnitt:

Worüber Väter und Mütter besser vorher sprechen: Welche Vorstellungen haben wir?

Das Beispiel oben zeigt schon, worauf ich eigentlich hinaus will: Nur, weil sie zusammen ein Kind in die Welt setzen und vielleicht sogar ähnliche Ansichten über das Familienleben haben, heißt das nicht, dass die beiden Teile eines Paares ähnliche Ansichten zur Geburt haben.

Mal ganz ehrlich: Habt ihr frisch verliebt über Geburtshilfe und Geburtsmedizin gesprochen? Und selbst, als ihr beschlossen habt, gemeinsam Kinder zu bekommen, habt ihr vermutlich über anderes gesprochen als über genau den Moment der Geburt.

Wenn man sich dann endlich darüber unterhält, treten häufig unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen ans Tageslicht. Das geht ja nicht nur Pärchen so — auch gute Freund*innen sind meist aus anderen Gründen befreundet als wegen ähnlicher Ansichten zum Thema Geburt. (In meinem Umfeld gibt es ein paar Ausnahmen — ich danke euch dafür 😉 )

Und deshalb heißt es nun: Reden.

Nicht übereinander, sondern miteinander!

Woher kommen eure unterschiedlichen Vorstellungen? Was kommt aus Erfahrungen, was kommt aus „gesellschaftlicher Normalität“, was habt ihr euch aus Fachbüchern angelesen und wie ist eure persönliche Situation?

Es ist bestimmt keine einfache Unterhaltung. Je unterschiedlicher die Ansichten sind, umso schwieriger ist das Thema — und umso wichtiger ist es auch!

Als Feministin bin grundsätzlich der Meinung, dass die gebärende Frau bei (der Schwangerschaft und) der Geburt das letzte Wort hat. Darüber habe ich in meinen Artikeln Gleichberechtigung bei der Geburt und feministische Geburten bereits geschrieben. Ich weiß aber auch: Damit eine Beziehung funktioniert, ist es wichtig, die Positionen beider Menschen zu kennen. Denn:

Alle wollen das Beste für das Baby

Werdende Eltern wollen das Beste für ihr Baby. Die wenigen Fälle, in denen aufgrund psychischer Probleme diese Fürsorge nicht gegeben ist, verdienen zwar besonderes Augenmerk, sind aber glücklicherweise nicht der Normalfall.

Wenn wir also davon ausgehen, dass Mamas und Papas das Beste für ihr Baby wollen, ist es doch eigentlich schon komisch, wenn „Das Beste“ nicht bei allen identisch ist.

Genau das ist der Kern des Problems.

Gleiches Ziel, unterschiedliche Positionen. Deshalb ist es sinnvoll, nicht nach Positionen, sondern nach Zielen zu suchen. Welche Wege gibt es, das Ziel zu erreichen?

Das folgende Beispiel ist bewusst nicht aus dem Beziehungskontext, denn ob es für euch eine gangbare Lösung wäre, kann ich nicht wissen. Es ist dennoch aus dem Geburtskontext.

Position: Ein CTG ist nötig. Ziel: Die Herztöne sollten überwacht werden.

Gegenposition: Ich will kein CTG. Ziel: Ich will Bewegungsfreiheit.

Die Gebärende will sich dich bewegen; die Mediziner*innen wollen die Herztöne überwachen. Ein CTG im Liegen ist da eine blöde Lösung. Vielleicht kann eine gelegentliche Herztonkontrolle mittels Dopton beide Seiten zufriedenstellen. Um die Lösung zu finden, ist es wichtig, dass nicht Positionen, sondern Ziele vermittelt werden.

Die Ziele Bewegungsfreiheit und Herztonüberwachung sind dank schnurloser Geräte heute möglich; die Positionen bleiben unvereinbar.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, tiefer in die Gesprächsführungsliteratur einzusteigen. Wenn es dich interessiert, empfehle ich das Buch Difficult Conversations von Sheela Heel und Douglas Stone (Partnerlink zu Amazon).

In jedem Fall ist es wichtig, zu wissen: Welche Erwartungen haben beide an die Geburt, und was resultiert daraus an Gemeinsamkeiten und Unterschieden? Denn daraus entwickelt sich dann der nächste Schritt: Welche Rolle kann der*die Partner*in bei der Geburt übernehmen?

Worüber Partner*innen mitreden sollten: Ihre Rolle bei der Geburt

Erwartungen an die Geburt betreffen übrigens nicht nur die gebärende Frau oder das Baby.

Auch Partner*innen sollen bei Geburten bestimmte Rollenbilder erfüllen.

„Partner*innen sind eine wichtige emotionale Stütze“, heißt es in vielen Texten zum Thema (auch bei mir hier auf Ich Gebäre oder auf Jana Friedrichs Hebammenblog.)

Klar können sie eine solche vertraute Person und emotionale Stütze sein.

Aber nicht alle Partner*innen sind es.

Nicht alle Partner*innen können es.

Nicht alle Partner*innen wollen es.

Und auch nicht alle gebärenden Frauen wollen es.

Selbst, wenn ihr also sonst über nichts in Bezug auf die Geburt sprecht, solltet ihr über diese eine Angelegenheit sprechen: Welche Rolle hat der*die Partner*in bei der Geburt?

Oberflächlich ist die Antwort klar: Er*sie unterstützt die Gebärende.

Jup.

Und was genau empfindet diese nun als Unterstützung?

Ein*e Partner*in könnte…

  • auf ältere Geschwister aufpassen
  • die Gebärende emotional unterstützen
  • die Geburtslogistik übernehmen
  • medizinischer Geburtshelfer sein, falls er eine entsprechende Vorbildung hat
  • sich fern halten

Hast du die Liste aufmerksam gelesen? Da steht als letzter Punkt: Weg sein. Ein*e Partner*in kann sich während der Geburt auch fernhalten. So, wie es heutzutage (zumindest ohne Corona) üblich ist, dass Partner*innen bei der Geburt ihrer Kinder dabei sind, war es noch vor zwei Generationen üblich, dass Männer nicht in den Kreißsaal gelassen wurden (und auch bei Hausgeburten nicht unbedingt im Raum waren).

Was davon ist nun angemessen? Was ist — um den Satz von oben aufzugreifen — das Beste für das Kind, aber auch das Beste für die Mütter, für Partner*innen und für das Miteinander aller Beteiligten?

Es gibt keine One-fits-all-Lösung.

Für manche Partner*innen ist es richtig, dabei zu sein. Für andere nicht. Manche Mütter wollen ihre Partner*innen dabei haben. Andere Mütter wollen das nicht. Gute Gründe gibt es für jede Position.

Sprechen hilft. (Jap, ich wiederhole mich hier. Damit es auch wirklich nicht untergeht.) Ohne „das haben wir schon immer so gemacht“ und ohne „jetzt schalt mal deinen gesunden Menschenverstand ein„. Dafür mit Liebe, Wohlwollen und Verständnis für die jeweils andere Position.

Die Idee, in den Schuhen des anderen zu laufen, um die entsprechende Postion zu verstehen, ist nicht neu.

Sie hilft auch hier.

Genauso wenig wie ein*e Partner*in der Gebärenden vorschreiben kann, wie sie das Kind zur Welt bringen soll, kann eine Schwangere ihrem*r Partner*in vorschreiben, was diese Person nun gerade tun soll.

Was für den*die Partner*in angemessen ist, kann nur er*sie allein entscheiden. Einer Person bei der Geburt zu haben, die nicht dabei sein will, ist im besten Fall nicht hilfreich und im schlechtesten Fall gefährlich.

Nehmt deshalb eure Ziele, Sorgen und Wünsche ernst. Beide.

Wenn die Wahl darauf fällt, dass der*die Partner*in nicht bei der Geburt dabei sein soll, ist das kein schlechtes Ergebnis. Es ist vielleicht das, was für euch genau passend ist.

Worüber Partner*innen für ihre Frau reden sollten: Als Mittelsperson

Falls der*die Partner*in bei der Geburt dabei sein will, kommt nun ein wichtiger Punkt ins Spiel: Geburten sind Ausnahmesituationen. Wenn ihr vorher ausführlich über das Thema gesprochen habt, kann das sehr hilfreich sein, um einzuschätzen, was die Gebärende gerade braucht. Selbst wenn sie sich in dieser sehr speziellen Situation nicht verständlich machen kann, kann der*die Partnerin diese Rolle übernehmen.

Sie reden dann mit — und zwar leihen sie ihrer gebärenden Frau ihre Stimme.

Dabei kann es um Kleinigkeiten gehen wie zum Beispiel der Wunsch nach Wasser oder einer anderen Raumtemperatur. Dabei kann es aber auch um weitreichendere Entscheidungen gehen wie Medikamentengabe oder Untersuchungen. Es geht dabei nicht darum, die Gebärende zu überstimmen oder auch nur für sie zu entscheiden. Es geht darum, ihre vorher kommunizierten Wünsche, Sorgen und Ansichten in der konkreten Situation zu unterstützen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht unnötig eine Dualität zwischen medizinischem Personal einerseits und Familie andererseits eröffnen. Denn darum geht es nicht (oder nur selten). Es geht nicht um „wir gegen sie“. Es geht um „wir alle gemeinsam“ — und das kann besser gelingen, wenn der*die Partner*in genau diese Moderationsrolle übernimmt, falls die gebärende Frau selber gerade nicht mehr sprechen kann.

Fazit: Reden, reden, reden!

Wenn du es schon nicht mehr hören kannst, ist es wohl angekommen:

Es gibt keine einfache Lösung.

Und deshalb hilft nur: Reden.

Redet über Ängste, über eure Vorstellungen und Wünsche. Redet über Rollenbilder, über Klischees und darüber, wie nervig es ist, reden zu müssen.

Denn mein Fazit lautet: Die Gebärende entscheidet über ihren Körper und die Geburt ihres Kindes. Der*die Partner*in entscheidet über die eigene Rolle bei dieser Geburt.

Und diese beiden Entscheidungen sind im besten Fall nicht unabhängig voneinander getroffen worden, sondern nachdem die beiden ausführlich miteinander geredet haben.

Mehr für Väter

Egal, ob als Vorbereitung auf eine Hausgeburt oder bei einer Klinikgeburt: Vorbereitung für Väter ist sinnvoll. Mein Mann fand es allerdings ziemlich deprimierend, im Schwangerschaftsbuch dann das Kapitel „für den Mann“ lesen zu sollen — und die anderen 14 Kapitel zu ignorieren.

Abhilfe schafft in diesem Fall mein E-Book: Der kompetente Hausgeburtsvater. Denn auch Väter verdienen eine Vorbereitung, die des Wortes würdig ist. Zum E-Book der kompetente Hausgeburtsvater.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.