Zum Wohle der Gesundheit von Mutter und Kind: Ergebnis der Blogparade zum Roses Revolution Day

Blogparade-Roses-Revolution

Anlässlich des Roses Revolution Day, des internationalen Aktionstages gegen Gewalt in der Geburtshilfe, veranstaltete ich letztes Jahr eine Blogparade. Die Ergebnisse möchte ich gerne hier zusammenfassen.

Dieser Beitrag ist eine Mischung aus Zitaten und meinem Text. Die Zitate erkennst du an

diesem Stil.

Beispielzitat und Beispielquelle

Überblick: Roses Revolution Day

In dem Beitrag Roses Revolution Day: Aktionstag gegen Gewalt unter der Geburt — was können wir tun? habe ich Informationsquellen zum Roses Revolution Day zusammengestellt: Erfahrungsberichte, Hilfe für Betroffene, Beiträge zur Geschichte des Aktionstages. Auch nach dem Ende der Blogparade aktualisiere ich diesen Beitrag gern, wenn ihr mir entsprechende Hinweise zukommen lasst.

Persönliche Erfahrungsberichte

Es ist wenig überraschend: Der Großteil der Beiträge kommt von Frauen, die sich Gedanken über die eigenen Geburtserfahrungen machen. Diese Geburtsberichte, die gepaart sind mit generellen Aussagen zu Gewalt im Kreißsaal, stelle ich folgend vor.

Ulrike: Gib’s mir, Baby!

Ulrike schreibt unter Humani.chat über das, was für sie eine humanistische Welt ausmacht. Es ist also kein reiner Mama-Blog. Ihrer Geburtserfahrung widmet sie dennoch einen Beitrag: Gib’s mir, Baby!

Ulrike beschreibt, wie schon die Schwangerschaft häufig dafür sorgt, dass die Schwangere nicht mehr als selbstverantwortliche Person wahrgenommen wird, und dass sie aber dennoch im Nachhinein grundsätzlich diejenige ist, die die Verantwortung für alles trägt:

Ihr müsst nämlich wissen, dass schwangere Menschen ab dem Zeitpunkt der Erkenntnis, dass da was in einem Körper heranwächst, keine Menschen mehr sind. Also, sofern man gesamtgesellschaftlich von einer mündigen, ernst zu nehmenden, tolerierten und mit Respekt zu begegnenden Person ausgeht.

[…]

Und [die werdenden Mütter] sind alleinig für das Wohlbefinden eines werdenen Menschen zur Verantwortung zu ziehen. So können natürlich hinterher all diese Menschen nach ihren ungebetenen Pamphleten zwar sagen: ich hab´s Dir ja vorher gesagt! – aber die Verantwortung für alles trägst Du. Du alleine. Mit Deinem Stil und Deiner unerhörten Art zu leben.

Ulrike über den Verlust der eigenen Selbstverantwortlichkeit während der Schwangerschaft

Später im Text berichtet Ulrike dann von ihren konkreten Geburtserfahrungen: Von schmerzhaften vaginalen Untersuchungen und von gestressten Hebammen und Mediziner*innen.

Und dann folgt ein Satz, der vielen Frauen bekannt vorkommen dürfte: Nachdem eine PDA gelegt worden war, zogen Ulrikes Wehen ins Bein.

Meine Bedenken, dass da was nicht stimme, wurden nicht erhört.

Ulrike über die Wirkung der PDA.

Als dann der Kaiserschnitt angesetzt wurde, vermittelten ihr alle, dass es dabei um die Gesundheit des Kindes ginge. Von ihrer eigenen Gesundheit sprach dagegen kein Mensch.

Leider wirkte sich die schlecht gesetzte PDA auch auf den Kaiserschnitt aus. Ulrike spürte den Schnitt, bekam daraufhin eine Vollnarkose und war ziemlich lange weg.

[I]ch weiß nicht, wie lange ich nicht wirklich zurechenbar war. Aber am 2. Tag nach meiner Geburt fragte ich mal eine Krankenschwester, ob ich denn nun ein Kind hätte.

Ulrike nach ihrem Kaiserschnitt

Trotz dieser anfänglichen Schwierigkeiten („Was würde denn nun aus dieser vielbesungenen Mutter-Kind-Beziehung werden?“) entwickelte Ulrike schnell eine gute Bindung zu ihrem Sohn.

Die Geburt ihres zweiten Kindes wollte sie anders erleben. Trotz Angst öffnete sich ihr Muttermund dieses Mal. Dann blutete sie.

Und dann kam Blut. Viel Blut. Und es floss aus mir heraus, auf das Laken des Kreißsaalsitzes und machte Angst. Vorerst meiner Hebamme, die schnell weiteres medizinisches Personal rief. So hatte ich 6 Männer vor meinen geöffneten Beinen stehen, die alle da mal in mich reinguckten und meinten, das wäre schon komisch. Das machte dann mir Angst. Nicht nur, weil da Gott und die Welt in meine Vulva schauten.

Ulrike über die Blutung wähend ihrer zweiten Geburtserfahrung

Es folgte ein Kaiserschnitt. Ulrike war froh darüber. Die Blutung kam von der gerissenen Kaiserschnittnarbe der ersten Geburt, die sie wegen der PDA nicht spürte.

Die Geburt ihres dritten Kindes war ein geplanter Kaiserschnitt. Ulrike war fertig mit dem Versuch, ein Kind auf natürlichem Wege zur Welt zu bringen.

Übrigens berichtet Ulrike auch noch kurz von den Erfahrungen eines befreundeten Pärchens. Bei der Gebärenden wurde ein Dammschnitt durchgeführt. Ulrikes Gedanken dazu:

Ich erinnerte mich in diesem Moment an die letzte Begegnung mit einer Freundin, die auch vor kurzem entbunden hatte, und dem Satz ihres Freundes: „Die haben Dich aufgeschnitten von vorne bis hinten wie ne Weihnachtsgans, mit so ner Schere wie beim Metzger. Dieses Geräusch werde ich nie vergessen.“ Und sie lächelte die Schmerzen beim Wasserlassen und dem kommenden Sex weg. Ich wollte nicht von vorne bis hinten aufgeschnitten werden – ich wollte meine wunderschöne Vulva so behalten wie sie ist.

Ulrike über den Dammschnitt bei einer Freundin

Na, okay, ein Dammschnitt ist manchmal mies, aber hey — sie hat doch jetzt drei gesunde Kinder, ist dank medizinischer Hilfe nicht verblutet und hat sogar noch Zeit, einen Blog zu schreiben — dann kann das alles doch nicht so schlimm sein. Könnte man sagen. Und ja, gesunde Kinder sind wunderbar. Viel toller wäre es doch aber, wenn auch eine angenehmere Geburtserfahrung dazu käme, oder? So sieht es zumindest auch Ulrike:

Mein Vertrauen in die Medizin und die dazu gehörigen ausübenden Menschen ist erschüttert.

Ulrike über das Resultat ihrer Geburtserfahrungen.

Und zwar so erschüttert, dass sie sich wünscht, ihre Tochter möge keine Kinder bekommen.

Lisa: War das nun Gewalt oder nicht?

Lisa hatte ihre Geburtsgeschichte bereits hier auf dem Blog veröffentlicht. Und eigentlich war sie auch ganz zufrieden damit, wie die Geburt verlaufen war. Im Rahmen des Roses Revolution Day hat sie sich dann aber nochmals mit ihrer Geburtserfahrung beschäftigt. Ihren kompletten Beitrag lest ihr auf ihrem Blog Lisieu.

Ihre Gedanken fasst sie selbst sehr treffend zusammen:

Hätte das sein müssen?

Lisa über alle die medizinischen Anweisungen, die sie während der Geburt erhielt.

Später übernahm das medizinische Personal dann, wie so häufig beschrieben, „zum Wohle des Kindes“.

Schließlich fühlte ich mich ausgeliefert. Als ich dann abschließend auch noch in Rückenlage gebracht wurde, an der Sauerstoffmaske hing, meine Beine quasi fixiert wurden und der Kleine mit einer Saugglocke auf die Welt gebracht wurde, ließ ich alles nur noch über mich ergehen. Auch wurde ich ein wenig angeschrien.

Lisa über das Gefühl, bei der Geburt ihres Kindes ausgeliefert zu sein.

Myna: Geburt und Hochsensibilität

Meine wunderbare Blogging-Kollegin Myna hat sich Gedanken um Hochsensibilität und Gewalt im Kreißsaal gemacht.

Myna beschreibt zunächst, was Hochsensibilität ausmacht. Sie geht darauf ein, dass viele Momente, die für andere Menschen normal sind, für Hochsensible eine wahre Herausforderung darstellen — sowohl körperlich als auch mental.

Auf Geburten bezogen bedeutet das:

Hochsensible nehmen unangenehme Situationen schneller als Gewalt wahr als “Normalsensible”.

Myna in ihrem Blogbeitrag zu Hochsensibilität und Gewalt im Kreißsaal

Danach erzählt Myna eine fiktive Geschichte, die im ersten Moment ganz normal klingt. Doch anschließend listet sie auf, wie viele übergriffige Aktionen in der kurzen Geschichte verborgen waren. So zeigt sie: Nicht überall ist Böses im Spiel. Manchmal ist es auch einfach unbedacht, dass die Geburt einen solch übergriffigen Verlauf nimmt. Doch für die betroffene Person ist das in dem Moment ziemlich egal: Sie fühlt sich gegängelt.

Gewalt ist nicht nur, wenn jemand geschlagen oder angebrüllt wird. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele Gewalthandlungen werden von Außenstehenden heruntergespielt, aber für die Betroffenen können sie traumatische Erfahrungen sein – unabhängig davon, ob sie hochsensibel sind oder nicht.

Myna im ihrem Beitrag zur Blogparade

Mira: Corona führt nicht überall zu gewaltvollen Geburtserfahrungen

Mira Morgenthau hat auf ihrem Enfaltungsblog Geburtsgeschichten gesammelt. Alle Mütter haben während der Corona-Pandemie ihre Kinder zur Welt gebracht. Und sie erlebten diese Geburten sehr unterschiedlich.

In einem zweiten Bwitrag analysierte Mira das Vorgehen der Krankenhäuser. Dabei stellte sie fest, dass manchmal die mangelhafte Ausstattung der Krankenhäuser und die zusätzliche Belastung durch Corona auf dem Rücken der Gebärenden ausgetragen wurde.

Wenn die Geburt sehr lange dauerte, würde man bei positivem Test ab einer gewissen Geburts-Dauer Kaiserschnitte durchführen. Um das Ansteckungsrisiko für das Personal der nächsten Schicht zu reduzieren.

Mira in ihrem Beitrag Geburt während Corona – Horroszenario

Andersherum hat Mira aber auch manche Situationen gefunden, die zeigen: Es geht auch besser.

Ich war sehr erfreut zu hören, dass in einem der Krankenhäuser bei positivem Test eine 1:1-Betreuung möglich gemacht wurde, ohne den Geburtsverlauf irgendwie zu beeinflussen. Das ist tatschlich die allerbestmöglichste Option, wie ich finde, da 1:1-Betreuung vielen Komplikationen vorbeugt und die Situation entspannen kann. Die Hebamme ist dann voll auf die gebärende Frau eingestimmt. Die gebärende Frau kann sich (hoffentlich) darauf verlassen, dass sie jemanden hat, der ihr Halt und Hilfe sein kann.

Mira über positive Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Betreuung der Gebärenden

Maria: Auch gewaltvolle Kommunikation belastet uns

Maria bloggt auf Mymaisie und erzählt in ihrem Beitrag zur Roses Revolution Day Blogparade, dass die Art der Kommunikation bei der Geburt ihrer ersten Tochter eine interventionsfreie Geburt unmöglich machte.

1. Worte machen etwas mit uns.
Wenn wir unter der Geburt „angepampt“ werden und uns damit beschäftigen müssen, dann nimmt das kostbare Ressourcen, die wir für die Geburt unseres Babys brauchen.

2. Wenn Du Deine Geburt als „unschön“ empfindest, dann ist das auch so.
Auch, wenn im Endeffekt Dein gesundes Kind geboren wurde.

Maria über gewaltvolle Kommunikation bei der Geburt

Die Geburt von Marias erster Tochter hinterließ sie so verunsichert, dass sie sich bei der Geburt ihres zweiten Kindes für eine Hausgeburt entschied.

Anne: Damit macht man den Frauen nur Angst

Anne hat in ihrem Beitrag ihre sehr kritische Sicht auf meine Blogparade verdeutlicht:

Für die allermeisten Frauen ist eine Entbindung ein seltenes Ereignis, das ein oder zweimal, kaum jemals viel öfter, in ihrem Leben stattfindet. Für Hebammen und Geburtshelfer ist es alltäglich. Wie kann man also auf die Idee kommen, dass gebärende Frauen besser wüssten, was gut für sie und ihr Baby ist, als eigens dafür ausgebildetes, erfahrenes Personal, das außerdem von Messinstrumenten und anderen Gerätschaften unterstützt wird.

Anne Nühm in ihrem Beitrag zur Blogparade

Ihre persnöliche Erfahrung im Kreißsaal war sehr positiv und sie vertraute dem medizinischen Personal vollkommen. Sie betont auch, dass die Standardisierung der Abläufe „ein hohes Maß an Sicherheit […] Qualitätsstandards und Nachvollziehbarkeit“ im Kreißsaal gewährleisten.

Der Gedanke an standardisierte Abläufe, und dass die versierten Geburtshelfer genau wissen, was auch in schwierigen Sitationen zu tun ist, hat mir als Erstgebärender Mut und Zuversicht gegeben.

Anne über die Geburt ihres Sohnes Johannes

Anne sieht auch die systemischen Probleme, die gewaltvolle Erfahrungen oft begünstigen, eher als Einzelfälle:

Ich gebe zu, der Gedanke kam mir, mein Riss hätte sich möglicherweise verhindern lassen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Aufmerksamkeit der Hebamme kurz nachließ, als der Kopf bereits draußen war. Aber das ist reine Spekulation. Ich kann das nicht beurteilen und gebe niemandem die Schuld.
[…]
Nicht nur in der Geburtshilfe, sondern überall wo Menschen zusammentreffen, gibt es unvermeidlich auch immer wieder Fälle von Missverständnissen oder überschrittenen Grenzen. In den meisten Fällen handelt es sich um unabsichtliche Versehen. Ich distanziere mich vom Versuch, Ausnahmen als Standard darzustellen, und jedes kleine Kommunikationsproblem „Gewalt“ zu nennen. Dadurch verharmlost und relativiert man tatsächliche Gewalt.

Anne in ihrem Beitrag „Der Gebärung Appendix“

Die anderen Blogbeiträge wurden kaum kommentiert, Annes dagegen erregte einige Aufmerksamkeit. In den Kommentaren schilderte eine Frau wiederum ihre Erfahrung, die sie durchaus als gewaltvoll einstufen würde. Andere Menschen dagegen stimmten Anne zu, dass eine solche Blogparade eher zu Verunsicherung und Misstrauen beitragen würde statt irgendjemanden zu helfen.

Besonders auffällig fand ich, dass Anne offene Zweifel an den Erlebnissen der betroffenen Frau äußerte:

Ich kann deine Behauptungen nicht nachprüfen, und gestatte mir, insbesondere was die „Brutalität der Ärztin“ betrifft, einige Zweifel zu haben. In einer Ausnahmesituation, die bei einer Entbindung zweifellos gegeben ist, nimmt man manche Geschehnisse viel krasser wahr, als sie tatsächlich sind.

Anne in der Replik zu Corinnas Kommentar

Zum Wohle der Gesundheit von Mutter und Kind

Zum Wohle der Gesundheit: So wird vieles, fast alles, begründet. Wenn das Kind gesund auf die Welt kommen soll, machen wir das jetzt eben so.

Diese Blogparade hat mich, obwohl es (zugegebenermaßen erwartbarerweise) nur wenige Beiträge gab, sehr ins Grübeln gebracht. Bin ich mit meinem Selbstbild wirklich so weit von der Realität entfernt? Selbst, wenn ich nach wie vor davon überzeugt bin, dass es nicht bloß „feministisches Mimimi“ ist, sich gegen Gewalt in der Geburtshilfe auszusprechen, bleibt die Frage: Mache ich Frauen damit Angst und verstärke damit ein Problem nur?

Mit der Blogparade richtete ich mich natürlich vor allem an Frauen, die bereits Geburtserfahrungen gemacht oder sich mit der Materie beschäftigt haben. Ich hatte nicht im Blick, dass Schwangere darauf treffen könnten, die sich verunsichern ließen. Das lässt sich aber im Weltweiten Netz natürlich nicht verhindern. Hätte ich eine Triggerwarnung an den Anfang setzen sollen?

Oder ist es sinnvoller, die Debatte den Profis zu überlassen, so wie der Hebamme Alessandra M. Scheede, die auf dem Portal der Deutschen Hebammenzeitschrift dazu einen Beitrag veröffentlichte, in dem sie unter anderem die WHO und das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen zitiert? Sie listet in ihrem Beitrag unter anderem die folgenden Faktoren auf: Verletzung der Intimsphäre, Vulnerabilität der Gebärenden, Autonomieverlust durch Wissensgefälle, Medikalisierung, Juristische Faktoren, Hierarchie und Autorität im Kreißsaal und Politische Faktoren.

Sie resümmiert:

Es ist an der Zeit, das geburtshilfliche System in seinen Einzelteilen multiprofessionell zu analysieren: auf medizinischer, politischer und gesellschaftlicher Ebene. Strukturen müssen sich ändern und ihren Fokus auf soziale Anliegen richten, Hierarchien müssen abgeflacht werden, politische Forderungen zugunsten der Geburtshelfenden müssen durchgesetzt werden. Ein System für gebärende Frauen, das Gewalt gegen Frauen begünstigt, ist ein gescheitertes.

Alessandra M. Scheede in ihrem Beitrag Macht und Ohnmacht auf der Seite der Deutschen Hebammenzeitschrift

Manche Menschen, zum Beispiel aus Annes Kommentaren, werden sich vermutlich nun wieder zu Wort melden, dass es doch bloß wieder die Feministinnen seien, die hier ein Problem hochpuschten, das zwar im Einzelfall traurig, aber nicht systemisch bedingt sei.

Ich bin nach wie vor anderer Meinung.

Gewalt unter der Geburt wird durch systemische Faktoren begünstigt. Vielleicht können wir durch die Änderungen im System nicht alle Fälle verhindern; aber wenn wir die Wahrscheinlichkeit reduzieren können, ist doch allen schon sehr viel geholfen.

Zwischenruf — warum erst jetzt?

Ich hatte mir schon viel früher vorgenommen, diesen Beitrag zu veröffentlichen. Je länger es dauerte, desto mehr wuchs der Anspruch, dass er perfekt werden müsse. Und da ich auch abseits dieser Blogparade schon viel negatives Feedback zu diesem Thema bekommen hatte (zum Beispiel hier), wuchs der innere Widerstand immer weiter. Ich entschuldige mich bei allen, die so ewig lange auf die Zusammenfassung gewartet haben.

Nun habe ich mich im Sommer mit vielen anderen Themen beschäftigt und dieses hier ruhen lassen. Es jetzt wieder an die Oberfläche zu holen, hat die gleichen Zweifel und Unsicherheiten hervorgebracht. Das Thema ist wichtig, es ist dringend. Und wer sich am 25.11. auf den entsprechenden Social-Media-Kaneläen herumtreibt, wird merken, dass es bei weitem kein Einzelfall ist. Die Facebook-Seite Roses Revolution Deutschland hatte am 8.11.2021 genau 15.112 Abonnent*innen.

Bitte seht mir nach, dass es fast ein Jahr dauerte.

Wie weiter?

Ich weiß es nicht. Gerade bin ich hilflos: Einerseits lese ich die persönlichen Erfahrungen, die hier und anderswo geschildert wurden. Und andererseits höre ich immer wieder, dass das Problem nicht exisitiere (oder zumindest nicht systemisch bedingt wäre).

Ich wünsche mir, dass es möglichst wenige Berichte über Gewalt unter der Geburt gäbe, weil diese nicht vorkäme. So lange sie vorkommt wünsche ich mir allerdings, dass wir sie als solche anerkennen und akzeptieren, dass es Faktoren in der Geburtshilfe gibt, die eine solche Problematik begünstigen.

Wenn du selber Gewalt unter der Geburt erlebt hast, lass dich bitte nicht entmutigen von denjenigen Menschen, die dir diese Erfahrung absprechen. Ja, wir dürfen dankbar sein über geschultes Personal und hochmoderne Medizin. Und ja, wir dürfen dennoch — und gerade deshalb — erwarten, dass wir unter der Geburt nicht als unmündige Wesen behandelt werden. Erzähl deine Geschichte — nicht, um anderen Angst zu machen, sondern um mitzuhelfen, am System etwas zu ändern.

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