Gewalt in der Geburtshilfe: Ein strukturelles Problem

Letztes Jahr habe ich eine Blogparade zum Roses Revolution Day ausgerichtet, deren Auswertung gestern online ging. Heute ist der 25. November, und damit Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Es geht also um Gewalt, die Frauen in Kriegsgebieten erleiden, um häusliche Gewalt, und sexualisierte Gewalt und eben auch um Gewalt unter der Geburt.

In den vergangenen Jahren habe ich mich auf diesen letzten Aspekt gestützt und dafür sowohl Dankesworte als auch große Kritik erhalten.

Zwei der größten Kritikpunkte waren:

  • Wenn du all das als Gewalt darstellst, schadest du denjenigen, die „wirklich“ Gewalt erlitten haben.
  • Du schürst damit Unsicherheit und Misstrauen gegenüber dem medizinischen Personal, obwohl dieses gut ausgebildet ist und im Zweifelsfall besser weiß, was zu tun ist.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Natürlich geht es mir nicht darum, einfach nur Unmut zu schüren. Ich wollte auch nicht das gesamte medizinische Personal unter Generalverdacht stellen.

In diesem Beitrag möchte ich nun also nicht schon wieder aufgreifen, was genau der Roses Revolution Day ist und wie du dich daran beteiligen kannst.

In diesem Beitrag möchte ich vielmehr meine persönliche Motivation darlegen, weshalb eine weite Definition von Gewalt unter der Geburt aus meiner Sicht sinnvoll ist und warum aus meiner Sicht auch das medizinische Personal, dem ich angeblich so kritisch gegenüber stehe, von der Aufmerksamkeit auf das Problem profitiert.

Daraus geworden ist ein Plädoyer für mehr Zusammenhalt, um gesellschaftlich und politisch etwas zu verändern.

Verschiedene Intensität, individuelles Empfinden

„Jetzt stellen Sie sich mal nicht so an — das haben schon Millionen Frauen vor Ihnen durchgehalten.“ Ist das schon Gewalt? Es ist ja bloß ein Spruch.

„Ich will nicht liegen.“ — „Doch, Sie müssen jetzt liegen, sonst kann ich den Muttermund nicht untersuchen.“ Ist das schon Gewalt? Es ist ja bloß eine medizinische Anweisung.

„Das tat extrem weh!“ – „Ich habe den Muttermund gedehnt; das war nötig.“ Ist das schon Gewalt? Es ist ja bloß eine medizinische Handlung, um die Geburt zu beschleunigen.

„Da stimmt was mit mir nicht!“ – „Ach, die Werte sind alle in Ordnung.“ Ist das schon Gewalt? Es ist ja bloß die professionelle Meinung und die Nichtbeachtung des eigenen Körpergefühls.

SCHNIPP. Dammschnitt. „Der war nötig! Sonst wäre das Kind gestorben.“ Ist das Gewalt? Immerhin ging es um das Wohl des Kindes.

Gewalt unter der Geburt hat viele Gesichter, und meist gibt es immer einen „guten Grund“, sie zu rechtfertigen („Hauptsache, gesund“) oder kleinzureden („Geburten sind nun mal so“).

Unser Strafgesetz sieht für gewisse Taten andere Strafmaße vor als für andere Taten. Sie sind also unterschiedlich schwer. Dabei geht man auch davon aus, dass das Opfer einer nicht so schwerwiegenden Gewalttat mti den Folgen besser klar kommt als das Opfer einer schwerwiegenden Straftat.

Generell stimmen wir dem wohl zu. Manches ist, auch auf materieller Ebene, einfacher zu verkraften, als anderes.

Doch es gibt auch andere Fälle. Subjektiv ist die erfaherene Gewalt manchmal viel stärker, als das „objektive“ Strafmaß es vermuten lässt.

Die allermeisten Menschen werden Sachdelikte wohl spontan als weniger erschütternd werten als Körperverletzung. Menschen, in deren Haus eingebrochen wurde, leiden allerdings häufig danach unter großer Angst, weil ihnen das Gefühl eines sicheren Heimes genommen wurde.

Dieses individuelle Empfinden gilt auch für Gewalt unter der Geburt. Für die einen ist „jetzt stellen Sie sich mal nicht so an“ ein blöder Spruch, der es schon nicht vom Ultrakurzzeitgedächtnis ins Kurzzeitgedächtnis schafft. Andere fühlen sich dadurch erniedrigt und in ihrer Würde verletzt, weil ihr Schmerzempfinden nicht wahrgenommen wurde.

Es nutzt deshalb aus meiner Sicht nichts, den betroffenen Frauen das Gefühl zu geben, dass ihr Leid nicht real oder zumindest nicht so wichtig wäre wie das anderer Frauen.

Sich miteinander zu vergleichen, hilft nicht. Die Gewalterfahrung ist für diese Frau subjektiv real und wird sich, wenn sie Pech hat, zu einem Trauma ausweiten. Dabei wird ihr der Gedanke, dass andere Frauen noch schlechter weggekommen sind als sie, nicht helfen.

Alles Einzelfälle?

Häufig höre ich an dieser Stelle den Kommentar, dass es sich bei den wirklich schweren Fällen um Einzelfälle handele. Um das Versagen einer einzelnen Person. Und dass man ja juristisch gegen diese Person oder die Klinik vorgehen könnte. Ja, es gibt Frauen, die gegen die erlittene Gewalt juristisch vorgehen. Das ist nicht so einfach. Es braucht meist mehrere medizinische und psychologische Gutachten; manchmal gibt es keine weiteren Zeugen und die finanziellen Aufwendungen sind nicht zu vernachlässigen. Und natürlich ist eine Verarbeitung auch nur bedingt möglich, wenn es noch immer offene Gerichtsverfahren gibt.

Das Personal ist menschlich und damit nicht unfehlbar. Dennoch gibt es gute Gründe, die Einzelfallbegründung zu hinterfragen.

Ähnliche Ursachen

Denn sowohl diesen „krassen“ Fälle — die Spitze des Eisberges — als auch den vielen Fällen von weniger deutlicher Gewaltanwendung liegen die gleichen systemischen Ursachen zugrunde.

Die Hebamme Alessandra M. Scheede behandelte das Thema Gewalt unter der Geburt in ihrer Bachelor-Arbeit. Eine Zusammenfassung der Arbeit erschien auf dem Online-Portal der Deutschen Hebammenzeitschrift. Aus diesem Bericht möchte ich folgend berichten und zitieren, um aufzuzeigen, welche Faktoren eine gewaltvolle Erfahrungen Gebärender im Kreißsaal begünstigen:

Starre Hierarchie & Wissensgefälle

Da [die Gebärende] in der Regel nicht diejenige ist, die über das Fachwissen zur korrekten Einschätzung des Geburtsverlaufes verfügt, ist sie gezwungen, den Personen, die sie betreuen, zu vertrauen. Professionelle sind dadurch automatisch in der machtvolleren Position. Diese Macht ist, isoliert betrachtet, nicht grundsätzlich negativ konnotiert, allerdings ist es von großer Bedeutung, wie sie genutzt wird. Das eingangs beschriebene Macht-Ohnmacht-Verhältnis birgt eine große Gefahr, die Selbstbestimmung der Gebärenden negativ zu beeinflussen oder zu vermindern, was wiederum die Grundlage für das Geschehen von Gewalt konstituiert.

Alessandra M. Scheede: Macht und Ohnmacht. Gewalt unter der Geburt. erschienen auf DHZ online, September 2020.

Und auch innerhalb des medizinischen Personals gibt es eine Hierarchie, die zum Problem werden kann:

Die Gruppe der ÄrztInnen wird der Gruppe der Hebammen in letzter Instanz immer übergeordnet sein.

[…]

Die hierarchische Organisation im Kreißsaal schafft damit eine Umgebung, in der Entscheidungsgewalten und damit machtvolle Positionen nicht zwangsläufig durch Qualifikation und Berufserfahrung, sondern durch Status geschaffen werden.

Alessandra M. Scheede: Macht und Ohnmacht. Gewalt unter der Geburt. erschienen auf DHZ online, September 2020.

Juristische Fallstricke

Wenn bei der Geburt etwas schief läuft, wird ein Nichteingreifen den behandelnden Ärzt*innen und Hebammen oft eher zum Verhängnis als ein zügiges Einschreiten. Diese Art der Rechtsprechung sehen übrigens auch Mediziner*innen problematisch, wie zum Beispiel Dr. Ute Taschner. Denn sie führt dazu, dass Ärzt*innen realtiv schnell eingreifen müssen. Auch hier spielt also das Machtgefälle eine Rolle, und zwar gleich zweifach: Einerseits entscheiden die Mediziner*innen in so einer Situation über die Köpfe der Gebärenden hinweg. Andererseits fühlt sich auch das Fachpersonal machtlos:

Der erzeugte Druck auf GeburtshelferInnen bewirkt für sie an dieser Stelle einen Entzug ihrer Entscheidungsgewalt. Dies verursacht ein Machtgefälle zwischen den Professionellen und dem Rechtssystem, innerhalb dessen sie agieren.

Alessandra M. Scheede: Macht und Ohnmacht. Gewalt unter der Geburt. erschienen auf DHZ online, September 2020.

Politische Faktoren

Personelle Engpässe und chronische Überlastung des medizinischen Personals sind auch eine Folge der politisch vorgegebenen Rahmenbedingungen in Bezug auf Vergütung, Haftpflichtversicherung und Verfügbarkeit von Kreißsälen.

Die entstehenden Versorgungslücken wiederum gehen auf Kosten von allem, was Zeit braucht: Beobachtungen, Gespräche und Ruhepausen fallen einfach hinten runter.

Strukturelle Änderungen sind nötig – denn Menschen sind fehlbar!

Es nutzt nur bedingt etwas, dem medizinischen Fachpersonal Vorwürfe zu machen. Natürlich hat jede Person zu jeder Zeit die Entscheidung, wie sich sich verhält — nur ist diese theoretische Aussage in den meisten praktischen Fällen durch die oben genannten Strukturen praktisch doch sehr eingeschränkt.

Wenn Frauen also wegen des erlittenen Leides vor Gericht ziehen, bekommen sie im Zweifelsfall Recht und die entsprechende Klinik muss Schadensersatz zahlen.

Doch wird das nicht dazu führen, dass zukünftig weniger Frauen Ähnliches erleiden. Ich bin davon überzeugt, dass Hebammen, Entbindungspfleger und Ärzt*innen, Wochenbettpfleger*innen, Physio- und Psychotherapeut*innen den Wunsch haben, den Schwangeren, Gebärenden und jungen Müttern bestmögliche Unterstützung zu bieten. Damit sie das in der Praxis auch umsetzen können, müssen die entsprechenden Voraussetzungen stimmen.

Diese einzufordern bedeutet, sich gemeinsam dafür stark zu machen. Ich weiß, es ist schwierig, wenn Täter*innen und Opfer auf einmal für eine gemeinsame Sache kämpfen sollen. Doch wenn wir wirklich die Geburtshilfe wieder an den Bedürfnissen der Gebärenden ausrichten wollen, ist es unumgänglich.

Das größte Bedürfnis ist die Gesundheit von Mutter und Kind

Immer wieder höre ich den Einwand, dass Menschen nunmal mehrere Bedürfnisse hätten, die in der Wichtigkeit abgestuft seien. Und das wichtigste Bedürfnis sei, dass Mutter und Kind die Geburt gesund überlebten.

Ja, das ist so.

Jede Mutter, die ein Kind verloren hat, wird dem zustimmen. Und jede Mutter, deren Kind durch moderne medizinische Hilfe gerettet werden konnte, ebenso.

Mir geht es auch nicht darum, dieses Bedürfnis in irgendeiner Weise herunterzuspielen.

Im Gegenteil führen dieselben systemischen Zwänge, die ich oben beschrieben habe, nicht nur zu gewaltvollen Geburtserfahrungen führen, sondern gefährden zusätzlich auch Gesundheit von Mutter und Kind.

Eine Person im Stress kann nun mal nicht so genau hinschauen und abwarten und dann entscheiden, wie eine Person es tun kann, die sich gerade nur auf eine einzige Geburt konzentriert.

Ein vertrauensvolles Team aus Hebammen und Ärzt*innen kann eine Frau anders betreuen als ein „Team“, in dem es interne Machtstrukturen gibt.

Gewalt unter der Geburt und gefährliche Geburtsverläufe sind aus meienr Sicht häufig zwei Seiten derselben Medaille.

Beide werden durch Überlastung, Unterbezahlung und zu wenig Zeit pro Gebärender begünstigt.

Und deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass wir die beiden Ziele nicht gegeneinander ausspielen sollten.

Eine gewaltfreie Geburt geht nicht auf Kosten der Gesundheit von Mutter und Kind.

Wenn eine Hebamme beispielsweise nur eine Gebärende betreut, erkennt sie mögliche Probleme so früh, dass immer noch Zeit bleibt, mit der Gebärenden darüber zu sprechen, was nun passieren wird. Allein dieses Gespräch kann schon dazu beitragen, dass die Gebärende sich nicht übergriffig behandelt fühlt. Der folgende medizinische Eingriff ist dann keine Gewalt und auch keine Ausnutzung von Machtstrukturen. Stattdessen dient der Eingriff genau dem Zweck, die Gesundheit von Mutter und Kind zu schützen.

Es ist an der Zeit, das geburtshilfliche System in seinen Einzelteilen multiprofessionell zu analysieren: auf medizinischer, politischer und gesellschaftlicher Ebene. Strukturen müssen sich ändern und ihren Fokus auf soziale Anliegen richten, Hierarchien müssen abgeflacht werden, politische Forderungen zugunsten der Geburtshelfenden müssen durchgesetzt werden. Ein System für gebärende Frauen, das Gewalt gegen Frauen begünstigt, ist ein gescheitertes.

Alessandra M. Scheede in ihrem Beitrag Macht und Ohnmacht auf der Seite der Deutschen Hebammenzeitschrift

Lasst euch nicht gegeneinander ausspielen!

Zu häufig ist es mir in der Vergangenheit passiert, dass sich Betroffene gegeneinander auszuspielen versuchten.

  • „Meine Gewalterfahrung war schlimmer als deine.“ – „Das kannst du gar nicht wissen.“
  • „Das Krankenhaus hat versucht, mich zu töten.“ – „Es war medizinisch notwendig.“

Es nutzt nichts, wenn wir uns weiterhin den Sündenbock zuschieben. Es wird sich nur etwas ändern, wenn wir gemeinsam etwas ändern. Lasst uns also zusammenstehen und uns für eine bessere Geburtshilfe einsetzen. Dies kann in Vereinen passieren (z.B. Mother Hood e.V., Traumageburt e.V., Normale Geburt e.V., GreenBirth e.V.), durch politisches Engagement oder durch die Verbreitung von Wissen.

Es fängt aber schon damit an, die Erfahrung der anderen als solche anzuerkennen und die Betroffene in den Arm zu nehmen.

Deine Erfahrung ist real. Fühl dich umarmt. Du bist nicht allein.

Für Schwangere

Wenn du gerade schwanger bist und diesen Beitrag liest, bekommst du nun vielleicht Angst vor der Geburt.

Es ist nicht in meinem Interesse, dass du Furcht empfindest. Im Gegenteil: Angst ist nicht förderlich für den Geburtsprozess. Ich möchte dir deshalb noch ein paar Hinweise geben, wie du mit deiner Angst umgehen kannst:

  • Hab grundsätzlich Vertrauen, dass Hebammen und Ärzt*innen das Beste für dich und dein Baby wollen.
  • Falls möglich, suche dir feste Bezugspersonen, die dich bereits vor der Geburt kennenlernen. Manche Kliniken arbeiten zum Beispiel mit Beleghebammen, die dich dann fest zugeteilt bei der Geburt deines Kindes betreuen — egal, wann es zur Welt kommt.
  • Lass dich in Vorgesprächen genau aufklären, was passieren kann und unterschreib nur das, was du wirklich willst.
  • Nimm dir eine vertraute Person mit zur Geburt, mit der du darüber gesprochen hast, was du willst, und die deine Interessen vertritt. Diese Rolle kann deine Partnerin übernehmen, oder auch eine Doula.
  • Schreib eine Patientinnenverfügung, in der du verfügst, welchen Behandlungen du zustimmst.
  • Bereite dich mental auf die Geburt vor, zum Beispiel mit Affirmationen oder einem Geburtsvorbereitungskurs.

Wie geht es weiter?

Sprecht über eure Erfahrungen – die positiven wie die negativen. Jede Geburtsgeschichte ist einzigartig und hat es verdient, genau aus deiner Perspektive erzählt zu werden.

Hakt nach, wenn ihr etwas mitbekommt.

Seid empathisch und mitfühlend. Je mehr wir diese Emotionen in die Welt tragen, desto weniger Gewalt kann es in ihr geben. Und vergesst über diese persönliche Ebene hinaus nicht die gesellschaftliche Veränderung. Engagiert euch gesellschaftlich und politisch. Und sei es nur das Kreuz bei der nächsten Wahl.

Und wenn ihr heute vor einem Krankenhaus oder auf Facebook rosafarbene Rosen seht, lächelt nicht darüber. Denn jede dieser Rosen erinnert an das die Gewalt, die eine Frau unter der Geburt erfahren musste.

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