Jeanette: Heilsame Hausgeburt im Wohnzimmer

Jeanette erzählt am heutigen dritten Tag des Geburtsgeschichten-Adventskalenders von der Geburt ihrer Tochter Gesa Thordis. Gesa kam zu Hause im Wohnzimmer auf die Welt, während ihre Geschwisterkinder das Geschehen verschliefen.

Gesa Thordis

05.07.2021 – 2:50 Uhr – SSW 40+6

56cm, 3.930g, 35cm KU

Bei Oma gab es Sauerkraut!

Wir überschritten am 29.06. unseren errechneten Geburtstermin und es war von Geburt noch nichts zu spüren. Unsere liebe Hebamme war davon überzeugt, dass die Kleine sich noch zu wohl fühle und noch zu viel Platz habe. Na gut.

Meinem Mann Christian fiel das Warten schwerer als mir. Für ihn sollte es die erste Geburt werden. Seine Aufregung und Vorfreude war allgegenwärtig.

Tatsächlich kann ich mich heute, drei Monate später, gar nicht mehr richtig an meine Gefühle erinnern. Ich war wohl eher gefasst, da es für mich die dritte Geburt werden sollte.

Um den 03.07. fingen die ersten Wehen an, die ich beim täglichen Spaziergang mit unserem Hund auch schon mal im Stehen veratmen musste. Bei jeder leichten Wehe freute ich mich und begrüßte diese entsprechend.

Am Sonntag, den 04. Juli, wurden die Wehen spürbar häufiger und ich spürte, dass es bald losgehen würde. Nachmittags fuhren wir noch zu meiner Mutter zum Sonntagsessen, welches ich schon mit mäßigem Appetit zu mir nahm und zum Glück nur einen Esslöffel des sonst so geliebten Sauerkrauts auf meinen Teller nahm. Ich war leicht gereizt und wollte so schnell wie möglich nach Hause.

Zuhause haben wir es uns gemütlich gemacht und auf weitere Wehen gewartet. Ich merkte, dass die Spannung im Bauch deutlich zunahm. Gegen 23 Uhr gingen wir zu Bett und ich prophezeite meinem Mann schon, dass es diese Nacht was werden wird.

Es geht endlich los!

Er freute sich und äußerte die Sorge, dass er nun vor lauter Aufregung nicht schlafen könne. Ich legte mich ins Bett und merkte das typische „Plopp“, welches ich schon zuvor zweimal erleben durfte, sprang auf, sagte dabei „das war´s“ und schaffte es gerade noch bis in den Flur, um dort, hilflos wie ein kleines Kind, das es nicht rechtzeitig zur Toilette schaffte, zu stehen und zu merken, wie mir gefühlte 23 Liter Fruchtwasser in die Hose liefen.

Mein Mann hüpfte vor Verzückung hin und her und verkündete, ja, schon fast feierlich, „hier wird heute das Baby geboren!“. Ääähm, jaaa. Ich begab mich drei Meter weiter auf die Toilette und spürte, dass die Wellen nun an Fahrt aufnahmen.

Christian brachte mir mein Handy, um unsere Hebamme per Nachricht zu informieren, damit sie sich für die Nacht bereithalten könnte. Außerdem öffnete ich die Wehentracker-App, um einen Überblick über die Wehen zu erhalten. Ich blieb auf der Toilette sitzen und trackte erst mal. Zehn Minuten später schickte ich unserer Hebamme einen Screenshot und begab mich dann nach unten, wo Christian schon emsig den Pool mit warmen Wasser befüllte und schon die Kerzen und Lichter entzündet hatte.

Ich erinnere mich an eine warme und heimelige und doch auch freudig spannende Atmosphäre. Ich setzte mich auf den Gymnastikball und merkte, dass es wirklich ernst wurde. Ich schnappte mir wieder das Handy und rief unsere Hebamme an, um sie zu bitten, loszufahren. Sie sagte mir direkt, dass sie nach dem Screenshot jetzt eh schon auf dem Weg sei und Christian die Haustür anlehnen soll. Puuh, zum Glück.

Ab in den Pool!

Ich stieg ungeduldig bereits beim Wasserstand von gut 15 Zentimetern in den einladenden Pool und freute mich über das wohlig warme Wasser, welches mir Entspannung verschaffte. Christian hatte unsere Poolbeleuchtung auch schon angemacht, die das Wasser in einladendem Türkis leuchten ließ.

Die Wehen kamen mittlerweile alle zwei Minuten und forderten mir bereits volle Konzentration ab. Ab diesem Zeitpunkt etwa lief ich nur noch auf Autopilot. Unser Hund Pino riss mich kurzzeitig bellend aus meiner Konzentration, als Julia leise ins Haus kam. Ich hing schon auf dem rettenden Poolrand, während sie uns leise aber herzlich begrüßte, Pino natürlich zuerst.

Ein beruhigendes Gefühl machte sich in mir breit, als sie dann endlich da war. Tatsächlich hatte sie keine 20 Minuten gebraucht; meine zeitliche Wahrnehmung war zu dem Zeitpunkt allerdings schon weit weg und Christians ebenfalls, wie er mir hinterher sagte.

So veratmete ich weiter die Wellen und spürte, wie mein Muttermund sich öffnete, was ich während der beiden vorangegangenen Klinik-Geburten leider so gar nicht wahrnahm. Irgendwann kam Antonia leise dazu, was ich aber nicht bemerkte.

Christian saß auf dem Stuhl vor dem Pool und hielt mich. Ich verfluchte den Esslöffel Sauerkraut, den ich am Nachmittag gegessen hatte, da er bei gefühlt jeder Welle wieder hochkommen wollte — dies aber zum Glück nicht tat.

Nach einiger Zeit fragte Julia mich, ob sie nach dem Muttermund fühlen sollte. Ich bejahte und hoffte natürlich auf einen möglichst weit geöffneten Muttermund. Als sie anschließend sagte, sie werde schon mal den Backofen für die Handtücher anschalten, freute ich mich unheimlich. Da konnte es doch jetzt nicht mehr lange dauern, oder?

Mein Körper arbeitete unermüdlich und ich versuchte, ihn mental und aktiv zu unterstützen. Die Wellen wurden noch intensiver. Ein letztes Mal schaute ich auf meine selbstgestalteten Affirmationskarten und fokussierte mich. Ich kniete auf dem Poolboden, noch immer auf dem Rand, und von Christian gehalten, hängend. Dieses Gefühl der Öffnung war übermächtig, was mich intuitiv bei jeder Welle dazu brachte „weit!“ zu tönen, wie ein Mantra.

Ich habe die Wahl!

Ich wusste, dass ich in diesem Moment die Wahl zwischen „ich begrüße jede Welle und unterstütze meinen Körper“ und „ich habe Schmerzen und blockiere meinen Körper“ hatte. Ich entschied mich für Ersteres und ließ mich komplett darauf ein.

Ich hatte das Gefühl, dass es gut lief und wir bald unsere kleine Gesa im Arm halten würden. Unsere Hebamme hatte einen Spiegel ins Wasser gelegt, um den Überblick zu behalten.

Als es in die Übergangsphase ging, war ich extrem erschöpft und so holten die beiden mich aus dem Wasser raus. Ich sollte mich auf dem Sofa etwas ausruhen und neue Kraft sammeln für das Kommende. An Hinlegen war nicht zu denken, also saß ich auf dem Sofa auf einer Wickelunterlage.

Die Wellen waren nun deutlich anders, die Öffnung war spürbar abgeschlossen. Ein mächtiger Druck und das Gefühl, gesprengt zu werden, drohten mich zu erschlagen. Ich war unglaublich erschöpft. Julia saß zu meinem linken Knie und Christian zu meinem rechten. Sie wedelte mir mit einer Mullwindel Luft zu und sprach leise zu mir. Ich kam absolut an meine Grenze. Ich fühlte mich, als ob ich zwischen Himmel und Hölle schweben würde und mental nicht mehr da wäre. Ich korrigiere. Ich fühlte mich nicht nur so, nein, ich war mental nicht mehr da.

Das Gefühl von „es geht hier um Leben und Tod“ war omnipräsent, wobei das Gefühl absolut zum „Leben“ schrie und mit all seiner übermenschlichen Kraft mich überrollte. Ich wusste, es gab keinen Ausweg. Mein Mann war mein Anker. Bei jeder kommenden Welle guckte ich in seine Augen und nur so schaffte ich es, diese zu überstehen. Er durfte nicht wegblicken, geschweige denn aufstehen.

Privatfoto von Jeannette. Keine Nutzung ohne schriftliche Genehmigung.

Endspurt!

Durch die enorme Erschöpfung bin ich tatsächlich einmal zwischen zwei Wellen eingeschlafen, um dann kraftvoll aus diesem kurzen Schlaf durch die nächste Welle gerissen zu werden. Nach einer gewissen Zeit, ich weiß nicht wie viel Zeit verstrichen war, seitdem ich dort saß, empfahl Julia mir, mich vor das Sofa zu knien und mich auf Christians Schoß abzustützen.

Sie positionierte sich mit ihrer Schülerin direkt hinter mir. Es dauerte nicht mehr viele Wellen und der Pressdrang meldete sich. Was für ein unglaubliches Gefühl! Endlich konnte ich aktiv mitschieben. Ich mobilisierte die letzten Kräfte, um meinen Fokus auf diesen Moment zu richten und spürte, wie stark ich doch noch war!

Ich schob also und der Kopf kam ein Stück raus, um direkt wieder reinzurutschen. Das bereitete mir Sorgen, da ich mein Baby jetzt so schnell wie möglich gebären wollte. Julia beruhigte mich und sprach mir Mut zu. Und dann klappte es schließlich doch und der Kopf war bei der nächsten Wehe geboren.

Ich traute meinen Ohren nicht, brabbelte die kleine Gesa da etwa schon? Das verzückte Gelächter der beiden Hebammen gab mir die Bestätigung dafür. Jetzt wurde es noch einmal unangenehm, denn die Kleine drehte sich nochmal ordentlich rein.

In mir stieg erneut die Angst hoch, dass sie womöglich wieder reinrutschen könnte – völlig irrational im Nachhinein betrachtet. Dann kam die erlösende letzte Welle und Gesa rutsche in die Hände von Julia. Die Uhr zeigte 2:50 Uhr am 05.07.2021.

Es war geschafft. Sie lebt, ich lebe, ein Wunder ist geschehen. Julia gab sie mir direkt in den Arm, wobei ich aufpassen musste, da die Nabelschnur nicht allzu lang war. Christian hat – Gott sei Dank – geistesgegenwärtig sein Handy geholt und diesen besonderen Moment fotografiert. Tatsächlich weiß ich jetzt gar nicht mehr genau, was dann passiert ist.

Es ist geschafft!

Wir lagen dann auf dem Sofa, Gesa in ihren warmen Handtüchern auf meiner Brust, und sie fing auch sofort an zu suchen und schmatzend zu stillen. Die Plazenta wurde geboren und lag neben uns in einer Schüssel. Julia schaute noch nach Geburtsverletzungen, doch ich wusste schon, dass es nur Schürfungen sein konnten, was sie dann zum Glück auch bestätigte.

Danach hatten wir Zeit für uns. So lagen wir drei dort eine Stunde, während die beiden Hebammen ihren Schreibkram erledigten. Danach trennte Christian die Nabelschnur ab und Julia band das von unserer Oma gehäkelte Nabelbändchen um die verbliebene Nabelschnur. Die U1 folgte und in der Küche erklärte sie ihrer Schülerin und dem interessierten Christian die Plazenta ausführlich und brachte mir ein etwa 1cm³ großes Stück von dieser zum Runterschlucken. War leichter, als vermutet.

Christian erzählte mir hinterher, dass er total Panik hatte, weil er dachte, es gäbe vielleicht irgendeinen Brauch, bei dem der Mann ebenfalls ein Stück des Mutterkuchens schlucken müsse…der Arme! <3

Endlich ins Bett

Dann stützten die beiden Frauen mich und wir gingen nach oben, wo sie mich direkt auf die Toilette schickten. Klappte alles wunderbar, mir ging es vom Kreislauf her auch super. Endlich ins Bett! Die beiden, mittlerweile auch sichtlich müde und doch zufrieden, verabschiedeten sich herzlich von uns und so waren wir alleine.

Inzwischen war es halb sieben und die Sonne war aufgegangen. Um 8:30 Uhr kamen die großen Schwestern verschlafen aus ihren Zimmern gekrochen und guckten in unser Schlafzimmer. Sie sahen im ersten Moment ihre kleine Schwester nicht und die Große fragte ganz entrüstet, warum wir sie denn nicht für die Schule geweckt hätten.

Ich muss dazu sagen, dass Christian die beiden in der Nacht versucht hatte zu wecken und beide es nicht wahrgenommen haben, dass ihre kleine Schwester geboren war und einfach weiterschliefen! Doch nun kamen sie direkt zum Bett und begrüßten Gesa. Leni, unsere Große mit zehn Jahren, war so verliebt, dass sie den ganzen Tag nicht von ihr ablassen konnte. Sie beobachtete die schlafende Gesa und war dabei absolut glückselig.

Es war die von mir so sehr gewünschte heilende Geburt. Selbstbestimmt, intim, natürlich, kraftvoll und einfach nur wunderbar. Ich wünsche jeder Frau diese Erfahrung und hoffe, dass Geburten nicht weiter als schmerzhafte und grausame Notwendigkeit angesehen und verkauft werden.

Danke!

Ich bin einfach nur dankbar. Dankbar meiner einfühlsamen und starken Hebamme Julia, ihrer lieben Schülerin Antonia und nicht zuletzt meinem wundervollen Mann. Sie waren meine Anker auf dieser kraftvollen Geburtsreise, die mich an meine körperliche und mentale Grenze brachte.

Der komplette Adventskalender

  1. Rebekka: Traumgeburt mit Pizza
  2. Doris: Nele — Geburt in drei Akten
  3. Jeanette: Heilsame Hausgeburt im Wohnzimmer
  4. Dieter & Katrin: Alleingeburt aus Sicht eines Vaters
  5. Franziska: Das fünf-Kilo-Baby
  6. Franziska: Ein Sternengucker
  7. Carina: Schnelle Alleingeburt
  8. Sintia: Alleingeburt beim ersten Kind: Weil es genau das Richtige war
  9. Cindy: Angst ist ein schlechter Ratgeber
  10. Jana: Hockergeburt im Krankenhaus
  11. Nora: Beckenendlagengeburt
  12. Nora: Wassergeburt zu Hause
  13. Katrin: Hausgeburt einer Hebamme
  14. Barbara: Hausgeburt trotz extrem kurzer Nabelschnur
  15. Miriam: Geburt einer Sternenguckerin mit PDA und toller Unterstützung
  16. Andrea: Wassergeburt im Krankenhaus
  17. Nora: ungeplante Alleingeburt
  18. Kasia: Magische Vollmondgeburt
  19. Jana: Geburtshausgeburt mit viel gelassener Zeit und viel Geburtskraft
  20. Jessica: Die Wellensurferin
  21. Anna-Elisabeth: Drei Tage Blubbern vor dem Kaiserschnitt
  22. Katrin: Ein sanfter Notfallkaiserschnitt
  23. Sintia: Alleingeburt vor dem Klo
  24. Franziska: Wehencocktail vor der Hausgeburt

Und deine Geschichte?

Diese Geschichte habe ich nicht geschrieben, durfte sie aber veröffentlichen. Hast du deine Geburtsgeschichten aufgeschrieben? Oder fehlen mir dir die Worte? Willst du dazu meine Unterstützung in Anspruch nehmen, um die richtigen Worte zu finden? Ich helfe dir beim Schreiben der Geburtsgeschichte. Achtung, sie wird lang. Viel länger als diese hier. Das liegt alleine schon daran, dass du nicht schreiben musst, sondern erzählst. Hier gibt es mehr Informationen!

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