Katrin & Dieter: Alleingeburt aus Sicht eines Vaters

Dieter erzählt am heutigen vierten Tag des Geburtsgeschichten-Adventskalenders, wie er die Geburt seiner Tochter Melodi erlebte. Seine Frau Katrin brachte Melodi allein bei sich zu Hause im Geburtspool zur Welt.

Schwierige äußere Umstände

Kurz nachdem Katrin unseren Sohn Elios am 14.02.2020 im Geburtspool „La Bassine“ zur Welt brachte, brach mit der pandemischen Lage für uns eine schreckliche Zeit an. Kurz konnten wir ihr noch entrinnen, als wir mit Elios, der gerade 5 Wochen alt war, nach Kreta reisten und zwei Wochen am Meer verbrachten.

Doch dann kam der Alltag.

Schwangere und Gebärende sollten sich dem Diktat des Maskentragens beugen. Kein schöner Anblick!

Viele Menschen, die einen natürlichen Lebensstil oder eine natürliche Geburt bevorzugen, mussten ganz schön schlucken und ihre eigenen Wege gehen.

Und doch keimte in diesen Tagen der Wunsch nach dem alten normalen Lebensstil. Die Sehnsucht nach lieben Worten, Umarmungen, Küssen und Liebkosungen wuchs. Und mit ihr das Vertrauen in unsere eigenen Kräfte und Visionen. Und so nutzten wir die Gunst der Stunde zwischen der dritten und vierten „Welle“, uns auf den Weg in den Schwarzwald zu machen.

Der Umzug mit vier Kindern war denn auch nicht weniger als ein Marathonlauf. Siebzig gepackte Kartons, ein LKW voll Hausrat, ein ganzer moderner Hausstand wollte 500 km verschoben werden.

So gelang es uns mit gemeinsamer Kraftanstrengung, im Oktober umzuziehen. Katrin war da bereits hochschwanger.

Lampenfieber des Papas

Kaum angekommen, warteten nun viele Räume darauf, schlicht aber geschmackvoll eingerichtet zu werden. Und dann
erinnerten wir uns daran, dass wir einen Adapter brauchten, um das warme Wasser aus der Küche ins Wohnzimmer zu schaffen und fuhren zum Baumarkt.

Unsere liebe Hebamme Karin hatten wir leider nicht mitnehmen können und so blieb Katrin gar keine andere Wahl als eine selbstbestimmte Alleingeburt. Mir sprach sie wieder das Vertrauen aus, im entscheidenden Moment dabei sein zu dürfen.

Ein Tag zuvor, als Katrin in einem Einkaufsladen wegen einem Stechen nicht weiterfuhr, wurde mir erstmals kalt, als hätte mich ein Fieber erwischt. Das Lampenfieber war entbrannt und ich war nicht minder aufgeregt wie bei allen Geburten zuvor.

Nur dass ich mich, wegen des Umzugs völlig ausgelastet, noch unvermittelter und rascher ins kalte Wasser geworfen gefühlt habe.

Mit der Geburt weicht das Lampenfieber

Doch als Katrin in den Pool stieg, nachdem ich drei von vier Kindern ins Bett verabschieden konnte, veränderte sich die Anspannung. Die gewohnten Mantren, unter anderem Ajai Alai (Link zu Youtube), erklangen und die wundervoll verzierte Geburtskerze, die Katrin gestaltet hatte, verwandelte unser Wohnzimmer in eine Art Geburtshöhle.

Es war jetzt schon Abends gegen einundzwanzig Uhr, als sich Katrin mit geschlossenen Augen im warmen Wasser bewegte.

Der Anblick war so würdevoll, so stimmig, so kraftvoll und selbstbewusst.

Ich vernahm kein Klagen, keine Laute, kein Wehgeschrei. Alles, was ich in der nun folgenden Stunde wahrnahm, war mir längst vertraut. Der Anblick meiner in sich ruhenden Frau, die beruhigenden Melodien, das orange flackernde
Kerzenlicht und die sanften Wellen im Geburtspool verschmolzen zu einem ganz besonderen Zeitfenster.

Melodi ist geboren

Gegen 22:06 Uhr sah ich für einen kurzen Moment, wie sich nach dem Kopf rasch eine Schulter befreite,
und schon entglitt Melodi mit kräftiger Stimme dem warmen Schoß ihrer Mutter, um alsbald von ihr
herzlichst in die Arme genommen und begrüßt zu werden.

Die drei Jahre ältere Schwester Eleni lag während des Geburtsprozesses leise auf der Couch und verfolgte nur beiläufig, was geschah. Als aber ihre kleine Schwester erstmals schrie, begrüßte sie diese herzlichst und verließ wie nach einem Kinoabend den Saal, um bei ihrer älteren Schwester zu schlafen.

Katrin und ich warteten auf die Nachgeburt und als die Nabelschnur längst nicht mehr pulsierte, durchtrennte ich sie nach Anlegen eines gehäkelten Nabelbändchen mit zaghaftem und ehrfürchtigem Schnitt.

Nachdem Katrin unsere jüngste Tochter gestillt hatte, gab sie mir Bescheid, dass auch wir noch eine warme Mahlzeit einnehmen sollten, bevor wir uns in die dunkle Nacht verabschiedeten. Einige sehr schöne Momente konnte ich mit meiner Spiegelreflexkamera noch einfangen. Die Geburt und die zurückliegende Stunde aber werde ich für alle
Ewigkeit in der Kathedrale meines Herzens speichern. Nach drei gemeinsamen Geburten weiß ich um die
ungeheuerliche Kraft und Stärke meiner bezaubernden Frau und bin glücklich, dass wir trotz schwieriger
Zeit unseren eigenen, selbstbestimmten Weg gegangen sind.

Die 1 im Geburtenregister

Ein paar Tage später kümmerte ich mich um Melodis Anmeldung im Standesamt. Wir bekamen nach Elios bereits zum zweiten mal die Geburtenregisternummer 1. In Hornberg gab es seit 2017 keine Hausgeburt mehr. Die Standesbeamtin nahm meine mündliche Geburtsanzeige ohne Vorlage eines ärztlichen Zeugnisses entgegen.

Acht Tage später gratulierte der Bürgermeister zur Geburt von Melodi und schenkte – wie könnte es zu einer Wassergeburt besser passen – eine Familien-Saisonkarte für das städtische Freibad.

Und Silvester dieses Jahr feiern wir mit drei gemeinsamen Kindern unser 3. Ehejahr. 

Der vollständige Adventskalender

  1. Rebekka: Traumgeburt mit Pizza
  2. Doris: Nele — Geburt in drei Akten
  3. Jeanette: Heilsame Hausgeburt im Wohnzimmer
  4. Dieter & Katrin: Alleingeburt aus Sicht eines Vaters
  5. Franziska: Das fünf-Kilo-Baby
  6. Franziska: Ein Sternengucker
  7. Carina: Schnelle Alleingeburt
  8. Sintia: Alleingeburt beim ersten Kind: Weil es genau das Richtige war
  9. Cindy: Angst ist ein schlechter Ratgeber
  10. Jana: Hockergeburt im Krankenhaus
  11. Nora: Beckenendlagengeburt
  12. Nora: Wassergeburt zu Hause
  13. Katrin: Hausgeburt einer Hebamme
  14. Barbara: Hausgeburt trotz extrem kurzer Nabelschnur
  15. Miriam: Geburt einer Sternenguckerin mit PDA und toller Unterstützung
  16. Andrea: Wassergeburt im Krankenhaus
  17. Nora: ungeplante Alleingeburt
  18. Kasia: Magische Vollmondgeburt
  19. Jana: Geburtshausgeburt mit viel gelassener Zeit und viel Geburtskraft
  20. Jessica: Die Wellensurferin
  21. Anna-Elisabeth: Drei Tage Blubbern vor dem Kaiserschnitt
  22. Katrin: Ein sanfter Notfallkaiserschnitt
  23. Sintia: Alleingeburt vor dem Klo
  24. Franziska: Wehencocktail vor der Hausgeburt

Und deine Geschichte?

Diese Geschichte habe ich nicht geschrieben, durfte sie aber veröffentlichen. Hast du deine Geburtsgeschichten aufgeschrieben? Oder fehlen mir dir die Worte? Willst du dazu meine Unterstützung in Anspruch nehmen, um die richtigen Worte zu finden? Ich helfe dir beim Schreiben der Geburtsgeschichte. Achtung, sie wird lang. Viel länger als diese hier. Das liegt alleine schon daran, dass du nicht schreiben musst, sondern erzählst. Hier gibt es mehr Informationen!

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