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Um denjenigen gerecht zu werden, die sich mit den Worten „Frau“ oder „Mutter“ nicht identifizieren können, obwohl in ihrer Geburtsurkunde „weiblich“ steht, habe ich mich dazu entschlossen, in meinen eigenen Beiträgen „Mutter“ und „Frau“ jeweils mit dem Inklusionssternchen zu versehen. Ihr werdet also Frau* oder Mutter* lesen (falls der Text von mir kommt und nicht von anderen Menschen). Geschlechtergerechte und inklusive Sprache ist mir ein Herzensthema, allerdings ist (meine persönliche und die gesellschaftliche) Entwicklung dazu noch lange nicht abgeschlossen. Mal sehen, wie ich es in Zukunft angehe. Mehr zum Thema liest du unter anderem hier: Sollte ein Geburtsblog geschlechtsneutral sein, Gebären wie eine Feministin und Sex, Gender, Geburten und die deutsche Sprache.
Wenn ich zurückdenke an die Zeit nach meiner ersten Geburt, dann erinnere ich mich an so vieles: die Überwältigung, die Erschöpfung, die unerwartete Freude, das Chaos aus Windeln und Stillkissen und schlaflosen Nächten. Meine Hebamme nahm sich damals die Zeit, mir zu erklären, was mit meinem Beckenboden gerade passiert – und warum ich ihm jetzt besonders viel Aufmerksamkeit schenken sollte. Der Beckenboden war neun Monate lang die tragende Hängematte, auf der das Baby ruhte. Er hat die Geburt ermöglicht. Und als das Baby da war, brauchte er Zeit, Fürsorge und Training – um wieder das zu werden, was er vorher war.
Ich fand das Thema selbstverständlich und war später arg desillusioniert, also ich feststellte: Das Wissen um den Beckenboden ist nicht so breit gestreut.
Dieser Artikel ist für alle, die gerade im Wochenbett liegen oder die Geburt ein paar Monate hinter sich haben und sich fragen: Warum hat mir das eigentlich niemand so erklärt?
Was der Beckenboden eigentlich ist – und warum er so wichtig ist
Der Beckenboden ist ein Muskelgeflecht aus drei Schichten, das das Becken nach unten hin abschließt. Man kann ihn sich wie eine Hängematte vorstellen, gespannt zwischen Schambein und Steißbein, auf der Blase, Gebärmutter und Darm ruhen. Durch ihn verlaufen Harnröhre, Vagina und Anus.
Er übernimmt eine Menge Aufgaben: Er hält die Beckenorgane in Position, kontrolliert Blase und Darm, ist mitverantwortlich für das Empfinden beim Sex – und reagiert auf Erschütterungen, Druck, Lachen, Niesen und Husten mit reflexartiger Anspannung. Oder er sollte es, jedenfalls.
Nach einer Geburt ist das alles aus dem Gleichgewicht geraten. Das ist normal. Aber es ist etwas, das man wissen und ernst nehmen sollte.
Der Beckenboden während der Schwangerschaft und Geburt
Neun Monate lang hat der Beckenboden das Gewicht des Babys, der Gebärmutter und des Fruchtwassers getragen. Gleichzeitig haben Hormone dafür gesorgt, dass die Muskulatur weicher und dehnbarer wird: Körpereigene Geburtsvorbereitung. Einerseits ist das eine notwendige Anpassung, andererseits hinterlässt sie aber auch Spuren.
Bei einer vaginalen Geburt wird der Beckenboden stark gedehnt und kann Verletzungen oder Risse erleiden. Manchmal wird ein Dammschnitt (Episiotomie) durchgeführt. Auch bei einem Kaiserschnitt ist der Beckenboden nicht unberührt geblieben, schließlich hat er ja die gesamte Schwangerschaft über zusätzliches Gewicht getragen.
Nach der Geburt ist es daher völlig nachvollziehbar, wenn das Niesen plötzlich unangenehm wird. Wenn Lachen oder Husten ein leichtes Tröpfeln auslöst. Wenn das Körpergefühl in der Beckenregion sich irgendwie anders anfühlt als vorher. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist Biologie.
Wann beginnt die Rückbildung – und was erwartet mich?
Die Beckenbodenrückbildung beginnt in der Regel etwa sechs Wochen nach der Geburt, wenn bei der ersten Nachsorgeuntersuchung der Beckenboden manuell untersucht wird. Kraft, Tonus und Elastizität der Muskulatur werden dabei beurteilt. Und auf dieser Basis wird entschieden, was sinnvoll ist.
Verordnet werden kann die Beckenbodentherapie von Gynäkolog*innen, Hausärzt*innen oder Urolog*innen. Durchgeführt wird sie von Hebammen oder Physiotherapeut*innen, die auf Beckenbodenarbeit spezialisiert sind. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in der Regel zehn Rückbildungskurse nach der Schwangerschaft – es lohnt sich also, die Krankenkasse direkt zu fragen.
Was genau in der Therapie passiert, hängt von den individuellen Bedürfnissen ab. Manchmal geht es darum, den Beckenboden zu kräftigen. Manchmal – und das wird oft vergessen – geht es ums genaue Gegenteil: um das Loslassen und Entspannen einer Muskulatur, die zu stark angespannt ist.
Verschiedene Methoden: Von der Visualisierung bis zum Biofeedback
Hebammen arbeiten häufig mit manuellen Techniken und Visualisierungsübungen. Das sind zum Beispiel innere Bilder wie eine Hängematte, eine Höhle oder eine Zugbrücke helfen dabei, einzelne Muskelbereiche bewusst wahrzunehmen. Das klingt vielleicht ungewohnt, aber das Körperbewusstsein für eine Muskelregion, die wir im Alltag kaum sehen oder spüren, lässt sich tatsächlich gezielt schulen.
Physiotherapeut*innen setzen oft auf Biofeedback. Das ist eine Methode, bei der eine vaginale Sonde mit Sensoren die Muskelanspannung erfasst und in Echtzeit zurückmeldet. Das kann visuell oder akustisch geschehen. Man sieht also buchstäblich, wie gut man anspannt. Das macht die eigentlich unsichtbare Muskelarbeit greifbar und motiviert.
Biofeedback hat den entscheidenden Vorteil, dass man selbst aktiv ist: Man lernt, den eigenen Beckenboden zu steuern, statt ihn nur durch elektrische Impulse passiv zu stimulieren. In der wissenschaftlichen Literatur gilt es als eine der wirksamsten Methoden zur Beckenbodenrehabilitation.
Wer die Rückbildung über die Therapiesitzungen hinaus zu Hause fortführen möchte, für den gibt es inzwischen auch digitale Hilfsmittel. Eine Übersicht über Methoden, Geräte und was sie können, findest du zum Beispiel auf der Informationsseite von Emy by Fizimed zur Beckenboden-Rückbildung. Dort werden die verschiedenen Ansätze klar und gut recherchiert erklärt.
Warum das alles auch eine feministische Frage ist
Die mangelnde Aufmerksamkeit für den postpartalen Beckenboden ist kein zufälliges Versäumnis. Aus meiner Sicht hat sie System: Körpervorgänge, die als „weiblich“ gelten, werden im medizinischen und gesellschaftlichen Diskurs chronisch unterbewertet. Inkontinenz nach der Geburt wird als normal abgetan. Schmerzen beim Sex werden nicht ernsthaft nachgefragt. Der Beckenboden taucht in Geburtsvorbereitungskursen oft nur am Rande auf.
Dabei betrifft es fast alle: Jede vierte Frau* in Deutschland ist von Blasenschwäche betroffen. Die meisten reden nicht darüber. Viele wissen nicht, dass sich rund 80 Prozent aller leichten bis mittelschweren Formen durch gezieltes Training deutlich verbessern oder sogar vollständig beheben lassen.
Das Schweigen über den Beckenboden ist das Problem. Nicht der Beckenboden selbst.
Was ich mir wünschen würde
Ich wünschte mir, dass Beckenbodenrückbildung genauso selbstverständlich Teil der Nachsorge wäre wie das Wiegen des Babys. Dass Frauen* beim Sechs-Wochen-Termin nicht nur gefragt werden, ob die Wunden verheilt sind, sondern wie es ihrem Beckenboden geht. Dass Hebammen und Physiotherapeut*innen nicht auf Wartelisten von mehreren Monaten verweisen müssten, weil das Angebot der Nachfrage schlicht nicht gerecht wird.
Solange das System das nicht leistet, liegt die Verantwortung leider bei dir persönlich: Sprich das Thema aktiv an. Bei deiner Gynäkologin, deiner Hebamme, deiner Physiotherapeutin. Frag nach einer Verordnung. Frag nach Möglichkeiten zum Weitertraining zu Hause. Der Beckenboden hat die Schwangerschaft und die Geburt getragen – er verdient mehr Aufmerksamkeit als ein einziger Termin im Wochenbett.
Kennst du Geburtsgeschichten, in denen die Zeit nach der Geburt – das Wochenbett, die Rückbildung, der veränderte Körper – eine Rolle spielt? Ich freue mich immer über Geschichten, die diesen oft unsichtbaren Teil der Elternschaft sichtbar machen. Schreib mir gerne.
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Katharina Tolle
Wie schön, dass du hier bist! Ich bin Katharina und betreibe seit Januar 2018 diesen Blog zu den Themen Geburtskultur, selbstbestimmte Geburten, Geburtsvorbereitung und Feminismus.
Meine Leidenschaft ist das Aufschreiben von Geburtsgeschichten, denn ich bin davon überzeugt, dass jede Geschichte wertvoll ist. Ich helfe Familien dabei, ihre Geschichten zu verewigen.
Außerdem setze ich mich für eine selbstbestimmte und frauen*-zentrierte Geburtskultur ein. Wenn du Kontakt zu mir aufnehmen möchtest, schreib mir gern!

