The Carbon Almanac und Geburten

oder: Was hat ein Buch über Kohlenstoffdioxid mit Geburtskultur zu tun?

Im vergangenen Winter habe ich viel Zeit in das Lektorieren von Texten gesteckt. Ja, das mache ich auch beruflich, aber in diesem Fall ging es um die Mitarbeit in einem Pro-Bono-Projekt, bei dem ich keinen einzigen Cent gesehen habe: Es ging um das Buch The Carbon Almanac.

Der Carbon Almanac ist ein Projekt von Freiwilligen, die Fakten zu Kohlenstoffdioxid und Klimawandel zusammengetragen haben. Jede*r von uns hatte eine konkrete Aufgabe, die wir uns selber ausgesucht haben. Die Kommunikation lief digital und fast ausschließlich asynchron. Unser Ziel: Wir wollen Fakten zum Klimawandel allen zugänglich machen, wir wollen konkrete Schritte zeigen, den eigenen CO2-Fußabdruck zu verringern und wir wollen Mut machen: Wenn wir es anpacken — alle zusammen, ohne uns gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben — können wir es schaffen.

Wir können die Welt vor den schlimmsten Folgen der Klimakatastrophe bewahren.

Natürlich findest du im Buch nichts grundlegend Neues. Die Fakten waren auch vorher schon bekannt; und es gab auch vorher schon Tipps, was wir im Kleinen wie im Großen ändern können.

Das Besondere am Buch ist die Gemeinschaft, die sich durch das Buch formt. Jede Person, die darüber spricht, trägt dazu bei, dass der Sog etwas größer wird und dass wir vom Reden auch ins Handeln kommen. Und wenn der Druck groß genug ist, werden auch große Wirtschaftsunternehmen und Regierungen ihre Anstrengungen vervielfachen, den Klimawandel aufzuhalten und die Klimakatastrophe zu verhindern.

Ich bin privilegiert: Ich bin weiß, habe genug Geld und Bildung. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Doch ich habe Angst, wenn ich daran denke, welches Leben meine Kinder und vor allem meine Enkelkinder einst leben werden.

Und deshalb habe ich mich als Lektorin beim Carbon Almanac engagiert und lege das Buch — wenn auch bisher nur die englische Version — allen ans Herz, denen das genauso geht. Es gibt zusätzlich kostenlos einen täglichen Newsletter mit Ideen, Hintergründen und Mutmachern (der Link führt dich auch zu allen bisher erschienenen Ausgaben). Und es gibt eine kostenlose Kinder-Version (leider bisher auch nur auf Englisch…)

Kinder als Klimakiller

Haha, Katharina, na super. Du redest von Klimarettung, hast aber selber drei Kinder in die Welt gesetzt — obwohl das deinen CO2-Abdruck extrem vergrößert.

Ja, ihr habt Recht. Klar versuche ich, den Abdruck dennoch zu verringern, beispielsweise durch Hausgeburten, Stoffwindeln und Stillen statt Pre-Nahrung. Aber Fakt bleibt Fakt: Jedes zusätzliche Menschenkind (besonders im globalen Norden) erhöht wesentlich den Treibhausgasausstoß.

Der folgende Absatz soll deshalb keine Rechtfertigung sein, sondern lediglich erklären, wie ich jeden Tag dennoch weiterleben kann, statt mich zu grämen, dass ich nicht perfekt bin oder genug tue:

Ich will diese Welt nicht für mich retten. Denn, wie gesagt: Meine Generation wird es (in Deutschland) irgendwie doch noch schaffen, halbwegs angenehm zu leben. Ohne meine Kinder hätte ich deshalb nur eine Motivation, zu helfen, um das Leben „irgendwelcher anderen Menschen“ positiv zu verändern.

Durch meine Kinder ist meine Motivation, mich gegen den Klimawandel zu engagieren und auch persönlich etwas dafür zu tun, dass mein CO2-Abdruck klein bleibt, wesentlich größer. Ob ich letztendlich mit Kindern mehr CO2 ausstoße oder wegen der größeren Verantwortung eher welches einspare, weiß ich nicht.

Und deshalb mache ich auch niemandem einen Vorwurf aus bestimmten Handlungen oder einem Lebensstil. Vorwürfe bringen uns nicht weiter. Wir alle können uns gegenseitig vorwerfen, nichts zu tun, nicht genug zu tun, scheinheilig und heuchlerisch zu sein oder einfach keine Ahnung zu haben.

Das hilft aber nicht weiter. Der Carbon Almanac ist nur ein weiteres kleines Mosaikstück, das hoffentlich dazu beiträgt, dass wir die Klimakatastrophe stoppen. Wenn du ihn lesen willst, findest du hier alle Infos. Und falls du mitmachen willst: Hier entlang.

Die Macht der Gemeinschaft

Ganz abgesehen vom Thema hat mich die Arbeit am Carbon Almanac fasziniert: Mehrere Hundert Freiwillige über mehr als 90 Länder (und gefühlt über alle Zeitzonen der Welt) verteilt. Alle haben auch noch ihre „normalen Leben“. Niemand gibt eine Rolle vor. Alle suchen sich genau die Rolle, die zu ihnen passt: Manche in der Koordination, manche in der Ausführung. Der Umgangston ist immer ehrlich, freundlich, hilfsbereit. Niemandem wird Arbeit aufgedrückt, sondern die Menschen ziehen sich genau die Arbeit, die sie gerade leisten können und kommunizieren, wann sie keine Zeit haben. Manche stecken zwei Stunden am Tag in den Carbon Almanac, andere zwei Stunden im Monat.

Niemals zuvor habe ich in einem so komplexen Projekt gearbeitet, dass sich dennoch so einfach und klar anfühlte.

Gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme

Und genau das macht mir Mut. Gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme sind nicht einfach ein Spruch aus meiner UN-Hochschulgruppenzeit. Es kann klappen. Und was in Bezug auf dem Klimawandel klappt, kann auch in Bezug auf unsere Geburtskultur klappen. Natürlich ist der Weg lang und natürlich gibt es keine Veränderung von heute auf morgen. Und natürlich braucht es starke und gut vernetzte Menschen, die so ein Projekt ins Rollen bringen. Seth Godin, ein Marketing-Spezialist aus den USA übernimmt diese Rolle im Almanac. Falls du noch nie von ihm gehört hast, ist das gut: Es zeigt, dass es keine Popstars braucht, um erfolgreich zu sein.

Das Ziel des Carbon Almanac Projekts ist nicht nur ein Buch. Es ist die Gemeinschaft dahinter. Es gibt keinen offiziellen Club. Es gibt keine Mitgliedskarte und es gibt keine Struktur, innerhalb derer man aufsteigen könnte. Es ist eine Gruppe von Gleichgesinnten. Wer sich dazugehörig gefühlt, ist dabei.

Diese Art von Gemeinschaft brauchen wir auch in Bezug auf Geburtskultur. Vereine und Verbände sind ein wichtiger Bestandteil, weil sie konkrete Ansprechpersonen für die Politik sind und Eltern erste Anlaufstellen bieten können (beispielsweise Normale Geburt oder Mother Hood, aber auch Berufsverbände!). Doch auch, wer nicht in einem Verband ist, gehört zum Netzwerk.

Jede Person, die sagt Geburtskultur ist mehr als die Farbe des Kreißsaals ist bereits Teil der Gemeinschaft. Denn je mehr wir über Geburten sprechen, desto mehr können wir herausfiltern, was gut läuft und was schlecht läuft. Welche Fortschritte unterstützen gute Geburten und welche gesellschaftlichen und medizinischen Veränderungen sind problematisch? Wie wünschen wir uns Geburten und wie wünschen wir uns den gesellschaftlichen Umgang mit Schwangeren, Gebärenden, Wöchnerinnen und ihren Familien?

Meine Arbeit hier reicht nicht aus, um den Sog zu entfachen, den der Carbon Almanac bereits jetzt auslöst (immerhin ist es bereits jetzt ein Bestseller in den USA). Doch wenn meine Arbeit wenigstens ein paar Menschen dazu bringt, demnächst ernsthaft zu fragen Wie hast du die Geburt empfunden? und dann einfach zuzuhören (ohne zu werten!), habe ich bereits das erste Ziel erreicht. Denn ehrlich über unsere Geburten zu sprechen ist der erste Schritt hin zu einer Gesellschaft, in der Geburten als Feste des Lebens, als tiefgreifende Veränderungen und als Verantwortung der Gemeinschaft gesehen werden.

Danke an alle, die dabei sind: Beim Carbon Almanac genauso wie für eine offene, hilfreiche und liebevolle Geburtskultur.

Cover des Buches The Carbon Almanac

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