Die Hoffnung der Chani Kaufman: Buchrezension

Ein bisschen ungewöhnlich mag dir diese Buchrezension am Mittwoch vorkommen, denn das Buch endet, als Chani in den Wehen liegt. Aber ich will es euch trotzdem vorstellen, denn es passt wunderbar auf diesen Blog: Frauenbilder, Fruchtbarkeitsprobleme, Feminismus…

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Um denjenigen gerecht zu werden, die sich mit den Worten „Frau“ oder „Mutter“ nicht identifizieren können, obwohl in ihrer Geburtsurkunde „weiblich“ steht, habe ich mich dazu entschlossen, in diesem Beitrag „Mutter“ und „Frau“ jeweils mit dem Inklusionssternchen zu versehen. Ihr werdet also Frau* oder Mutter* lesen. Geschlechtergerechte und inklusive Sprache ist mir ein Herzensthema, allerdings ist (meine persönliche und die gesellschaftliche) Entwicklung dazu noch lange nicht abgeschlossen. Mal sehen, wie ich es in Zukunft angehe. Mehr zum Thema liest du unter anderem hier: Sollte ein Geburtsblog geschlechtsneutral sein, Gebären wie eine Feministin und Sex, Gender, Geburten und die deutsche Sprache.

Die Hoffnung der Chani Kaufman

Klar, als erstes braucht es eine kurze Inhaltsangabe. Also, los geht’s: Die Hoffnung der Chani Kaufman ist Teil Zwei einer Buchreihe. Der erste Teil heißt Die Hochzeit der Chani Kaufman. Ich habe Teil Eins nicht gelesen, das war aber auch nicht nötig, um in diesem zweiten Band zu versinken.

Chani Kaufman ist eine strenggläubige Jüdin; ihr Mann Baruch geht auf die Rabbinerschule. Gemeinsam leben sie in Jerusalem. Seit über einem Jahr sind die beiden nun schon verheiratet. Da Nachkommen für religiöse jüdische Familien extrem wichtig sind, wird der Druck auch Chani und Baruch immer größer.

Doch Chani wird nicht schwanger.

Schließlich fliegen sie nach London in eine Fruchtbarkeitsklinik. Die Untersuchungen werden von Baruchs Eltern gezahlt, obwohl Baruchs Mutter Chani lieber gar nicht als Schwiegertochter hätte.

Schließlich stellt sich heraus, dass Chani einen frühen Eisprung hat. Laut jüdischer Tradition darf sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit Baruch das Bett teilen, weil sie erst nach einer bestimmten Zeit und einem rituellen Bad wieder als rein gilt.

Ein bekannter Arzt der londoner jüdischen Gemeinde schließlich verschreibt Chani ein Medikament, das ihren Eisprung nach hinten verschieben soll, sodass sie die Regeln ihres Glaubens einhalten und trotzdem schwanger werden könnte.

Chani wird schließlich schwanger, allerdings ohne die Einnahme der Pillen. Das Buch endet schließlich damit, wie Chani, wieder zurück in Jerusalem, die ersten Wehen verspürt.

Neben Chanis und Baruchs Geschichte gibt es weitere miteinander verwobene Handlungstränge, zum Beispiel von Rivka, die aus der strenggläubigen Gemeinde Londons austreten möchte und dabei ihre Familie entzweit, Rivkas Sohn, der in eine Rabbinerschule in Jerusalem geht und sich in ein nichtgläubiges Mädchen verliebt, und Baruchs Mutter, die hinter seinem Rücken versucht, eine neue Frau für ihn zu finden.

Glaube, Fortpflanzung & die Rolle der Frau

Zunächst muss ich an dieser Stelle sagen: Drei Aufenthalte in Israel (damals, bevor ich Kinder hatte…) haben mich eher mit atheistischen Menschen oder mit Menschen aus dem Reformjudentum in Kontakt gebracht. Wir haben zusammen den Shabbat gefeiert, aber auch Partys auf den Straßen Tel Avivs. Mein Wissenszuwachs in Bezug auf Strenggläubigkeit hielt sich also in Grenzen. Durch das Buch die Hoffnung der Chani Kaufmann habe ich zwar viel über das Judentum gelernt, bin aber bei weitem keine Expertin.

(Falls du in dieser Hinsicht einen ersten Einblick bekommen willst, empfehle ich dir die Videoreihe von Marina Weisband und Eliyah Havemann zu dem Thema.)

Insofern ist klar: Ich gebe mein Bestes, aber ob ich alles immer ganz richtig schreibe, kann ich nicht versprechen. Wenn du Anmerkungen hast: Immer her damit!

So, nach diesen einleitenden Worten geht es nun also um ein zentrales Thema im Buch: Glaube, Fortpflanzung und die Rolle der Frau. Die heiligen Schriften des Judentums sagen ziemlich deutlich

Seid fruchtbar und mehrt euch und regt euch auf Erden, daß euer viel darauf werden.

1.Mose 9:7, in der Übersetzung der Lutherbibel von 1912.

Und das nehmen viele Paare wörtlich. Je strenggläubiger, desto mehr Kinder haben jüdische Familien vermutlich im Durchschnitt.

Solange beide das wollen, gibt es wohl keinen Grund, daran herumzudeuteln. Was aber, wenn nur eine Person mehr Kinder will, die andere nicht? Oder was passiert, wenn, wie in Chanis Fall, einfach keine Schwangerschaft zustandekommt?

Dann steigt der Druck. Denn sowohl die Familie als auch das Umfeld erwarten Nachwuchs. »In den streng orthodoxen Gemeinden ist das Thema Unfruchtbarkeit mit einem sehr viel stärkeren Druck und einem größeren Stigma verbunden als zum Beispiel im Reformjudentum«, erzählt eine Betroffene in der Jüdischen Allgemeinen. (Ich kann dir den ganzen Artikel empfehlen; er ist ausgesprochen informativ.)

Das ist auch genau das, was im Buch sehr gut rüberkommt: Wie es Chani mit ihrer Kinderlosigkeit geht, ist den anderen Menschen erstmal ziemlich egal. Oberste Priorität haben nicht ihre Gefühle, sondern das Erreichen einer Schwangerschaft — wenn irgend möglich, ohne ein jüdisches Gesetz zu verletzen.


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Chani spürt diesen Druck. Sie will dieses Kind; sie will sowohl ihren Mann als auch ihre Familie und Gemeinde nicht enttäuschen. Und sie zweifelt immer wieder an sich selbst und an ihrem Glauben. Denn ihr Kinderlosigkeit, so denkt sie, könnte auch eine Bestrafung ihres Schöpfers sein. Immerhin hatte sie (in Band 1) dafür gekämpft, den Mann ihrer Wahl heiraten zu dürfen, statt sich einer arrangierten Ehe hinzugeben.

Ihre Zweifel lassen Chani zwar nicht an ihrem Glauben zweifeln, aber an der Gesellschaft und ihren Regeln und Normen. Und so geht es, ganz unterschwellig, im Buch auch immer wieder um die Frage, wie Frauen sich positionieren in einer (Parallel-) Gesellschaft, die viel stärker von Männern und ihren Regeln dominiert ist als wir das in säkularen Gesellschaften kennen (und das will schon was heißen, denn ganz ehrlich: Selbst in atheistischen Gesellschaften ist das Patriarchat der Normalfall!).

So finde ich es denn auch besonders gelungen, dass in diesem Buch nicht „die Männer“ alle böse und „die Frauen“ alle gut sind. Sondern dass alle Personen ihre Schattenseiten haben. (Okay, die Frau von Rabbi Ehrlich ist einfach nur toll. Keine Schattenseite. Aber sie bleibt eine Nebenfigur.)

Wie Chani einerseits ihren Glauben behält und andererseits mit den ganz praktischen Folgen dieser Glaubensregeln umgeht, hat mich zutiefst beeindruckt und macht dieses Buch extrem lesenswert. Denn obwohl sie auf den ersten Blick nicht besonders selbstbestimmt erscheinen mag, ist sie für mich ein sehr starker Charakter. Natürlich ist es einfach, selbstbestimmt zu sein, wenn alle Entscheidungen mit dem zusammenfallen, was das eigene Weltbild so hergibt. Aber was passiert, wenn genau das nicht der Fall ist? Wie sieht deine Entscheidung dann aus? Wie selbstbestimmt bleibst du, wenn es dich etwas kostet? Genau das hat mich an Chani (und auch ein paar anderen Männern und Frauen im Buch) beeindruckt.

Fazit: Die Hoffnung der Chani Kaufman

Die Hoffnung der Chani Kaufmann ist ein unglaublich lesenswertes Buch. Als ich meinen Kindern die Handlung beschrieb, sagte der Mittlere nur ganz trocken: „Da passiert aber nicht viel…“ Und genau so scheint es auf den ersten Blick. Doch es passiert eine ganze Menge, denn keine der Hauptfiguren kommt so aus der Geschichte heraus wie sie hereingeschlittert ist. Im Gegenteil: Alle machen eine Entwicklung durch. Keine dieser Entwicklungen ist einfach. Manche kommen ihrem Glauben dadurch näher, andere entfernen sich davon oder entdecken ihn neu.

Und am Ende bleibe ich als Leserin zurück, die Chani von Herzen eine einfache Geburt wünscht, und die merkt: Manchmal ist die Geburt wirklich nur ein notwendiger Schritt, und die entscheidende Selbstbestimmung fand bereits viel früher statt.

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Katharina Tolle

Wie schön, dass du hier bist! Ich bin Katharina und betreibe seit Januar 2018 diesen Blog zu den Themen Geburtskultur, selbstbestimmte Geburten, Geburtsvorbereitung und Feminismus.

Meine Leidenschaft ist das Aufschreiben von Geburtsgeschichten, denn ich bin davon überzeugt, dass jede Geschichte wertvoll ist. Ich helfe Familien dabei, ihre Geschichten zu verewigen.

Außerdem setze ich mich für eine selbstbestimmte und frauen*-zentrierte Geburtskultur ein. Wenn du Kontakt zu mir aufnehmen möchtest, schreib mir gern!

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