Tipps für Gespräche über Geburten mit der eigenen Mutter

„Ach, ich weiß das gar nicht mehr so genau. Ich bin ins Krankenhaus gefahren und da lag ich dann halt mit den anderen Frauen im Kreißsaal. Irgendwann kam der Arzt rein und hat den Dammschnitt gemacht. Danach durfte ich pressen. Und dann warst du da.“

In zehn Tagen ist Muttertag. Wie reagiert deine Mutter eigentlich, wenn du sie darauf ansprichst, wie du zur Welt gekommen bist? Immerhin ist sie an diesem Tag auch rechtlich zur Mutter geworden. Mental war sie es vermutlich vorher schon…

Die eigene Geburt kann ein heikles Thema sein.

  • War die Schwangerschaft mit dir überhaupt gewollt?
  • Wie erlebte deine Mutter die Schwangerschaft?
  • Wie erlebte deine Mutter die Geburt? Hatte sie starke Schmerzen? Empfand sie die Geburt erhebend oder erniedrigend?
  • Macht(e) sie dich dafür verantwortlich, dass sich ihr Leben in ungewollte Richtungen entwickelte?

Es kann schwierig sein, mit der eigenen Mutter über Geburten zu sprechen. Denn was ist, wenn sie tatsächlich noch immer schlimme Erinnerungen hat? Oder was ist, wenn sie sich unwohl fühlt, weil sie sieht, dass du ganz anders an deine bevorstehende Geburt herangehst als sie damals? Oder gibt es vielleicht sogar eine „Familientradition“, wie Kinder bei euch zur Welt kommen?

In diesem Beitrag möchte ich dir ein paar Hinweise geben, wie du das Gespräch mit deiner Mutter über deine Geburt führen kannst — und warum es vielleicht sinnvoll ist, genau das zu tun.

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Warum überhaupt mit Mama über meine Geburt sprechen?

Pandora ließ der Legende nach alle Übel der Welt auf die Menschheit los, indem sie den Krug (bzw. die Büchse) öffnete. Und seitdem sind die Übel da und niemand kann sie wieder einfangen. Vielleicht geht es dir so ähnlich, wenn du an die Geschichte deiner Mutter denkst. Dir ist schon klar, dass sie irgendwie da drin ist und dich vielleicht auch jetzt schon irgendwie beeinflusst. Aber du fürchtest dich davor, das Thema anzuschneiden.

Oder du gehst schlichtweg davon aus, dass die Geburtserfahrung deiner Mutter keinen Einfluss auf eure Beziehung hatte.

Vielleicht erzählt deine Mutter auch so häufig davon, dass du die Geschichte schon nicht mehr hören kannst.

In jedem Fall findest du gute Gründe, das Thema gar nicht erst aufzubringen. Doch das ist schade. Denn es kann gut sein, dass die Geburtserfahrung deiner Mutter euch beide beeinflusst.

Die wenigsten Menschen verarbeiten ihre Erlebnisse, ohne darüber zu sprechen. Und selbst wenn sie darüber sprechen, kann es gut sein, dass sie nicht ernst genommen werden.

Stell dir vor, du wüsstest, wie die Geburtserfahrung deiner Mutter sich auf ihr Wochenbett und die erste Zeit mit Baby ausgewirkt hat. Stell dir vor, du könntest die Muster dahinter erkennen. Stell dir vor, du wüsstest, welche Prägung sie durch die gesellschaftlichen Umstände und den konkreten Ablauf der Geburt erfuhr.

Es wäre so viel leichter, all eure Konversationen im Lichte dieser Erlebnisse richtig einordnen zu können.

Akzeptanz schaffen

Häufig fühlen sich unsere Mütter von uns angegriffen, wenn wir sie dazu auffordern, zu erzählen. Vielleicht wollen wir eigentlich nur wissen, was passiert ist. Doch unsere Mütter fallen sofort in eine Verteidigungsrhythmus. Manchmal geht es um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen („das war damals eben so“), manchmal um ihre persönliche Entscheidung („Ich hab mich so entschieden und es steht dir nicht zu, das zu hinterfragen“).

Wenn du die Geschichte deiner Mutter anhörst, ohne Rückfragen zu stellen, akzeptierst du sie.

Und damit hilfst du auch deiner Mutter, ihre Geschichte genauso zu akzeptieren. Wir Menschen sind nun mal soziale Wesen. Es tut uns gut, wenn das, was wir tun, von anderen angenommen wird.

Nimm deshalb die Geschichte deiner Mutter an, wie sie diese erzählt. Frag im Zweifelsfall noch nicht mal nach den Gründen für ihre Entscheidung — das kann sie schnell wieder in eine Verteidigungshaltung drängen.

Wenn du das, was deine Mutter dir erzählt, als ihre wahre Geschichte annimmst, gibst du ihr, was ihr vielleicht in den vergangenen Jahrzehnten unbewusst immer abgesprochen wurde: Das Gefühl, dass das, was sie gefühlt hat (und vielleicht immer noch fühlt), schlicht und einfach für sie wahr ist.

Falls sie diese Geschichte verändern will, wenn sie sich loslösen will von der Erfahrung, die sie gemacht hat, hilft die Verdrängung nicht. Wir wissen, dass Verdrängung nicht dazu führt, Themen aufzulösen und frei zu sein. Versuch deshalb gar nicht erst, sie von etwas anderem zu überzeugen, bevor sie ihre ureigene Version der Geschichte erzählen konnte. Die Annahme der eigenen Erfahrungen ist nötig, um sich von den Auswirkungen der Erfahrung befreien zu können.

Bewusste und unbewusste Familientraditionen

Genauso, wie es gesellschaftliche „Normalfälle“ von Geburt gibt, gibt es diese auch innerhalb von Familien.

  • Vielleicht ist es in deiner Familie normal, dass die Mütter zur Geburt zu Hause bleiben.
  • Vielleicht waren in der letzten Generation die ersten Kinder immer Kaiserschnittkinder.
  • Vielleicht gibt es eine Tradition, zuerst Jungen und dann erst Mädchen zur Welt zu bringen.
  • Vielleicht häufen sich bei euch die Frühlingskinder.
  • Vielleicht erzählen alle weiblichen Verwandten von extrem langen und extrem schmerzhaften Geburten.

Vielleicht hat deine Mutter gar nicht aus eigenem Antrieb so geboren, wie sie es tat? Vielleicht hat sie einfach nur die Familientraition fortgeführt?

Ich habe bereits oben davon geschrieben, dass es uns gut tut, wenn andere unser Verhalten bestätigen. Wenn wir also genauso gebären, wie unsere Verwandtschaft es von uns erwartet, dürfen wir mit Bestätigung rechnen. Das tut uns gut — unabhängig davon, ob uns die Geburt selbst gut tat.

Es kann helfen, sich diese Traditionen bewusst zu machen und dann zu entscheiden, ob es sinnvoll ist, diese als Familientradition weiterhin zu ehren oder sich davon zu lösen. Eine Geburtserfahrung jenseits der Familientradition anzustreben kann befreiend sein; es kann aber auch sehr beängstigen. Ein erster Schritt ist es in jedem Fall, sich bewusst zu machen, welche Art von Traditionen es überhaupt gibt.

Wie gehe ich in das Gespräch?

Die folgenden Hinweise gelten natürlich nicht ausschließlich für Geburten, sondern für viele brisante Themen.

Falls du dich intensiv mit dem Thema Gesprächsführung beschäftigen willst, empfehle ich dir von Herzen das Buch Difficult Conversations* von Sheila Heen. Außerdem finde ich auch viele Anstöße aus Stephen Coveys Die sieben Wege zur Effektivität* extrem hilfreich.

Nimm dir Zeit

Sprich das Thema nicht an, wenn du in zehn Minuten einen Termin hast, wenn du eigentlich mit deinen Gedanken ganz woanders bist oder wenn du weißt, dass deine Mutter eigentlich gerade etwas anderes zu tun hat. Die Gesprächsatmosphäre leidet darunter und wer sich gehetzt fühlt, kann schlechter zuhören und erzählen.

Überfall deine Mutter nicht

Erkläre, warum du das Thema ansprichst. Mach deine Intention klar — besonders, wenn ihr in der Vergangenheit eher angespannt über das Thema gesprochen habt! „Ich möchte deine Geschichte kennen, denn es ist mir wichtig, deine Version der Ereignisse nachzuempfinden.“ Vermeide in deiner Erklärung, dass es dir ums „Verstehen“ ginge. „Verstehen“ beziehen wir häufig auf logisches Denken. Bei der Geburtsgeschichte geht es aber um mehr als Logik. Deshalb solltest du auch keine Warum-Fragen stellen — dazu später noch mehr.

Hör wirklich zu

Wenn ich eine Geburtsgeschichte aufschreibe, dann höre ich erstmal einfach nur zu. Das verwirrt manche Kundin, denn die meisten gehen davon aus, dass es ein festes Schema gibt, nachdem sie erzählen sollen: Ich frage — du antwortest.

Dieses Muster birgt allerdings bereits ein Problem. Denn ich gebe damit die Denkstrukturen vor. Ich entscheide, was wichtig ist. Was ich nicht erfrage, hat keinen Wert.

Doch was für mich wichtig ist, kann für meine Kundin total unwichtig sein. Andere Aspekte sind ihr dafür wichtig, obwohl ich sie von mir aus nicht erfragt hätte.

Deshalb ist es sinnvoll, eine offene Einstiegsfrage zu wählen und dann einfach zuzuhören.

Höre nicht zu, um einzuordnen, zu bewerten oder zu hinterfragen. Höre zu, als ob dein Leben davon abhinge, wirklich zu verstehen, was deine Mutter dir erzählt. Versteh nicht nur die Fakten, sondern auch die Gefühle, die mit den Situationen verbunden sind. Empathie ist der Schlüssel zu wirklichem Verständnis.

(Das heißt nicht, dass Empathie einfach ist. Anna-Elisabeth beschreibt das in ihrem Bericht über ihre Arbeit in Entwicklungsländern.)

Versetze dich so weit wie möglich in die Lage deiner Mutter. Beachte dabei nicht nur ihren Wissensstand, sondern auch ihr persönliches Umfeld, ihre gesellschaftliche Prägung und ihre Lebensrealität. Dazu gehören auch Aspekte wie finanzielle, zeitliche und mentale Ressourcen, Unterstützung durch andere, eigene und fremde Erwartungshaltungen sowie vorherige Geburtserfahrungen.

Frage nicht warum

Ich habe es oben schon angedeutet: Selbst die Frage nach dem Warum führt sehr schnell zu Rechtfertigungstendenzen. Selbst wenn du es nicht als Anklage meinst, kann es so ankommen.

Manchmal verpacken wir das Warum nett:

  • „Kannst du mir erklären, warum…“
  • „Welche Gründe führten denn zu deiner Entscheidung?“
  • „Unter welchen Umständen hättest du dich anders entschieden?“

Auch bei höflich formulierten Fragen gilt jedoch das Prinzip weiter: Die Frage nach dem Grund wird schnell zu einer Frage der Rechtfertigung. Lass sie einfach sein. Meistens erfahren wir die Gründe auch einfach, indem wir weiter zuhören.

Löse die Probleme nicht

Ich kenne das selber. Meine Tochter ist nun schon seit gefühlt anderthalb Minuten damit beschäftigt, immer wieder dasselbe Puzzleteil umzudrehen. Irgendwie muss es doch in die Lücke passen. Ja, es passt auch. Aber sie bekommt es nicht hin, es genau im richtigen Winkel abzulegen. Mich juckt es in den Fingern. Ich könnte das Teil einfach nehmen und es einsetzen. Erst Recht juckt es in den Fingern, wenn sie mich danach fragt.

Wie Marc-Uwe Kling im Buch Das Neinhorn so schön schreibt:

„Zack, Prinzessin befreit. Ganz einfach.“

Marc-Uwe Kling: Das Neinhorn

Doch es geht nicht darum, dass wir die Probleme anderer Menschen lösen. Erst Recht nicht können wir Probleme anderer lösen, die ihren Ursprung bereits vor unserer Geburt haben.

Höre zu, sei empathisch, akzeptiere die Entscheidungen. Widersteh der Versuchung, durch ein paar einfache Sätze eine Lösung zu präsentieren. Wenn du wirklich davon überzeugt bist, dass dies die beste Lösung ist, frag dich: Was braucht deine Mutter, um diese Lösung selber zu finden?

Kommentiere mit Wiederholungen

Wenn du also keine Lösungen anbieten sollst und auch keine Warum-Fragen stellen, kannst du eigentlich doch kaum mehr was in das Gespräch einbringen, oder? Ganz so einseitig ist es zum Glück nicht. Es gibt eine wunderbare Methode, mit der du gleich positive Effekte erzielst.

Die Idee ist einfach: Wiederhole, was deine Mutter erzählt hat. Nicht in ihren Worten, sondern in deinen eigenen. Damit kannst du einerseits herausfinden, ob du deine Mutter richtig verstanden hast. Und andererseits bestärkst du sie darin, dass ihre Ansicht von dir nicht in Frage gestellt wird.

Bedanke dich für ihre Offenheit

Wenn du das Gefühl hast, dass sich das Gespräch dem Ende nähert, bedanke dich bei dir, dass du ihr zuhören durftest. Du brauchst nicht jedes Detail zu behalten. Zeig ihr einfach, dass es für dich wertvoll ist, ihre Geschichte zu kennen. Wenn du magst, nimm sie in den Arm und zeig ihr, dass du dankbar bist, dass sie sich für dich entschieden hat.

Und nach dem Gespräch?

Manchmal hat ein einziges Gespräch eine tiefgreifende Veränderung zur Folge. Solche Momente gibt es häufig in Hollywood-Filmen. In A Beautiful Mind erkennt John Nash in einem einzigen Moment in der Bar, wie in nicht-kooperativen Situationen ein Gleichgewicht herrschen kann.

Dieser Fokus auf einzelne Momente unterschlägt allerdings meist, was überhaupt im Vorhinein nötig war, um zu diesem Ergebnis zu gelangen.

So ist es wahrscheinlich auch, wenn du ein Gespräch mit deiner Mutter führst. Vermutlich werdet ihr danach nicht grundlegend anders von einander denken. Aber vielleicht seid ihr nun ein Stück weniger konfrontativ, wenn ihr über Geburten sprecht.

Vielleicht lädt deine Mutter dich auch aktiv ein, deine Sicht auf die Dinge zu erklären. Falls nicht, dräng sie nicht. Es ist so viel wert, dass du dir die Zeit genommen hast, ihre Geschichte zu hören. Das wird sich mit der Zeit auch bemerkbar machen, wenn du selber deine Geschichte nicht sofort erzählst.

Ist es sinnvoll, das Gespräch auszulagern?

Vielleicht rollst du schon mit den Augen: „Ach, bevor ich das auf mich nehme, schenke ich ihr lieber einen Gutschein. Sie kann ja dann die Geschichte mit Katharina aufschreiben.“
Klar könnte ich dazu jetzt nicken und hoffen, möglichst viele Kundinnen zu gewinnen.

Allerdings ist das Auslagern ein zweischneidiges Schwert. Wenn ich Geburtserfahrungen aufschreibe, melden sich die Frauen bei mir, weil sie über ihre Erfahrungen schreiben wollen. Sie wollen selber, dass die Geschichte aus ihrem Kopf in ein Buch wandert, das als Teil der Familienchronik weiter existiert.

Wenn du deiner Mutter einen Gutschein schenkst, läufst du Gefahr, dass sie entweder keine Lust darauf hat, oder dass sie sogar böse Absichten dahinter vermutet.

Nicht immer rufen Geschenke die erwünschte Reaktion hervor: Mein Mann und ich haben von meiner Schwiegermutter mal einen Ratgeber geschenkt bekommen: „Haushalt sicher im Griff“. Sie wollte bestimmt helfen. Mein erster Impuls war allerdings: „Okay, Schwiegermutti will mir durch die Blume sagen, dass es hier zu staubig ist und die Bettwäsche mal wieder gewechselt werden müsste.“ Mittlerweile erzählen wir die Geschichte gern als Witz, aber das hat einige Zeit gebraucht…

Überlege also genau, ob du deiner Mutter einen Gutschein für das Aufschreiben deiner Geburtsgeschichte schenkst. Vielleicht ist es sinnvoll, wenn du erst das Gespräch selber führst und ihr danach vorschlägst, ihre Erfahrungen von mir aufschreiben zu lassen.

Falls du dich doch für einen Gutschein entscheidest, ohne sie vorher zu fragen, nutz gern mein Muttertagsangebot mit Rückgaberecht.

Pandoras Hoffnung

Neueren Forschungsergebnissen zufolge ließ Pandora gar nicht die anderen Übel auf die Welt los — sondern befreite lediglich am Ende die Hoffnung, aus der Menschen seitdem Kraft schöpfen. (Siehe hierzu das wunderbare Buch Cassandra Speaks von Elisabeth Lesser.)

Wer weiß. Vielleicht erwächst aus dem Gespräch mit deiner Mutter auch kein Übel, wie du es gefürchtet hast, sondern die Hoffnung. Du kannst deiner Mutter die Erinnerung, die sie trägt, nicht nehmen. Du kannst sie weder heilen noch solltest du eifersüchtig sein, falls ihre Geburtserfahrung angenehmer war als deine.

Doch du kannst ihr das Gefühl geben, sie und ihre Geschichte anzunehmen. Ohne nötige Erkärungen, ohne „Ja aber“ und einfach nur als das, was sie ist: Ihre wahre Geschichte, so wie sie diese erlebt hat.

Wenn alle Frauen, egal welcher Generation, so über ihre Geburtserfahrungen sprechen können, kommt dabei auch viel Unschönes ans Licht. Doch im Erzählen steckt Hoffnung. Wenn genügend von uns erzählen, wird es immer schwieriger, unsere Geschichten zu ignorieren. Und damit kommen wir dem Ziel näher, jede einzigartige Erfahrung als das zu erkennen, was sie ist: Unsere persönliche Heldinnen-Reise.

Ich wünsche dir einen wunderbaren Muttertag jenseits von Konventionen, dafür mit ganz viel Liebe, Wertschätzung und einem offenen Ohr für andere Mütter — erst Recht für das, was deine eigene Mutter dir erzählt.

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