Was ich mir als Mutter für meine Tochter wünsche

Logo von IchGebäre und Titel des Beitrags: Was ich mir als deine Mutter wünsche. Ein Liebesbrief an meine Tochter.

Jenny rief anlässlich des diesjährigen Muttertags dazu auf, dass wir unsere Wünsche als Mütter niederschreiben. Den Gedanken nehme ich gerne auf und schreibe diesen Brief an meine Tochter.

Meine Liebe Tochter,

nach deiner Geburt war ich fasziniert von dir. Eigentlich war ich das schon lange vor deiner Geburt. Die Schwangerschaft mit dir war großartig. Und dich auf die Welt zu bringen, war für mich sowohl lehrreich, als auch heilsam und ein Akt der Selbstermächtigung. Seitdem du auf der Welt bist, verzauberst du mich jeden Tag. Du bist ein Sonnenschein, ein Energiebündel. Du bist lernwillig, aufmerksam, lustig und verzauberst uns alle – deinen Vater, deine Brüder, dein gesamtes Umfeld – jeden Tag aufs Neue.

Ich liebe dich, genau so, wie ich auch deine großen Brüder liebe. Und dennoch ist bei dir etwas anders. Du bist ein Mädchen. Ich hatte mir immer zum Ziel gesetzt, meine Kinder ohne Geschlechterrollen zu erziehen. Alle dürfen mit allem spielen. Ich dränge euch nicht in die Rollen von Fußball und Ballett.

Doch seit du da bist, weiß ich: Es ist etwas anderes, ein Mädchen großzuziehen. Nein, du ziehst nicht nur rosa Kleidung an. Du darfst auch genauso mit den Polizeiautos spielen wie deine Brüder. Und ja, ich habe auch schon bei deinen Brüdern darauf geachtet, auch „Feuerwehrfrauen“ zu lesen, wenn im Buch mal wieder nur Feuerwehrmänner standen. Mein Ziel war und ist es, meine Kinder so zu erziehen, dass sie möglichst wenige Vorurteile und Rollenbilder in ihrem Kopf haben.

Was also genau ist anders?

Anders ist, dass ich dich, meine Tochter, in eine Welt geboren habe, in der Frauen in vielen Dingen strukturell benachteiligt sind. Und daraus ergeben sich ganz konkrete Wünsche für dich und für diese Gesellschaft, in der du lebst. Auch vorher habe ich mich für eine weltoffene, feministische und vorurteilsarme Welt eingesetzt. Für mich selber und für alle Frauen und strukturell Benachteiligten da draußen.

Dieser Wunsch hat nun noch konkretere Züge angenommen. Denn du bist da. Du wirst aufwachsen in einem Umfeld, in dem dir vermutlich am gleichen Tag gesagt wird, dass dein Rock zu kurz und zu lang sei. Du wirst nicht so selbstverständlich weibliche Vorbilder in Serien, Filmen und Büchern finden, wie Jungs das können.

Gesellschaftlich gesehen entwickeln wir uns da zum Glück in die richtige Richtung. Es gibt mehr Serien mit Heldinnen. Es gibt diverse Sichtweisen. Es gibt sprachlich ausgeglichene Bücher. Das alles ist gut und wichtig und definitiv ein Schritt in die richtige Richtung.

Ich kann nicht umhin, dennoch einen langen Weg zu sehen. Du wirst in den nächsten Jahren immer mehr mitbekommen, dass dir auch heute noch in vielen Bereichen Steine in den Weg gelegt werden. Selbst, wenn es um etwas Ur-weibliches wie die Geburt unserer Kinder geht, bist du häufig nicht frei in deiner Entscheidung. Im Gegenteil sind die Strukturen oft so fest, so unnachgiebig, dass es dir auf den ersten Blick einfacher erscheinen wird, sich in ihnen zu bewegen, statt dich frei zu entscheiden.

Was wünsche ich mir also für dich? Wünsche ich mir, dass du deine Kinder, wenn du welche bekommen möchtest, zu Hause gebierst, so wie ich dich zu Hause geboren habe? Nein. Ich wünsche mir, dass du eine selbstbestimmte Entscheidung treffen kannst. Ich wünsche mir, dass du tatsächliche Wahlfreiheit hast und diese verantwortungsvoll nutzt.

Meine Wünsche für dich

Meine Wünsche für dich als meine Tochter beziehen sich aber nicht nur auf Geburten. Häufig ist die Lage der Geburtshilfe nur ein Spiegel einer weitreichenderen gesellschaftlichen Tendenz.

Selbstbestimmung

Ich wünsche mir für dich Selbstbestimmung: Dass du selber bestimmst, was du tust. Mit dieser Selbstbestimmung kommt unausweichlich Eigenverantwortung. Wenn du nicht mehr sagst, „ich muss das machen“, sondern stattdessen „ich will das (nicht) machen“, liegt die Verantwortung für diese Entscheidung bei dir. Ich wünsche mir, dass du in einer Generation heranwächst, in der wir immer weniger müssen und immer mehr können. Du bist das mächtigste Wesen in deinem Leben. Du bist diejenige, die bestimmt, was du tust und was nicht.

Ich wünsche mir in Bezug auf deine Schwangerschaften und Geburten, aber auch für alle anderen Lebensbereiche, dass du diese Verantwortung ernst nimmst. Selbstbestimmung ohne Eigenverantwortung geht nicht.

Du musst davor keine Angst haben. Im Gegenteil. Eigenverantwortung macht dich frei, auch wenn sie sich zunächst schwer anfühlen kann, weil du dich eben nicht einfach als Opfer der Umstände sehen kannst.

Verständnis & Anerkennung für deinen Weg

Als Menschen sind wir soziale Wesen. Ja, wir sagen immer „mach dein Ding!“ und meinen damit, dass wir unser Leben so leben sollen, wie es uns gut tut. Es ist allerdings um so schöner, wenn wir für unser Ding Anerkennung erhalten. Ich meine damit nicht, dass du dein Leben auf möglichst viele Likes bei Facebook ausrichten sollst. Vielmehr wünsche ich dir, dass du in einer Gesellschaft lebst, die deinem Weg mit Verständnis und Anerkennung begegnet.

Ich wünsche dir, dass deine Entscheidungen nicht klein geredet werden. Dass dir erspart bleibt, was mir passiert ist: Dass dir also nicht der gesunde Menschenverstand abgesprochen wird. (Danke an dieser Stelle an deinen Vater und dein Großeltern, die genau das nicht taten, als ich beschloss, meine Kinder zu Hause zu bekommen.)

Ich wünsche mir für dich, dass du deinen Weg wählen kannst und dafür Verständnis erntest – egal, wie dieser Weg aussieht.

Eine starke Schwesternschaft

Frauen wird oft sowohl nachgesagt, sie neigten zu Grüppchenbildung, als auch, dass sie gerade anderen Frauen gegenüber intrigant seien. [Tipp zum Weiterlesen: Wehen überbieten] Und klar, diese Vorurteile gibt es auch bei Frauen. Es ist schwierig, aus diesem Rad auszubrechen – erst Recht, weil es eben so normal ist, dass wir uns gegenseitig bekriegen.

Ich wünsche mir für dich deshalb eine starke Schwesternschaft. Damit meine ich nicht, dass du zwingend in der Walpurgisnacht um ein Hexenfeuer tanzen sollst. (Allerdings rate ich dir davon auch nicht ab. Es macht nämlich Spaß.) Viel mehr wünsche ich mir für dich, dass du ein Umfeld erlebst, dass dich stützt. Schwestern dürfen unterschiedlicher Meinung sein. Sie dürfen sich streiten. Doch sie halten zusammen.

Ich wünsche dir eine Gemeinschaft, in der du ohne Vorbedingungen akzeptiert bist. Diese Gemeinschaft stützt dich, egal ob deine Meinung diejenige der Minderheit oder der Mehrheit ist.

Eine starke Schwesternschaft kannst du in strukturierten Programmen finden. Ich wünsche mir, dass du sie nicht nur dort findest, sondern auch in deinem täglichen Umfeld.

Übrigens können aus meiner Sicht auch Männer zu diesem Bund gehören. Es geht mir weniger um das biologische Geschlecht, sondern vielmehr darum, dich als weibliches Wesen mit unendlicher Schöpferkraft anzuerkennen.

Einen Platz in der Gesellschaft

Ich wüsche dir, dass du einen Platz in der Gesellschaft findest, der dir gut tut. Ich meine damit nicht, dass du Everybody‘s Darling sein sollst – außer, du willst es. Dein Platz in der Gesellschaft kann auch ein vollkommen anderer sein. Vielleicht bist du die Rebellin. Vielleicht bist du die Unsichtbare. Vielleicht bist du die Königstochter, die den erwarteten Weg verweigert – oder annimmt.

Ich wünsche dir, dass du nicht nur einen, sondern deinen Platz findest. Einen Platz, an dem du dich wohlfühlst und an dem du wachsen kannst. Damit dein volles Potential zur Geltung kommt.

Mut für oder gegen eigene Kinder

Es gibt eine Entscheidung im Leben, die auf dich zurollen wird – egal, ob du es willst, oder nicht. Als Mädchen, das mit Vulva, Gebärmutter und Eierstöcken zur Welt kam, wirst du dich irgendwann unweigerlich mit der Frage konfrontiert sehen, ob du Kinder willst.

Selbst, falls du biologisch keine Kinder bekommen kannst, wird die Frage der Adoption irgendwann im Raum stehen.

Die Entscheidung für Kinder erfordert Mut. Und die Entscheidung gegen Kinder erfordert ebenfalls Mut. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du diese Entscheidung mutig fällst. Egal, was alle anderen dir erzählen: Du bist diejenige, die in erster Linie die Konsequenzen dieser Entscheidung trägt.

Sei mutig, meine liebe Tochter.

Du wirst deinen Weg gehen. Ich werde alles dafür geben, dir Wurzeln zu geben, während du klein bist, und Flügel, damit du fliegen kannst, wohin immer du willst. Wisse, dass ich dich nicht zurückhalten will. Ich wünsche mir für dich, dass du mich als eine Mutter erlebst, die dir deine Entscheidungen nicht abnimmt. Ich wünsche mir für dich, dass du weißt, dass ich dich liebe. Und dass du dich durch diese Liebe nicht eingeschränkt fühlst, sondern frei, zu tun, was du möchtest. Du bist das mächtigste Wesen in deinem Leben.

Lebe voller Liebe, Vertrauen und Mut.

Ich liebe dich.

Deine Mutter

Ein Wort zum Schluss: Was ich mir als Mutter wünsche

Ich wünsche mir das alles als Mutter für meine Tochter. Und ich wünsche mir das alles auch für mich selber und für alle Mütter und Töchter auf unserem Planeten. Unsere Startbedingungen sind teilweise extrem unterschiedlich. Das ist aber für meine Wünsche eigentlich egal. Sie lassen sich auf jede Gesellschaft und auf jede soziale Schicht anwenden. Im Einzellfall mögen sie etwas anderes bedeuten. Das ist nur verständlich.

Die Liste, was ich mir für meine Tochter wünsche, ist natürlich damit nicht abgeschlossen. Das wisst ihr selber. Dass wird auch sie wissen, wenn sie das hier irgendwann liest.

Während ich diesen Brief schreibe, befinden wir uns nach wie vor in der Corona-Pandemie. Müttern weltweit wird gerade umso mehr abverlangt, weil sowohl offizielle als auch inoffizielle Hilfsstrukturen für Familien ausgesetzt werden. Ich könnte mich in diesem Beitrag deshalb auch mit den ganzen konkreten Wünschen an die Politik und Gesellschaft auseinander setzen, die mir als berufstätiger Mama dreier Wuselkinder so kommen. Ich gehe aber davon aus, dass andere Teilnehmerinnen an dieser Blogparade das bereits tun werden.

Deshalb habe ich beschlossen, meinen Brief unabhängig von den konkreten Corona-Themen zu verfassen. Dennoch zeigt die Pandemie meiner Meinung nach gut, welche Tendenzen es in unserer Gesellschaft bereits vorher gab, zum Beispiel in Bezug auf Begleiter*innen im Kreißsaal. Diese verstärken sich jetzt in vielen Bereichen. Ich habe deshalb in Bezug auf Geburtshilfe in Zeiten von Corona bereits meine Utopie veröffentlicht, in der ich darlege, wie ich mir eine Geburtshilfe nach Corona wünsche. Auch, wenn meine Tochter noch viel Zeit hat, bis sie sich für oder gegen eine Schwangerschaft entscheidet, ist es nie zu früh, gesellschaftlichen Wandel hin zu einem gesunden Selbstverständnis von Eigenverantwortung und Vielfalt anzustreben.

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