Katharina: Übermut tut selten gut

Die Schwangerschaft

Ich war 24, als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Studierte, arbeitete, lebte in der Großstadt, war ständigauf den Beinen — Reiten vor der Uni, nach der Uni zur Arbeit, abends zum Tanzen. Mit dem Schlaf kam ich irgendwie aus. Mein Herzallerliebster und ich fühlten uns pudelwohl, und entschieden in dieser Situation ganz bewusst, dass wir miteinander Eltern werden wollten. Für mich war er derjenige, von dem ich überzeugt war: Er wird ein guter Vater sein, und seiner Rolle als Partner, Vater und Freund gerecht werden.

Die Schwangerschaft war leicht und glücklich. Klar, am Anfang hatte ich ein wenig Übelkeit. Aber hey, als Studentin lässt man dann halt mal ne Vorlesung ausfallen und legt sich wieder auf’s Ohr. Reiten war ich das letzte Mal im 5. Monat oder so. Ich wäre auch danach noch gegangen; es fühlte sich gut an. Aber ohne eigenes Pferd stößt man da schnell an Grenzen — niemand will die Verantwortung übernehmen, falls etwas passiert… Ich habe stattdessen mit dem Schwimmen und Schwangerschaftsyoga angefangen. Tanzen war ich bis kurz vor Geburt auch noch; halt weniger wirbelig als vorher.

Krankenhaus!? Lieber nicht

Schon als kleines Mädchen habe ich Besuche bei Verwandten im Krankenhaus gehasst. Allein schon der Geruch dort war für mich eine Belastung. Dann diese gekachelten Wände, die komische Atmosphäre, wenn man ins Zimmer kommt… Dieses gekünzelte Gespräch… Ich mochte einfach keine Krankenhäuser. Gebt mir Pferdekacke statt Desinfektionsmittel!

Nach dem positiven Schwangerschaftstest suchte ich mir eine Frauenärztin in der Nähe; bis dahin war ich immer noch sehr weit gefahren, weil ich vorher in einem anderen Stadtteil gewohnt hatte und nie auf die Idee gekommen war, nach dem Umzug meine Frauenärztin zu wechseln. Bei Kontrollterminen alle 6 Monate schien mir das auch okay so. Aber jetzt, mit der Schwangerschaft, wollte ich dann doch eine nähere Praxis. Es war schwierig, kurzfristig was zu finden, aber es gelang.

Bäm! Der erste Ultraschall. Hallo, kleines Gummibärchen. In der Praxis kam die Frage auf, ob ich eine Hebamme hätte. Nö, hatte ich nicht. Klang aber gut, so eine Hebamme. Also machte ich mich auf die Suche.

Viele Hebammen waren ebenfalls schon ausgebucht. Dann wurde ich fündig. Elisabeth rief mich zurück. Wir verabredeten uns zum Kennenlernen. Sie erzählte, dass sie die Vor- und Nachsorge übernehme, und eigentlich auch Hausgeburten betreuen wollte, aber leider die entsprechende Haftpflichtversicherung nicht hätte. Ihr „Geburtshaus“, wie die Gemeinschaftspraxis hieß, war zwar als Geburtshaus genutzt worden, doch wäre dies jetzt auch nicht mehr möglich.

Hausgeburt!

Hausgeburt. Hatte sie da Hausgeburt gesagt? Das fand ich von vorn herein spannend. Ich könnte ums Krankenhaus herum kommen?? Ja, schon, aber, wie gesagt, nicht mit Elisabeth. Aber wenn ich wollte, könnte sie mich vermitteln. Gesagt, getan. Sie vermittelte mich an Jasmin. Wir trafen uns, die Chemie stimmte. Jasmin wohnte etwas weiter weg, und so stand schnell der Deal: Jasmin macht die normalen Vorsorgetermine und betreut die Geburt; Elisabeth würde die Wochenbettbetreuung übernehmen.

Großartig. Ich war auf Wolke 7.

Bis ich zur nächsten planmäßigen Untersuchung bei meiner Gynäkologin war. Die war von meinen Plänen überhaupt gar nicht begeistert. Standardargument: „Ich habe schon so viel gesehen, was schief laufen kann.“

Mit jedem Besuch wurde die Stimmung mieser. Ein Praxiswechsel kam allerdings auch nicht in Frage; alle anderen fußläufig zu erreichenden Praxen (wir hatten kein Auto) waren ja ebenfalls ausgebucht. So „stand ich die Termine durch“. Im Nachhinein weiß ich, wie viel ich mir habe gefallen lassen, obwohl es nicht hätte sein müssen. Die CTGs taten mir nicht gut. Die Feindiagnostik wurde gemacht, ohne dass eine Aufklärung darüber stattgefunden hätte, dass diese als genetische Untersuchung zählt — weil man eben eventuell Gendefekte erkennen könnte.

Bei jeder Vorsorge fragte sie: „Und, wo haben Sie sich zur Geburt angemeldet?“ Ich antwortete ihr irgendwann einfach mit dem nächstgelegenen Krankenhaus. Wir waren ja auch tatsächlich dort gewesen und hatten uns angemeldet, damit unsere Daten dort bekannt wären, falls wir verlegen müssten. Dass ich immer noch eine Hausgeburt plante, verschwieg ich einfach.

Die Anmeldung im Krankenhaus

Mit Jasmin war abgesprochen, dass wir uns im nächstliegenden Krankenhaus zur Geburt anmelden würden. So würden bereits alle nötigen Unterlagen vorliegen, ich bräuchte mich nicht mehr um Dinge wie die Versicherungskarte kümmern und ich könnte auch vorher meine Vorlieben mal mitteilen.

Das Gespräch war super. Wir waren gemeinsam da, der werdende Vater und ich. Wir hatten Glück: Die aufnehmende Hebamme hatte ihre Kinder selber zu Hause zur Welt gebracht und war einer Hausgeburt entsprechend aufgeschlossen. Sie fand es gut, dass wir uns intensiv vorbereiteten, und vermerkte, was ich ihr alles erzählte: Ich mag keine Spritzen, keine Nadeln, ich will keinen Wehentropf, ich will stillen, ich möchte mich bewegen. Wir gingen mit einem guten Gefühl aus dem Gespräch.

Familienreaktionen

Ich war auch allen anderen gegenüber offen mit meiner Idee einer Haugeburt. Ich hatte mir entsprechende Literatur besorgt. Und wer mich fragte, bekam eine ehrliche Antwort. Mein Schwiegervater zollte mir zurückhaltend Respekt. Damals fand ich die Rekation angemessen, heute weiß ich, wie außergewöhnlich es ist, dass er so rücksichtsvoll reagiert hat, obwohl seine beiden Söhne — also auch mein Partner — im Krankenhaus mit medizinischen Eingriffen zur Welt kamen. Ich habe mich nie so richtig bei ihm dafür bedankt.

Meine Schwiegermutter war zwiegespalten. Einerseits hatte sie das große Bedürfnis, von ihren Geburten zu berichten, die wohl als ziemlich vermurkst gelten können (Wehentropf mit falscher Dosierung, ein extrem blöder Oberarzt und so weiter…), und die sie sehr kritisch dem Krankenhauspersonal gegenüber hatten werden lassen. Andererseits war sie unsicher, ob es außerklinisch denn überhaupt viel besser wäre.

Meine Mutter zeigte sich zuerst sehr verunsichert. „Bist du dir da wirklich sicher?“ Ja, bin ich. Ein Krankenhaus ist für Kranke, ich bin nicht krank. Wir hatten ein langes Gespräch, in dem ich ihr ausführlich darlegte, warum ich der Überzeugung war, mein Kind zu Hause bekommen zu können. Ha, das Gespräch hätte ich mir in der Rückschau auch sparen können. Denn meiner Mutter ging es überhaupt nicht um die Geburt an sich. „Ach, die Geburt wird schon klappen, das ist ja nun etwas, was wir Frauen schon immer gemacht haben. Aber bleib doch danach lieber ein paar Tage im Krankenhaus und lass dich versorgen.“ Erst da fiel bei mir der Groschen. Es ging meiner Mutter um das Wochenbett! Sie hatte die Befürchtung, dass weder ich noch unser Neugeborenes im Wochenbett die Betreuung erleben würden, die wir haben sollten! Da konnte ich zum Glück schnell Abhilfe schaffen: Elisabeth, unsere Wochenbetthebamme, würde schließlich jeden Tag zu uns kommen. Und mein Partner hätte ab der Geburt Elternzeit. Beides hatte sich meine Mutter nicht vorstellen können. Ein außerklinisches Wochenbett gab es bei ihr damals nicht. Einen Mann, der für mehr als 2 Tage nach der Geburt zu Hause blieb, gab es auch kaum.

Ich bin im Nachhinein so unendlich froh, dass wir dieses Gespräch so geführt haben. Die Unterstützung meiner Mutter war für mich ausgesprochen wichtig; auch, wenn ich mir das erst im Nachhinein so eingestehen konnte.

Mein Vater schließlich war davon überzeugt, dass seine Tochter schon immer ihren eigenen Kopf gehabt hatte und, wenn sie das so wollte, sie auch nicht davon abzubringen wäre. Er freute sich auf sein Enkelkind und war einfach zuversichtlich. Oder, falls nicht, hat er das bis heute sehr gut vor mir verborgen. In den Gesprächen mit ihm ging es oft um die Versorgung jenseits der Geburt — Krankenversicherung, Mutterschutz, Taxi, all diese Orga-Kleinigkeiten, die er sofort auf dem Schirm hatte. Ein praktisch veranlagter Mensch.

 

40+3

Der errechnete Geburtstermin war im Hochsommer. Es war warm und ich verbrachte viel Zeit in unserem Kinder-Plantschbecken. Tagsüber war an Arbeiten kaum zu denken. (Für meinen Job war ich natürlich im Mutterschutz, aber als Studentin noch immer mit meinen Seminararbeiten beschäftigt). Mein Schwager war zu Besuch. Ich schrieb nachts an meinen Seminararbeiten. Ich war gedanklich noch überhaupt nicht auf eine Geburt eingestimmt.

Und so war es, wiederum in der Rückschau, eigentlich verständlich, dass sich unser Känguru noch Zeit lies. Erst, als mein Schwanger wieder verschwand, kehrte bei uns zu Hause die nötige Ruhe ein. (Hätte ich es ihm gesagt, wäre er früher gefahren. Er wollte uns wirklich nicht auf den Geist gehen. Aber ich hatte es selber nicht verstanden, dass er mich an der Geburt hinderte.)

In der Nacht, als ich 3 Tage über dem errechneten Termin war, schrieb ich meine Seminararbeit zu Ende und schickte sie ab. In meinem Kopf machte sich Erleichterung breit. Ich ging ins Bett. Es war schließlich mitten in der Nacht.

 

Geburtsbeginn: Die Fruchtblase platzt

Morgens gegen 6 platze die Fruchtblase. Ich war natürlich wach, mein Freund dann kurz darauf auch…: „Lass uns mal das Bett neu beziehen; das Fruchtwasser ist überall.“ Gesagt, getan. Dann gab es Frühstück, und während der Liebste den Vormittag noch mit Wuselei in der Küche zubrachte, machte ich es mir auf der Couch gemütlich. Irgendwann setzten die Wellen ein. Okay, so fühlt sich das also an. Geht. Wir kommen klar.

Jasmin ist informiert. Sie kommt irgendwann, als ich gerade im Geburtstuch hänge (großartige Ideee übrigens! Wer kann, möge sich so etwas zulegen! Wir haben einfach das Tragetuch umfunktioniert. Leider gibt es davon keine Fotos…) und die Hüften kreisen lasse. Jasmin setzt sich einfach daneben, fängt erst mal ihren Papierkram an.

Es läuft gut, finde ich. Ich bin laut, ohne Rücksicht auf offene Fenster und Nachbarn. Und, aus der Rückschau gesprochen, auch ohne Rücksicht auf meinen Energiehaushalt und die Notwendigkeit, überhaupt so durchgehend zu tönen.

Geburtspool und Übelkeit

Irgendwann wird es Zeit für den Geburtspool. (Übrigens war ich von Wassergeburten grundsätzlich sehr fasziniert, und hatte mir schon überlegt, deshalb doch ins Krankenhaus zu gehen — bis ich erfuhr, dass man das auch zu Hause haben kann! Siehe Wassergeburt zu Hause — geht das!?) Die Wellen sind schon intensiver. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie weit mein Muttermund geöffnet war. Hat mich damals nicht interessiert, glaube ich — vielleicht hat sie auch gar nicht nachgeschaut.

Das Wasser im Pool hilft mir. Eine großartige Erfindung. Leider muss ich mich zwischendurch mehrmals übergeben. In meinen Büchern stand, dass das normal ist und eben auch den Körper darauf vorbereitet, sich auf die Geburt zu konzentrieren. Leider kommt bei mir trotzdem kein Gefühl der Freude auf. Im Gegenteil. Ich verliere durch’s Erbrechen noch mehr Kraft, die ich eigentlich noch gut hätte gebrauchen können. Wasser und Traubenzucker nimmt der Körper an, mehr nicht.

 

Die zweite Hebamme

Die zweite Hebamme kommt. Ich hatte sie vorher nie gesehen. Aber da Jasmin nun doch schon einige Stunden im Einsatz war, war es definitiv sinnvoll, dass sie Unterstützung bekam. War ja vorher auch alles so abgesprochen. Mir ging das allerdings am Allerwertesten vorbei. Um ehrlich zu sein, weiß ich ihren Namen gar nicht mehr, so wenig hat es mich interessiert.

Ich weiß nur noch, dass ich immer schwächer und schwächer wurde. Jasmin sagte zum werdenden Papa noch, er solle mal die Kamera holen, denn bald sei das Baby da.

Oder auch nicht. Ich hatte starke Wellen, die mir nun auch wirkliche Schmerzen bereiteten. Es gab keine Körperhaltung, die das irgendwie besser gemacht hätte. Ich konnte das Köpfchen noch nicht fühlen, war vollkommen durch und Jasmin hatte mit ihrem Dopton festgestellt, dass Babys Herztöne schlechter wurden. (Dass meine eigene Verfassung nicht besonders gut war, dafür brauchten wir kein Blutdruckmessgerät…)

Ich verzweifelte, und presste, und es tat sich nichts.

Pause erwünscht

Jasmin versuchte, mich anzuleiten, wie ich die Wellen so veratmen könnte, dass ich vielleicht nochmal ein wenig schlafen könnte. Ich kam also aus dem Wasser, legte mich auf die Couch, versuchte, zu veratmen. Sie sagte, wir müssten hier den Oxytozin-Spiegel mal wieder in die Höhe schieben — ein wenig Kuscheln sei angesagt. Mein Liebster und ich kuschelten also; die beiden Hebammen verließen das Zimmer.

Es half wenig. Wir waren alle drei total k.o. — ich, mein Partner, das Baby.

Als die Hebammen wieder herein kamen, wurde deutlich, wie die Lage stand: Jasmin wollte mir noch mehr Zeit geben, aber Hebamme Nummer 2 meinte, es sei Zeit, ins Krankenhaus zu verlegen.

Zusammen entschieden wir, erst noch einen Versuch mit dem Blasenkatheter zu wagen: Vielleicht läge das Baby so ungünstig auf der Blase, dass es nicht daran vorbei könne, der Urin aber auch nicht abfließen könne. Gesagt, getan. Extrem unangenehm, aber andererseits wäre das im Krankenhaus auch eine der ersten Maßnahmen — also dann lieber hier zu Hause, so dass Jasmin es macht.

Das Ergebnis war, dass die Blase bereits leer war — daran lag es also nicht. Krisensitzung (immer noch mit starken Wellen). Hebamme Nummer 2 ist mittlerweile gegangen, weil sie nicht mittragen könnte, dass wir nicht bereits verlegt haben. Wir entscheiden, ins Krankenhaus zu fahren. Es fühlt sich komisch an. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie die Entscheidung zu Stande kam. Jasmin sagte mir, sie sei davon überzeugt, dass ich auch zu Hause ein gesundes Baby haben könne — aber dass es letztendlich meine Entscheidung sei. Damit hat sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Trotzdem fühlte ich mich in der Situation überfordert. Ich wollte, dass die Schmerzen aufhörten. Ich wollte keine Entscheidungen mehr treffen.

Aufbruch ins Krankenhaus

Es fühlte sich wie eine Niederlage an, aufzubrechen. Die Fahrt ins Krankenhaus (wir hatten uns für den Fall extra ein Auto geliehen…) dauerte nur 5 Minuten. Diese fünf Minuten waren für mich sehr sehr schmerzhaft. Im Krankenwagen wäre es aber auch nicht besser gewesen… Das ist für mich auch ein Grund, warum ich jedes Mal verärgert bin, wenn ich lese, dass Geburtsstationen schließen!

Während mein Liebster die vorbereitete Kliniktasche holte (bitte, bitte, bitte! Habt eine solche Tasche bereit, wenn ihr eine Hausgeburt plant! Link folgt…), rief Jasmin im Krankenhaus an. Die Nummer hing, zusammen mit den anderen wichtigen Nummern zur Geburt, schon seit Wochen an unserem Kühlschrank. (Auch hier wieder: Ich empfehle allen erwartenden Eltern, so eine Liste zu haben! Selbst die 112 gehört da drauf — es soll schon Väter gegeben haben, die im Eifer des Gefechts die Polizei statt den Rettungsdienst verständigten… Und auch hier: Link folgt!)

Das Krankenhaus war also vorbereitet.

Kaiserschnitt?

Als wir dort ankamen, ich im Bademantel und mit starken Wellen, erwartete uns die diensthabende Hebamme (leider nicht diejenige, bei der das Vorgespräch stattgefunden hatte…) am Eingang zur Geburtsstation. Jasmin war mitgekommen. Die Hebamme riet mir zum Kaiserschnitt. ich weiß nicht, ob wir beim Vorbereitungsgespräch über einen Kaiserschnitt gesprochen hatten. Ich erinnere mich noch, dass ich das PDA-Formular nicht ausgefüllt hatte.

Ich war geschockt. Kaiserschnitt? So schlimm steht es? Die Hebamme erklärte: Ja, alle anderen Methoden haben mit Zugängen, Tropf, Wehenmittel und so weiter zu tun — alles Dinge, die ich laut Vorgespräch nicht wollte.

Ich war verwirrt. Kaiserschnitt? Die Hebamme ging, um die Ärztin zu holen. Jasmin war immer noch dabei. Sie erinnerte mich an die Möglichkeit, es mit Wehenförderern zu versuchen. Als die Hebamme und die Ärztin wieder kamen, sprach ich an, ich würde gerne erst mit Wehenmittel versuchen, das Kind ohne Kaiserschnitt zu bekommen.

Ein Zugang wurde gelegt. Das Mittel wurde dosiert. Ich weiß nicht mehr, ob die Wehen stärker wurden. Ich weiß nur noch, dass alles so war, wie ich es nicht wollte: Ich lag auf dem Rücken auf diesem dummen Krankenhausbett. Es war hell, es war laut, es standen mein Liebster und drei andere Menschen um mich herum. Die Ärztin entschied, eine Saugglockengeburt zu versuchen.

Saugglockengeburt

Gesagt, getan. Ich habe keine Erinnerung daran, wie es war, als sie meinen Sohn aus mir herauszog. Der Papa erzählte mir, dass beide Hebammen auf meinen Bauch gedrückt hätten, während die Ärztin zog. Dann war Raphael da. Er wurde mir auf den Bauch gelegt und fing sofort an, an mir hochzurobben. Nur ein paar Minuten später war er an meinem Kinn angelangt. Kurz vor Mitternacht waren wir im Krankenhaus angekommen, gegen halb zwei nachts war er geboren.

Es fällt mir schwer, diese ersten Minuten zu beschreiben. Ich war glücklich, dass unser Kind geboren war. Ich bekam mit, dass er gesund war. Gestresst, aber gesund. Er hatte sogar volle APGAR-Punkte (auch, wenn Jasmin mir sagte, sie hätte die so nicht vergeben…). Und dennoch wollte sich keine vollkommene Befreiung einstellen. Es wurde mir bewusst, in was für einem Umfeld wir waren. Ich wollte da weg. Wir mussten aber noch da bleiben.

Nabelschnur

Ich wurde gefragt, ob ich die Nabelschnur selber durchtrennen wollte. Ich tat es. Erst zu spät kam ich auf die Idee, darum zu bitten, sie erst auspulsieren lassen zu dürfen. (Hä!? Warum überhaupt dürfen!? Eigentlich war ich doch die Hauptdarstellerin, oder!? Typischer Fall von Objekt, obwohl ich Subjekt hätte sein sollen…) Jasmin traute sich nicht, einzuschreiten — immerhin war sie in diesem Krankenhaus keine Beleghebamme und somit offziell einfach nur eine Freundin, die bei der Geburt anwesend war. Wir besprachen später noch, dass sie froh war, überhaupt dabei bleiben zu dürfen — häufig wird die Hausgeburtshebamme sofort des Kreißsaales verwiesen, weil sie eben nicht Angstellte des Krankenhauses ist.

Stillen

Wir wurden aus dem Kreißsaal in einen anderen Kreißsaal verlegt, der gerade frei war. Dort gab es ein Doppelbett. Wir durften uns hinlegen. Der frischgebackene Papa schlief sofort ein. Er war an der Grenze seiner Belastbarkeit angekommen. Nun, da das Baby da war, fiel sein Adrenalinspiegel und die Müdigkeit übermannte ihn. Ich selber lag wach, mit dem Baby zwischen uns. Es fühlte sich gut an. Er gehörte zu uns.

Ich dämmerte wohl weg, und als ich wieder wach wurde, weinte unser Sohn. Die Hebamme kam (ich weiß tatsächlich nicht mehr, ob es diejenige war, die bei der Geburt anwesend gewesen war…) und meinte, ich solle mal stillen. Gute Idee. Aber wie? Ich legte ihn an, und machte wohl alles falsch. Mit schroffer Stimme und energischen Bewegungen zeigte sie mir, wie ich schon auch den ganzen Warzenvorhof mit zusammendrücken sollte, damit das Kind ordentlich saugen könne.

Oh Mensch, wir hatten zwar einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht , und ich dachte, ich wüsste Bescheid, aber ihre raue Art verunsicherte mich sehr. Das Stillen war schmerzhaft. Sehr schmerzhaft. Aber ich hielt durch. Ich sagte nichts, stillte, und Raphael schlief wieder ein. Zum Glück hatte ich in den nächsten Tagen eine sehr viel entspanntere und positivere Hilfestellung beim Stillen, so dass der Schmerz schnell überwunden war und ich noch über ein Jahr lang meinen Sohn ohne Probleme im Liegen, Sitzen, Stehen, Laufen, zu Hause, unterwegs, in der Uni, bei der Arbeit, einfach überall, stillen konnte.

Der Kreislauftest

Am nächsten Morgen stand die Frage an: Verlegung auf die Wöchnerinnenstation oder Entlassung nach Hause? Wir wollten nach Hause. Die Hebamme und die Ärztin stimmten zu, dass wir nach Hause dürften, wenn ich den Kreislauftest bestünde: „Gehen Sie mal alleine duschen. Wenn Sie das ohne Hilfe hinbekommen, dürfen sie heim.“

Gesagt, getan. Baby und Papa standen vor der Dusche Wache (okay, baby lag in seinem Bettchen Wache…) und ich ging dusachen. Es fühlte sich sehr komisch an. So ein leerer Bauch. Schwabbel schwabbel. Komisch, das Gleichgewicht ist ganz anders! Und so viel Blut… Meine Beine wurden ein wenig weich, aber alles ging gut, und so durften wir nach Hause.

Zu Hause schliefen wir erstmal wieder eine Runde, dann kam auch schon Elisabeth, und ich wusste, es war die richtige Entscheidung, nicht mehr im Krankenhaus zu bleiben.

 

Aufarbeitung des „Scheiterns“

Niemand hat mir Vorwürfe gemacht, wie es gelaufen ist. Im Gegenteil. „Wow, so lange hast du vorher durchgehalten!“ und „toll, dass es ohne Kaiserschnitt geklappt hat“ habe ich gehört. Auch ein Trösten, dass nunmal ein so schweres Kind schwierig zu gebären sei, habe ich mir mehrmals angehört. Raphael hatte um die 4300g — das ist einfach sehr viel für eine Frau von rund 50 kg.

Und natürlich von allen Seiten: „Das Baby ist gesund. Das ist die Hauptsache.“

Trotzdem — die Vorwürfe habe ich mir schon selber gemacht. Ja, ein gesundes Baby ist die Hauptsache. Aber warum zum Teufel hat es nicht so geklappt, wie ich es wollte!? Ich war doch vorbereitet! Ich wollte nicht nur ein gesundes Baby, sondern eine schöne Hausgeburt!

In den ersten Tagen und Wochen war ich tatsächlich innerlich sauer auf Jasmin. Ich habe ihr das nie gesagt. Ich war sauer, weil ich der Meinung war, sie hätte mich besser anleiten sollen. Sie hätte mir irgendwie früher zeigen sollen, was wir anders hätten machen müssen. Grummel, sie hat mich im Stich gelassen.

Es hat wirklich sehr viel Zeit gebraucht, um über dieses Stadium hinweg zu kommen. Erst die intensive Beschäftigung mit mir selber hat mich dazu gebracht, einzusehen, was tatsächlich passiert war: Klar, es gab ungünstige Umstände, für die ich wenig konnte (oder die ich in der Geburtssituation auch nicht mehr hätte ändern können, wie eben das Geburtsgewicht).

Aber andere Dinge hätte ich besser machen können: Ich hätte darauf achten müssen, praktisch immer ausgeschlafen zu sein. Es war reiner Übermut, so kurz vor der anstehenden Geburt noch Nachtschichten zu schieben. Klar, es tat gut, die Seminararbeit abgegeben zu haben — aber nicht zu dem Preis, vor dem Platzen der Fruchtblase nur 3 Stunden geschlafen zu haben! Ich habe außerdem zwischen den Wellen sehr viel Energie verbraucht, weil ich zum einen praktisch IMMER getönt habe — nicht nur zu den Wellen. Und zum anderen, weil ich gepresst habe, obwohl es eigentlich gar keinen Anlass dazu gab.

Ich bin jetzt, vier Jahre danach, bereit, zu sagen, dass ich viel selbst verantwortet habe. Ich wollte eine selbstbestimmte Geburt, und Jasmin wollte sie mir mit ihrer zurückhaltenden Art geben. Während der Geburt dann wollte ich aber offensichtlich mehr Anleitung, und als diese nicht kam, wurde ich unruhig.

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass viele Frauen mit der verpatzten Geburt des ersten Kindes erst dann wirklich abschließen können, wenn die Geburt einess späteren Kindes gut verläuft.

So ging es mir tatsächlich. In meiner zweiten Schwangerschaft war mir klar: Ich will selber bestimmen, ich will eine Haugeburt. (Raphael war zum errechneten Termin von Nummer zwei knapp zwei Jahre alt.) Aber ich will auch offen sein für Hinweise, wenn ich merke, dass es nicht so voran geht, wie es soll. Es hat geklappt: Katharina: Eine Wassergeburt in der Küche.

Trotzdem hat es über zwei weitere Jahre gebraucht, bis ich diese Geburtsgeschichte so niederschreiben konnte. Ich stehe kurz vor der vierten Geburt (Nummer drei, unser Sternenkind, will ich bestimmt nicht vergessen, denn auch das war eine sehr wichtige und unvergessliche Geburtserfahrung). Erst jetzt habe ich das Bedürfnis, Raphaels Geburt aufzuschreiben und dadurch noch einmal Klarheit zu gewinnen für meine bevorstehende Geburt. Bis der Beitrag online erscheint, wird unser Baby hoffentlich sicher und entspannt geboren sein. (Update: Ja, sie ist da!)

Für diese bevorstehende Geburt lerne ich vor allem: Es kommt immer anders. Jede Geburt ist einzigartig. Ich habe mich entfernt von starren Glaubenssätzen. Unbedingt Wassergeburt — nein; nur, wenn es sich gut anfühlt. Auf keinen Fall Schmerzmittel — doch, wenn das Kind sich zum Beispiel so verkeilt, dass es einfach anders nicht geht. Kinder dabei — mal sehen; wir sind auf alles vorbereitet (Link zu dem Thema folgt).

Ich wünsche mir, dass ich aus allen drei Geburten gelernt habe, und dass ich das jetzt wieder umsetzen kann: Ich vertraue meinem Körper, ich vertraue meinem Kind, ich vertraue auch meiner Hebamme und ich vertraue dem großen Ganzen. Und, für den Notfall, vertraue ich auch dem medizinischen Personal im Krankenhaus — und meinem Mann, dass er mich vor vielem bewahrt, wenn ich nicht dazu in der Lage bin.

 

Geburtsaufarbeitung für Raphael

Ich habe Raphaels Geburt für mich aufgearbeitet und kann mir selber verzeihen, dass ich Fehler gemacht habe. Jasmin hatte ich schon vorher verzeihen — sonst hätte ich sie wohl kaum bei meiner zweiten Geburt wieder dabei haben wollen.

Ich bin mir allerdings unsicher, ob Raphael seine Geburt auch aufgearbeitet hat. Ich hätte mir für ihn so sehr eine entspannte, ruhige Geburt gewünscht. Manchmal frage ich mich, wie ihn diese Geburt und die folgenden langen ambulaten Stunden auf der Bilirubin-Station eines anderen Krankenhauses beeinflusst haben (die ausführliche Geschichte würde den Rahmen sprengen, deshalb nur so viel: 6 Tage lang mussten wir täglich hin, es wurde täglich Blut abgenommen, meine Wundheilung im Wochenbett wurde vernachlässigt). Ist er deshalb so vorsichtig bei allem, was neu ist? Haben seine Probleme, seine Wünsche zu äußern (obwohl er sprachlich durchaus auf der Höhe ist), damit zu tun, dass schon sein Wunsch, auf die Welt zu kommen, so verpatzt wurde? Oder wollte er vielleicht gar nicht zur Welt kommen, aber ich hab es irgendwie verpatzt, ihm noch Zeit zu lassen?

Ich werde es wohl nur schwierig erfahren. Ich habe ihm, auch als Vorbereitung für unser nächstes Baby, oft meine bisherigen Geburtsgeschichten erzählt. Er weiß, dass es Fälle gibt, in denen ein Krankenhausaufenthalt unumgänglich ist. Wie viel er unterbewusst von seiner eigenen Geburt noch weiß, kann ich nicht sagen. Ich hoffe sehr, dass wir beide, wenn er älter ist, darüber sprechen können, und ich mich auch bei ihm dafür entschuldigen kann, dass nicht alles so lief, wie ich es mir für ihn gewünscht hätte. Er musste meine Fehler aushalten, und ich bin ihm zutiefst dankbar, dass wir trotzdem (oder deshalb!?) so eine innige Beziehung aufbauen konnten.