Nie wieder das Wunder der Geburt

Vor ein paar Wochen habe ich mit ein paar Freundinnen eine Kinderkleidertauschparty veranstaltet. Dabei fielen mir diese winzigen Bodys in die Hände, die Babys direkt nach der Geburt tragen. Größe 50/56. Krass. Echt mini.

Und natürlich kamen die Gedanken hoch: So klein waren meine Minis auch mal. Jetzt ist der Große acht Jahre alt und geht mir bis unter die Brust. Der Mittlere sitzt, während ich das schreibe, auf meinem Schoß und freut sich über jedes Wort, das er schon lesen kann. Madame Mini geht in den Kindergarten und reitet Ponys ganz selbstverständlich ohne Sattel am Führzügel im Galopp über die Wiese.

Und ich halte also diese echt winzigen Bodys in den Händen und frage mich: Wir auch? Wollen wir noch ein weiteres Baby haben, nach der schweren Geburt unseres Großen, der heilsamen Geburt von Nummer 2, der mental so schweren und körperlich so unproblematischen Fehlgeburt unseres Sternchens und der intensiven und kurzen Geburt unserer Tochter?

Nein, ich will kein Baby mehr

Nein, ich will kein weiteres Baby mehr. Ich mag es, immer mal wieder ein Baby in den Armen zu halten. Ich schnüffle nach wie vor gerne an einem Babynacken. Ich spiele gern Hopse-Reiter*in und ich entlaste Gäste mit Baby gern, wo immer es geht. „Gib mir die Pupskanone, während du isst. Nein, ist kein Problem, wenn es mich vollsabbert. Ja, ich weiß, dass es gerade keine Windel anhat.“

Und dann gehen die Gäste wieder und ich lese unseren Dreien eines ihrer Lieblingsbücher vor oder sie starten sich eine CD und ich stille noch ne Runde (jau, immer noch) und dann schlafen sie irgendwann. Und die Nächte nehmen zu, in denen sie wirklich durchschlafen. Die Nächte nehmen zu, in denen mein Mann und ich unser Bett für uns haben, weil die Kinder lieber ihre Ruhe haben wollen, statt Körperkontakt.

Und ich weiß: Bei uns ist das Thema durch.

Kein weiteres Baby. Keine Windeln mehr. Kein Stillen eines Neugeborenen im (gefühlt) Fünfminutentakt. Keine tropfenden Brüste. Aber eben auch nie mehr dieses Glück, von Babyaugen angestrahlt zu werden, mit Baby auf dem Bauch zu schlafen oder es glucksend im Badewasser planschen zu lassen.

Nie wieder Geburt

Und vor allem: Nie mehr das Wunder der Geburt.

Nie mehr werde ich an mir selbst diese Kraft, diese Ausdauer, diese Weiblichkeit erleben, wie ich sie bei den Geburten erleben durfte. Nie mehr gehe ich in dieser Hinsicht an meine Grenze und darüber hinaus.

Ja klar, auch beim Sport und beim Sex kann ich Gebärmutter, Vagina und Beckenboden spüren. Ich nehme die einzelnen Phasen meines Zyklus wahr und merke, wie meine weiblichen Geschlechtsorgane arbeiten. Ich erlebe Orgasmen und lebe meine Weiblichkeit aus.

Es ist nicht dasselbe.

Die Intensität einer Geburt ist einzigartig. Und manchmal trauere ich diesem Gefühl hinterher. Nicht wegen des Babys. Nein, ich genieße es, immerhin manchmal zur Toilette gehen zu können, ohne dass ein Kind sofort etwas von mir will. Ich trauere eher um diese unverschämt ehrliche, gewaltige Kraft, die ich bei der Geburt meiner Kinder erleben durfte und die einfach mit nichts zu vergleichen ist.

In den USA gibt es Frauen, die als Leihmütter arbeiten, weil sie genau das wollen: Sie wollen die Schwangerschaft und Geburt erleben, aber kein eigenes weiteres Kind haben. Deshalb tragen sie die Babys anderer Eltern aus. Für mich wäre das nichts — selbst, wenn es in Deutschland legal wäre. Ich weiß genau: Wenn ich jetzt nochmal schwanger würde, würde ich es austragen, und ich würde keinen Gedanken an eine Adoption verschwenden. (Ob ich diese Meinung irgendwann ändere, steht auf einem anderen Blatt.)

Aber nein, wir verhüten. Denn das Thema Baby ist durch. Und damit ist auch das Thema Geburt durch. Es ist die richtige Entscheidung, und zu 99 Prozent der Zeit genieße ich es, dass unsere „Babys“ jetzt eben keine Babys mehr sind. In dem einen übrigen Prozent wünsche ich mir, meinen Körper so stark und kraftvoll zu empfinden, wie ich es erleben durfte. Und am Ende dieses kurzen Moments kommt die Dankbarkeit.

Danke, dass ich erleben durfte, wie stark wir unter der Geburt sein können. Wie stark und gleichzeitig verletzlich. Lebenspendend und in Lebensgefahr.

Und dann folgt die Zufriedenheit, und ich kann die Überbleibsel unserer Kleidertauschparty guten Gewissens an andere Frauen abgeben, denen dieses Wunder noch bevorsteht.

3 Gedanken zu „Nie wieder das Wunder der Geburt“

  1. Danke, liebe Katharina.
    Für mich ist der Kinderwunsch mental noch nicht abgeschlossen, auch wenn ich nicht glaube, dass es nochmal ein Kind geben wird. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis war ich eine der ersten, die Kinder bekommen hat und ich merke manchmal, wie in mir ein komisches Gefühl hochkommt, wenn ich höre, dass andere das noch vor sich haben.
    Ich glaube aber, dass diese ambivalenten Gefühle normal sind, zumindest vor der Menopause.

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  2. Mir geht es auch so, ich erlebe mich manchmal so, dass ich sogar etwas neidisch bin auf schwangere Frauen.

    Auch ich vermisse das Wunder der Geburt!

    Aber nach 4 Kindern die ich spontan gebären durfte und die ja auch Platz benötigen und viele andere Bedürfnisse haben, und ich auch eigene Hobbies habe, gibt es kein Kind mehr.

    Mein Mann hatte jetzt eine Vasektomie und es ist der einzig richtige Weg, auch wenn es emotional oft noch ambivalente Gefühle in mir auslöst…

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