Katharina: Wunschhausgeburt mit Flashbacks

Die Geschichte der Geburt unserer Tochter: Kurz und intensiv. Dafür ist die Geschichte um so länger 😉

Unsere Tochter, unser Regenbogenkind, kam spät zur Welt. Elf Tage zu spät, wenn wir dem errechneten Termin Glauben schenken. Das führte zu einigem Mehraufwand:

  • Bei 40+3 musste der Vorsorgetermin wahrgenommen werden — dazu werde ich separat noch schreiben
  • Es gab 2 Mal falschen Alarm, der einmal sogar (dank vermutetem Blasensprung) zu einem spontanten Urlaubstag des Göttergatten und werdenden Vaters führte — auch hierzu in einem anderen Beitrag noch mal mehr (dann auch dazu, dass ich das identische Gefühl auch ein paar Tage nach der Geburt wieder hatte…)
  • Es wurden verschiedene Hebammentipps zur natürlichen Geburtseinleitung ausprobiert — Tee, Aufguss, warmes Bad mit Zusätzen, natürliche Prostaglandine
  • Die beiden „großen“ Kinder (viereinhalb und zweieinhalb Jahre alt) fuhren nochmal über ein Wochenende zu den Großeltern.

Wir hatten uns intensiv mit der Vorbereitung zu dieser Hausgeburt auseinandergesetzt. Vielleicht schreibe ich dazu an anderer Stelle noch mehr.

Baby, mach dich auf den Weg!

Am besagten Abend, elf Tage über dem errechneten Geburtstermin, war tagsüber noch nicht viel zu spüren. Ja, okay, ich spürte zwischendurch etwas. Aber hey, das Selbe hatte ich auch schon die vergangenen Wochen gespürt. Übungswehen, Senkwehen, Vorwehen, wilde Wehen — egal, auf jeden Fall nicht das, was ich als Geburtswehen in Erinnerung hatte. Am Abend vorher waren wir sogar noch auf einer Veranstaltung, circa 40 Minuten von zu Hause entfernt. Ich war mir total sicher, dass es nicht losgehen würde.

Nun wollte ich aber, dass es losginge. Der Zeitpunkt war optimal. Unsere Jungs waren ausquartiert — aber nur noch bis zum nächsten Mittag! Und 3 Tage später müsste ich dann zum Einleiten ins Krankenhaus! So viele Gründe, dieses Baby nun endlich auf die Welt zu bringen…

Nachmittags entschied ich mich dann nochmal für ein Bad. Als Zusatz gab es dieses Mal nicht nur Meersalz, sondern auch Eisenkrautöl. Das soll Wellen auslösen. Ingeborg Stadelmann schreibt in ihrem (aus meiner Sicht sehr lesenswerten) Buch „die Hebammensprechstunde“ dazu, dass sie dieses Öl nur ein einziges Mal angewandt hätte, weil die Wellen nach der Anwendung sehr heftig gewesen seien — fast zu heftig. Sie rät deshalb von diesem Mittel ab. Allerdings bezog sich ihre Anwendung auf die orale Einnahme. Ich wollte hingegen „nur“ darin baden und ging deshalb davon aus, dass die Reaktion meines Körpers weniger heftig sein würde. Ich wollte es dennoch ausprobieren. Baby, mach dich endlich auf den Weg!

Fast war ich enttäuscht, als ich gemütlich in der Badewanne lag und trotz Eisenkrautöls keine Änderung spürte. ich fühlte mich wohl in meinem Körper; Ende der Geschichte. So lauschte ich der Sportübertragung im Radio und stieg irgendwann wieder raus aus der Wanne. Ich trocknete mich ab und legte mich zum „Nachglühen“ ins Bett. Wiederum lauschte ich der Sportreportage. Da ging es wenigstens voran, im Gegensatz zu meinem Körper.

Ich mochte dort vielleicht eine halbe Stunde gelegen haben, als mein Liebster fragen kam, wann ich den gedächte, wieder aufzustehen — so bezüglich Abendessen und so. „Zehn Minuten, dann ist die Sportsendung vorbei“, antwortete ich. So ging er wieder.

Ende der Sportübertragung — Beginn der Geburt

Und eine Minute später rief ich ihm hinterher, dass wir das Abendbrot erstmal zurückstellen und jetzt Geburt machen. Denn da war sie gewesen. Eindeutig. So fühlten sich Geburtswellen an! Also, Göttergatte, auf geht’s! Starte die Geburtslogistik!

Geburtslogistik für den Partner, Schlafzimmer für mich

Er fing an, das Plantschbecken im Wohnzimmer aufzupusten (dank elektischer Pumpe vom Schlauchboot des Sohnes ging es schnell) und zu befüllen. Ich lag im Schlafzimmer, hinterließ unserer Hebamme eine Nachricht. Ging auf’s Klo. Entschied nach der nächsten Welle, die Hebamme nun doch auf dem Geburtstelefon anzurufen, weil sich diese Wellen ganz schön bemerkbar machten.

Sie ging auch gleich ran, schien sogar etwas erleichtert. Im Hintergrund schrie ein Baby. Aha, sie ist bei einer anderen Frau bei der Wochenbettbetreuung. Ich beschrieb ihr, was ich fühlte: Stark, rhytmisch, keine Ahnung wie lang und wie weit auseinander. Sie sagte zu, sich auf den Weg zu machen.

Circa eine Dreiviertelstunde später war sie da. Ich hatte die Zeit im Bett verbracht — mal liegend, mal auf allen Vieren. Zwischendurch hatte ich meinen Mann gebeten, mal den Abstand zwischen zwei Wellen zu notieren. Hat er, glaube ich, auch gemacht, aber ich erinner mich nicht daran.

Geräuschloses Veratmen im Grünen Nebel

Ich kam zu diesem Zeitpunkt noch gut mit den Wellen klar. Geräuschlos beatmete ich sie. Jede Muskelkontraktion begrüßte ich mit dem Credo, dass sie mein Baby näher zu mir brächte. Ich hüllte mich gedanklich jedes Mal in grünen Nebel — grün war schon bei meiner zweiten Geburt meine stärkste Meditationsfarbe gewesen, und sie begleitete mich jetzt wieder, obwohl mich während dieser Schwangerschaft auch oft orange und rot sehr stark angezogen hatten.

Grüner Nebel in Gedanken, Ruhe im Raum, sanftes Licht durch unsere Geburtskerze, die bereits bei beiden vorigen Geburten dabei gewesen war. So ließ es sich aushalten.

Die Hebamme als stille Beobachterin

Als unsere Hebamme kam, setzte sie sich einfach neben mich, begrüßte mich kurz, und blieb still. (Eigentlich fehlte nur noch, dass sie ihr Strickzeug rausholte, so wie in Kates Comic: Comic über die Geburt.) Für ihre Ruhe und augenscheinliche Passivität bin ich ihr sehr dankbar. Natürlich war sie überhaupt nicht passiv; sie beobachtete mich genau, nahm die Veränderungen war, hörte sich an, was ich ihr (ohne dass sie nachgefragt hätte) vom bisherigen Verlauf erzählte.

Ich erzählte also. Und weil ich das Gefühl hatte, dass es hier ganz schön zügig zur Sache ging, bat ich sie, mal zu schauen, ob der Muttermund sich schon geöffnet hätte. Krass, wie sehr sich die Geburten doch unterscheiden — beim 2. Kind hätte ich unter keinen Umständen gewollt, dass jemand mich vaginal untersuchte…

Wir standen bei 5cm. „Ungefähr, ich hab jetzt nicht so lange rumtasten wollen, weil ja schon die nächste Wehe kam.“ Ungefähr reicht mir: Jau, diese Wellen sind nun effektiv. Perfekt. Ich atmete weiter.

Sie ließ mich machen. Diese Art der Betreuung ist einer der Hauptgründe, warum ich mich prinizpiell für eine Hausgeburt entschieden hatte. Wer hat im Krankenhaus schon den Luxus, dass die Hebamme die gesamte Zeit dabei ist!? Und speziell unsere Hebamme ist davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, die Frauen erstmal machen zu lassen.

Voraussetzung für diese Art der Geburtsbetreuung ist natürlich, dass sich die Hebamme und die Gebärende bereits gut kennen und sich gegenseitig einschätzen können. Beiden muss klar sein, dass die Frau diejenige ist, die ansagt, wenn was nicht rund läuft und sie etwas ändern will. Die Hebamme wird das nur tun, wenn die Situation offensichtlich und hartnäckig feststeckt, aber nicht bei jeder kleinen Unannehmlichkeit. Das war einer der Gründe, warum ich bei meiner ersten Geburt eine Weile brauchte, sie zu verarbeiten… (LINK FOLGT).

Wechsel ins Wohnzimmer

Zurück zur Geburt. Ich lag also im Schlafzimmer und fühlte mich wohl. Der Raum war allerdings relativ kalt, so dass wir bald gemeinsam beschlossen, ins Wohnzimmer zu wechseln. Dort konnte ich ja genauso bequem liegen, weil wir das Sofa zur Schlafposition ausgezogen hatten. („Wir“ ist in diesem Fall ein Euphemismus für „mein großartiger Mann, der die Geburtslogistik wirklich hervorragend im Griff hatte!“) Die Geburtskerze nahmen wir natürlich mit — die wollte ich weiterhin im Blick haben können!

Dann sah ich das gefüllte Plantschbecken im Wohnzimmer. Ich folgte dem Impuls, ins Wasser zu steigen. Die Wärme und der gefühlte Gewichtsverlust taten mir sofort gut. Ich erlebte die nächsten Wellen im Wasser, auf den Rand gebäugt. Zunächst ging es gut. Dann aber merkte ich eine Veränderung: Obwohl die Wellen wie vorher kamen und gingen, blieb nach Abklang ein schmerzhafter Druck. Den wurde ich nicht los, egal, wie ich mich bewegte.

Im Wasser: Allein oder zu zweit?

Ich frage meinen Partner, ob er mit ins Wasser käme, um mich besser stützen zu können. Er sagte, dass er lieber nicht ins Wasser kommen wollte. Dies hätte eine kritische Situation werden können: Mein Bedürfnis stand gegen seinen Wunsch. Einerseits war ich davon überzeugt, dass er mich unterstützen sollte, andererseits war mir bewusst, dass es nichts bringen würde, seine Grenzen mutwillig zu überschreiten.

Genauso, wie Frauen sich bestimmte Dinge für ihre Geburt wünschen und andere vermeiden wollen, geht es Männern auch. hätte ich ihn „gezwungen“, wäre das für die Geburtsatmosphäre wohl wenig förderlich gewesen.

Zum Glück erfasste unsere wunderbare Hebamme die Situation schnell und korrekt: Es ging mir nur in zweiter Linie darum, meinen Mann mit im Wasser zu haben; es ging mir schlicht darum, dass er mich besser stützen könnte. Und dafür fand sie auch eine andere Lösung, nämlich, dass er sich von außen auf einen Stuhl setzte und mich dann besser stützen könnte, als im Stehen.

Gesagt, getan. Der Stuhl wurde herangerückt, er setzte sich, und konnte mich besser abstützen. Jetzt, im Nachhinein betrachtet, hätte ich mich vermutlich auch auf irgendeinem Gegenstand abstützen können — aber in dieser Situation war es für mich mental extrem wichtig, dass ich mich auf ihm, meinem Mann, dem Vater meines Kindes, abstützen konnte.

Ich fühlte mich wohler. Den Druck zwischen den Wellen wurde ich trotzdem nicht los. Und ich sagte das auch. Meine Hebamme merkte an, dass meine Position vermutlich nicht optimal sei, um das Kind weiter nach unten rutschen zu lassen: Zu sehr im Vierfüßlerstand, zu wenig aufrecht.

Stellungsspiel jenseits des Wassers

Sie machte den Vorschlag, dass ich vielleicht doch noch mal aus dem Becken heraus kommen sollte. Ich folgte ihrer Idee. Sofort wurde ich in den Bademantel gewickelt, den ich aber bald darauf wieder abstreifte. Zum einen war es warm im Zimmer, zum anderen spürte ich eine innere Hitze, die es mir nicht erlaubte, Kleider am Leib zu tragen. Eigentlich ist Hitze das falsche Wort. Es war mehr eine Art Wildheit, Zügellosigkeit, ein Drang, einem Ur-instinkt gleich. Es war keine bewusste Entscheidung. Es geschah einfach.

Das Stellungsspiel ging weiter. Für Außenstehende muss es ziemlich lustig ausgesehen haben, wie wir da so auf der Couch knieten — er gerade, ich auf ihn gestützt.

Übrigens wollte mein Mann, als wir ins Wohnzimmer umsiedelten, die Rollos herunterlassen. Aus Sichtschutzgründen — das Zimmer liegt im Hochparterre. Ich wollte aber gerne die Rollos oben lassen, und so blieben sie offen. Auch das war eher einem Bauchgefühl geschuldet. Ich konnte keinen Grund nennen. Aber es war mir wichtig. Vielleicht wollte ich den ersten Schnee des Winters, von dem mein Mann mir erzählt hatte, dass er gerade fiel, nicht optisch aussperren. Aber mit Bestimmtheit kann ich das nicht sagen. Es war eben ein Bauchgefühl. Aber hey, wenn nicht bei der Geburt eines Kindes, wann soll ich mich sonst schon auf meinen (zu diesem Zeitpunkt kugelrunden) Bauch verlassen!?

Klo oder doch nicht!?

Bei einer Welle hatte ich den Drang, nochmal auf’s Klo zu gehen. Nach der Welle ging ich rüber. Nö, kommt nix. Während der nächsten Welle wieder so ein Druck. Meine Hebamme meinte: „Das ist nur psychologisch. Müsstest du wirklich, müsstest du auch ohne Wehe.“ Okay, also wieder zurück auf die Couch und den Klodrang ignorieren.

Flashback zur ersten Geburt

Trotz der Stellung, die nun aufrechter war, wurde ich den Druck zwischen den Wellen nicht los. Und dann kam der Flashback. Vollkommen unvermittelt musste ich an meine erste Geburt denken.

Dieser schmerzhafte Druck fühlte sich genauso an. Ich bekam einen Schreck. Vor viereinhalb Jahren hatte sich das Baby gegen das Schambein gedrückt und kam nicht vorbei. Die Geburt war lang gewesen, und sehr sehr anstrengend für uns beide. Letztlich waren die Schmerzen größer als die verbliebene Kraft, so dass wir ins Krankenhaus fuhren, wo unser Baby mit einer Saugglocke geboren wurde. (Link folgt.)

Ich wollte das nicht noch einmal erleben. Wirklich nicht. Aber der Flashback kam so unvermittelt, dass mir nur eine Erklärung einfiel: Dieses Baby hier drückte auf die gleiche empfindliche Stelle, die ich von der ersten Geburt noch in so schmerzhafter Erinnerung hatte.

Oh je. Würde es wieder so enden? Ich äußerte, dass mich die aktuelle Situation, der Druck, die Schmerzen zwischen den Wellen, an die erste Geburt erinnerten. Meine Hebamme reagierte sofort: „Jetzt ist eine andere Geburt. Lass das Gespenst der ersten Geburt los!“ Ich nahm es mir zu Herzen.

Wo ist das Köpfchen denn nun!?

Der Druck wurde nicht weniger, aber die Erinnerung verblasste. Ich probierte, ob ich das Köpfchen schon fühlen könnte. Nichts. Enttäuschung. Diese krassen Wellen, der Druck — laut Aussage meiner Hebamme auch ein Zeichen dafür, dass das Kind bald geboren würde („Irgendwann sitzt es halt so tief, dass der Druck nicht mehr weggeht. Der Kopf will ja da durch…“) — das alles, und ich konnte noch nicht mal das Köpfchen spüren!?

„Spürst du den Kopf schon?“, frage die Hebamme. „Nein, leider nicht…“ „Fühl mal weiter vorne, Richtung Schambein. Nicht so weit nach hinten.“ Tja, man sollte meinen, mittlerweile wüsste ich, wo so ein Babyköpfchen dann zu finden wäre. Nö, ich hatte am falschen Ort gefühlt. Ich wiederholte den Versuch, und dieses Mal fand ich etwas Hartes, Glattes. Das Köpfchen — immer noch mit intakter Fruchtblase darum herum.

„Du darfst alles tun, wonach dir ist“

Ich war erleichtert. Sehr sogar. „Hallo Baby“, sagte ich und freute mich von ganzem Herzen. Ich fragte, ob die Hebamme nochmal die Muttermundsöffnung kontrollieren könnte: Ich wollte Gewissheit, dass es wirklich voran ging. Ihre Antwort: „Du darfst jetzt alles tun, wonach dir ist.“

Hm. Irgenwie hatte ich eine Antwort in Zentimetern erwartet. Später erzählte sie mir, dass sie an diesem Punkt die Reste des Muttermundes über das Köpfchen des Babys hätte schieben können, so dass die Gebut ab da sehr schnell gengangen wäre. Sie hat es nicht getan, wofür ich ihr sehr dankbar in.

Langsam wurden die Wellen richtig intensiv. Sie lautlos zu veratmen, war schon eine Weile nicht mehr drin gewesen — jetzt wurden meine Töne tiefer, länger und animalischer. Ich hatte nun die Kontrolle über das Geschehen vollständig an meinen Körper und mein Baby abgegeben. Ja, es war heftig, aber ich wusste, es ging voran. Und das gab mir Kraft.

Wo ist der Kaffee?

Zwischen den Wellen überraschte mich die Hebamme: An meinen Mann gewandt, fragte sie: „Wo ist denn der Kaffee?“ (Kaffee wird von Hausgeburtshebammen häufig als Dammkompresse genutzt — dazu mehr in einem anderen Beitrag, den ich noch schreiben will.) Der Kaffee war natürlich längst vorbereitet — wie gesagt, hatte mein Liebster die Geburtslogistik dank unserer gemeinsamen Vorbereitung voll im Griff.

Sie fragte also nach Kaffee. In meinem Hirn machte es klick. Kaffee. Kaffee braucht sie, um den Damm zu schützen, wenn das Kind geboren wird. Wenn sie jetzt nach dem Kaffee fragt, kann das nur bedeuten, dass es gleich so weit ist. Also, ab ins Wasser.

Während sie noch den Kaffee holte, war ich schon wieder im Geburtsbecken.

„Ach, dann brauche ich ja doch keinen Kaffee“, kam der trockne Kommentar.

Muskelkater für den Vater

Ich hockte wieder im Wasser, mein Mann wieder auf seinem Stuhl vor mir. Mein Körper verlangte mir alles ab. Und ich verlangte meinem Mann alles ab: Ich wollte im Wasser sein, aber aufrechter, als vorher. Damit mein Bauch trotzdem von Wasser umgeben war, musste ich also ziemlich komisch hocken — eine Position, die ich allein nicht halten konnte. Also hielt mein Liebster mich, was ihm allerdings nur möglich war, wenn er sich selber nicht abstützte. Der Muskelkater im Rücken und in den Armen war für ihn also vorprogrammiert.

Mich hat das in dem Moment freilich gar nicht interessiert. Ich wollte einzig und allein, dass das Köpfchen weiter runter rutscht. Und das ging so nunmal am besten.

Nun war es auch endgültig Zeit, jegliche Scheu vor lauten animalischen Geräuschen abzulegen. Ich schrie nicht. Eher war es wie ein Röhren, ein Brüllen, das tief aus meinem Inneren kam und zusätzliche Kraft freilegte.

Captain Obvious: FRUCHTBLASE!

Zwei, vielleicht drei Wellen später wurde der Druck noch stärker. Und mit einem Knall, als wäre ein Luftballon geplatzt, war die Fruchtblase gesprungen. Ich spürte einen Schwall warmen Wassers (danke, dass der nicht auf die Couch ging…) und kommentierte mit einem lauten „Fruchtblase!“

Mann und Hebamme fingen an, zu lachen — ja, offensichtlich war das die Fruchtblase gewesen.

Ich hatte sofort das Bedürfnis, zu fühlen, wie weit das Köpfchen schon war. Das war gar nicht so einfach, denn dafür musste ich die Hand vom Arm meines Göttergatten lösen. Er folgte allerdings meiner Bwewegung, wohl, weil er dachte, ich könne mich so nicht mehr halten und wollte die Position mit Stütze ändern.

Neuigkeiten: Haare vorhanden!

Dann schlängelte ich meinen Arm doch weg (Worte waren da gerade nicht zur Verfügung) und fühlte. Der Kopf saß jetzt schon deutlich tiefer. Und, ich verkündete die nächste Neuigkeit: „Es hat Haare!“

Wieder lachten Mann und Hebamme. Es ist ein kleiner Familienwitz, dass bei uns nur Kinder mit Haaren geboren werden; schon über mehrere Genereationen hinweg. Geschlecht, tja, eher unwichtig. Aber die Frage nach den Haaren… Hehe.

Ich musste selber lachen. Ich freute mich so unglaublich auf dieses Kind, auf unser Haar-Baby.

Weites Herz

Die nächste Welle kam. Ich spürte, wie sich alles in mir extrem weitete. Nicht nur mein Muttermund und der Geburtskanal, sondern auch mein Mund, der wie ganz von selber anfing, tiefe Töne zu produzieren, und mein Herz, das sich wie verrückt auf dieses kleine Wesen freute.

Die Welle war vorüber. Das Kind steckte kurz vor dem Ziel. Und ich hatte kurz Zeit, einen Gedanken zu fassen, den ich vorher nie hatte: Das also ist dieser berühmt-berüchtigte „Ring of Fire“. Der Dehnungsschmerz, in diesen letzten Sekunden vor der Geburt.

Bei der ersten Geburt war das irgendwie mit der Saugglocke und dem ganzen Drumherum an mir vorbei gegangen. Bei der zweiten Geburt hatte ich das so nicht erlebt; vielleicht, weil das Köpfchen innerhalb einer einzigen Welle bereits vollständig geboren war und nicht noch so dort steckte.

Plopp

Der Gedanke war jäh vorbei, als die nächste Welle kam. Ich fühlte mit der Hand. Jetzt, im Nachhinein, ist es erstaunlich, dass ich dazu überhaupt die Kraft hatte, denn das bedeutete ja, dass mein Mann mich gar nicht mehr hielt… Im Moment selber hab ich darüber natürlich nicht nachgedacht. Ich fühlte das Köpfchen, die weichen Haare, und spürte, wie des immer näher kam. Mit einem Plopp (nicht hörbar, aber das Gefühl war eindeutig ein Plopp!!) kam das Köpfchen auf die Welt. Ich war beseelt vor Glück. Der Rest war jetzt ja nur noch Formsache, so dachte ich mir.

In diesem Moment öffnete sich die Türe und die zweite Hebamme trat ein. Bei uns auf dem Land sind die Wege etwas weiter, und so kam sie erst jetzt — was wegen der Kürze der Geburt ja auch kein Problem war: Unsere Hebamme war noch lange nicht müde, hihi.

Sie kam herein, sagte kurz Hallo und setzte sich. Ich grüßte, ignorierte sie dann aber wieder. Bevor die nächste Welle kam, hockte ich mich etwas höher, damit der Körper nicht auf dem Plantschbeckenboden aufschlagen würde. Ich bekam noch mit, wie mir meine Hebamme sagte, ich solle nicht so viel Druck ausüben. Und dann gebar ich unser Kind. Es flutschte mir in die Hände.

Ich war überwältigt vor Glück. Und dachte mir gleichzeitig: Das war’s. Das war die letzte Geburt. Komisch, wie diese beiden Gedanken sich gleichberechtigt in meinem Hirn manifestierten.

Die ersten Sekunden

Ich setzte mich ins Wasser und hob unser Kind auf meine Brust. Es war wach, hatte die Augen offen, und war ganz still. Ich streichelte den Rücken und war glückbeseelt. Um mich herum wurden Handtücher gereicht — rot, flauschig, warm — und das Kind damit vorsichtig abgerubbelt.

Es dauerte eine Zeit, bis der erste Atemzug spürbar war. Mich hat es nicht gestört. Ich wusste, dass wir eine wunderbare Betreuung hatten, die genau wusste, was passieren würde und wie wir uns verhalten sollten.

Dann kam der erste Atemzug und ein kurzes „Quäk“, danach gab sich unser Neugeborenees wieder mit Kuscheln zufrieden.

Post-natales Turnen: Vom Becken auf die Couch

Es war eine kleine Turnaktion, mich mit dem Kind aus dem Becken auf die Couch zu bugsieren. Die Nabelschnur war (wieder einmal) ziemlich kurz, so dass ich nur gebeugt aus dem Becken steigen und mich auf die Couch legen konnte.

Bisher wussten wir immer noch nicht genau das Geschlecht. Ach, würden wir schon früh genug erfahren.

Ich legte das Kind auf die warmen Handtücher auf der Couch und beugte mich über sie. Und dann bekam ich den krassesten Zitterlanfall meines Lebens.

Mir war nicht kalt (zumindest erinnere ich mich nicht mehr daran). Ich war einfach nur körperlich erschöpft bis in die letzte Muskelfaser. Ich zitterte einfach. Währenddessen wurde mir der Rücken abgerubbelt. Als der Zitteranfall halbwegs vorbei war, legte ich mich mit der Unterstützung der anderen Menschen so hin, dass ich etwas ausruhen konnte. Ich glaube, jetzt irgendwann schauten wir uns das Kind dann mal von oben bis unten an unstellten fest: Alles dran. Und: Wir haben eine Tochter.

Sie war perfekt.

Die ersten Stunden danach: Geschlecht, Stillen, Plazentageburt

Alles, was ich ab jetzt schreibe, könnte in dieser Reihenfolge passiert sein, vielleicht aber auch anders herum. An die nächsten Stunden erinnere ich mich zwar phasenweise sehr genau, kann aber nicht mehr sagen, was wann passierte.

Die Geburtszeit dagegen weiß ich. Kurz nach 21 Uhr kam sie zur Welt. Damit hatten wir weniger als dreieinhalb Stunden gebraucht. Wow, als mir das klar wurde, verstand ich auch, warum ich die Wellen von Anfang an so intensiv erlebt hatte. Diese ganze Geburt war offensichtlich sehr auf Effektivitiät ausgelegt gewesen.

Das erste Mal Stillen klappte gut. In den nächsten Tagen würde ich auch noch mal wunde Brustwarzen bekommen, aber dann würde sich das Stillen gut einspielen. In diesem ersten Moment war es einfach nur schön, das kleine Wesen an die Brust zu legen und nuckeln zu lassen.

Und dann kam eine so heftige Nachwehe, dass es mich fast von den Stühlen gerissen hätte. Zum Glück lag ich bereits, so dass ich nicht mehr umkippen konnte. Alter Schwede, damit hatte ich nicht gerechnet. Die waren ja genauso krass, wie vor drei Stunden! Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass mich die Nachwehen in dieser Intensität noch einige Tage begleiten würden…

Jetzt erstmal freuten sich die Hebammen darüber, denn dann würde bestimmt bald die Plazenta geboren werden.

Oder auch ncht.

Eine halbe Stunde nach der Geburt war immer noch keine Plazenta in Sicht. Ich hatte in der Zwischenzeit wieder ein wenig Kraft geschöpft — Tee mit Honig und Müsliriegeln sei Dank!! — und veränderte meine Position, so dass nun auch die Plazenta geboren werden konnte. Wir froren sie ein (wie auch schon bei den Geburten vorher), um später einen Baum darauf zu pflanzen.

Nachdem die Plazenta geboren war, durchtrennten wir die Nabelschnur. Mein Mann wollte nicht (wie auch schon vorher nicht), und mir war es ehrlich gesagt ziemlich gleichgültig. Meine Hebamme dagegen freute sich total, „weil ich das sonst ziemlich selten machen darf — meinstens wollen die Männer…“

Das Baby wurde gewogen: 4260g. Wow. Langsam dämmerte mir, warum ich die Flashbacks zur ersten Geburt hatte: Dieses Kind war ähnlich schwer und dadurch brauchte es vielleicht ähnlich viel Platz — und stieß folgerichtig auch an die selbe Stelle am Schambein… Nummer zwei war ja kleiner gewesen und vielleicht deshalb schon besser vorbei geflutscht.

Ich hatte wirklich nicht mit einem so schweren Baby gerechnet. Zum einen war mein Bauch nicht mega groß und zum anderen hatten sowohl die Frauenärztin als auch die Hebamme auf weniger Gewicht geschätzt.

Tja. Ging auch so.

Aufräumlogistik & ab ins Bett

Um mich herum begann die Aufräumlogostik: Alles in die Akten eintragen, Wasser auspumpen, dreckige Unterlagen gegen daubere tauschen…

Die Zweithebamme verabschiedete sich irgendwann.

Ich wollte mal auf’s Klo gehen, aber da hing noch der Schlauch vom Becken-auspumpen drin. Ich musste also noch warten. Dann konnte ich endlich Wasser lassen und, weil ich das gut überstanden hatte und zwischendruch auch noch gegessen und getrunken hatte, durfte ich dann die Treppe hochsteigen ins Bett.

Übrigens fragte unsere Hebamme, als sie aufbrechen wollte, noch, wo sie denn ihre Jacke gelassen hätte. Ich konnte ihr ganz klar sagen: Über dem Treppenabsatz! Denn, als wir vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer gewechselt waren, hatte ich ihn dort gesehen. Ich hatte da gerade ja keine Welle, und war deshalb klar und analytisch, als sei gerade nix Besonderes… Das muss wohl immer noch mit unserem Fluchtinstikt zu tun haben 😉

Gegen 3 Uhr lagen wir im Bett und schliefen.

Am nächsten Mittag brachten die Großeltern ihre beiden Enkelsöhne zurück und seitdem sind wir nun also fünf. (Die Katze würde behaupten, sechs…)

Ich hatte erwartet, diese Geburt würde weniger anstrengend. Meine zweite Geburt hatte ich so einfach im Kopf. Entspannt, unkompliziert. Die dritte Geburt rief mir wieder eine Sache ins Gedächtnis: Geburt ist körperliche harte Arbeit.

Arbeit, die sich in jeder Hinsicht lohnt.