Mein eigenes Wohl oder das meines Kindes?

„Sei immer du selbst, außer du kannst ein Einhorn sein. Dann sei ein Einhorn.“ „Niemand kann dich so lieben wie du selbst.“ „Du bist deines Glückes eigener Schmied.“ Solche Art von Motivationssprüchen kennen wir doch alle. Ja, wir sollen uns selbst verwirklichen und ja, wir sollen mit dem glücklich werden, was wir uns selber aussuchen. Wir sind für unser Wohl selber verantwortlich.

Manche Menschen, die normalerweise sehr viel Betonung auf die Eigenverantwortung legen, ändern ihren Tonfall, wenn es um den eigenen Nachwuchs geht. Dann hörst du vielleicht eher: „Selbstverwirklichung ist ja ganz nett, aber doch wohl nicht, wenn es auf Kosten deines eigenen Kindes geht.“

Und genau diese Problematik möchte ich gern etwas genauer behandeln.

Der Optimalfall: Dein Wohl und das Wohl deines Kindes überschneiden sich

Das ist der Fall, den wir alle uns wünschen. Dir tut gut, was deinem Kind gut tut. Es gibt endlos viele Beispiele: Die Kinder schlafen durch, so dass auch du eine angenehme Mütze voll Schlaf bekommst. Dein Kind isst gut und du weißt, dass es ausreichend Nährstoffe für gesundes Wachstum zu sich nimmt. Dir und deinem Kind fällt das Stillen leicht, so dass ihr eine angenehme Stillbeziehung führt. Du willst zu deinen Schwiegereltern fahren und deine Tochter hat total Lust darauf, Oma und Opa wiederzusehen. Die Liste ließe sich endlos weiterführen.

Das ist der Fall, den wir alle uns wünschen. Dir tut gut, was deinem Kind gut tut. Bild: Edgardo Mota 

Was ist eine Laune, was ist Wohlergehen?

Vielleicht hast du bei manchen der Beispiele oben schon gedacht: Das ist doch wohl eher eine Laune oder Stimmung. Da geht es doch nicht um das grundsätzliche Wohlergehen. Ich stimme dir zu: Einzeln betrachtet ist es noch keine grundsätzliche Frage des Wohlergehens, wenn ein Kind mal keinen Bock auf seine Großeltern hat. Es kann aber zu einer Frage des Wohlergehens werden, wenn sich solche Situationen immer wieder wiederholen.

Letztendlich geht es bei der Frage des Wohlergehens um Bedürfnisse. Es geht uns gut und wir fühlen uns wohl, wenn unsere Bedürfnisse erfüllt werden.

Wenn dein Wohl und das deines Kindes sich gegenüberstehen

Bedürfnisorientierte Elternschaft bedeutet, dass wir nicht einfach entscheiden, weil wir die Eltern sind. Wir richten stattdessen unsere Handlungen darauf aus, das Kind zu unterstützen, seine Bedürfnisse zu erfüllen und dabei auch uns mit unseren elterlichen Bedürfnissen wahrzunehmen und zu achten. Leider wird der letzte Teil häufig vergessen. Doch auch deine Grenzen als Elternteil sind okay.

Und deshalb kann es manchmal dazu kommen, dass sich das Wohl zweier Personen auf den ersten Blick nicht miteinander vereinbaren lässt. Häufig gibt es bei genauerem Hinsehen doch Lösungen, zum Beispiel durch die Einbeziehung dritter Personen. Wenn es die Lösungen aber nicht gibt, stellt sich die Frage: Stelle ich das Wohl meines Kindes über mein Wohl? Welches Bedürfnis ist wertvoller und warum? Schadet die Situation dem Wohlergehen der einen Person mehr als dem Wohlergehen der anderen Person? Wie lange wirkt sich die Situation aus?

Wir alle neigen sehr schnell dazu, das Wohlergehen unseres Kindes über unser eigenes zu stellen. Daran ist grundsätzlich auch nichts auszusetzen. Vermutlich ist es evolutionsbiologisch ganz sinnvoll, dass wir eher den Fortbestand der nächsten Generation sichern statt uns selbst.

Foto: dMz

Und dennoch: Es ist leider nicht so einfach. Denn je kleiner unsere Kinder sind, desto mehr sind sie darauf angewiesen, dass wir uns ihrer annehmen. Und das können wir mittel- und langfristig nur, wenn auch unsere eigenen Bedürfnisse erfüllt sind. Am schlimmsten ist die Situation, wenn unsere eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt sind und wir das dann unseren Kindern in die Schuhe schieben. Denn als Erwachsene sind wir für unser Wohlergehen selbst verantwortlich.

Jedes mal, wenn du auf die Welt schimpfst, wenn du über Ungerechtigkeit klagst, wenn du deine Mitmenschen beschuldigst, machst du dich selbst zum Opfer, anstatt die Verantwortung für deine Gefühle zu übernehmen.

Chris Ley, Wie liebe ich mich selbst

Und schwupps, schon sind wir wieder bei der Ausgangslage: Sei deines eigenen Glückes Schmied. Leb dein Leben so, wie es dir gefällt, und nicht, wie andere es von dir erwarten. Get rich or die trying. Und sei halt gleichzeitig auch das wunderbare Elternteil, dass immer die Bedürfnisse des Kindes erfüllt. Der Kreislauf beginnt von vorne.

Geburt auf Kosten des Wohlergehens des Kindes?

Bereits in der Schwangerschaft stellt sich dir Frage: Darf ich noch meinen Lieblingssport ausüben? Kann ich noch Sushi essen, wenn ich schwanger bin? Kann ich in der 34. Schwangerschaftswoche noch in den Urlaub fliegen?

Und natürlich geht es mit medizinischen Aspekten weiter: Wie viele Vorsorgeuntersuchungen nehme ich wahr? Entscheide ich mich für oder gegen die Ultraschalluntersuchungen?

All diese Maßnahmen werden meist mit dem Kindeswohl begründet. Und Kindeswohl wird in diesem Zusammenhang mit der körperlichen Gesundheit des Babys gleichgesetzt. Das ist durchaus verständlich. Immerhin können wir dank moderner Technik unserem Baby ziemlich genau beim Wachsen zuschauen und merken vergleichsweise früh, wenn körperlich irgendwelche Probleme auftreten.

Also gilt häufig: Größtmögliche körperliche Sicherheit ist für viele die beste Art, das Kindeswohl zu gewährleisten.

Leider ist es nicht immer so einfach. Denn Geburten sind zwar ein normaler physiologischer Vorgang, allerdings gibt es so manche Stolperstelle dabei. Und diese Stolperstellen führen dazu, dass wir nicht immer sicher sein können, welche Wahl das Kindeswohl am besten unterstützt.

Ein paar Beispiele:

  • Für die Geburt ist langes Sitzen in der Schwangerschaft problematisch. Das Becken leidet darunter. Langes Sitzen kann das Baby gefährden, weil es nicht richtig ins Becken rutschen kann. Dennoch passieren statistisch gesehen beim Sport mehr Unfälle als beim Sitzen. Und wir alle wollen Unfälle vermeiden. Also sitzen wir lieber.
  • Das weiter entfernte Krankenhaus hat die Perinatalstation und kann auf alles sofort reagieren. Der Weg dorthin führt über eine Landstraße mit vielen Unfällen.
  • Die Fruchtwasseruntersuchung kann Hinweise auf eine Behinderung des Babys geben. Sie kann auch das Baby verletzen.
  • Du fühlst dich zu Hause sicher und geborgen. Der Krankenwagen braucht allerdings fast zehn Minuten zu dir, falls etwas schief läuft.
  • Im Krankenhaus ist die Gefahr, sich mit multiresistenten Keimen anzustecken um ein Vielfaches größer als zu Hause.

Egal, welche der oben genannten Entscheidungen du triffst: Vermutlich gibt es irgendwo eine Person, die dir sagt:

Das kannst du nicht tun. Du gefährdest das Wohlergehen deines Kindes.

Es ist eine schmerzliche Wahrheit. Wir können versuchen, unsere Kinder vor allem Leid und allem Schmerz zu bewahren. Es wird uns nicht gelingen. Nicht bei der Geburt und nicht davor und danach.

Immer ist es eine Abwägung vor jetzigem und späterem Leid und vor verschiedenen Formen von Leid.

Unter diesem Gesichtspunkt ist vielleicht ein anderer Ansatz sinnvoll: Wenn wir wählen, wie wir vorgehen, und wir wissen, dass beide Vorgehensweisen nicht immer ausschließlich positive Konsequenzen haben, sollten wir vielleicht nicht nur das Kindeswohl mit in unsere Entscheidung einbeziehen. Sondern vielleicht ist es auch okay — sogar mehr als das — wenn wir unser eigenes Wohlergehen ebenfalls berücksichtigen.

Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass es bei Schwangerschaftsvorsorge, bei Geburten und generell beim Leben mit Kindern nicht immer vorhersehbar ist, wie wir das Wohl des Kindes am besten schützen. Und vielleicht ist es deshalb auch okay, wenn wir zwischendurch sagen: Da entscheide ich jetzt so, wie es mir am besten geht.

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