Notkaiserschnitt oder notwendiger Kaiserschnitt?

„Noch während die Vollnarkose ihre Wirkung entfaltete, wurde sie in den OP geschoben. Ihr Mann wollte ihr folgen, wurde aber nicht mit reingelassen. Innerhalb weniger Minuten brachten die Ärzte ihr Kind zur Welt. Dank des schnellen Eingriffs hielten Mutter und Kind keine Langzeitfolgen zurück.“

Dieses Szenario kennen wir alle aus dem Fernsehen; es kommt aber auch in der Realität vor. Es handelt sich dabei um einen Notkaiserschnitt. Doch nicht immer nutzen wir den Begriff für solche Szenarien. Manchmal sagen wir „Notkaiserschnitt“, obwohl es aus medizinischer Sicht gar keiner war.

In diesem Beitrag möchte ich die verschiedenen Begrifflichkeiten erläutern und auch auf Unklarheiten bei der Einordnung eingehen.

Was ist ein Notkaiserschnitt?

„Im Notfall, das heißt, wenn man von einer akuten vitalen Bedrohung der Mutter oder des Kindes ausgehen muss, ist eine sofortige Sectio indiziert, die in Vollnarkose und, wenn es die Räumlichkeiten zulassen, meist gleich im Kreißsaal durchgeführt wird“, schreibt Constanze Wolf in ihrer Dissertation.

Eine „akute vitale Bedrohung“ übersetzen wir im Volksmund mit „akuter Lebensgefahr.“

Zeiträume bei Notkaiserschnitten

Bei einem solchen Notkaiserschnitt zählt jede Minute. Manchmal wird die Sectio sogar noch im Kreißsaal vorgenommen. Die deutsche Gesellschaft für perinatale Medizin schreibt:

Bei jeder Geburt soll sichergestellt sein, dass im Falle einer erforderlichen Notfall-Entbindung („Not-Sectio“) die Entscheidungs-Entbindungszeit („E-E-Zeit“) unter 20 Minuten eingehalten werden kann.

DGPM, S2-Leitlinie Empfehlungen für die strukturellen Voraussetzungen der perinatologischen Versorgung in Deutschland

Interessanterweise schreibt Constanze Wolf, dass es je nach Land unterschiedliche Sollwerte gebe, wie lange der Zeitraum von der Diagnose zur Schnittgeburt dauern dürfe. Die Daten aus ihrer Dissertation sind wohl mittlerweile zumindest teilweise überholt: Die königliche Vereinigung von Geburtshelfer*innen und Gynäkolog*innen in Australien und Neuseeland, kurz RANZCOG, schrieb beispielsweise im Juli 2019:

RANZCOG recommends the be no specific time interval attached to the various categories of urgency of Cesaerian section.

(In Deutsch etwa: RANZCOG empfiehlt keine konkreten Zeitintervalle je nach Dringlichkeitsgrad des Kaiserschnitts.)

RANZCOG

Eiliger Kaiserschnitt

Übrigens gibt es in Deutschland auch noch Begriff eiliger Kaiserschnitt. Ein eiliger Kaiserschnitt ist ein Kaiserschnitt ohne Lebensgefahr, in dem aber aus bestimmten Gründen zügiger gehandelt wird. Hebamme Anja Constance Gaca erklärt dies auf ihrem Blog so:

Bei der eiligen oder auch dringlichen Sectio finden auch noch all diese Maßnahmen [Blasenkatheter, PDA oder Spinalanästhesie, Aufklärung] statt. Aber alles läuft entsprechend zügiger ab. Auch die OP-Aufklärung fällt etwas knapper aus. Das Baby sollte spätestens innerhalb von 20 bis 30 Minuten geboren sein, ausgehend von dem Zeitpunkt, ab dem die Entscheidung zum Kaiserschnitt gefallen ist.

Anja auf ihrem Blog Von guten Eltern

Unabhängig von konkreten Zeitwerten in unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Einrichtungen gilt aber:

Ein Notkaiserschnitt wird durchgeführt bei Lebensgefahr

Medizinisches Fachpersonal stellt fest, dass schnellstmöglich ein Kaiserschnitt durchgeführt werden muss, um zu verhindern, dass Mutter und Kind einer Lebensgefahr ausgesetzt sind beziehungsweise um diese Lebensgefahr zu beenden.

Die Seite Frauenärzte im Netz listet für einen Notkaiserschnitt folgende Indikationen:

– schwangerschaftsbedingte schwere Erkrankung der Mutter (z. B. Eklampsie, HELLP-Syndrom),

– vorzeitige Plazentalösung oder

– anhaltender Abfall der kindlichen Herztöne.

Frauenärzte im Netz

Die deutschsprachige Wikipedia listet darüber hinaus auch Blutungen bei Plazenta Praevia als Grund für einen Notkaiserschnitt.

Notkaiserschnitte werden immer unter Vollnarkose vorgenommen.

Nicht jeder ungeplante Kaiserschnitt ist also ein Notkaiserschnitt. Doch genau hier kommt besagte Ungenauigkeit ins Spiel:

Notwendige Kaiserschnitte sind nicht immer Notfallkaiserschnitte

Notwendige Kaiserschnitte sind alle Kaiserschnitte, die nicht ausschließlich auf Wunsch der Schwangeren durchgeführt werden. Stattdessen werden sie aufgrund medizinischer Sachlagen durchgeführt. Manchmal sind diese medizinischen Hintergründe vorher geplant, so dass von vornherein ein medizinisch notwendiger Kaiserschnitt angesetzt wird. Manchmal treten auch erst während des Geburtsverlaufs solche Notlagen ein.

Das Personal entscheidet dann (im Optimalfall gemeinsam mit der Gebärenden), dass ein Kaiserschnitt die sinnvollste Option ist. Weder Mutter noch Kind schweben zu diesem Zeitpunkt allerdings in konkreter Lebensgefahr.

Der Kaiserschnitt ist medizinisch notwendig (oder zumindest sinnvoll verglichen mit anderen Optionen), die Durchführung dagegen geschieht nicht als Not-Operation.

Insofern kann ein medizinisch notwendiger Kaiserschnitt, wenn es sich nicht um einen Notkaiserschnitt handelt, auch unter einer PDA statt einer Vollnarkose durchgeführt werden. Wird keine Vollnarkose gesetzt, kann hier je nach Krankenhaus (und momentan nach Corona-Situation) auch eine Begleitperson dabei sein. Bei Vollnarkosen dagegen sind Begleitpersonen nicht anwesend.

Was haben primärer und sekundärer Kaiserschnitt mit Notkaiserschnitten zu tun?

Ein primärer Kaiserschnitt bedeutet, dass bereits vor Einsetzen der Geburt ein Kaiserschnitt eingeplant ist. Das kann entweder eine Wunschkaiserschnitt (wie bei Moni) sein oder ein medizinisch notwendiger Kaiserschnitt. Übrigens handelt es sich laut dem Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus auch dann um einen primären Kaiserschnitt, wenn er erst nach Einsetzen der Wehen durchgeführt wird (wie zum Beispiel bei Uschis Geschichte). Andere Quellen (z.B. Netdoktor, Wikipedia) dagegen geben an, dass ein primärer Kaiserschnitt vor Geburtsbeginn durchgeführt wird.

Ein sekundärer Kaiserschnitt dagegen wird erst beschlossen, wenn die Geburt bereits im Gange ist. Auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Es kann sich um einen Wunschkaiserschnitt der Gebärenden handeln
  • Es kann sich um einen medizinisch notwendigen Kaiserschnitt handeln, der aber nicht wegen akuter Lebensgefahr, sondern wegen anderer medizinischer Diagnosen durchgeführt wird. Dies ist ein notwendiger Kaiserschnitt.
  • Es kann sich um einen Notkaiserschnitt handeln, weil für Mutter und/oder Kind Lebensgefahr besteht.

Notkaiserschnitt oder Notfallkaiserchnitt?

In meiner Quellenrecherche habe ich sowohl den Begriff Notkaiserschnitt als auch Notfallkaiserschnitt gefunden. Diese scheinen synonym verwendet zu werden. Wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen Notkaiserschnitt und Notfallkaiserschnitt auf der einen Seite und notwendigem Kaiserschnitt auf der anderen Seite.

Exkurs in den englischen Sprachraum

Im Englischen habe ich die Begriffe „planned Cesaerean Section“ und „Emergeny Cesaerean Section“ gefunden. Ersteres würde ich mit einem primären Kaiserschnitt übersetzen. Emergeny Cesaerean Section dagegen ist ein Notkaiserschnitt. Doch wie nennt man auf englisch notwendige sekundäre Kaiserschnitte? Ich war mir sehr unsicher und habe eine kleine total subjektive Facebook-Umfrage unter englischsprachigen Menschen durchgeführt. Folgende Vorschläge kamen: „Precautionary“, „unplanned“, „belly birth“. Wenn du mehr Infos dazu hast: Immer her damit!

Meine Hausaufgabe

Auch hier im Blog bin ich bisher eher lax mit der Unterscheidung zwischen Notkaiserschnitt und notwendigem Kaiserschnitt umgegangen, zum Beispiel bei Katrins Geburtsgeschichte. Ich werde nach und nach diese Stellen suchen und berichtigen. Bitte gib mir Bescheid, falls dir etwas auffällt.

Quellen

5 Gedanken zu „Notkaiserschnitt oder notwendiger Kaiserschnitt?“

  1. Liebe Katharina,

    die Unterscheidung und Aufklärung darüber finde ich wirklich sehr wichtig. Was mich noch interessieren würde: Wie viele der sekundären Kaiserschnitte in Deutschland sind wohl „echte“ Notfälle?

    Ich höre auffällig häufig von Frauen, dass sie einen Notkaiserschnitt gehabt hätten. Natürlich kann es sich für eine Gebärende wie eine akute Notsituation anfühlen, wenn, oft für sie völlig unerwartet, ein Arzt auf sie zukommt und sagt „so können wir nicht weitermachen“, „auf Grundlage Untersuchung kann ich die Gesundheit ihres Kindes nicht gewährleisten“ oder „wir müssen jetzt eine Entscheidung treffen“, etc.. Kein Wunder, wenn sie Angst bekommt und ohne lange Überlegung in eine OP einwilligt. Oft stellt sich für die Frau bzw. das Paar erst im Nachhinein heraus, dass es sich eigentlich um eine rein präventive Maßnahme gehandelt hat — über mögliche Alternativen wurde vielleicht nie gesprochen.

    Daher empfehle ich jeder Schwangeren, sich die Safety Card des Vereins Trau(a)Geburt e.V. in ihren Mutterpass zu kleben und das Fragenstellen während der Schwangerschaft zu üben! Die findet ihr hier:

    https://traumageburtev.de/vor-der-Geburt/Geburtsvorbereitung/Vorsorge/Safety-Card/

    Denn nur wer sich gut informiert fühlt, kann wirklich selbstbestimmte Entscheidungen treffen und durch eine ruhige und klare Kommunikation können unnötige Eingriffe in vielen Fällen vermieden werden — das ist meine Erfahrung und feste Überzeugung.

    Herzliche Grüße
    Rebecca

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    • Liebe Rebecca, danke dir für die Ergänzung! Es ist wirklich schwierig, da Zahlen zu finden.

      Als Indiz kann wohl gelten: wenn keine Vollnarkose angesetzt wird, handelt es sich nicht um einen Notfall mit Lebensgefahr. Und dann kann die Entscheidung auch besprochen werden.

      Andererseits ist auch die Zahl der Wunschkaiserschnitte schwierig zu bestimmen, weil manchmal zur einfacheren Abrechnung ein medizinischer Grund angegeben wird.

      Grundsätzlich ist es wohl sinnvoll, im Vorhinein die Kaiserschnittrate zu kennen und das Personal danach zu fragen, wie diese zustande kommt.

      Eine Übersicht findest du hier:
      https://ichgebaere.com/2019/09/11/interaktive-karte-kaiserschnittrate/

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