Ute Taschners 14 Tipps für die natürliche Geburt nach Kaiserschnitt

Dr. med. Ute Taschner ist Kaiserschnittexpertin und hat sowohl Bücher als auch Online-Kurse zum Thema veröffentlicht. Ihre Motivation kommt von ihrer eigenen Geschichte: Nach zwei Kaiserschnitten gebar sie ihr drittes und dann ihr viertes Kind vaginal. Im Herbst erschien ihr neustes Buch Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt: Praxis-Wissen von der Ärztin*. Ich habe Dr. med. Ute Taschners Buch gelesen und verrate dir in diesem Beitrag die wichtigsten Tipps für deine Geburt nach Kaiserschnitt.

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar erhalten. Das beeinträchtigt in keinster Weise meine Meinung. Als Service für dich verlinke ich in meinen Beiträgen Produkte oder Dienstleistungen. Manchmal sind das Affiliate-Links. Ich erhalte also eine Provision, ohne dass du mehr zahlst. Affiliate-Links sind mit einem Sternchen (*) gekennzeichnet.

Tipp 1: Lesen allein ist nur die halbe Miete

Auf der Titelseite heißt es „Praxiswissen von der Ärztin“. Und in der Tat ist das Buch vollgespickt mit Wissen. Das nutzt dir aber nur bedingt was, nämlich wenn du es auf deine persönliche Situation anwendest. Und das heißt: Dieses Buch zu lesen, kann sehr wertvoll sein. Viel wichtiger ist aber, dass du die Aufgaben, die das Buch dir stellt, wirklich durcharbeitest. Immer wieder sind im Buch Seiten ober Abschnitte freigelassen, in denen du deine eigenen Gedanken notieren kannst. Mach die Übungen. Wirklich. Vermutlich stellst du fest, dass der Platz nicht reicht. Das ist egal. Dann schreib auf einem Blatt Papier weiter. Denn das ist die wirklich wichtige Vorbereitung auf deine Geburt nach Kaiserschnitt.

Bild: Katharina Tolle

Am Ende des Buches gibt es zudem einige Checklisten: Zur Klinikqualität, zur Hebammensuche, für die Kliniktasche und für das Wochenbett im Krankenhaus sowie für die Erstellung eines Geburtsplans. Außerdem gibt es eine Checkliste für Interventionen, die Gebärende mitnehmen können zur Geburt. Diese Liste kann helfen, einen klaren Kopf zu bewahren und der Intervention nicht vorschnell zuzustimmen.

Tipp 2: Ordne deine Geburtserfahrungen ein

Es hilft nichts, die Augen vor der Vergangenheit zu verschließen. Im Gegenteil: Bereits im Vorwort erklärt die Autorin, dass es unglaublich wichtig ist, die eigenen Geburtsgeschichten einordnen zu können. Dabei geht es eben nicht nur um den medizinischen Geburtsbericht. Es geht auch um deine persönliche Erfahrung damit; um deine eigene Geschichte. Es geht eben um eine Geburtsgeschichte, statt nur eines Geburtsberichts (S.18).

Übrigens ist es wichtig, deine bisherigen Geburtserlebnisse nicht in ihrer Gesamtheit negativ zu betrachten. Erinnere dich auch an alles, was gut gelaufen ist und überlege, wie du diese Aspekte bei der Geburt deines nächsten Kindes wieder erleben kannst (S.39).

Im Buch gibt es ein ganzes Kapitel, das sich allein mit der Frage beschäftigt, wie du deinen Kaiserschnitt aufarbeitest. Dabei gibt es viele offene Fragen. Wenn du diese offen beantwortest, wirst du schnell merken, wie du den Kaiserschnitt wahrgenommen hast. Denn es geht eben nicht nur um die „objektiven Fakten“, sondern auch um deine Erlebnisse dabei.

Wichtig finde ich vor allem folgenden Satz:

Jede Art der Reaktion auf eine solche Erfahrung ist richtig. Auch ein Trauma ist grundsätzlich eine normale Reaktion von Körper und Seele auf ein unnormales Ereignis.

Dr. Ute Taschner: Geburt nach Kaiserschnitt, S. 49

Dennoch sind auch die „harten Fakten“ wichtig. Zum Beispiel solltest du Antworten auf folgende Fragen haben:

  • Wie war die Schnittführung bei deinem Kaiserschnitt? Waagerecht? In Form eines T oder eines umgekehrten T? Ein waagerechter Schnitt erhöht die Chancen auf eine natürliche Geburt nach Kaiserschnitt. Wichtig ist dabei: „Weder Richtung noch Beschaffenheit der Hautnarbe sind zuverlässige Indikatoren für die Schnittführung an der Gebärmutter oder den Zustand der Narbe.“ (S. 37). Im Operationsbericht sollte die Schnittführung vermerkt sein.
  • Welche Indikatoren gaben den Ausschlag für einen Kaiserschnitt?
  • Welche Medikamente hast du bekommen?

Tipp 3: Zukunft ? Vergangenheit

Die Erfahrung deines Kaiserschnitts muss sich nicht wiederholen.

Jede Geburt und jedes Kind ist anders! Nichts wiederholt sich zwangsläufig.

Dr. Ute Taschner: Geburt nach Kaiserschnitt, S. 79

Selbst, wenn die medizinischen Indikatoren ähnlich sind wie bei deiner Kaiserschnitterfahrung, kann die nächste Geburt ganz anders verlaufen. Lass dich also nicht verunsichern, dass ein Kaiserschnitt bedeuten würde, alle anderen Geburten müssten ebenfalls ein Kaiserschnitt werden.

Foto: BabyMin

Und obwohl jede Geburt anders, einzigartig und individuell ist, gibt es bei Geburten nach Kaiserschnitt einen Punkt, der fast immer wichtig ist:

Das ist der Moment, an dem der erste Kaiserschnitt stattgefunden hat. An diesem Punkt können dich deine unbewussten Ängste einholen und vielleicht denkst du jetzt, die Ereignisse der ersten Geburt werden sich wiederholen.“

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 132

An diesem Punkt ist es, so Dr. med. Ute Taschner, besonders wichtig, dass die Begleitpersonen aufmerksam sind und dich unterstützen, damit du aus deiner negativen Gedankenspirale heraustrittst und die Geburt weitergehen kann (S. 132).

Natürlich hilft hierbei eine gute Geburtsvorbereitung.

Tipp 4: Entspannung ist mehr als Esoterik

Dr. med. Ute Taschner erklärt im Buch, dass es für die Geburt in der Tat wichtig ist, dass du dich wohlfühlst. Häufig wird ja das Gegenargument ins Spiel gebracht, dass die Gesundheit von Mutter und Kind wichtiger sei als die individuellen Wünsche der Mutter, wenn es um Wohlfühlelemente geht. Die Autorin macht in ihrem Buch allerdings deutlich: Wohlfühlen hat nichts mit B-Note oder Esoterik zu tun:

So kommt es unter Anspannung und Druck zur Ausschüttung von Stresshormonen. Diese bewirken ein Zusammenziehen der Muskulatur, die zum Teil durch das innere Becken verläuft. Dadurch kann das Köpfchen des Babys unter Umständen nicht die günstigste Position für die Geburt einnehmen.

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 78

Deshalb schreibt sie ganz klar:

Die Basis für eine gute Geburt sind Sicherheit, Vertrauen, Geborgenheit, Ruhe und viel Zeit. Eigentlich könnte deine Frage deshalb lauten: Wie kann ich mir während der Schwangerschaft ein Umfeld schaffen, in dem die Voraussetzungen für eine Geburt optimal sind?

[…]

So hilft dir der schönste und flauschigste Kreißsaal nicht, wenn du in der Klinik eine Atmosphäre von Unruhe und Hektik spürst oder die Hebamme, die dich begleiten soll, durch zu viele Geburten überlastet ist.

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 90

Tipp 5: Wähle den Geburtsort mit Bedacht

Auch mit einem Kaiserschnitt in der Vorgeschichte ist es einer Mutter erlaubt, den Ort der Geburt selbst zu wählen.

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 93

Eine hohe Kaiserschnittrate einer Klinik ist nicht per se ein schlechtes Vorzeichen für eine Geburt nach Kaiserschnitt. Dr. Taschner weißt darauf hin, dass große Geburtskliniken häufig auch die schwierigen und außergewöhnlichen Schwangerschaften und Geburten betreuen und deshalb meist höhere Kaiserschnittraten haben als kleine Kliniken. Sie empfiehlt deshalb, zusätzlich zum Vergleich über verschiedene Klinikformen hinweg innerhalb jeder Klinikgruppe die Kaiserschnittrate zu vergleichen (S. 91).

Andersherum sind die Quoten für eine erfolgreiche außerklinische Geburt (also im Geburtshaus oder zu Hause) nach Kaiserschnitt sehr gut — auch, weil hier eine sehr strenge Vorauswahl stattfindet. Hebammen dürfen außerklinische Geburten von Schwangeren mit Kaiserschnitterfahrung nur betreuen, wenn keine anderen Risikofaktoren dazukommen. In diesem Fall wirken sich die Vorteile der außerklinischen Geburtshilfe aus: seltene medizinische Eingriffe, Eins-zu-Eins-Begleitung, mehr Zeit (S. 93).

Tipp 6: Deine Geburt ist individuell

Jede Geburt ist einzigartig. Dr. Taschner spricht im Buch verschiedene Knackpunkte an, bei denen sich Gebärende oft rechtfertigen müssen, wenn sie von der Norm abweichen. Dabei gibt es durchaus große Abweichungen:

  • Zeit: Eine Geburt dauert, so lange sie dauert. Sie kann gleichmäßig oder in Schüben vorangehen. (S. 118)
  • Plazentageburt: Meist gebiert die Mutter die Plazenta innerhalb von 30 Minuten. Es ist durchaus möglich, länger zu warten, so lange kein Blut fließt. (S. 124)
  • Beginn der Geburt: Realistischer als ein Geburtstermin ist ein Geburtszeitraum. Zwischen der vollendeten 37. bis zur vollendeten 42. Schwangerschaftswoche. (S. 135)

Lass dich also nicht verrückt machen, wenn du nicht genau im Mittelpunkt der Statistik liegst.

Tipp 7: Bezieh dein Baby mit in die Geburt ein

Auch das mag zunächst esoterisch klingen. Es lässt sich aber recht einfach bewerkstelligen:

  • Besprich vorher mit deinem Baby, was du vorhast. Du führst also, wenn du dir nicht vorstellen kannst, dass dein Baby es mitbekommt, einfach ein Selbstgespräch: „Vielleicht klingt das alles ein bisschen komisch für dich. Aber die meisten Babys spüren, wenn ihre Mutter sich ihnen innerlich widmet.“ (S. 152)
  • Falls ein erneuter Kaiserschnitt nötig sein sollte: Warte damit, bis die Wehen losgehen. Das Baby initiiert damit den Geburtsbeginn, was statistisch die Chancen erhöht, dass dein Baby ohne große Anpassungsstörungen und mit einem günstigeren Mikrobiom zur Welt kommt. (S. 149)

Tipp 8: Das Fachpersonal hilft, aber du triffst deine eigene Entscheidung

Das Buch ersetzt, so die Autorin, „weder die persönliche Konsultation einer Ärztin / eines Arztes oder einer Hebamme noch deine selbstverantwortliche Entscheidung“ (S.19).

Das ist umso wichtiger, als dass die Einstellung des Fachpersonals großen Einfluss auf die Kaiserschnittrate hat:

„Die unterschiedlichen Kaiserschnittraten [sind] auf die persönliche Beurteilung der Risiken einer natürlichen Geburt der Geburtshelfer in den einzelnen Kliniken zurückzuführen […]“.

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 31

Entscheidend ist, welche Grundhaltung die von dir gewählte Geburtsklinik zu einer Geburt nach Kaiserschnitt hat.

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 65

Damit du nicht zwischen die Räder gerätst, ist außerdem eine gute und wertschätzende Kommunikation wichtig: Und zwar nicht nur zwischen dir und dem Fachpersonal, sondern auch zwischen Hebamme und Gyn. (S. 84).

Denn letzendlich bist du es, die entscheidet, welche Untersuchungen durchgeführt werden und wie du dich auf die Geburt vorbereitest.

Im Buch stellt Dr. Taschner die Damm-Massage und Epi-No als Mittel vor, um dich auf die Geburt vorzubereiten. Sie macht aber auch klar: „Beides ist keine Voraussetzung für eine gute Geburt. Sprich: Tu, womit du dich wohlfühlst!“ (S. 101)

Nicht alle Untersuchungen während der Schwangerschaft sind hilfreich; manche führen eher zu Verunsicherung. Konkret nennt Dr. med. Taschner hier die Narbenmessung durch einen Ultraschall, die Vermessung deines Beckens mit MRT oder Röntgenstrahlen und die Schätzung des Kindsgewichts durch einen Ultraschall im letzten Schwangerschaftsdrittel. (S. 85)

Foto: orzalaga

Sei dir immer darüber im Klaren: Du triffst die Entscheidung. Wenn etwas schief geht, musst du mit dieser Entscheidung leben. Wenn du einen Behandlungszettel unterschreibst, ist das eine aktive Tat, mit der du die Verantwortung dafür übernimmst. Und wenn du eine Untersuchung ablehnst, trägst du dafür ebenfalls die Verantwortung.

Dr. Taschner formuliert es in Bezug auf eine außerklinische Geburt so:

Komplikationen, die zu notfallmäßigen Verlegungen führen, treten insgesamt selten auf. Durch den notwendigen Transport setzt jedoch in diesen Fällen die medizinische Hilfe verzögert ein, mit allen denkbaren Konsequenzen für Mutter und Kind.

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 93

Tipp 9: Dein Weg ist individuell. Bereite ihn vor und kommuniziere ihn!

„[Es] bestehen gute Chancen, dass du dein nächste Kind so zur Welt bringst, wie du es für dich und dein Baby richtig findest“ S. 26

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 26

Den Satz finde ich extrem wichtig. Dr. Taschner schreibt nicht „wie es richtig ist“, sondern „wie du es richtig findest“. Und genau das macht viel aus: Es gibt nicht den einen Weg, der immer richtig ist. Du hast deinen Weg. Und den gehst du. Eine andere Frau geht dagegen ihren ganz eigenen Weg.

Davon berichten auch die vielen Geburtsgeschichten hier auf dem Blog.

Es ist aber nur der erste Schritt, wenn du selbst weißt, was du willst. Du musst das auch kommunizieren.

Was sind deine Erwartungen? Was wünschst du dir oder was glaubst du, während der Geburt zu brauchen?

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 95

Das gilt auch für das Wochenbett: Dr. Taschner schreibt dazu, dass alle frischgebackenen Mütter umsorgt werden müssen, um nach der Geburt anzukommen. Besonders gilt dies für problematische oder anstrengende Geburten.

Deshalb lohnt es sich, wenn du bereits vor der Geburt entsprechende Strukturen schaffst oder – wenn dies nicht geschehen ist – Verwandte und Freunde um Unterstützung bittest und dich nicht scheust, existierende professionelle Angebote zu nutzen.

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 58

Egal, wie du dich entscheidest: Andere Menschen können dir deine Wünsche eben nicht an der Nase ablesen. Sprich dich deshalb mit deinen Geburtsbegleiter*innen ab.

Tipp 10: Wähle deine Vertrauenspersonen mit Bedacht

Immer wieder kommt es im Buch zur Sprache: Es ist enorm wichtig, dass du den Menschen vertraust, die dich bei der Geburt deines Kindes unterstützen. Beim Fachpersonal ist außerdem klar, dass dieses deine Begleitung nur übernimmt, wenn es mit der eigenen Rolle dabei einverstanden ist. Eine Hausgeburtshebamme wird dich nur betreuen, wenn sie dies mit den Regeln ihrer Zunft vereinbaren kann. Ein Krankenhaus wird dich nur aufnahmen, wenn dein Baby und du dort gut versorgt werden können.

Doch wie ist das eigentlich mit deinem*r Partner*in? Hast du mit ihm*ihr darüber gesprochen? Wie sieht diese wichtige Person deine Wünsche, gerade auch in Bezug auf die eigne Rolle? Es nützt nichts, dieser Person bestimmte Aufgaben zuzuweisen, wenn sie sich damit nicht wohlfühlt… Dr. Taschner empfiehlt zum Beispiel, dass der Partner oder die Partnerin das Bonding übernimmt, falls du nicht kannst oder darfst. Wie steht die Person dazu, ein Neugeborenes im Arm zu halten?

Im Buch gibt es ein ganzes Kapitel zur Rolle der Begleitperson bei einer Geburt nach Kaiserschnitt. Darin gibt Dr. Taschner viele konkrete Hinweise — von „es kann sein, dass sie dich verflucht“ (S. 162) über das Nutzen von Pausen (S.164) bis hin zum Schutz der Intimsphäre der Gebärenden (und keiner Beteiligung an Grenzüberschreitungen, S. 166).

Besonders spannend finde ich den Absatz zur Geheimsprache: Das ist besonders geeignet für eigentlich ungewollte Interventionen. Wenn die Gebärende sich umentscheidet und diese Intervention doch wünscht, kann damit erfragt werden, wie ernst es ihr ist (S.162).

Falls du eine Hausgeburt planst, schau dir gerne auch mein E-Book der kompetente Hausgeburtsvater an. Darin gehe ich ausführlich auf alle Aspekte einer Hausgeburt ein — aus Sicht des*der Partner*in.

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Tipp 11: Nimm Schmerzmittel an

Schmerzen sind nach einer Geburt zwar nicht Standard, aber kommen häufig vor. Und gerade nach einem Kaiserschnitt sind sie ganz normal. Schmerzen hemmen aber, so Dr. Ute Taschner, die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin. Dieses ist wiederum nötig, um den Milchbildungsprozess anzustoßen. Und deshalb gilt: Leide nicht unnötig. Lass dir, wenn du stillen willst, stillverträgliche Schmerzmittel geben (S.154).

Tipp 12: Move your ass, baby!

Damit dein Baby sich gut im Becken einstellen kann, muss dein Becken gut ausgerichtet sein. Und eine der Hauptursachen, warum ein Becken ungünstig ausgerichtet ist, ist — Trommelwirbel — zu viel Sitzen! Dagegen hilft vor allem eines: Bewegung. Manchmal ist auch eine Hilfestellung eines Profis wichtig, wie Dr. Dorothee Struck beschrieben hat.

Tipp 13: Kenne die Fakten

Am Ende des Buches listet Dr. Taschner über mehrere Seiten hinweg relative und absolute Kaiserschnittindikatoren inklusive möglicher Handlungsalternativen.

Klar: Wenn du nicht gerade Geburtsmedizin oder Hebammenwissenschaften studiert hast, wirst du dir das alles vermutlich nicht merken können. Lies es dennoch. Denn die Liste macht Mut: Häufig gibt es Möglichkeiten, einen Kaiserschnitt zu umgehen, wenn man denn die Alternativen kennt. Je mehr du selbst weißt, desto weniger musst du darauf vertrauen, dass eine (im Zweifelsfall leider gestresste oder überarbeitete) Fachperson auf Anhieb weiß, was zu tun ist — und das auch umsetzen kann.

Und falls bestimmte Bedenken bereits während der Schwangerschaft angesprochen werden, hast du mit dieser Liste schnell eine Einschätzung parat, ob es sich bei den Bedenken wirklich um ein Ausschlusskriterium für eine vaginale Geburt handelt.

Tipp 14: Kläre ganz genau, was du willst

Manchmal denken wir: „Wir verstehen uns“, dabei reden wir die ganze Zeit an einander vorbei. Mehrfach im Buch wird deutlich, wie wichtig es ist, dass du weißt, was du willst. Und dass du das so auch kommunizierst. In zwei Fällen können kleine Begriffsunterschiedlichkeiten schon eine große Wirkung haben:

Eine Kaisergeburt ist nicht gleichzusetzen mit bindungs- und babyfreundlichem Kaiserschnitt

„Kaisergeburt“ beschreibt den Ablauf im OP-Saal. Ein bindungs- und babyfreundlicher Kaiserschnitt ist dagegen eher auf die Phase nach dem Kaiserschnitt bezogen. (S. 36)

Aktives Gebären vs passives Entbundenwerden

Dr. Taschner macht deutlich: Nicht jeden Vor- und Nachteil kann man in Zahlen messen.

Manches aber kann nur scher in Zahlen bemessen werden und spielt trotzdem eine Rolle, wie die körperliche Unversehrtheit der Frau, die vereinfachte Bindung oder der positive psychologische Effekt des Gebärens statt eines passiven Entbundenwerdens.

Dr. med. Ute Taschner, Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt, Seite 161
Dr. med. Ute Taschner. Foto: Sabine Rukatukl Freiburg

Interessante Fakten

Wie gesagt, das Buch strotzt nur so vor interessanten Fakten. Ein paar davon liste ich hier auf. Es wäre einfach zu schade, sie nicht zu nennen:

  • Laut der aktuellen Leitlinie zum Kaiserschnitt ist eine vaginale Geburt nach einer unkomplizierten Schwangerschaft vorteilhafter für Mütter und Kinder als der erneute Kaiserschnitt (S. 71).
  • Falls eine Mutter aus Angst oder Verunsicherung einem Kaiserschnitt zustimmt oder in einer schwierigen Phase der vaginale Geburt um einen Kaiserschnitt bittet, handelt es sich nicht um einen Wunschkaiserschnitt (S. 35).
  • Bei einem Notkaiserschnitt liegt die Zeit zwischen der Entscheidung zum Kaiserschnitt und der Durchführung („Entscheidungs-Entbindungs-Zeit“ oder „E-E-Zeit“) in Deutschland in vielen Kliniken zwischen fünf und zehn Minuten (S. 35).
  • Notkaiserschnitte sollten im Nachhinein von einer psychologisch geschulten Fachkraft nachbesprochen werden. (S. 35).
  • „Wenig hilfreich ist es, sich als Begleitperson ums Baby zu kümmern, denn gerade nach einem Kaiserschnitt braucht es intensive Bondingerfahrungen“ (S. 57).
  • Auch nach einem Kaiserschnitt darf dir bei der nächsten Geburt eine PDA verabreicht werden (S. 131).
  • Falls die Geburt medikamentös eingeleitet werden soll, sollte die Kombination von Prostaglandinen und Oxytocin wegen des höheren Rupturrisikos vermieden werden (S. 136).
  • Die Fruchtblase sollte, wenn überhaupt, erst am Ende der Eröffnungsphase eröffnet werden (S. 137).
  • Manche Babys drehen sich wirklich im letzten Moment erst in Schädellage. Wenn dir wegen einer ungünstigen Kindslage ein Kaiserschnitt verordnet wurde, sollte deshalb vor OP-Beginn nochmals ein Ultraschall durchgeführt werden, um zu bestimmen, ob sich dein Baby doch noch gedreht hat (S. 151).
  • Rasier bei einem erneuten Kaiserschnitt die Haare im Intimbereich — sonst wird’s im Krankenhaus gemacht (S. 151).
  • Wiegen und Messen gehören nicht zur U1 und können später erledigt werden (S. 154).
  • Das Geburtsgewicht des Babys ist davon abhängig, ob du während der Geburt Infusionen bekommen hast (S. 155).
  • Manchmal übernehmen Krankenkassen die Kosten für Stillberater*innen (S. 155).

Worte zum Schluss

Ein paar Anmerkungen möchte ich noch machen, die bisher keinen Platz gefunden haben:

  • Eigene Fotos & andere authentische Bilder: Immer mal wieder wird der Text von Fotos unterbrochen, die Dr. Taschner aus ihrem privaten Fotoalbum ausgesucht hat. Diese Fotos machen Mut: Auch ohne Instagram-Filter sprechen die Bilder von Liebe und Zuversicht.
  • Das wichtigste in Kürze: Jedes Kapitel endet mit einem Absatz namens „Das wichtigste in Kürze“. Diese Zusammenfassungen sind super zum Einstieg oder als Wiederholung.
  • Wiebäck: ein besonderes Schmankerl habe ich auf Seite 64 gefunden: „Ausgesprochen wird VBAC als „wiebäck“. Ja, es mag selbstverständlich sein und ja, für viele ist der Hinweis vielleicht überflüssig. Aber eben nicht für alle. Und es wäre total schade, hier Leserinnen zu verlieren, nur weil ein englischer Fachbegriff nicht verstanden wird. Dieser kleine Satz öffnet das Buch für all jene Frauen, die des Englischen nicht ausreichend mächtig sind und sich dennoch mit ihrer natürlichen Geburt nach Kaiserschnitt auseinandersetzen wollen!

Fazit

Ein Buch ersetzt nicht die persönliche Konsultation von Fachpersonal. Ein Buch kann nur Hinweise und Tipps geben; die Umsetzung bleibt jeder*m Leser*in selbst überlassen.

Und so ist auch dieses Buch kein Wundermittel, dass jeder Frau eine vaginale Geburt nach Kaiserschnitt verspricht. Im Gegenteil. Dr. Taschner geht auch ausführlich darauf ein, was passiert, wenn doch wieder ein Kaiserschnitt nötig ist.

Und dennoch macht das Buch Mut. Es macht Mut, sich mit der eigenen Erfahrung auseinanderzusetzen. Es macht Mut, die Geburt nach Kaiserschnitt anzugehen. Und es macht Mut, für sich selbst und das Baby einzustehen.

Deshalb empfehle ich das Buch von ganzem Herzen.

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