Wie mich die Geburten meiner Kinder zur Feministin machten – Gastbeitrag von Aura-Shirin Riedel

In ihrem Gastbeitrag erklärt Aura, wie die Geburten ihrer Kinder sie darin bestärkt haben, feministisch aktiv zu sein. Falls du direkt zu ihrer Geburtsgeschichte springen willst, kannst du das über das Inhaltsverzeichnis tun.

Geburt ist genauso politisch wie Abtreibung

Eine Frau. Sie hat Angst. Schweißnasse Haare. Schmerzerfüllte Schreie. Hektik. Lautes Wortgemenge. Sterile Böden. Grelles Licht. Ständig wechselnde, fremde Menschen. Ansprachen. Untersuchungen. Kommandos. Medikamente. Kontrollverlust. OP.

Für mich war das immer die Horrorvorstellung von Geburt. Aber genau diese Vorstellung wird uns als normal vermittelt. Und leider ist sie Alltag in der deutschen Geburtshilfe. Wer dagegen eine andere Vorstellung von Geburt hat, gilt manchem als „verantwortungslos“.

Hektik | Foto von Mike Chai

Es gibt wohl kaum einen Moment im Leben einer Frau, in dem Freud und Leid näher beieinander liegen, als dem Moment der Geburt ihres Kindes. Dieser sehr intensive und zugleich sehr persönliche Moment, würden die Wenigsten auch als etwas politisches betrachten. Dabei ist nicht nur die Einstellung zu Abtreibung ein feministisches Thema, sondern natürlich auch die Einstellung zur Geburt. Ungerechtfertigterweise wird Letzteres
viel seltener an prominenter Stelle diskutiert. Wenn überhaupt.

Stellung der Frau bei der Geburt ist politisch

Nicht nur die Bedingungen, sondern auch die Stellung der Frau unter der Geburt ist politisch. Wenn den Frauen immer wieder gesagt wird, dass das, was sie wollen, nicht von belang ist und sie nicht in die Lage versetzt werden, ihre Geburt selbst zu bestimmen, dann werden sie entmündigt und entwertet. Es ist zwar nachvollziehbar, dass Mütter bereitwillig das Wohl des Kindes vor ihr eigenes stellen. Dabei werden Mutter und Kind aber nicht als eine Einheit betrachtet, die sie jedoch bis zum Zeitpunkt der Geburt faktisch sind. Wer also nicht die Mutter ins Zentrum einer guten Schwangerschaft und Geburt stellt, sondern allein das Kind, hängt einem kategorischen Fehler an.

Für mich stand schon vor meiner Schwangerschaft fest, dass meine Kinder nicht in einem Krankenhaus zur Welt kommen sollten, wenn es sich vermeiden lies. Tief überzeugt, dass Frauen auch ohne medizinische Totalüberwachung Leben in diese Welt bringen können.

Hausgeburtshebammen sollten selbstverständlich sein

Als es dann soweit war, hatte ich tatsächlich das Glück eine Hebamme zu finden, die Hausgeburten betreut. Doch ist es gerechtfertigt, hier von „Glück“ und „Zufall“ zu sprechen, als wäre es nicht etwas selbstverständliches? Denn hätte ich keine Hebamme gefunden, was durchaus nicht selten der Fall ist, hätte ich meine Kinder nicht so gebären können, wie ich es wollte. Und das stünde meinem Selbstbestimmungsrecht als werdende Mutter entgegen. Meine Rechte – gleich, um welche es sich handelt – dürfen nicht von glücklichen Umständen abhängig gemacht werden, sondern müssen immer gewährleistet sein. Der massive Hebammenmangel in Deutschland hindert Frauen aber daran, wirklich eine freie Wahl des Geburtsortes zu haben.

Hinzu kommen Ängste, die werdende Mütter verunsichern. Ich habe mich damals bewusst gegen eine angstbehaftete Schwangerschaft entschieden. Ein Urvertrauen in dich, deine weiblichen Kräfte und in die Natur zu haben, klingt esoterisch und vielleicht auch naiv. Das ist mir als Wissenschaftlerin bewusst. Dennoch ist genau das notwendig, um eine Geburt bewältigen zu können. Geburt ist ein Kraftakt. Ohne Vertrauen sind wir schwach und verunsichert. Doch die Risikofokussierung in den Vorsorgeuntersuchungen nimmt uns dieses Vertrauen. Wir verlassen uns nicht mehr auf unser Gefühl, sondern auf das, was Ärzte uns sagen. Die Medizin hemmt uns in dieser Hinsicht mehr, als dass sie uns stärkt. Und das überträgt sich schließlich auch auf die Geburt. Viele Frauen sind inzwischen davon überzeugt, dass sie nicht ohne weiteres ihr Kind selbst zur Welt bringen können.

Auch wenn es immer Unvorhersehbarkeiten gibt und nicht alles wie geplant lief, gehören die Hausgeburten meiner Töchter zu den besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Sie waren beide völlig komplikationslos und schnell. Ich durfte mich nur auf mich und meinen Körper konzentrieren. Ich hatte Zeit, Ruhe und Entspannung. Konnte mich frei bewegen, wie ich wollte. Mein Geist war fokussiert und gut vorbereitet. Und ich war hundertprozentig überzeugt, dass ich es genau so wollte. Wirklich starke Schmerzen in den Wehen hatte ich nur in den Momenten, in denen ich mich nicht auf sie konzentrieren konnte. Bei meinem ersten Kind war es, als die Hebamme meinen Muttermund untersuchen wollte und ich mich dafür hinlegen musste. Bei meinem zweiten Kind kam der Moment, als das erste Kind in der Nacht aufwachte und nach mir rief. Es waren nur kurze Augenblicke, aber das waren, abgesehen von der Austreibungsphase, die schmerzvollsten.

die Krankenhausgeburt unter den jetzigen Bedingungen

Auch wenn die meisten Frauen davon überzeugt sind, dass die Krankenhausgeburt die sicherste Variante ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie unter den derzeitigen Bedingungen die beste ist. Ich stelle mir vor, wie es sein muss, sich unter Wehen in ein Krankenhaus aufmachen zu müssen. Sich in einer fremden Umgebung zurecht finden zu müssen, während fremde Menschen auf dich einreden. Menschen, die selbst gestresst und überarbeitet sind. Ich stelle mir vor, dass Dinge gemacht werden, die weder erklärt, noch verstanden werden. Eine Situation, die Angst macht. Eine, in der man sich nicht mehr auf das konzentrieren kann, was eigentlich wichtig ist. Auf sich selbst. Und ja, das muss extrem schmerzhaft sein.

Manche würden sagen, es sei mutig von mir gewesen, zu Hause zu gebären, wo doch so viel passieren hätte können. Dass wir doch die modernen Möglichkeiten nutzen sollten, die wir in der Medizin haben. Ich denke, es ist gut, dass wir sie für Notfälle haben. Aber die Geburt an sich ist noch lange kein Notfall. Die schwangere und gebärende Frau ist auch nicht krank. Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass die Geburt eine psychologische Dimension hat, die wir in der Regel total vernachlässigen.

Ich habe Mütter kennen gelernt, die noch nicht einmal in einen Geburtsvorbereitungskurs gegangen sind. Die von vornherein gesagt haben, sie lassen sich das Kind herausoperieren. Natürlich können und sollten wir ihre Beweggründe respektieren. Aber es wäre in vielen Fällen nicht notwendig, wenn wir eine andere Einstellung zur Geburt hätten. Wenn unsere Geburtshilfe die Frauen und ihre Bedürfnisse als Ausgangspunkt nähme.

Die transformative Wirkung von Geburt

Geburt kann wahrlich eine transformative Wirkung haben. Wie vielen Frauen bleibt sie verwehrt, weil sie nicht mehr wissen, dass sie gebären können? Oder weil sie schlicht keine Möglichkeit haben, eine selbstbestimmte Geburt zu erfahren? Man(n) hat sie uns genommen, die weibliche Selbstbestimmung unter der Geburt neuen Lebens. Ich denke, es gibt kaum etwas feministischeres als die selbstbestimmte Geburt. Weil wir genau in diesem Moment spüren, welche Kraft in unserer Weiblichkeit steckt. Und dieses Wissen begleitet mich bis heute und wird mich immer begleiten. So haben mich die Geburten meiner Kinder zur Feministin gemacht.

Foto von Miguel Bruna

Ich wünsche meinen beiden Töchtern, sollten sie selbst einmal Kinder haben wollen, dass sie auch in 20 bis 30 Jahren noch die Möglichkeit haben, eine selbstbestimmte Geburt zu erfahren.

Geburtsgeschichten meiner Töchter

Im Folgenden veröffentliche ich für ichgebäre.de den Bericht, den ich nach der Geburt meiner zweiten Tochter verfasst habe. Sie ist heute fünf Jahre alt und kerngesund.

Wöchtenliche Updates zu neuen Beiträgen

Die erste Geburtserfahrung: Hausgeburt bei Hitzegewitter

Am Morgen des 20. September wachte ich um halb sechs Uhr mit regelmäßigen Wehen auf und setzte mich, nachdem ich meinen Mann geweckt hatte, erst einmal in die warme Badewanne. Nach circa einer Stunde rief mein Mann die Ersatzhebamme Lena an, da Samstag war und Britta, meine eigentliche Hebamme, ihr freies Wochenende hatte.

Allerdings hatte Lena noch in der Nacht vorher eine lange und schwere Geburt und war gesundheitlich angeschlagen. Also musste, nach kurzer Absprache, doch Britta ran, was mich freute, denn mit ihr war ich durch die Voruntersuchungen viel vertrauter. Da ich erst knapp zwei Stunden noch auszuhaltende Wehen hatte, sagte sie uns am Telefon, dass sie um neun ihren Friseurtermin wahrnehmen wolle. Wir sollten uns aber melden, sobald die Wehen stärker werden sollten. Gesagt, getan.

Etwa eine Stunde später machte ich es mir wieder auf dem Bett bequem. Ich verlor langsam das Zeitgefühl und veratmete fleißig die inzwischen stärker werdenden Geburtswellen. Als ich auf dem Laken eine leichte Blutspur sah, sagte ich meinem Mann, er solle jetzt die Hebamme anrufen. Da es meine erste Geburt war, nahm ich an, es würde noch eine Weile dauern. Ich hatte von durchschnittlich zwölf Stunden gehört. Als wir Britta informierten, war es kurz vor neun, kurz bevor sie den Friseur betrat. Sie brauchte eine knappe halbe Stunde bis zu uns nach Hause. Inzwischen stand ich neben unserem Bett und hielt mich an den Gittern des Zustellbettes des Babys fest.

Ich konnte ihr nicht mehr viel erzählen, da die Wehen meine volle Konzentration erforderten. Ich hoffte, dass der Schmerz nicht noch intensiver werden würde, da er mich bereits an die Grenzen brachte. Britta bat mich, mich auf das Bett zu legen, damit sie mich untersuchen könne. Sie konnte allerdings nur kurz schauen, da ich mich bei der nächsten Wehe sofort wieder hinstellen musste, damit der Schmerz auszuhalten war. Ohne ein weiteres Wort über den Stand der Dinge zu verlieren, erinnerte mich Britta daran, mit der Wehe tief auszuatmen. Es fühlte sich nach Pressen an und später erkannte ich erst, dass es auch bereits Presswehen waren.


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Mit diesem einen tiefen Ausatmen platschte es plötzlich unter mir heraus und ich stand zusammen mit meiner Hebamme in einer riesigen Pfütze aus Fruchtwasser. Britta verlor keine Zeit, holte ihren Geburtshocker hervor und stellte ihn neben das Bett. Mein Mann sollte sich dahinter setzen und ich vor ihn auf den Hocker. Es dauerte noch etwa drei Wehen in dieser Position, dann war meine Tochter geboren. Britta war ungefähr eine halbe Stunde vorher eingetroffen.

Es war Acht Minuten nach Zehn. Die Sonne schien in den halb abgedunkelten Raum. Draußen war es schwül-warm und es donnerte bis in den Nachmittag hinein. Es klang für mich wie ein Freudenfeuerwerk. Ein großartiger Moment. Ich spürte Ehrfurcht und staunte über diese Meisterleistung der Natur. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich Zweifel daran, dass dies der
richtige Ort zur richtigen Zeit für die Geburt meines Kindes gewesen sei. Ich hatte keine Angst vor den Wehen, wenngleich ich auch gegen Ende große Schmerzen hatte. Der Schlüssel lag im Vertrauen.

Die zweite Geburtserfahrung:

Ohne also ein Trauma verarbeiten zu müssen und mit viel Zuversicht ging ich in meine zweite Hausgeburt. Von einer Freundin hatte ich zu Beginn der Schwangerschaft die Bücher „Meisterin der Geburt*“ und “ Hybnobirthing“ geliehen bekommen, welche einen bleibenden Eindruck hinterließen. Eine völlig selbstbestimmte Geburt ohne störende Eingriffe von Außen könnte tatsächlich ohne große Schmerzen verlaufen. Ich hatte die Chance, die zweite Geburtserfahrung noch schöner und intensiver werden zu lassen.

Doch meine Hebamme wollte ich im Hintergrund dabei haben, denn einen gesunden Respekt hatte ich mir bewahrt. Ich bat sie also in den Vorgesprächen, sich so weit wie möglich mit Untersuchungen während der Geburt zurückzuhalten. Gleichzeitig bereitete ich mich intensiv auf die Geburt vor. Ich wusste ungefähr, was auf mich zu kam und wie ich damit umgehen könnte. Ich informierte mich über die verschiedenen Geburtsphasen, machte täglich Atemübungen und nahm eine bewusst positive und vertrauensvolle Haltung ein.

Natürlich gab es auch wieder einige unberechenbare Faktoren. Beispielsweise meine knapp dreijährige Erstgeborene. Würde sie den Prozess bereichern oder eher stören? Würde meine Mutter rechtzeitig da sein können, um sie abzuholen? Ich beschloss, es nach gegebener Situation zu entscheiden. Es gab auch Freunde in der Nähe, die sie zumindest tagsüber hätten betreuen können. Zur Not musste sie einfach dabei sein.

In der Nacht zum 22. August, zehn Tage vor dem Geburtstermin, spürte ich regelmäßig leichte Kontraktionen ähnlich wie bei der ersten Geburt. Ich bereitete mich innerlich darauf vor, dass es am Morgen losgehen würde. Allerdings war es dann wieder vorbei. Ich sagte meinem Mann, er könne zur Arbeit gehen, aber in Alarmbereitschaft bleiben, und brachte wie gewohnt meine Tochter in den Kindergarten. Ich sagte dort Bescheid, dass sie am Mittag eventuell von meiner Mutter abgeholt werden würde.

Zurück zu Hause bemerkte ich auf der Toilette, dass sich der Schleimpfropf gelöst hatte. Wehen hatte ich allerdings keine mehr. Ich legte mich trotzdem in die Badewanne und googelte, wie lang es jetzt noch dauern könne. Die Rede war von Stunden bis Tagen. Also abwarten und Tee trinken. Ich informierte meine Hebamme per WhatsApp über den Stand der Dinge und dass ich mich wieder melde, sobald es weiter ginge. Es kam ein kurzes „Okay“ zurück.

Es blieb ruhig.

Ich holte meine Tochter wieder selbst ab und ging am Nachmittag noch mit ihr und unserer Waldspielgruppe spazieren. Später erreichte mich allerdings eine beunruhigende Nachricht von Britta: „Halte bitte heute dicht. Ich hatte schon zwei Geburten und habe bisher noch nicht geschlafen.“ Ich sagte, ich könne es nicht versprechen. Zur Not käme dann eben die Ersatzhebamme. Okay, das wäre schade, dachte ich mir.

Abends brachte mein Mann unsere Große ausnahmsweise ins Bett, was recht gut funktionierte. Ich selbst legte mich gegen halb elf dazu. Eine Stunde später bemerkte ich im Halbschlaf, während ich mich umdrehte, ein dumpfes „Blubb“ in meinem Inneren.

Einen Sekundenbruchteil später breitete sich zwischen meinen Beinen eine warme feuchte Pfütze aus. Die Fruchtblase war geplatzt und es war erst halb zwölf. Ein Anflug von Aufregung bereitete sich in mir aus. Es war eine Situation, mit der ich nicht, oder jedenfalls nicht direkt, gerechnet hatte. Schließlich platzte die Fruchtblase bei meiner ersten Geburt erst kurz vor Schluss. Ich blieb einen Moment in meiner warmen Pfütze liegen und überlegte, was ich jetzt tun sollte. Eins war sicher: ruhig bleiben. Ich hatte zuvor gelesen, dass es noch einige Stunden dauern könne, bevor die Wehen einsetzen.

Schließlich beschloss ich, erst einmal abzuwarten, bevor ich meinen Mann weckte. Ich siedelte ins Wohnzimmer über, um meine neben mir schlafende Tochter nicht zu wecken und machte es mir auf dem Sofa bequem. Ich schaffte mir dort eine entspannende und wohlige Atmosphäre mit Kerzen, leiser Meditationsmusik und ylang ylang Duft. Ich googelte im Handy nach Erfahrungsberichten und überlegte, wann ich Britta informieren sollte. Bloß nicht zu früh, damit sie noch genügend Schlaf bekommt, um her zu kommen.

Etwa eine halbe Stunde später bemerkte ich ein erstes leichtes Ziehen. Ich sah auf die Uhr, es war kurz nach zwölf. Die nächste Wehe kam etwa zwölf Minuten später. Auch die nächste war kaum schmerzhaft. Ich wusste, sobald ich meinen Mann weckte, war die Ruhe und die Entspannung vorbei. Ich fühlte mich wohl und beschloss, ihn erst zu wecken, wenn die Schmerzen größer würden. Ich lehnte mich also in die Sofakissen und genoss diesen Moment. Es war der letzte mit meinem Baby in meinem Bauch. Allmählich verlor ich wieder das Gefühl für die Zeit.

Um kurz vor zwei spürte ich eine kräftige Welle, die ich konzentriert veratmen musste. Ein paar Minuten später kam schon die nächste und ich beschloss, langsam meinen Mann, der im Kinderzimmer schlief, zu wecken. Ich machte seine Tür auf und horchte in das dunkle Zimmer. Ich hörte sein tiefes Atmen und wollte ihn nicht so plötzlich aus dem Schlaf reißen. Ich ließ die Tür geöffnet und ging zurück ins Schlafzimmer. Eigentlich genoss ich die Ruhe, die ein jähes Ende* fand, sobald mein Mann wach wurde. Es dauerte nicht lang, da stand er verschlafen in der Tür. Ich lächelte ihn an, um ihn zu signalisieren, dass alles in Ordnung war. Nachdem ich ihm erzählt hatte, dass die Fruchtblase schon geplatzt sei und ich regelmäßig Wehen hätte, wollte er sofort die Hebamme anrufen. Nach zwei weiteren kräftigen Wellen war ich damit einverstanden. So, jetzt geht es wohl richtig los, dachte ich.

Doch nun geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Britta war nicht erreichbar! Nicht auf ihrer Rufbereitschaftsnummer und nicht auf ihrer normalen. Ich spürte die Unruhe, die sich in meinem Mann ausbreitete, aber er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. „Rufe Lena an, die ist ihr Ersatz“, sagte ich ruhig. Er rief die Nummer an. Doch auch dieses Klingeln wurde seltsamerweise nicht beantwortet. Er rief von meinem Handy nochmal alle Nummern an und von unserem Festnetz, doch wir waren wie abgeschnitten. In meinem Kopf fing es an zu rattern. „Das darf doch nicht wahr sein. Hören die ihr Handy nicht klingeln? Hat es Britta vor lauter Erschöpfung versehentlich ausgestellt? Ich hatte ihr doch noch Bescheid gegeben. Wieso geht Lena auch nicht dran?“

Es muss inzwischen circa halb drei Uhr morgens gewesen sein, aber ich schaute zu dem Zeitpunkt nicht mehr auf die Uhr. Zu allem Überfluss meldete sich jetzt auch noch meine Große aus dem Schlafzimmer. Mein Mann ging schnell zu ihr, um sie zu beruhigen, doch in der Nacht will sie nur von Mama getröstet werden. Ruhe und Entspannung — Ade. Ich hatte gerade eine Wehenpause und ging zu meinem rufenden Kind und legte mich im Dunkel neben sie. Doch sie bemerkte natürlich meine Anspannung und fand nicht wieder in den Schlaf. Ich merkte, wie die nächste Wehe mich ergriff und musste auf alle Viere, um sie besser zu ertragen. Mein Mann rief währenddessen meine Mutter an, die meine Tochter abholen sollte, und erreichte sie auch sofort. Allerdings hätte es noch mindestens eine Dreiviertelstunde gedauert, da sie so weit entfernt wohnte. Freunde, die in der Nähe wohnten, aber selbst gerade wieder ein Kind bekommen hatten, hätten wir zu der Uhrzeit nicht anrufen können.

Ich stand also aus dem Bett auf und sagte meiner Tochter, dass das Baby jetzt käme. Sie solle im Bett warten. Mein Mann ging zu ihr und erklärte es ihr nochmal. Noch neben dem Bett stehend, überkam mich plötzlich eine sehr starke Wehe, die mit einem Pressdrang einherging. Das kam mir bekannt vor. Wieder kreisten die Gedanken. „Okay, darauf hast du dich vorbereitet. Jetzt musst du da tatsächlich alleine durch. Du schaffst das.“ Als sie vorüber war, ging ich schnell zurück ins Wohnzimmer. Dort hatte mein Mann vor lauter Telefoniererei noch nichts für den Moment der Geburt her richten können. Ruhe bewahrend aber schnell bereitete ich die Plastikplane, die ich schon bereit gelegt hatte, vor unserem Sofa aus. Zwischendurch musste ich mich noch einmal am Sideboard festhalten und die nächste Presswehe veratmen. Es schmerzte, aber überwältigte mich nicht.

Danach legte ich über die Folie ein sauberes Laken und zog ich mich aus. Mein Mann kam rein und sah entsetzt zu, was ich da tat. „Es dauert jetzt nicht mehr lang, ich muss das vorbereiten.“ „Eigentlich müssten wir jetzt ins Krankenhaus fahren“, erwiderte er. „Zu spät.“ Das wäre für mich der Horror gewesen. „Dann rufe ich jetzt alle Nummern an, die auf deinem Rufbereitschaftszettel stehen.“ Diese sollte man nur im Falle von „höherer Gewalt“
anrufen, was bei uns eindeutig gegeben war. Erleichtert nahm ich wahr, dass mein Mann beim ersten Versuch jemanden erreichte. Er erklärte ihr die Dringlichkeit und sie machte sich sofort auf den Weg.

Ich spürte, wie die Anspannung von mir abfiel und konnte mich wieder ganz auf die Wehen konzentrieren. Ich ging vor unserem Sofa auf die Knie und lehnte mich mit meinem Oberkörper auf ein dickes Kissen. In dieser Stellung konnte ich mich den Wehen hingeben. Mit der Welle atmete ich tief nach unten aus und öffnete mich dadurch weiter. Mein Mann ging nochmal schnell zu unserer Tochter und sagte ihr, sie solle im Bett bleiben. Als er wieder bei mir war, spürte ich schon, wie bei der nächsten Wehe das Köpfchen nach unten rutschte. Ich hielt meine Hand hin, und spürte es. Wow!

Es tat mir gut, die letzten Wehen mit lauten „Oooh“s zu begleiten. Mein Mann erzählte mir später, als er in dem Moment sah, dass die Geburt kurz bevorstand, vergaß er die Panik und sagte sich, „okay, du musst jetzt funktionieren“. Er setzte sich hinter mich und streichelte mir den Rücken und sagte mir, wie gut ich es machte. Das tat mir gut. Die nächste Wehe erfüllte meinen Körper, ich gab mich ihr völlig hin und mit dem nächsten lauten „Oooh“ flutschte das ganze Köpfchen heraus. Ich war froh, dass mein Mann das Halten übernahm, denn ich musste mich völlig auf die Wehe konzentrieren.

Doch sie ließ nicht lange auf sich warten. Im nächsten Moment hielt mein Mann unser Baby in den Händen! Ich musste einen Augenblick verschnaufen. Es schrie sofort los, mein Mann hatte nichts womit er es einwickeln konnte. Ich hörte ihn mit erleichterter Stimme sagen „Hallo, du. Was bist du denn? – Ein Mädchen.“ Ich griff nach den Baumwolltüchern, die neben mir auf dem Sofa lagen, drehte mich vorsichtig um und wickelte das nasse und völlig mit Käseschmiere bedeckte Baby darin ein. Sie beruhigte sich sofort. Kurz darauf gebar ich fast unbemerkt die Plazenta, die wir zunächst einfach auf dem Boden liegen ließen. Jetzt konnte ich mich auf den Rand des Sofas setzen und das Neugeborene an meine nackte Brust schmiegen und es einen Moment genießen.

Ähnlich wie beim ersten Mal fühlte ich Begeisterung und staunte über dieses so perfekte, kleine Wesen in meinen Armen. Es mischte sich auch Stolz und Erleichterung hinzu und eine große Dankbarkeit über dieses unerwartet erwartete Ereignis. Dann rief ich meine Große herbei, die bis dahin brav aber sicherlich ungeduldig in ihrem Zimmer gewartet hatte. Sie trat ihrem neuen Geschwisterchen neugierig und offen entgegen und ich konnte weder Angst noch Schrecken aufgrund des doch sehr ungewöhnlichen Anblicks feststellen. Später half sie sogar bei der Erstuntersuchung mit. Ich war sehr glücklich, sie diese Erfahrung machen zu lassen.

Wir gaben sofort meiner Mutter Bescheid, dass sie zu Hause bleiben könne. Kurz darauf traf auch die Hebamme Kathrin ein. Gemeinsam schätzten wir den Geburtszeitpunkt auf ca. 03:45 Uhr. Meine kleine Tochter wog bei der Geburt 2950 Gramm und ist kerngesund.

Es ist leider bis Heute ein ungelöstes Rätsel, weshalb unsere Anrufe an die Hebamme nicht durchkamen. Britta war völlig überrascht, als Kathrin ihr am selben Morgen bei einer Besprechung von meiner Geburt berichtete. Sie hatte keine Anrufe auf dem Handy. Auch bei der Ersatzhebamme gingen scheinbar keine Anrufe von uns ein. Britta erklärte es sich mit einer Störung bei dem Netzbetreiber. Mein Mann blieb aber skeptisch. Ich selbst habe großen Respekt vor der Arbeit der Hebammen und weiß, dass sie oft mit Schwierigkeiten verbunden ist. Überarbeitung und Schlafmangel sind ein Indiz für die schlechten Bedingungen, unter denen Hebammen hier zu Lande arbeiten müssen. Natürlich mangelt es unter diesen Bedingungen auch an Hebammen – ein Teufelkreis. Auch wenn es vielleicht ein persönliches Versagen der Hebamme war, zumindest bei der Organisation ihres Ersatzes, welcher ja ebenfalls nicht erreichbar war, so ist es in meinen Augen auch ein Versagen der Politik, die diese schlechten Bedingungen in der Geburtshilfe erst schafft.

Ich hatte das Glück, die selbstbestimmte und komplikationslose Geburt zu erleben, die ich mir wünschte. Vielleicht war es auch ein bisschen der Wunsch danach, der am Ende den Ausschlag gab. Hätte ich beispielsweise sofort nach dem Blasensprung Bescheid gegeben, wäre die Geburt mit Sicherheit anders verlaufen. Letztlich kann man als Frau die Geburt nie perfekt planen, sondern muss auf die weibliche Kraft und die Natur vertrauen.

Aura-Shirin Riedel

Aura-Shirin Riedel ist Soziologin, Journalistin und Mutter. Zur Zeit lebt sie mit ihrer Familie in der Nähe von Bonn. Ihre beiden Töchter hat sie 2014 und 2017 zu Hause zur Welt gebracht. Seit 2019 schreibt sie auf ihrem Blog „Mama und Gesellschaft“ über die gesellschaftlichen Bedingungen von Mutterschaft. Im Herbst 2023 erscheint ihr erstes Buch „Mütter. Macht. Politik. Ein Aufruf!“ im Magas-Verlag, das sie gemeinsam mit der Journalistin und Autorin Sarah Zöllner geschrieben hat. Ihr Ziel ist es, Frauen zur Selbstreflexion zu ermutigen, die strukturelle Diskriminierung von Müttern innerhalb der Gesellschaft ins Bewusstsein zu rücken und Denkanstöße für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu geben. Du findest sie unter: www.mamaundgesellschaft.de

2 Gedanken zu „Wie mich die Geburten meiner Kinder zur Feministin machten – Gastbeitrag von Aura-Shirin Riedel“

  1. Dankr für diesen sehr schönen Bericht. Es könnten meine Worte sein! Ich durfte auch zwei wundervolle Hausgeburten erleben. Bei der ersten hab ich mich einfach zu wenig vorbereitet und die zweite war dann so bekräftigend und energiereich. Ganz und gar Selbstbrstimmt :-).

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  2. Jeder macht sehr individuelle Erfahrungen. Meiner Meinung, sollte jeder dort gebären dürfen, wo er möchte. Und wenn das Krankenhaus einem Sicherheit vermittelt, dann auch dort. Die Situation ist nicht immer so beängstigend, wie beschrieben! Und seit es die medizinische Versorgung gibt, hat die Zahl an verstorbenen Kindern und Müttern immens abgenommen. Bei einer komplikationslosen Schwangerschaft ist die Geburt zu Hause oder im Geburtshaus sich etwas schönes, wenn man damit gute Erfahrungen gemacht hat. Aber wie immer gibt es zwei Seiten und man sollte beide akzeptieren !
    Mutter dreier Kinder (Krankenhaus) und Intensivkrankenschwester

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