Geburtserfahrung als Expat in Deutschland

Vor einiger Zeit habe ich Gitanjali kennengelernt, die als Expat aus Indien in Deutschland lebt und hier auch ihr erstes Kind zur Welt brachte. Im Interview sprechen wir über Geburten in Indien und Deutschland, den COVID-Lockdown, Liebe zum Baby,

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Stell dich doch bitte kurz vor!

Ich bin Gitanjali More, 38 und komme aus Indien. Dort habe ich nach meinem MBA viele Jahre bei NGOs gearbeitet und war in der internationalen Zusammenarbeit tätig. Oktober 2014 bin ich mit einem Stipendium für ein Zweitstudium nach Deutschland gezogen und wohne jetzt mit meinem Mann und unserer kleinen Tochter in Berlin.

Ich bin sehr gerne in der Natur, fahre gerne Fahrrad, ich liebe das Reisen und koche auch gerne. Ich habe mich vor kurzem selbständig gemacht als Beraterin und Coach für internationale Eltern in Deutschland, um Kind und Karriere in den Griff zu bekommen.

Meine Erfahrung als Schwangere und Mutter hat mich sehr stark geprägt. Eltern finden bei mir Tutorials, Workshops und Coaching. Ende November 2022 habe ich auch einen Podcast gestartet, um offene und ehrliche Gespräche mit Müttern zu führen. Wir reden über alles Mögliche, unter anderem Stillprobleme, postpartum-Depressionen, Schwangerschaft, wie sich ihre Beziehungen verändert haben, Gründungsgeschichten, und vieles mehr.

Wie kam dein Baby zur Welt?

Schwanger bin ich quasi sofort geworden, nachdem wir uns dafür entschieden haben. Wir hatten kaum Gelegenheit um das zu verarbeiten! Das war September 2020, das erste Pandemiejahr. Die Schwangerschaft lief okay, ich hatte viele Beschwerden aber keine Komplikationen.

Ich fühlte mich sehr einsam durch den Winter und den Covid-Lockdown. Die Regeln bei meiner Frauenärztin und in den Krankenhäusern waren auch sehr streng, sodass ich viele Vorsorgetermine alleine wahrgenommen habe.

Ich war am Anfang der 42. Woche, als das Krankenhaus mir nach einem Ultraschall mitteilte, dass sie zu wenig Fruchtwasser gefunden haben. Sie wollten die Geburt einleiten. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was ich als nächstes machen sollte, mein Mann auch nicht. Deshalb habe ich einfach gemacht, was die Ärzte mir gesagt haben.

Mein Mann durfte erst nach einem negativen Schnelltest in den Kreißsaal kommen und kurz vor der tatsächlichen Entbindung. Trotzdem hat es ungefähr acht Stunden gedauert. Mit PDA war es ziemlich okay. Ich hatte weitere Komplikationen, aber am Ende war alles zum Glück gut. Meine Tochter kam in der Charité Berlin-Mitte, 24 Stunden nachdem ich die ersten Wehen hatte, zur Welt.

Wie hast du den Übergang von der Frau ohne Kind zur Mutter erlebt?

Ich finde, dass der Veränderungsprozess durch die Schwangerschaft und Geburt sehr wichtig ist.

Es ist alles sehr viel: Die Veränderung in die Rolle der Mutter, die ersten Gefühle und Gedanken, die wir als frischgebackene Mütter haben. Das ist eine unglaublich schwierige und spannende Zeit. Viele Frauen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich nicht sofort in ihr Baby verlieben.

Oder einige Frauen beschreiben die unfassbare Liebe, die sie für ihr Baby hatten, als sie es zum ersten Mal gesehen haben. Für mich war das nicht der Fall. Die Schwangerschaft wurde erst beim Ultraschall mit 3 Monaten „echt“ für mich. Und in den ersten Tagen nach der Geburt meiner Tochter habe ich über gar nichts nachgedacht. Ich war in dem Moment in meiner Welt mit meiner kleinen Familie verloren. Alles andere war mir so unwichtig.

Gibt es ein Ritual aus Indien zur Geburt, über das du gern erzählen würdest?

Nicht direkt zur Geburt glaube ich. Aber es gibt einige Rituale nach der Geburt:

In Indien bleiben Mütter mit dem Baby für 40 Tage zu Hause und gehen erst danach raus. Dafür gibt es auch eine kleine Zeremonie, aber das ist mittlerweile etwas altmodisch geworden. Diese 40 Tage nach der Geburt heißen Japa. Diese gilt als eine Zeit für die Mutter und das Baby fürs Heilen und die Bindung zu einander.

Früher war das sehr streng. Selbst der Vater durfte keinen Kontakt zu seiner Familie haben. Es gibt Frauen, die das beruflich ausüben, die sich um das Baby und die Mutter kümmern: baden, Massage, kochen, usw. Aber in der heutigen Welt, in der die meisten Paare nicht in einer Großfamilie wohnen, ist das unrealistisch. Paare lehnen das ab und Japa wird in der Form immer weniger praktiziert.

Außerdem gibt es Annaprasanna: Das ist eine Zeremonie, wenn das ungefähr sechs Monate alte Baby zum ersten Mal feste Nahrung bekommt. Einige Leute machen das im Tempel oder auch zu Hause.

Als letztes fällt mir noch Mundan ein: Das ist die rituelle Kopfrasur für Kinder. Das wird meistens gemacht, wenn das Kind ungefähr ein Jahr alt ist. Es wird angenommen, dass die Babyhaare noch von der Geburt unrein sind und nach dem Tonsurieren wachsen frische, „bessere“ Haare, die „rein“ sind.

Mundan-Zeremonie | Foto: Rajesh Balouria

Wie bist du an die Auswahl des Krankenhauses gegangen, in dem dein Kind zur Welt kommen sollte?

Uns war es klar, dass wir keine Hausgeburt haben wollten und auch nicht ins Geburtshaus gehen wollten. Es war uns zu unsicher. Wenn etwas passiert, wird man eh ins Krankenhaus geschickt, deshalb haben wir uns überlegt, wir sparen uns den Stress und gehen direkt ins Krankenhaus.

Für mich als Inderin war das auch eine klare Entscheidung. Der indische Mittelstand, zu dem ich auch gehöre, würde das genauso machen. Außerdem wollte ich einen PDA, weil ich immer sage, „I have nothing to prove to anyone“. Mir was es nur wichtig, dass meine Tochter gesund zur Welt kommt und dass es mir dabei auch gut geht.

Wir haben drei Krankenhäuser in der Nähe. Zwei von denen haben wir aus persönlichen Gründen ausgeschlossen. Deshalb haben wir uns für die Charité entschieden. Ich wollte auch gute Ärzte in der Nähe haben, falls etwas schief gehen würde. Das war auch gut, weil in der zweiten Nacht mein kleines Baby hohes Fieber hatte. Mitten in der Nacht war ein Kinderarzt vor Ort und konnte uns helfen. In dem Zustand, so kurz nach der Entbindung, war ich so müde und fühlte mich ohne meinen Mann sehr unsicher. Deshalb war ich froh, dass ich sofort Hilfe holen konnte.


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Hat die Sprache eine Rolle gespielt, oder sprachst du zu dem Zeitpunkt schon deutsch?

Deutsch konnte ich schon, bevor ich nach Deutschland gezogen bin.

Allerdings ist es immer interessant, wie viele neue Wörter man lernt, wenn man in einer neuen Situation ist. Die lernt man nur, wenn man tatsächlich in der Situation ist, in der man sie kennen muss.

Foto: Pixabay

Ich habe im Laufe der Schwangerschaft und in der Zeit danach so viele neue Wörter gelernt. Die Sprache hat auf jeden Fall eine große Rolle gespielt, weil ich die Angebote und Details gut verstehen wollte, vor allem weil mein Mann nicht da war, um mir Sachen zu erklären. Wenn man in einer vulnerablen Situation ist, fällt einer/m auch die richtigen Wörter nicht ein. Ich habe mir dann alternative Wörter überlegt, um mich verständlich zu machen.  

Als es aber um die Anträge wie Kindergeld, Mutterschutz, Elterngeld, und so weiter ging, hatte mein Mann die Verantwortung. Vieles habe ich nicht verstanden und ich war deshalb deutlich langsamer. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es für internationale Eltern ist, wenn sie in solchen Situationen wie im Krankenhaus oder in einer Behörde sind und was verstehen oder klären müssen. Deshalb ist mein Business auch auf Englisch.

Gibt es Krankenhäuser, die besonders gut auf Frauen eingestellt sind, die noch nicht so gut deutsch sprechen?

Dazu kann ich leider wenig sagen. In fast allen Krankenhäusern wird ein bisschen Englisch gesprochen. Ich wohne in Berlin und habe gutes Feedback zu Englischkenntnissen im Martin Luther Krankenhaus, Maria Heimsuchung und St. Joseph bekommen. Wenn es um andere Sprachen wie Türkisch und Spanisch geht, weiß ich nicht.

Wenn du ein oder zwei Tipps geben solltest, was Frauen auf jeden Fall beachten sollten, wenn sie in Deutschland ihr Kind zur Welt bringen wollen — was wären die?

Ich habe so viele Tipps; haha!

Aber drei wichtige Tipps für Mütter allgemein:

  1. Höre auf dein Bauchgefühl. Es passieren immer so viele Dinge um uns, alle haben eine Meinung zu deiner Entbindung, deinem Erziehungsstil, zu dem Gewicht des Babys, quasi alles. Das Internet ist auch voll mit „perfekten“ Müttern. Aber du weiß immer, was das Beste für dein Kind ist. Höre immer auf dein Bauchgefühl. Zum Beispiel, wenn du denkst, „mein Baby hat Fieber“, aber jemand anders sagt nein, dann bitte einfach selber messen und schauen. Oder bei der Entbindung: Lass dich nicht von anderen Menschen überreden. Setze die Grenzen für dich und dein Baby. Sei deine eigene Fürsprecherin.
  2. Pass gut auf dich auf: Es gibt so viel Unterstützung für Eltern in Deutschland in Form von Hebammen, Schreiambulanz, Stillberatung, Rückbildungskurse, Haushaltshilfe, finanzielle Unterstützung und vieles mehr. Hol dir, wenn möglich, auch Hilfe von Freunden und Familie für das vierte Trimester mit Kochen und Putzen.
  3. Informiere dich gut: Ich hatte einen furchtbaren Anfang mit Stillen. Das war echt so schmerzhaft und traumatisierend und hat sieben Wochen gedauert, bis es geklappt hat. Deshalb: Informiere dich bitte schon vor der Geburt über übliche Probleme wie Stillen, Fieber bei Babys, Kolik und andere Themen. Auf meinem Instagram Kanal findest du auch meine eigenen Tipps.  

Gibt es etwas, was du dir für die Entwicklung der Geburtskultur wünschen würdest?

Ich wünsche mir mehr Offenheit und Dialog: Es ist wichtig, dass Frauen ernst genommen werden, wenn sie sagen, dass sie etwas nicht möchten oder dass sie den Eindruck haben, dass etwas nicht stimmt. Sie sollen ernst genommen werden und sollen offen über ihre Erfahrung, ihre Schmerzen und ihr Trauma reden dürfen. Dafür müssen Räume geschaffen werden. Nur wenn es besseres Verständnis von und für Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett gibt, leben wir in einer gerechteren Gesellschaft.

Über Gitanjali

Ich bin Gitanjali More, eine indische Mutter in Berlin und Gründerin von The Confused Mother. Bei mir finden internationale Eltern in Berlin Antworten auf Fragen rund um Kind und Karriere. Es gibt unterschiedliche Formate wie Workshops, Tutorials, ein Podcast und 1-1 Coaching, über die sie Klarheit und Leichtigkeit bekommen können.

Ich arbeite leidenschaftlich für eine gerechte Gesellschaft und glaube sehr stark an Authentizität und mutige Kommunikation.

Foto: privat

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