Überfällig: Warum Verhütung auch Männersache ist — Buchrezension

Überfällig: Warum Verhütung auch Männersache ist — So lautet der Titel von Franka Freis neuem Buch. Der Verlag hat mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt, das ich in diesem Beitrag vorstelle. Selbstverständlich schreibe ich meine eigene Meinung zum Buch.

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Da es im Buch nur indirekt um Geburten, Geburtsvorbereitung und Geburtskultur geht, habe ich mich dazu entschlossen, die Buchbesprechung zusätzlich zu den Mittwochsbeiträgen an einem Montag zu veröffentlichen.

Überfällig: ein Plädoyer für gleichberechtigte Verhütung

Franka Frei hat mit diesem Buch ein Werk geschrieben, das hoffentlich überflüssig ist, wenn meine Kinder sexuell aktiv werden.

Wobei ich leider nicht so richtig daran glaube. Denn wie die Autorin im Buch mehrfach deutlich macht: Schon häufig hieß es bezüglich verschiedener Verhütungsprodukte für den Mann, diese seien in fünf Jahren marktreif.

Bisher geschafft hat es noch keines der Produkte.

Also muss ich wohl damit rechnen, dass s auch für meine Kinder immer noch heißen wird: Lieber entwickeln wir geniale Ideen, wie wir das Ziel verbarrikadieren, als dass wir den Abschuss unterbinden.

Die Geschichte der Verhütung

Franka Frei geht in ihrem Buch ausführlich auf die Geschichte der Verhütung ein. Sie macht deutlich, dass die Last der Verhütung traditionell bei denjenigen lag und liegt, die von Sex schwanger werden können.

In den ersten Kapiteln des Buches zeichnet sie die Etappen nach, in denen sich Verhütung in Europa entwickelte: Im Altertum gab es medizinisches Wissen zu Verhütung und Abtreibung. Dieses wurde dann vor allem unter dem Einfluss von aufstrebenden monotheistischen Religionen zum Teufelszeug erklärt.

Die Frau wurde zum Gefäß degradiert, deren einziger Sinn darin bestand, Nachkommen zu zeugen. Selbst während der Aufklärung stand für viele Philosophen (gendern nicht nötig) fest: Frauen sind dem Mann unterlegen und sollen vor allem Kinder zur Welt bringen.

Mit der Kolonialgeschichte Europas hat sich dieses Einstellung dann in vielen Gegenden der Welt verbreitet.

So weit, so bekannt — zumindest gehe ich mal davon aus, dass ich dir bis hierhin nicht viel Neues erzählt habe.

Der folgende Abschnitt dagegen war für mich wirklich Neuland. Darin geht es um die Entwicklung der allseits bekannten Pille, also eines Hormonpräparats, das zuverlässig den Eisprung unterdrückt und damit eine Schwangerschaft verhindert.

Franka Frei macht in ihrem Buch deutlich, dass diese Entwicklung zwar einerseits zu einer sexuellen Revolution geführt habe, weil Frauen nun mit einem Mann schlafen konnten, ohne eine Schwangerschaft fürchten zu müssen.

Andererseits lägen, so die Autorin, die Ursprünge der Forschung nicht in feministisch begründeten Utopien. Vielmehr waren Fragen von Eugenik, Rassenlehre und sozialer Geburtenkontrolle die Treiber hinter der Entwicklung.


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Die Autorin schreibt detailliert darüber, wie Verhütungsmittel selbst heutzutage noch eingesetzt würden, um in bestimmten Bevölkerungsgruppen die Reproduktionsfähigkeit einzuschränken. Dies passiere, so Franka Frei, zwar heutzutage nicht mehr unter offen rassistischem Gedankengut, aber immer noch seien viele Menschen der Meinung, für andere entscheiden zu wollen, wie viele Kinder in welchem Zeitraum und unter welchen Bedingungen sinnvoll wären.

Verhütung für den Mann

Bereits ganz am Anfang des Buches erklärt Franka Frei, dass sie die Vielfältigkeit von sexuellen Erfahrungen und geschlechtlichen Identitäten ernst nehmen möchte. In diesem Buch definiert sie „Mann“ dennoch als eine Person mit Spermien, die sich fortpflanzen kann. Denn um diese Personen geht es, wenn wir von Verhütung reden, die nicht von der Person ausgeht, die schwanger werden kann.

Der Status Quo ist bei Verhütung für den Mann eher mau, wie die Autorin beschreibt: Entweder du nutzt Kondome oder du lässt dich sterilisieren.

Letzteres scheidet für viele junge Männer aus, und das kann ich nachvollziehen.

Kondome sind sinnvoll und schützen auch vor Krankheiten. Allein schon deshalb lohnt es sich für jeden jungen Mann, herauszufinden, welche Kondomgröße ihm passt und welche Kondome ihm gefallen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat dazu kostenlos ein Kondometer erstellt.

Bild: Bruno

Doch irgendwie ist die Liste dann doch ziemlich kurz im Vergleich zu den Verhütungsmöglichkeiten, die Frauen haben.

Franka Frei erklärt in diesem Kapitel, dass die Forschung bisher immer wieder spannende Durchbrüche zu verzeichnen hatte, allerdings viele Studien abgebrochen wurden.

Das Problem: Was heute als krasse Nebenwirkung gilt, galt bei Zulassung der Pille als okay. Die Pille hat also eine Art Bestandsschutz, während neue Präparate mit ähnlichen Nebenwirkungen nicht mehr zugelassen werden.

Ein Präparat zeigte in der Forschung geniale Ergebnisse und hatte keine Nebenwirkungen. Es wirkte allerdings nur, wenn Mann keinen Alkohol zu sich nahm. Damit war das Projekt erledigt, denn wer würde schon Alkoholabstinenz als Voraussetzung sehen wollen? Die Entwickler des Präparats offensichtlich nicht.

Die Autorin berichtet in diesem Kapitel auch ausführlich von ein paar anderen Ideen zur Verhütung für Männer, zum Beispiel von einem Schalter im Samenleiter, der wahlweise Spermien den Weg versperrt oder nicht. Besonders erfolgsversprechend ist aus Franka Freis Sicht die Idee, Spermien durch Wärme den Garaus zu machen. Dazu gibt es mittlerweile verschiedene Vorschläge und Präparate, denen allerdings samt und sonders die ärztliche Zulassung fehlt, weil die Entwickler (gendern auch hier nicht nötig — es gibt nämlich durchaus Männer, die das Thema wichtig finden!) das Geld für die aufwändigen klinischen Studien nicht zusammenbringen können. Zu kaufen sind sie dennoch — aber nur als Lifestyle-Produkte ohne medizinische Lizenz.

Ich habe dir hier ein paar Links zusammengestellt, die zu manchen der im Buch angesprochenen Initiativen führen:

Das Fazit dieses Kapitels lautet: Es gibt durchaus Ideen, und es gibt durchaus Männer, die bereit sind, die Verantwortung für Verhütung selbst in die Hand zu nehmen. Leider wissen bisher zu wenige Menschen davon.

Verhütung ist politisch

Schon ab den ersten Seiten nagte etwas an mir: Dieses ganze Thema Verhütung ist doch viel zu groß und wichtig, als dass es nur jeweils Privatsache sein könnte.

Ähnlich ging es mir schon beim Stillen.

Wer welchen Zugang zu Verhütungsmethoden hat und wer sich für Verhütung verantwortlich fühlt ist eine gesellschaftliche Frage. Wie viel Geld von wem in die Forschung gesteckt wird, beruht auf Strukturen, die wir durchbrechen müssen. Manchmal ist Verhütung gesellschaftlich erwünscht, manchmal nicht. Die Motive dahinter sind in den seltensten Fällen altruistisch. Vielmehr geht es um Macht.

Und genau darum geht es in diesem Kapitel. Franka Frei denkt Verhütung weiter und bringt sie in Verbindung mit patriarchalen Strukturen, neokolonialem Denken und Klimagerechtigkeit.

Wer darüber entscheiden kann, welcher Körper wann schwanger wird, hat Macht. Diese Macht geht weit über die Dauer der Schwangerschaft hinaus. Denn mit der Frage austragen oder abtreiben ist die Zukunft der Schwangeren auf Jahre hinweg bestimmt.

Wenn Entwicklungszusammenarbeit heißt, Geburten zu kontrollieren, sollten wir uns fragen: Wollen die Betroffenen das? Oder exportieren wir hier unser Bild und unsere Angst vor einer Bevölkerungsexlosion im globalen Süden?

Wenn Abtreibungen verboten sind, wird dann wirklich das Leben eines Kindes geschützt, um das sich danach genau dieselben Instanzen, die Abtreibungen verbieten, in keinster Weise mehr kümmern?

Wenn Studien abgebrochen werden wegen unerwünschten Nebenwirkungen, dieselben Nebenwirkungen aber bei Verhütungsmethoden für Frauen seit Jahrzehnten zugelassen sind, liegt das wirklich nur am „Bestandsschutz“ oder vielleicht auch daran, dass es ja nun mal einfach funktioniert, die Verantwortung abzuschieben?

Menstruation ist politisch. Verhütung ist politisch. Geburt ist politisch. Und zwar, weil alles drei mit Frauen in Verbindung gebracht wird und deshalb in einem patriarchalen System wahlweise als schlecht, ekelhaft, gefährlich oder unbedingt zu kontrollieren gilt.

Fazit: Überfällig. Warum Verhütung auch Männersache ist

Dieses Buch hat mich gefesselt — im positiven Sinne. Ich habe es am Bahnhof gelesen und fast meinen Zug verpasst (wäre doof gewesen, hätte so einen sehr interessanten Fachtag verpasst), weil ich einfach weiterlesen wollte.

Überfällig zeigt nicht nur, dass wir die Entwicklung von Verhütungsmitteln für weibliche Menschen kritisch hinterfragen sollten, bevor wir den „normalen Weg“ wählen. Es zeigt außerdem, dass Verhütung nicht Privatsache sein kann in einer Welt, in der der weibliche Körper nach wie vor von vielen als Gefäß zur Schaffung von Leben gesehen wird — ohne intrinsischen Wert.

Franka Frei formuliert es am Ende ihres Buches so:

Mehr Verhütungsmethoden für den Mann stehen im Zeichen einer fairen Gesellschaft, in der traditionelle Geschlechterrollen ins Bröckeln geraten und zu Fall kommen — weil sie niemandem guttun. Sie gehen Hand in Hand mit der Forderung nach sexueller und reproduktiver Selbstbestimmung, Umweltgerechtigkeit und einem wirklichen globalen Fortschritt.

Doch für gesellschaftlichen Wandel brauchen wir mehr denn je Menschen aller Geschlechter, die am selben Strang ziehen.

Franka Frei: Überfällig. Warum Verhütung auch Männersache ist. Seite 244

Insofern: Lest das Buch, kommt ins Gespräch, und hinterfragt, was euch bisher normal vorkam. Und hinterlasst mit gerne einen Kommentar, was ihr vom Buch, meiner Rezension und Verhütung für Männer haltet.

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Katharina Tolle

Hi, Ich bin Katharina Tolle. Ich bin davon überzeugt, dass es bei Geburten um mehr geht als um ein gesundes Baby. Denn erstens sind auch Babys, die nicht als gesund gelten, geliebt. Und zweitens ist eine Geburt auch ein einschneidendes Erlebnis für die gebärende Person.

Seit Januar 2018 schreibe ich auf Ich Gebäre über Geburtskultur, selbstbestimmte Geburtsvorbereitung und Feminismus. Ich sammle Geburtsgeschichten, denn ich bin davon überzeugt, dass jede Geburt einzigartig ist und wir aus ihr lernen können.

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Katharina Tolle

Wie schön, dass du hier bist! Ich bin Katharina und betreibe seit Januar 2018 diesen Blog zu den Themen Geburtskultur, selbstbestimmte Geburten, Geburtsvorbereitung und Feminismus.

Meine Leidenschaft ist das Aufschreiben von Geburtsgeschichten, denn ich bin davon überzeugt, dass jede Geschichte wertvoll ist. Ich helfe Familien dabei, ihre Geschichten zu verewigen.

Außerdem setze ich mich für eine selbstbestimmte und frauen*-zentrierte Geburtskultur ein. Wenn du Kontakt zu mir aufnehmen möchtest, schreib mir gern!

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