Wenn Frauen loslassen müssen: Interview mit Dagmar Achleitner

Jede vierte Frau erlebt eine Fehlgeburt. Dennoch wird in der Öffentlichkeit und privat kaum darüber gesprochen. Dagmar Achleitner ist eine von vielen. Sie bricht das Schweigen und spricht ganz offen über den Verlust ihres Babys. Im Interview erzählt uns die Psychologin und Trauerbegleiterin, wie sie ihre eigen Fehlgeburt erlebt hat, was ihr in der Zeit der Trauer geholfen hat und wie sie Betroffene mit ihrer Plattform sanftloslassen in ihrem Trauerprozess unterstützen möchte.

Dagmar verlost außerdem ein Kartenset zur Trauerverarbeitung.

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Mit deiner Plattform Sanft Loslassen möchtest du auf das Thema Fehlgeburt aufmerksam machen. Erzähl uns, warum du das Projekt ins Leben gerufen hast.

2020 war ich zum ersten Mal schwanger. Beim zweiten Arzttermin erhielt ich die traurige Nachricht, dass sich mein Baby nicht weiterentwickelt hatte. Zum ersten Mal hörte ich den Begriff „missed abortion“, was bedeutet, dass der Fötus nicht mehr lebt, sich aber noch in der Gebärmutter befindet.

Meine Gynäkologin klärte uns über die verschiedenen Optionen – Kürettage (also Ausschabung), Medikamente oder Abwarten – auf. Besonders hilfreich fand ich ihre Aussage: „Denken Sie in Ruhe über alles nach und kommen Sie dann wieder.“ Im Moment des Schocks sollte man keine Entscheidung treffen müssen.

Für mich war rasch klar, dass ich auf den natürlichen Abgang warten möchte. Leider funktionierte das nicht, aber mithilfe weheneinleitender Medikamente konnte ich nach fünf Wochen mein Baby endlich körperlich gehen lassen. Meine ganze Geschichte teile ich auf Sanft Loslassen.

[Hier könnt ihr Dagmars Geschichte lesen.]

Ich habe von Anfang an meine Schwangerschaft und den Verlust meines Babys offen kommuniziert. In verschiedenen Supportgruppen auf Facebook habe ich mich mit anderen betroffenen Frauen ausgetauscht. Es hat mich wirklich erstaunt, wie viele Frauen sich in dieser schmerzlichen Situation unverstanden und alleingelassen fühlen – sei es auf persönlicher oder medizinischer Ebene. Viele von ihnen erzählten, dass sie nicht über Alternativen zur Kürettage informiert wurden, kaum Informationen erhielten oder sich von der Überweisung ins Krankenhaus überrumpelt fühlten.

Die Geschichten dieser Frauen haben mich stark bewegt. Am 21. Dezember 2020, dem Tag meiner „kleinen“ Geburt, habe ich am Abend mit meinem Sternenkind Mila gesprochen. Dabei entstand die Idee für das Projekt sanftloslassen, und ich versprach Mila, das Projekt in ihrem Namen umzusetzen.

Was steckt nun genau hinter sanftloslassen.at?

Sanftloslassen.at ist eine Website, die sich mit den Themen Fehlgeburt und Umgang mit der Trauer beim Verlust eines Babys befasst. Die Seite informiert über die Diagnose „Missed Abortion“ und die möglichen Vorgehensweisen Kürettage, medikamentöse Ausleitung und natürlicher Abgang.

Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass keine der Optionen pauschal besser oder schlechter ist als die andere. Vielmehr geht es darum, zu verstehen, was jede Möglichkeit bedeutet und was zu erwarten ist. Diese Informationen helfen den Betroffenen bei der Entscheidung, welcher Weg für sie persönlich am besten geeignet ist. Verschiedene Studien zeigen, dass Frauen die Fehlgeburt besser verarbeiten können, wenn sie klare Informationen und Unterstützungsmöglichkeiten erhalten, wenn sie also eine informierte Wahl zum weiteren Vorgehen treffen können.


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Auf deiner Webseite stellst du auch ein 4-seitiges Infosheet zur Verfügung. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Das Infosheet bietet eine kompakte Zusammenfassung über die Diagnose „missed abortion“. Es steht als Download bereit. Meine Vision ist, dass Frauenärztinnen und -ärzte diese Info an ihre Patientinnen weitergeben. Auch wenn sie alles mit ihren Patientinnen und deren Partner*innen besprechen, die Personen befinden sich in einem Ausnahmezustand und können eventuell nicht alle Informationen aufnehmen. Ein paar Ärztinnen in Wien, die ich kenne, geben das Infosheet nach der Diagnosestellung ausgedruckt ihren Patientinnen mit. Als nächstes möchte ich verstärkt Gynäkologinnen und Gynäkologen über mein Projekt informieren.

[Das Infosheet kannst du hier herunterladen.]

Hast du dich selbst ausreichend informiert gefühlt?

Ja, die wichtigsten Informationen habe ich von meiner Gynäkologin erhalten. Nach dem Arzttermin habe ich in meinem Schwangerschaftsbuch Guter Hoffnung* das Kapitel zum Thema Fehlgeburt gelesen.

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Hier fand ich die wichtigsten Infos zum Nachlesen. Dadurch ersparte ich mir die Suche im Internet mit den vielen Horrorgeschichten und konnte in Ruhe meine Entscheidung treffen. Das wünsche ich auch allen anderen Betroffenen. Im Buch wird der natürliche Weg favorisiert. Mein Anliegen war es, eine Übersicht zu erstellen, die alle drei Möglichkeiten möglichst objektiv aufzeigt.

Foto von Claire Kelly

Außerdem beschäftigt mich, wie es Frauen mit nichtdeutscher Muttersprache ergeht, wenn sie von der Diagnose überrascht werden und möglicherweise nicht genau verstehen, was auf sie zukommt. Daher soll das 4-seitige Infosheet in Zukunft in verschiedene Sprachen zur Verfügung stehen. Ziel ist es, dass möglichst viele Frauen Informationen zu diesem sensiblen Thema in ihrer Sprache lesen können. Wer das Projekt mit einer Übersetzung unterstützen möchte, ist herzlich eingeladen.

Du hast dieses Jahr ein weiteres Projekt zur Trauerbegleitung fertig gestellt. Was bietest du genau an?

Während meiner Ausbildung zur Trauerbegleiterin habe ich das Kartenset „Für immer verbunden mit deinem Sternenkind – 63 Karten für dich und deine Trauer“ erstellt. Mit diesen Karten möchte ich Frauen und Paare, die ein Baby verloren haben, in ihrem Trauerprozess unterstützen. Die Karten sollen helfen, die eigene Gefühlswelt besser zu verstehen und einen Ausdruck für die Trauer zu finden. Sie beinhalten einfühlsame Trauerimpulse, positive Affirmationen, Vorschläge für Rituale sowie Übungen und Fragen zur Reflexion. Das Kartenset bietet Unterstützung sowohl für den persönlichen Trauerweg als auch für die Trauer als Paar und gemeinsam mit Kindern.

Was hat dir persönlich am meisten geholfen?

Unmittelbar nach der Diagnose begann der zweite Lockdown. Ich war im Krankenstand, während mein Partner sein Geschäft schließen musste. Das hat uns die Möglichkeit gegeben, nahezu rund um die Uhr füreinander da zu sein. Einfach nichts tun zu müssen, gemeinsame Spaziergänge in der Natur, das Zulassen der vielen Tränen und mich auszuruhen haben mir sehr geholfen. Besonders unterstützt haben mich verschiedene Rituale, die ich auch in meinem Kartenset vorstelle.

Da ich mich seit vielen Jahren mit Traumaarbeit und Tantra beschäftige, habe ich energetisch viel gemacht und mir auch Unterstützung von Bekannten geholt in Form von Womb Healing, spirituellen Healingseccions, Meditationen, Yoni-Steaming und Breathwork. Zudem empfand ich eine tiefe Verbindung zu meinem Sternenkind und erhielt auf spiritueller Ebene Antworten auf viele meiner Fragen. Die Arbeit an meinem Projekt sanftloslassen war ebenfalls ein wichtiger Weg zur Bewältigung meiner Trauer, da ich meine Geschichte auf diese Weise teilen konnte.

Warum findest du es so wichtig, über den Verlusts seines Babys zu sprechen?

Wer ein Baby verliert, steht oftmals unter Schock. Man muss das Unbegreifliche erst einmal realisieren. Über seinen Verlust zu sprechen, hilft zu verstehen, was passiert ist. Über das Baby zu reden, gibt dem Sternenkind eine Bedeutung.

Bei einer frühen Fehlgeburt haben viele Frauen oder Paare die Schwangerschaft noch nicht öffentlich gemacht. Oftmals erzählen sie dann auch nicht über die Fehlgeburt und leiden im Stillen. Das kann den Trauerprozess erschweren.

Frauen und Paare, die eine Stille Geburt erlebt oder ihr Baby nach der Geburt verloren haben, finden oft nicht die Unterstützung und den Raum, den sie für ihre Trauer benötigen. Es scheint, als ob ihre Sternenkinder im persönlichen Umfeld schnell in Vergessenheit geraten.

Bild von Dominic Winkel

Über sein Sternenkind zu erzählen – immer und immer wieder – hat eine heilende Wirkung. Die Geschichte aufzuschreiben kann einen tiefen inneren Prozess in Gang setzen, indem der Schmerz und die Gefühle auf Papier ausgedrückt werden. Ich habe viele Geschichten gelesen und gehört und meine Geschichte geteilt. Dieser Austausch hat mir persönlich geholfen.

Ehre dein Sternenkind

In meinem E-Book Ehre dein Sternenkind habe ich 13 Ideen gesammelt, wie du dein Sternenkind ehren kannst und dadurch auch einen Schritt zur Verarbeitung deiner Fehlgeburt gehen kannst. Es steht momentan nur meinen Newsletter-Abonnentinnen zur Verfügung.

Zum Newsletter kannst du dich hier anmelden.

Du hast deine Schwangerschaft sehr früh verkündet. Würdest du rückblickend anderen Menschen wieder so bald von deiner Schwangerschaft erzählen?

Definitiv ja! So konnte ich meine Freude mit den Menschen teilen, die mir wichtig sind. Für die Zeit der Trauer war es ebenfalls hilfreich, da ich offen über meine Fehlgeburt sprechen konnte. Meine Folgeschwangerschaft haben wir auch wieder früh öffentlich gemacht.

Jedes Paar muss das für sich entscheiden. Wer die Schwangerschaft vorerst für sich behalten möchte, sollte das tun. Wer es erzählen möchte, sollte es tun, sobald es sich richtig anfühlt. Viele Frauen kämpfen insbesondere im ersten Trimester mit unangenehmen Beschwerden. Oftmals wäre die Situation einfacher, wenn man das engste Umfeld einweihen würde. Wie gesagt, es ist eine individuelle Entscheidung. Es nicht zu erzählen, weil man es eben im ersten Trimester nicht erzählen soll, halte ich für überholt.

Was würdest du Menschen raten, die mitbekommen, dass jemand im Umfeld eine Fehlgeburt erlebt hat?

Jeder Mensch trauert anders und braucht etwas anderes. Was ich persönlich empfehlen kann: Einfach für den anderen da zu sein und zuzuhören. Es kann hilfreich sein, nachzufragen, ob die Betroffene etwas braucht oder wie man sie in dieser Zeit unterstützen kann.

Besonders wichtig ist es, die Trauer der betroffenen Person ernst zu nehmen und Geduld für die Trauernden aufzubringen. Der Trauerprozess kann mitunter lange dauern. Oft länger als viele vermuten. Es ist ratsam, gut gemeinte Ratschlägen zurückzuhalten, wie zum Beispiel: „Beim nächsten Mal wird es schon klappen“, „Nun weißt du wenigstens, dass du schwanger werden kannst“ oder „Sei froh, irgendetwas war sicher nicht in Ordnung mit dem Baby“. Solche Aussagen können unbeabsichtigt verletzend wirken und die Trauernden zusätzlich belasten.

Hast du noch eine Botschaft an alle Mamas und Papas von Sternenkindern?

Der Verlust eines Babys ist unbegreiflich und unfassbar schmerzhaft. Trauern ist aber nicht das Problem, sondern die Lösung, um diesen Verlust zu verarbeiten.

Erlaubt euch, eure Gefühle zuzulassen und euren eigenen Weg zu finden, um mit eurer Trauer umzugehen. Es ist ok, wenn es euch nicht gut geht. Es ist ok, wenn ihr euch verletzlich zeigt. Eure Trauer darf so lange dauern, wie sie dauert. Eure Sternenkinder dürfen immer einen besonderen Platz in euren Herzen haben. Nehmt Unterstützung an, wenn sie euch angeboten wird. Tauscht euch mit anderen Betroffenen aus. Außerdem gibt es Menschen, die euch bei der Trauerbewältigung helfen können. Ihr seid nicht allein!

Liebe Dagmar, ich danke dir für das Interview!

Verlosung: Kartenset

Dagmar verlost ein Exemplar des 63-teiligen Kartensets „Impulskarten für dich und deine Trauer“.

Mitmachen kannst du, indem du hier unter dem Beitrag einen Kommentar hinterlässt — Hinweise für Dagmar, Ideen für Sternenmamas, liebe Worte — und dich dann über das folgende Teilnahmeformular registrierst.

Die Verlosung endet am 30. November 2023; ein Rechtsanspruch ist natürlich ausgeschlossen.

Wöchtenliche Updates zu neuen Beiträgen

Dagmar Achleitner

Psychologin, Mentaltrainerin, Trauerbegleiterin und Projektleiterin im Bildungsbereich

Seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich mit schamanischen Heilmethoden, tantrischer Körperarbeit, Female Embodiment und Trauma-Arbeit. Im Dezember 2020 hatte ich eine Fehlgeburt bei meiner ersten Schwangerschaft. Im Namen meines Sternenkindes habe ich die Plattform sanftloslassen.at ins Leben gerufen, um meine persönliche Erfahrung zu teilen und betroffene Frauen und Paare zu unterstützen

Katharina Tolle

Wie schön, dass du hier bist! Ich bin Katharina und betreibe seit Januar 2018 diesen Blog zu den Themen Geburtskultur, selbstbestimmte Geburten, Geburtsvorbereitung und Feminismus.

Meine Leidenschaft ist das Aufschreiben von Geburtsgeschichten, denn ich bin davon überzeugt, dass jede Geschichte wertvoll ist. Ich helfe Familien dabei, ihre Geschichten zu verewigen.

Außerdem setze ich mich für eine selbstbestimmte und frauen*-zentrierte Geburtskultur ein. Wenn du Kontakt zu mir aufnehmen möchtest, schreib mir gern!

Foto von Katharina

1 Gedanke zu „Wenn Frauen loslassen müssen: Interview mit Dagmar Achleitner“

  1. Ich habe mich ganz bewusst mit dem Begriff „Trauerarbeit“ beschäftigt. Es ist Arbeit und ich habe mit dafür mehr als einen Monat Zeit für mich, meinen Körper und meine Seele gegönnt. Abends war ich ganz müde und gleichzeitig war jeder Tag so unglaublich wichtig und hilfreich.

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