Probleme in der Geburtshilfe? – Bei uns doch nicht! Gedanken zum Frauentag

Bei uns doch nicht — das klingt danach, dass die anderen Probleme haben, die bei uns nicht vorkommen. Das ist das Thema der diesjährigen Brandenburger Frauenwoche. Und ich finde, das Thema passt auch ziemlich gut zum Thema Geburt.

Denn ganz ehrlich: Bei uns doch nicht begegnet mir auch hier immer wieder — ob nun bezogen auf Brandenburg oder auf Deutschland oder manchmal sogar auf Europa. Bei uns doch nicht — die Probleme gibt es anderswo! Oder?

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Probleme in der Geburtshilfe!? – Bei uns doch nicht!

Dieser Beitrag ist keine wissenschaftliche Erhebung. Insofern werden ein paar Themen fehlen. Wenn du noch mehr „bei uns doch nicht“-Themen siehst, ergänze sie gerne unten in den Kommentaren!

Bei uns doch nicht – bei uns gibt es keine Gewalt unter der Geburt

Vor einigen Jahren nahm ich an einer Veranstaltung teil, die von der lokalen Frauenbeauftragten durchgeführt wurde. Es ging um Gewalt gegen Frauen. Nur wenige Menschen im Raum sahen sich als weiblich. Einer dieser Menschen hat mir sehr deutlich gemacht, dass Gewalt gegen Frauen unter der Geburt nun wirklich kein spannendes Thema sei.

Bei uns doch nicht – bei uns gibt es keinen Hebammenmangel

Das mit dem Hebammenmangel ist doch in den wirklich ländlichen Gebieten ein Problem; nicht aber bei uns im Speckgürtel.

Könnte man meinen.

Unser nächstes Krankenhaus hat keine Geburtsstation mehr. Zur gleichen Klinikgesellschaft gehört das andere Krankenhaus; fünf Minuten weiter entfernt in die andere Himmelsrichtung. Da sollte man doch meinen: Wo vorher zwei Kreißsäle waren und jetzt nur noch einer ist, arbeiten alle Hebammen in besagtem Kreißsaal, der dann keine Probleme mehr hat.

Denkste.

Vor einigen Jahren war der Kreißsaal Weihnachten dicht. Diese Meldungen gibt es immer mal wieder aus verschiedenen Krankenhäusern.

Und es wurden Hebammen aus Italien eingestellt, weil hier keine zu finden waren. Ich kenne diese Hebammen nicht und weiß nicht, ob sie ihre Arbeit gut machen. Darum geht es auch gar nicht. Es geht mir vielmehr darum, dass diese Hebammen vermutlich nun in Italien fehlen und wir somit das Problem bloß verschieben.

Bei uns doch nicht – bei uns sterben keine Kinder unter der Geburt

Das passiert in Ländern mit geringer medizinischer Versorgung, oder!? Oder eben auch nicht. Immer wieder schreibe ich die Geschichten von Frauen, deren Kind spät in der Schwangerschaft oder unter der Geburt verstarb. Statistisch gesehen sind das Einzelfälle, aber das lindert das Leid der Betroffenen nicht. Und es nutzt auch nichts, wenn wir den Mantel des Schweigens darüber betten.

Bei uns doch nicht – wir erleiden keine Fehlgeburten

Okay, das ist euch vermutlich schon klar, dass das so nicht stimmt. Fehlgeburten gibt es überall. Fehlgeburten, gerade die frühen, haben nichts mit medizinischer Versorgung zu tun.

Beiträge zum Thema Fehlgeburt | Foto: Dominic Winkel

Bei uns doch nicht – hier gibt es keine Probleme mit dem Schwangerschaftsabbruch

Diese Aussage hat gleich zwei Facetten: Hier muss niemand abtreiben (wir sind ja alle voll gebildet; uns passiert so etwas nicht) und hier gibt es keine Probleme, falls jemand abtreiben will.

Beides ist natürlich so nicht richtig. Eine ungewollte Schwangerschaft kann jeder Frau passieren. Manchmal kann man so blöd gar nicht denken, wie die Umstände zusammenkommen.

Und einfach ist ein Schwangerschaftsabbruch auch nicht. Bei uns in der Umgebung gibt es zum Beispiel kaum Praxen, die überhaupt Schwangerschaftsabbrüche anbieten.

Bei uns doch nicht – bei uns werden keine Frauen und Kinder unter der Geburt traumatisiert

Traumata erleiden Menschen im Krieg, nicht unter der Geburt. Ich höre diesen Satz immer wieder und frage mich ehrlich: Hilft es wirklich, das eine Trauma gegen das andere aufzuwiegen?

Es gibt immer wieder Frauen, die traumatische Geburtserlebnisse haben. Viel zu häufig wird ihnen leider erst dann geholfen, wenn es schon viel zu spät ist, wenn sich zum Beispiel eine postnatale Depression entwickelt hat.

Foto: Louis Galvez

Traumatisierungen von Neugeborenen sind noch schwieriger zu erkennen, denn das Baby kann nur indirekt deutlich machen, wie es ihm geht.

Doch das heißt nicht, dass das nicht vorkäme. Und zu behaupten, es gäbe solche Probleme nicht, macht es für die Betroffenen nur noch schwieriger, sich Hilfe zu suchen.


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Bei uns doch nicht – bei uns werden keine Väter von den Geburten ihrer Kinder ausgeschlossen

Während der Corona-Pandemie schlossen zahlreiche Kliniken Begleitpersonen von Geburten aus. Dazu gehörten auch Kliniken hier im Umfeld.

Wie diese Kliniken mittlerweile mit der sich entspannenden Corona-Lage umgehen, ist unterschiedlich. Offiziell dürfen Väter und andere Begleitpersonen wieder mit in den Kreißsaal. Es kommt aber auf den Einzelfall an, zu welchem Zeitpunkt das passiert.

Bei uns doch nicht – So viel, über das wir reden müssen!

Das Thema der Frauenwoche in diesem Jahr ist ausgesprochen gelungen. Denn viel zu häufig passiert es uns, dass wir die Augen verschließen vor Entwicklungen, die vermeintlicherweise nur andere Menschen betreffen.

Dabei müssen wir zugegeben: Anderswo sieht es vielleicht (noch) schlechter aus, aber auch bei uns ist lange nicht alles rosarot.

Rosaroter Ponyhof — das wahre Leben? Foto: Ursula Drake (Bearbeitet)

Viele der Probleme, die ich oben genannt habe, haben direkt oder indirekt mit der Stellung von Frauen (und ihnen zugeschriebenen Rollenbildern) in der Gesellschaft zu tun:

  • Ein gesundes Baby ist mehr wert als die Selbstbestimmung der Mutter. Da ist ein „hartes Durchgreifen“ des mediznischen Personals ja wohl kein Problem.
  • Berufe, die traditionell Frauen zugeschrieben werden, sind in Deutschland tendenziell schlechter bezahlt als „männlich konnotierte“ Berufe. Das macht sich auch bei Hebammen bemerkbar.
  • Wir verschweigen alles, was nicht nach Wunsch läuft – egal ob frühe Fehlgeburt oder Tod unter der Geburt. Frauen sollen sich nicht beschweren, wenn etwas falsch läuft.
  • Die Bedeutung von Geburten für die Familiendynamik ist weiterhin nicht ausreichend beleuchtet – weder in Bezug auf Väter noch in Bezug auf Traumata.

Das alles sind Aspekte, über die wieder reden müssen.

Viele Diskussionen nähmen eine andere Richtung, wenn wir eine Annahme ins Zentrum unserer Argumentation rücken würden:

Die Gebärende ist diejenige, die entscheidet.

Sie ist diejenige, die entscheidet — in der Schwangerschaft und unter der Geburt. Nähmen wir diese zentrale Rolle der Gebärenden an, würden sich daraus automatisch Maßnahmen ergeben, die auch zur Lösung der oben genannten Probleme beitragen könnten.

Genau darum geht es in meinem Manifest, das bald erstmals auf deutsch erscheint.

Das Manifest für eine selbstbestimmte Geburtskultur

Es ist kein dickes Buch. Es ist mein persönliches Manifest: Warum ist eine selbstbestimmte Geburtskultur wichtig? Warum sollte die Gebärende Frau im Zentrum der Bemühungen stehen? Welche Rolle hat die Medizin? Und ist Selbstbestimmung mehr wert als Gesundheit?

Das Manifest liefert in kurzer Form die wichtigsten Kernthesen für eine feministische, frauenzentrierte Geburtskultur.

Es wird vermutlich im April erscheinen; vorbestellen kannst du es jetzt schon hier – und zwar zum Sonderpreis, weil es als Vorabversion noch nicht der Buchpreisbindung unterliegt. Außerdem verlose ich unter allen Vorbestellungen noch zwei Exemplare des Büchleins Mit Mama zur Geburt.

Klicke dafür einfach auf das Bild oder folge diesem Link.

Und wenn du Fragen zum Manifest oder Kommentare zu „bei uns doch nicht“ hast, freue ich mich auf deine Rückmeldung — direkt hier im Blog oder per E-Mail an meine@geburtsgeschichte.de.

Hintergrund zum Thema

In Brandenburg, wo ich wohne, gibt es die Brandenburgische Frauenwoche, die von der ehemaligen Ministerin Regine Hildebrandt ins Leben gerufen wurde. Jedes Jahr gibt der Frauenpolitische Rat eine Losung aus, unter der sich dann verschiedenste thematische Veranstaltungen bündeln.

In diesem Jahr ist das Thema bei uns doch nicht.

Bei uns doch nicht — das heißt, andere haben die Probleme. Aber wir doch nicht. Bei uns läuft alles tippitoppi und überhaupt sollen die anderen mal erst ihren eigenen Vorgarten aufräumen, bevor sie bei uns schauen, was falsch läuft.

Das ist natürlich Bullsh!t.

Auch bei uns läuft eine ganze Menge falsch. Nicht alles passt hier in den Blog, deshalb gibt es auch noch Beiträge zum Thema auf unserem Unternehmerinnen-Blog. Schau gerne mal rein.

Und außerdem sprechen wir in einer Podiumsdiskussion mit Netzwerken über Macht und Geld: Wie wirken sich beide auf einander aus? Was können Frauen mit Macht und/oder Geld bewirken?

Infos zur Veranstaltung findest du hier.

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