Was bringt uns 2023 für Geburten?

2023 ist ein neues Jahr, aber natürlich ist 2023 auch davon beeinflusst, wie 2022 lief. Und deshalb ist eine Jahresvorschau zwar in gewisser Weise ein Blick in die Glaskugel, andererseits aber auch gar nicht so unrealistisch.

Ich habe Ende 2022 herumgefragt, was die Menschen für 2023 in Bezug auf Geburten erwarten. Zugegebenermaßen: Ich war spät dran. Meine Mail ging am 20. Dezember raus. Schande über mich!

Nichtsdestotrotz habe ich wunderbare Antworten zurückbekommen und die will ich gern mit dir teilen!

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Meine Prognose: Von geschlossenen Kreißsälen bis zur Grundversorgung

Natürlich habe auch ich Erwartungen an das neue Jahr. Mal schauen, was sich dann im Jahresrückblick 2023 davon bewahrheitet. Die Themen sind wild gewürfelt und in keiner logischen Reihenfolge.

Position der Hebammen

Ich wünsche mir wirklich, dass der Beruf der Hebamme gestärkt wird. Hebammen lernen in der Ausbildung oder im Studium wesentlich konzentrierter alles rund um die Bedürfnisse von Schwangerer, Gebärender und junger Familie als das in einem Medizinstudium der Fall ist.

Hoffnung in dieser Hinsicht macht eigentlich der Koalitionsvertrag von 2021:

Wir […] führen einen Personalschlüssel für eine 1:1-Betreuung durch Hebammen während wesentlicher Phasen der Geburt ein. Wir stärken den Ausbau hebammengeleiteter Kreißsäle und schaffen die Möglichkeit und Vergütung zur ambulanten, aufsuchenden Geburtsvor- und -nachsorge für angestellte Hebammen an Kliniken.

Koalitionsvertrag 2021, Seite 85

Da sollte man doch meinen: Alles wird gut. Ende letzten Jahres erlebten wir dann allerdings das genaue Gegenteil. Im Oktober beschloss der Bundestag mit den Stimmen der Ampelkoalition das Gesetzliche-Krankenversicherungs-Finanz-Stabiliserungsgesetz, kurz GKV-FinStG. Und in diesem Gesetz wurden die Hebammen aus dem Pflegebudget für die Schwangeren- und Wochenbettstation gestrichen.

Es gab einen Aufschrei. Das Bündnis Gute Geburt schrieb einen offenen Brief. Es gab außerdem eine Petition auf Change.org, die über anderthalb Millionen Unterschriften sammelte.

offener Brief des Bündnisses Gute Geburt, Screenshot von https://mother-hood.de/aktuelles/bundnis-gute-geburt-offener-brief/
Screenshot von Change.org, wo die Petition gegen die Streichung des Pflegebudgets lief.

Die Proteste waren erfolgreich. Das GKV-FinStG wurde geändert. Die Reaktionen waren nicht nur bei den Unterzeichner*innen der Petition positiv. Auch der Deutsche Hebammenverband äußerte sich in einer Pressemitteilung positiv:

Jetzt aber gilt es, schleunigst die weiteren erforderlichen Anpassungen, zuallererst der Personaluntergrenzen-Verordnung, vorzunehmen. Auch bei der Zusage der Ampelkoalition, die flächendeckende Eins-zu-eins-Betreuung unter der Geburt einzuführen, steht die Politik in der Pflicht.

Pressemitteilung des Deutschen Hebammenverbandes e.V. vom 2.12.2022, abgerufen auf Hebammenverband.de

Und das fasst es eigentlich auch schon ziemlich gut zusammen: 2022 hätte das Ende der Finanzierung von Hebammen in Krankenhäusern sein können. Zum Glück war sie es nicht. Doch ob die Hebammen 2023 wirklich gestärkt werden, ist noch unklar.

Eine der wichtigsten Weichenstellungen wird wohl die Krankenhausreform sein, die von der Ampel-Koalition angestrebt wird. Die ersten Eckpfeiler wurden bereits im Sommer 2022 veröffentlicht. Darunter waren auch Hinweise zur Stellung von Hebammen. Da es aber über die Hebammen hinaus umfassend um die Geburtsstationen ging, gehe ich darauf in meinem nächsten Abschnitt ein.

Geburtshilfe in der Grundversorgung

Wie oben erwähnt: Die Ampel plant eine umfassende Krankenhausreform. Der erste Bericht der Regierungskommission vom Sommer 2022 behandelt auch die Geburtshilfe. Bevor ich auf die Inhalte eingehe, zitiere ich den Bundesgesundheitsminister Dr. Karl Lauterbach:

Mit der Übergabe der Stellungnahme beginnt nun der politische Prozess.

Dr. Karl Lauterbach zur Stellungnahme der Arbeitsgruppe Pädiatrie und Geburtshilfe für eine kurzfristige Reform der stationäre Vergütung für Pädiatrie, Kinderchirurgie und Geburtshilfe am 11. Juli 2022. Abgerufen beim Bundesgesundheitsministerium.

Im Klartext heißt das: Alles, was in dem Bericht steht, muss erst noch in einen Gesetzesvorschlag gegossen werden, der dann durch die Ausschusssitzungen und anschließend die Parlamentsberatungen geht. Und dabei kann noch so einiges verändert werden. Dennoch lohnt sich auch jetzt schon ein Blick auf diese Meinung von Expert*innen.

Im Bericht fällt auf: Es geht vor allem um die kurzfristige Sicherstellung der Finanzierung. (Zur mittel- und langfristigen Finanzierung sollen später noch Vorschläge gemacht werden). Dabei sollen vor allem kleine Kliniken gestützt werden, die durch das momentan geltende Fallpauschalen-Abrechnungssystem zu wenig einnehmen, wenn sie die Geburtsstation offen halten.

Abteilungen der Liste mit weniger als 500 Geburten pro Jahr (entscheidend: Vorjahr) erhalten eine erhöhte zusätzliche Vergütung.

Erste Stellungnahme und Empfehlung der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung, Seite 13

Zur mittelfristigen Stellung der Geburtshilfe gibt es weitere Informationen dann im neuesten Bericht von Anfang Dezember 2022.

Darin wird erklärt, dass zukünftig die Kliniken in eine von vier Versorgungsstufen fallen sollen. Im Bericht gibt es eine Abbildung, die ich hier nutze:

Die Grundversorgung ist Level I. Darunter fallen die Basisbehandlungen in Innerer Medizin, Chirurgie, Frauenheilkunde, Kinder- und Jugendmedizin sowie Kinder- und Jugendliche Basis-Notfallmedizin, Basisbehandlungen in der Augenheilkunde, bei Haut- und Geschlechtskrankheiten, im HNO-, Neurologie- und Urologie-Bereich, die Geriatrie und Palliativmedizin sowie Basisbehandlungen in Intensiv- und Notfallmedizin (also die Rettungsstelle).

Was fehlt, ist die Geburtshilfe. Die Geburtshilfe ist nämlich erst für Kliniken ab Level II vorgesehen. Und damit fällt sie aus der Grundversorgung heraus.

Ach, ich möchte doch so gern daran glauben, dass es bei der Bewertung keine Rolle spielte, dass Frauen diejenigen sind, die Kinder bekommen und immer noch viel zu viele Männer in den Kommissionen, Fachkreisen und Geschäftsstellen sitzen. Die Mitglieder der Kommission stehen auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums. Es sind 17 Personen. Davon sind 7 weiblich, was gar nicht mal so schlecht ist. Immerhin 41 Prozent.

Während allerdings die Notfallmedizin, die Innere Medizin und die Psychiatrie mit Mitgliedern in der Kommission vertreten sind, ist keine Person aus der Geburtshilfe Mitglied — weder aus Medizin noch Hebammenwissenschaften.

Insofern sieht meine Prognose schlecht aus, was die Aufnahme der Geburtshilfe in die Grundversorgung angeht: Sie wird auch weiterhin nicht kommen.



Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs

Die Ampel-Koalition hat es in ihrem Koalitionsvertrag stehen:

Schwangerschaftsabbrüche sollen Teil der ärztlichen Aus- und Weiterbildung sein. Die Möglichkeit zu kostenfreien Schwangerschaftsabbrüchen gehören zu einer verlässlichen Gesundheitsversorgung. Sogenannten Gehsteigbelästigungen von Abtreibungsgegnerinnen und Abtreibungsgegnern setzen wir wirksame gesetzliche Maßnahmen entgegen. Wir stellen die flächendeckende Versorgung mit
Beratungseinrichtungen sicher. Schwangerschaftskonfliktberatung wird auch künftig online möglich sein. Ärztinnen und Ärzte sollen öffentliche Informationen über Schwangerschaftsabbrüche bereitstellen können, ohne eine Strafverfolgung befürchten zu müssen. Daher streichen wir § 219a StGB.

Koalitionsvertrag 2021, Seite 116

Wir aktualisieren das Konzept zur Fortentwicklung der Qualifizierung von Ärztinnen und Ärzten, um auch medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche leichter verfügbar zu machen.

Koalitionsvertrag 2021, Seite 82

Wir setzen eine Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin ein, die Regulierungen für den Schwangerschaftsabbruch außerhalb des Strafgesetzbuches sowie Möglichkeiten zur Legalisierung der Eizellspende und der altruistischen Leihmutterschaft prüfen wird.

Koalitionsvertrag 2021, Seite 116

Kurz gesagt: Schwangerschaftsabbrüche sollen langfristig aus dem Strafgesetzbuch genommen werden. Ich persönlich glaube nicht, dass das 2023 schon passieren wird.

Es wird im Parlament von der Opposition (Union und AfD) vermutlich Widerstand gegen das Vorhaben geben — allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass DIE LINKE dem Antrag der Regierungsparteien zustimmen könnte. Spannend wird sein, ob auch innerhalb der Regierungskoalitionen manche ausscheren und ob es sogar eine Gewissensentscheidung wird. Ich gehe aber davon aus, dass es eine Mehrheit für die Legalisierung gibt.

Insofern ist meine Prognose: Schwangerschaftsabbrüche werden 2023 legalisiert.

UPDATE: Na wunderbar. Am Donnerstag, 5.1. habe ich diesen Beitrag fertig geschrieben. Und am Freitag, 6.1. höre ich morgens im Radio: Bundesfamilienministerin Lisa Paus will zur Erarbeitung einer Regelung eine Kommission einsetzen. Diese Kommission soll Vorschläge erarbeiten, wie ein Schwangerschaftsabbruch jenseits des Strafgesetzbuches geregelt werden kann. Erfahrungsgemäß brauchen solche Kommissionen Zeit; sodass ich nicht glaube, dass 2023 noch ein neues Gesetz kommt.

Meine angepasste Prognose ist deshalb eher vorsichtig: Mal sehen, was das Jahr so bringt.

Schließende Kreißsäle

Ich vergleiche Geburtsstationen immer gerne mit der Rettungsstelle in einem Krankenhaus. Dabei geht es mir nicht um die Menge an Blut oder die Schwere der Behandlungen. Es geht mir darum, was mir meine Hebamme vor einigen Jahren sagte: Rettungsstellen und Geburtsstationen schreiben in der Regel Rote Zahlen. Sprich: Sie lohnen sich finanziell nicht.

Trotzdem kommen nur wenige Leute auf die Idee, eine Rettungsstelle zu schließen. Bei Kreißsälen sieht das schon anders aus.

Der Trend wird sich wohl auch 2023 fortsetzen. Wenn nicht das ganze Krankenhaus schließt, so zumindest die Geburtsstation in der entsprechenden Klinik. Die Gründe sind vielfältig:

  • Zu wenig Personal
  • zu hohe Kosten
  • zu wenige Geburten

Auch aktuell gibt es wieder mehrere Geburtsstationen, die auf der Kippe stehen. Wenn du dich für den Erhalt der Kreißsäle einsetzen willst, kannst du das zum Beispiel hier tun:

Laut Mother Hood e.V. schlossen zwischen 2018 und 2021 jeweils zwischen sieben und 19 Kreißsäle dauerhaft. Für 2022 liegen aktuell noch keine endgültigen Zahlen vor. Vermutlich werden es wieder um die zehn Kreißsäle sein.

Optisch sieht das Ganze übrigens so aus:

Quelle: Google Maps

Dass die Schließung der Kreißsäle ein Problem ist, habe ich in einem anderen Beitrag schon ausführlicher besprochen.

Klar gibt es mittlerweile in der Politik ein Umdenken. Gerade, wenn kleinere Kreißsäle (mit verhältnismäßig wenigen Geburten im Jahr) in der Nähe von großen Geburtsstationen liegen, wird allerdings eine Schließung als ein probates Mittel gesehen:

In der Geburtshilfe muss in besonderer Weise die aus Gründen der Qualität und der Wirtschaftlichkeit sinnvolle Konzentration auf weniger Standorte in Übereinstimmung gebracht werden mit dem Ziel der Wohnortnähe auch in ländlichen Gegenden mit niedrigen Geburtszahlen. So entfallen von den 120 Standorten mit weniger als 500 Geburten 19 auf Bayern, 16 auf Sachsen, 14 auf NRW und je 12 auf Thüringen und Brandenburg. Andererseits listet die Vereinbarung zu Standorten mit Sicherstellungszuschlägen für Geburtshilfe, also solchen, bei deren Schließung zusätzlich mindestens 950 Frauen zwischen 15 und 49 Jahren mehr als 40 Pkw-Fahrzeitminuten zur nächsten Geburtsklinik fahren müssten, für 2023 nur 57 solcher Standorte auf, davon 12 in Mecklenburg-Vorpommern und 11 in Brandenburg, aber nur je 4 in Bayern und Sachsen sowie 2 in NRW, was bedeutet, dass hier kleine Geburtskliniken in Nachbarschaft von größeren existieren.

Fußnote in der Ersten Stellungnahme und Empfehlung der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung, Seite 5.

Eine hohe Behandlungsqualität und eine ausreichende Personalbesetzung trotz Hebammenmangel sind in der Geburtshilfe durch Zentrumsbildung und – wo regional möglich – die Aufgabe kleiner Geburtshilfen mit wenigen Geburten zu fördern.

Erste Stellungnahme und Empfehlung der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung, Seite 6.

Das wird sich also auch 2023 nicht ändern.

Kaiserschnittrate

Die Quote der Kaiserschnitte lag in Deutschland in den letzten Jahren bei rund 30 Prozent. Allerdings gab es da große Unterschiede sowohl nach Region als auch nach Krankenhaus.

Ausführlich habe ich über die Kaiserschnittrate in verschiedenen Geburtsstationen schon mal an anderer Stelle berichtet.

Dieser Kaiserschnittrate, die im europäischen Vergleich irgendwo im Mittelfeld liegt, steht nun das der Text aus dem Koalitionsvertrag der Ampel gegenüber:

Wir evaluieren mögliche Fehlanreize rund um Spontangeburten und Kaiserschnitte […].

Koalitionsvertrag 2021, Seite 85

Die Evaluation ist natürlich gut. Wenn ein Kaiserschnitt eine Klinik finanziell besser dastehen lässt als eine interventionsarme Spontangeburt, werden Kliniken eben vermehrt Kaiserschnitte brauchen — selbst, wenn sie sie nicht wollen. Es ist dafür unbedingt nötig, die Krankenhausfinanzierung so zu ändern, dass Kaiserschnitte nur durchgeführt werden, wenn sie medizinisch sinnvoll sind (oder die Gebärende ihn ausdrücklich will).

Ich sehe aber noch nicht, dass das 2023 kommt. Zwar soll die Krankenhausfinanzierung 2023 komplett neu aufgestellt werden; die Kaiserschnittrate wird aber vermutlich erst langsam wieder sinken — falls überhaupt.

Corona als Einflussfaktor auf Geburten

Immer wieder hören wir, dass Corona langsam von einer Pandemie zu einer Endemie wird. COVID19 ist also eine Krankheit, mit der wir dauerhaft leben werden — ähnlich wie mit der Grippe, Hand-Fuß-Mund und anderen Infektionskrankheiten.

Natürlich stellt sich somit die Frage: Welche der Maßnahmen, die bewusst wegen des Corona-Virus eingeführt wurden, werden wegfallen? Und welche werden bleiben — ob nun wegen Corona oder weil wir uns einfach daran gewöhnt haben (und es vielleicht so sinnvoll finden)?

  • Müssen Coronatests gemacht werden, bevor jemand in ein Krankenhaus geht?
  • Bleiben Corona-Impfungen für bestimmte Berufsgruppe Pflicht?
  • Werden Partner*innen wegen einer eventuellen Ansteckung nur verspätet oder gar nicht in den Kreißsaal gelassen?
  • Wie sieht es mit Besuch auf der Wochenbettstation aus?
  • Was passiert mit dem Baby, falls die Mutter gerade eine Corona-Infektion hat?

Ich befürchte, dass das Chaos in dieser Hinsicht so ähnlich bleibt wie schon seit Beginn der Pandemie im Februar 2020. Damals habe ich mehrmals täglich meine Liste mit den Regeln vieler deutscher Krankenhäuser aktualisiert. Mittlerweile ist sie veraltet, aber sie zeigt, wie doll die Regelungen damals auseinander gingen. So wird es vermutlich auch 2023 sein. Jede Klinik macht ihr Ding; und im Zweifelsfall plustert sich jemand vom Sicherheitsdienst auf und verweigert einem werdenden Vater den Zutritt…

Mein Tipp für 2023 ist deshalb: Informiere dich und hab eine Ausweichoption. Die besten Tipps rund um Corona kannst du übrigens in meinem Beitrag zum Corona-Erzählcafé nachlesen.

Die Rolle von Doulas

Eine Reaktion auf die chronische Überlastung des Gesundheitssystems sind aus meiner Ansicht Doulas. Doulas können die Arbeit von Hebammen nicht ersetzen. Sie haben auch einen ganz anderen Fokus. Sie stützen die Gebärende und bilden eine Art Kokon um sie. Im Idealfall ist die Gebärende deshalb von den schwierigen Bedingungen im Krankenhaus nicht so stark mitgenommen, sondern kann bei sich bleien.

Ich finde die Unterstützung durch eine Doula hilfreich, sehe allerdings einige Probleme darin, dass sie so nötig sind. Wenn ich nämlich gefragt werde, warum ich keine Doula bei den Geburten meiner Kinder dabei hatte, sage ich: Meine Hebamme war meine Doula. Meine Hebamme hatte nur mich und mein Baby im Kopf. Sie war bei uns zu Hause und tat alles, was eine Hebamme so tut, plus alles, was eine Doula so tut.

Das können Hebammen im Krankenhaus nicht leisten. Die Reaktion ist also, noch eine Doula zur Geburt zu rufen. Ich kann jede Frau verstehen, die das tut.

Mein Problem dabei: Dadurch ändern wir das System nicht. Wir sehen, dass im Krankenhaus was falsch läuft und nehmen deshalb eine Doula mit. Im Optimalfall klappt dann alles. Und das Krankenhaus hat keinen Grund, etwas zu ändern.

Das ist gerade deshalb Mist, weil die Leistung einer Doula nicht von der Krankenkasse bezahlt wird. Jede Schwangere muss das Geld irgendwo auftreiben. (Manche Krankenkassen haben einen „persönliches Schwangerschaftsbudget“, aus dem eine Doula gezahlt werden kann. Frag also nach!)

Fazit: Doulas werden 2023 wichtiger denn je. Sie können für die Schwangere und Gebärende eine große Hilfe sein. Langfristig müssen wir aber aufpassen, wie wir ihre Leistungen in unser Geburten-System so integrieren, dass sie mehr sind als nur ein Pflaster, das die Wunde abdeckt, aber nicht heilt.

Entscheidung für Alleingeburten

Klar, bei Alleingeburten sprechen wir von einer ganz kleinen Gruppe von Frauen; verglichen mit all den Frauen, die ihr Kind in der Anwesenheit von medizinischem Personal bekommen.

Die Gründe für Alleingeburten bleiben ähnlich wie bisher. Es gibt wenige Frauen, die eine Alleingeburt erleben, weil das Baby zum Beispiel auf dem Weg zum Krankenhaus im Auto geboren wird.

Die meisten Alleingeburten sind als solche geplant. Die Mütter beschäftigen sich vorher intensiv mit den Vor- und Nachteilen. Das belegt auch auch eine neue Studie aus Dänemark, in der untersucht wurde, warum Frauen eine Alleingeburt anstrebten.

Dort heißt es, dass unter anderem die Schaffung eines sicheren Geburts-Ort (wobei „Ort“ mehr als nur den Platz, sondern das ganze Setting einschließt) die Wahl der Frauen begründet. Darüber hinaus sind sie davon überzeugt, dass das „Standard-Geburts-System“ für sie unpassend sei.

Original-Text der Studie zu Alleingeburten

Four themes were identified. “The standard system is not for me” describes negative experiences during previous births and the desire for more individualised support. “Re-establishing trust in myself” describes the women’s quest for recognizing their own needs and re-building autonomy and inner strength. “I do my research” describes how the women sought new ways of knowing and prioritised experiential knowledge. And finally, “I create my safe space” describes the women’s efforts to create the best possible physical and emotional space for themselves and their babies in order to have a safe and autonomous birth experience.

Freebirth is not undertaken lightly or without preparation by women. Improved continuity of care as well as greater flexibility in hospital guidelines could accommodate some of these women’s demand for autonomy in birth.

Quelle: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1877575622000957?via%3Dihub

Wenn wir die Verschlechterung der Lage in den Geburtskliniken berücksichtigen, wird es wohl dabei bleiben, dass manche Frauen lieber den Weg allein wählen, statt mit medizinischer Begleitung. Um diesen Trend umzukehren, müsste sich sehr viel ändern. So sehen es auch die Forscherinnen: Verbesserte Stetigkeit in der Begleitung und größere Flexibilität in den Krankenhausrichtlinien könnten den Bedarf der Frauen für eine selbstbestimmte Geburt angemessen berücksichtigen, so heißt es im Fazit der Studie.

Für 2023 bedeutet das: Die Anzahl von Alleingeburten bleibt vermutlich weiterhin verschwindend gering im Vergleich zum Rest. Die Wahrnehmung von Alleingeburten als Reaktion auf die Situation im Gesundheitssystem wird sich allerdings verstärken — auch durch wissenschaftliche Forschung zu dem Thema.

Die Rolle von Partner*innen bei der Geburt und im Wochenbett

Das ist leider ein Punkt, den ich für 2023 noch nicht sehe. Zum einen befürchte ich, dass Corona weiterhin Einschränkungen bringen wird. Und auch für das Wochenbett sehe ich keine Stärkung der Partner*innen. Klar: Auch jetzt schön können Partner*innen direkt nach der Geburt in Elternzeit gehen. Das ist aber freiwillig.

Der Koalitionsvertrag der Ampel geht darüber hinaus:

Wir werden eine zweiwöchige vergütete Freistellung für die Partnerin oder den Partner nach der Geburt eines Kindes einführen.

Koalitionsvertrag 2021, Seite 100f

Übrigens ist das auch eine Vorgabe der EU, die Deutschland bisher nicht umsetzt. Umso klarer sollte eigentlich sein, dass die bezahlte Partnerzeit kommt.

Leider ist dieser Tagesordnungspunkt verschoben. Im Herbst 2022 sagte die Familienministerin Lisa Paus, dass sie die Umsetzung plane — aber erst für 2024. Der Grund sei die starke Belastung der Unternehmen, die diese Freistellungen nicht stemmen könnten.

Ich kann ihr Argument durchaus verstehen, finde aber, dass es ziemlich deutlich zeigt, was wir bisher einfach verpasst haben! Denn würden jetzt schon viele Partner*innen direkt nach der Geburt in Elternzeit gehen, hätte die Neuregelung für die Betriebe kaum eine Auswirkung in der Arbeitslast.

Finanziell würde sich das Gesetz besonders stark auswirken, wenn die Partner*innen sehr gut verdienen. Dann müssen die Betreibe stärker in die Kasse greifen, weil die Finanzierung laut einem Gutachten des wissenschaftlichen Beirates für Familienfragen der Bundesregierung analog zum Mutterschaftsgeld ausgestaltet werden sollte. Vielleicht greife ich das Thema anderswo noch stärker auf. Hier will ich nur den Gedanken anstoßen: Der Zuschuss zum Mutterschaftsgeld ist ein Beitrag der Betriebe zur Zukunftssicherung. Die Argumentation für die bezahlte Partner*innen-Freistellung läuft analog dazu. Und damit wird wieder ein kleiner Diskriminierungsbaustein in der Arbeitswelt abgebaut.

Tja, Familien, die 2023 ein Kind erwarten, müssen also noch auf die Elternzeit setzen, um direkt nach der Geburt gemeinsam ins Familienleben zu starten. Ab 2024 ist das dann hoffentlich gesetzlich geregelt.

Reform des Mutterschutzes nach Fehlgeburten

Auch das hat sich die Ampel eigentlich vorgenommen:

Den Mutterschutz und die Freistellung für den Partner bzw. die Partnerin soll es bei Fehl- bzw. Totgeburt künftig nach der 20. Schwangerschaftswoche geben.

Koalitionsvertrag 2021, Seite 101

Im Moment sieht es da leider nicht so gut aus. Ich hatte im letzten Herbst auf eine Petition aufmerksam gemacht, die einen gestaffelten Mutterschutz nach Fehlgeburten einforderte. Die Initiatorin Natascha Sagorski ist zwar mit ihrer Petition im Bundestag gescheitert, aber weiterhin aktiv.

So ist gerade ein Verein in Gründung, der sich nicht nur, aber auch mit dem gestaffelten Mutterschutz beschäftigt: Der Verein für feministische Innenpolitik.

Ich wünsche den Initiatorinnen, zu denen auch Isa Grütering von Hauptstadtmutti gehört, dass sie es noch dieses Jahr hinbekommen, genug Wind aufzuwirbeln in den Fluren von PLH, JKH, Willi, Doro, UdL und den anderen Häusern des Bundestages.

Realistisch sehe ich leider den gestaffelten Mutterschutz für 2023 noch nicht — aber ich lasse mich sehr gerne eines Besseren belehren! Und eines wird sich 2023 bestimmt ändern: Das Thema wird weiter in der Öffentlichkeit stehen und damit aus seinem Nischendasein heraustreten können.

Kinderglück durch Reproduktionsmedizin

Das ist ein Thema, was ich so zuerst nicht auf dem Schirm hatte. Ich glaube aber, dass die Reproduktionsmedizin immer wichtiger wird. Es gibt viele Gründe, warum Menschen sie in Anspruch nehmen, um ein Kind zu bekommen. Und selbst, wenn die Politik hier nur langsam agiert: Der medizinische und technische Fortschritt wird weitergehen. Falls bestimmte Behandlungen in Deutschland verboten bleiben, gehen die Pare dann dafür ins Ausland. Ob das gut oder schlecht ist, steht auf einem anderen Blatt und es ist auch viel zu vielfältig, um es hier kurz abzufrühstücken.

Da aber auch der Koalitionsvertrag vorsieht, die Regelungen rund um die Reproduktionsmedizin und Leihmutterschaft (siehe oben) zu erneuern, gehe ich davon aus, dass die Anzahl an Babys, die mithilfe moderner Medizin gezeugt oder ausgetragen wurden, auch 2023 steigen wird.

Künstliche Befruchtung wird diskriminierungsfrei auch bei heterologer Insemination, unabhängig von medizinischer Indikation, Familienstand und sexueller Identität förderfähig sein. Die Beschränkungen für Alter und Behandlungszyklen werden wir überprüfen. Der Bund übernimmt 25 Prozent der Kosten unabhängig von einer Landesbeteiligung. Sodann planen wir, zu einer vollständigen Übernahme der Kosten
zurückzukehren. Die Kosten der Präimplantationsdiagnostik werden übernommen. Wir stellen klar, dass Embryonenspenden im Vorkernstadium legal sind und lassen den „elektiven Single Embryo Transfer“ zu.

Koalitionsvertrag 2021, Seite 116

Ich vermute allerdings, dass die rechtlichen Neuregelungen noch etwas auf sich warten lassen. Meine Prognose: Rechtlich ändert sich wenig, trotzdem nimmt die Zahl der Familien, die entsprechende Behandlungen in Anspruch nehmen, zu.

Die Prognosen meiner Gast-Autorinnen: von pessimistisch bis orgasmisch!

Wie oben bereits kurz erwähnt, habe ich erst sehr kurzfristig rumgefragt, was sich mein Geburts-Netzwerk so vom Jahr 2023 erhofft. Deshalb haben auch lange nicht alle mitgemacht -aber schon einige, und dafür bin ich sehr dankbar!

Die folgenden Beiträge sind einfach nach Eingangsdatum sortiert: Maria war die erste, danach kommen die nächsten.

Die Schwerpunkte sind sehr unterschiedlich; und das zeigt mal wieder: Geburtshilfe umfasst so vieles, dass wir unmöglich alles alleine im Blick haben können.

Deshalb würde ich mich auch auf deine Meinung freuen! Hinterlass gern einfach einen Kommentar unter dem Beitrag und erzähle uns, was du 2023 erwartest oder dir wünschst!

Maria von MyMaisie: Hoffnung für Hebammenversorgnung und Hausgeburten

Maria ist Mama-Bloggerin auf MyMaisie. Auf meine Frage antwortete sie postwendend:

Ich hoffe, dass im neuen Jahr die Hebammenversorgung endlich spürbar verbessert wird! 

Es kann nicht sein, dass manche Frauen (sogar trotz rechtzeitiger Suche) keine Wochenbetthebamme finden.

Und manchmal ist es schwer, sich in der 9. SSW schon final für die Art der Geburt zu entscheiden, die man gern haben möchte. Ob Geburtshaus, Krankenhaus oder Hausgeburt: Idealerweise stehen Eltern diese Optionen auch zu einem späteren Zeitpunkt noch offen.

Ich war zum Beispiel in der 8. SSW zur Sprechstunde im Hamburger Geburtshaus (der früheste Termin!!) und es waren bereits alle Plätze belegt oder wurden verlost. Das ändert sich hoffentlich.

Außerdem hoffe ich, dass auch im Jahr 2023 die Hausgeburten einen besseren Ruf bekommen und endlich von Eltern als sicher angesehen werden. Zumindest werde ich auf meinem Blog versuchen, dieses Thema weiterhin meinen Leserinnen näher zu bringen und Fragen rund um das Thema zu beantworten.

Danke Katharina, dass Du Dich für Schwangere und Geburten stark machst! 

Maria von MyMaisie

Foto: MyMaisie

Dr. Katharina Hartmann, Vorständin bei Mother Hood e.V.

Katharina Hartmann ist ehemaliges Vorstandsmitglied bei Mother Hood e.V. und engagiert sich unter anderem gegen Gewalt in der Geburtshilfe. Ihr neues Buch heißt Gewalt in der Geburtshilfe: erkennen>reflektieren>handeln und ist 2022 im Elwin-Staude-Verlag erschienen.

Ich wünsche mir, dass der Mother Hood Geburtsguide und auch der Wochenbettguide so gut werden, wie wir uns das erhoffen und dann gaaaanz vielen Menschen Orientierung für ihre Geburten und ihre Wochenbetten gibt!

Und ich hoffe, dass Martina Kruses und mein Buch viele Leser*innen findet und die Welt auch ein Stückchen besser macht.

(und dass dieser KACKKRIEG in der Ukraine aufhört und ich meine Freundin Iryna in Kiew besuchen kann und wir einen Wein am Wasser trinken können!)

Foto: Katharina Hartmann

Dr. Ute Taschner, Expertin für Geburt nach Kaiserschnitt

Dr. Ute Taschner ist Ärztin, arbeitete in der Geburtshilfe und engagiert sich seit Jahren für vaginale Geburten nach Kaiserschnitt. Du findest hier auf dem Blog auch ein Interview mit ihr sowie die Vorstellung ihres Buches Geburt nach Kaiserschnitt.

Eigentlich bin ich ein optimistischer Mensch. Wenn aber die Politik das Steuer nicht massiv herumreißt, werden noch mehr Geburtsstationen schließen und der Personalmangel wird sich ausweiten. Die Bedingungen für die Frauen würden dadurch noch schlechter.

Deshalb hoffe ich wirklich, dass immer mehr Frauen sich selbst ermächtigen und selbstbestimmt ihren Weg gehen. Ich wünsche mir, dass sie sich Doulas an die Seite holen oder andere Menschen, die sie unterstützen — sei es in der Klinik oder bei außerklinischen Geburten. Im besten Fall führt diese Selbstermächtigung auch zu systemischen Änderungen.

Als Ärztin, die in der Klinik tätig ist, sehe ich leider, dass immer weniger Menschen in den Krankenhäusern da sind, um die Menschen zu versorgen. Das ist nicht nur in der Geburtshilfe so. Auch die Altenpflege, die Krebsstationen und insgesamt das ganze Gesundheitswesen ist betroffen. Ich sehe leider noch nicht, wie wir diese Situation zum Guten verändern können. Ich befürchte, dass auch mehr Geld keine Wendung bringt, weil wir einfach viel zu wenig ausgebildete Fachkräfte haben.

Dr. Ute Taschner, Foto: Privat


Sarah Schmid, Expertin für Alleingeburten

Sarah Schmid ist ausgebildete Ärztin und hilft Frauen seit vielen Jahren dabei, sich auf Alleingeburten vorzubereiten. Hier im Blog findest du die ersten ihrer Geburtserfahrungen: Hausgeburt mit Hebamme, Alleingeburt im Wald und Tempovolle Geburt im Garten.

Für 2023 und darüber hinaus erwarte ich, dass das Krankenhaus für eine zunehmende Zahl von Frauen nicht mehr der Ort sein wird, an dem sie ihre Kinder gebären wollen. Das System medizinischer Geburtshilfe, auch das außerklinische, ist sehr starr, reguliert und unmenschlich geworden. Entsprechend werden Frauen sich entweder in ihr Schicksal ergeben oder sie werden Wege finden, außerhalb des Systems ihre Kinder sicher auf die Welt zu bringen. Die Entwicklungen in die Richtung sind bereits zu sehen und ich freue mich, ein unterstützender Teil davon zu sein.

Sarah Schmid, Foto: Privat

Mischi, Leserin auf Ichgebaere.com

Mischi ist nicht nur Leserin hier auf dem Blog, sondern kommentiert auch fleißig. Ihr Wunsch für 2023:

Mehr Offenheit und dass die schwangere oder gebärende Frau wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt wird.

Amira Gorski, Mentorin für Lustvolle Geburt

Amira ist Doula und arbeitet seit Jahren zum Thema lustvolle Geburt. 2023 erscheint ihr Buch Lustgeburt und bereits jetzt hat Amira verschiedene online-Angebote wie ihren Lustgeburts-onlinekurs oder ihre Orgasmic birth business week.

Oh wau! Wenn ich an die Geburtskultur Ende 2023 denke, sehe ich, wie das lustvolle Gebären alias „Orgasmic Birth“ in Deutschland Einzug gehalten hat. Ich sehe Geburtshäuser und die ersten alternativen Hebammengeführten Kreißsäle, die bereits damit werben („bei uns bekommen sie privacy für ihre lustvolle Geburt“) und ich sehe, wie all das ausgelöst wurde durch mein Buch „Lustgeburt – Wir gebären wieder orgasmisch“, das im Sommer 2023 alle Verkaufsrekorde gebrochen hat. 

Ich sehe, wie die wundervollen frisch gebackenen Lustgeburts-Doulas und Lustgeburts-Hebammen, die ich in 2023 ausbilden durfte, diese neue Art der „orgasmischen Revolution“ anführen, indem sie viele Paare begleiten und Aufklärung betreiben. Ich sehe, wie Kaiserschnittzahlen runter- und Hausgeburtszahlen hochschnellen und ich sehe, wie besonders die (werdenden) Väter anfangen, sich für natürliches und lustvolles Gebären einzusetzen, weil es mit ihrer eigenen heiligen Sexualität zu tun hat. Ich höre die Worte in den Medien: „Wenn wir Geburt wieder als Teil unserer Sexualität anerkennen, müssen wir die gesamte Geburtskultur, wie sie bisher war, hinterfragen und neu erfinden!“

Uuhhh! Ich freu mich auf diesen Wandel!

Amira Gorski, Foto: Anna Carina Porth

Anna-Elisabeth Rübbert, Stillberaterin und Krankenpflegerin

Anna-Elisabeth Rübbert ist ausgebildete Krankenpflegerin, war als Hebammenschülerin im globalen Süden unterwegs und ist ausgebildete Stillberaterin.

Ich fürchte, dass auch 2023 viele Eltern alleine unter der Geburt sein werden und nicht die Unterstützung und Betreuung erhalten werden, die sie bräuchten und die ihnen auch zusteht. Ich fürchte, dass Corona weiterhin als Grund vorgeschoben wird, warum Väter erst später kommen dürfen und warum Doulas nicht erlaubt sind.

Leider bin ich da pessimistisch und fürchte, dass sich nicht viel ändert.

Durch die Situation in den Krankenhäusern — viele Patient*innen, wenig Personal — werden die Frauen auch im Wochenbett zum Großteil alleine gelassen werden. Die Unterstützung beim Stillen ist unzureichend und viele Kinder werden schnell und ohne Wunsch der Mütter zugefüttert. Dabei sollte das Zufüttern nur nach Rücksprache mit der Mutter passieren.

Ich befürchte, dass viele Frauen zu Dingen gedrängt werden, die nicht in ihrem Interesse sind und die sie sich auch nicht wünschen. Denn leider wird sich in Bezug auf die Aufklärung über Geburten nicht viel ändern.

Was mich freut, ist die zunehmende Vernetzung von Müttern jenseits von Fachpersonal und außerhalb von Krankenhäusern. Die wird 2023 auch weitergehen. Frauen werden sich selbstbestimmt Hilfe dort suchen, wo sie sie bekommen. Immer mehr Frauen merken, dass es kacke läuft, und finden Wege, selber etwas zu tun, dass es besser läuft. Das ist nicht ideal, denn es sollte nicht die Aufgabe der Schwangeren oder des Paares sein, dafür zu sorgen, dass man unter der Schwangerschaft und Geburt körperlich und emotional gesund bleibt. Das ist Aufgabe des Fachpersonals. Da immer mehr Menschen merken, dass diese Versorgung nicht die Realität ist, werden sie sich anders helfen — durch Doulas, Stillberatungen, Schwangerschaftsvorsorge bei der Hebamme.

Die Selbstbestimmung der Paare wird also zunehmen. Denn ohne Eigeninitiative ist im jetzigen Geburtssystem nicht viel zu holen. Den Mehraufwand tragen die Mütter. Denn es gibt durchaus gute und hilfreiche Angebote — aber man muss dafür arbeiten!

In Bezug auf mein Spezialthema, die Stillberatung, sehe ich es sehr positiv, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich zum Zungenband fortbilden lassen und da auch professionelle Hilfe leisten können. Das ist wunderbar!

Und positiv ist auch, dass es langsam Kliniken gibt, die Frauen dabei unterstützen, eine natürliche Geburt nach mehreren oder komplizierten Kaiserschnitten anzustreben. Das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Mittlerweile gibt es zum Glück immer mehr Kliniken, die sagen: Hey, wir probieren es! Auch da gilt allerdings: Ohne Eigeninitiative geht gar nichts. Es ist vieles möglich, wenn die Mutter weiß, was sie möchte. Und heutzutage gibt es zum Glück mehr Möglichkeiten, die nötigen Infos zu erhalten, um genau den eigenen Weg zu gehen.

Dieter, Papa und Begleiter seiner Frau Katrin bei Alleingeburten

Dieter hat seine Frau Katrin bei einer Hausgeburt mit Hebamme und einer Alleingeburt betreut. Sein Mantra für 2023:

Frauen müssen dem Zeitgeist und dem Notstand trotzen!

Foto: privat

Hannah Elsche, Kunsttherapeutin

Hannah Elsche ist Kunsttherapeutin mit dem Schwerpunkt gynäkologische Psychosomatik. Sie hilft unter anderem Frauen nach traumatischen Geburtserfahrungen.

Ein weiteres Jahr geht ins Land, ohne dass sich politisch groß etwas verändert hat. Noch vor den Sommerferien 2023 plant die momentane Regierungskoalition allerdings umfassende Pläne für eine Krankenhausreform vorzustellen. Wie genau das aussehen wird und ob es dann wirklich zu einer Verbesserung im Hinblick auf die Geburtshilfe kommen wird, steht allerdings noch in den Sternen, denn gerade in den letzten Jahren konnte ja eindrücklich miterlebt werden, welchen Stellenwert Kinder- und Frauenrechte haben,  gekrönt von der wirklich krisenhaften Auslastung der Kinderintensivstationen kurz vor Weihnachten 2022. Zum momentanen Zeitpunkt ist also alles möglich. Es macht Sinn, jetzt laut zu sein und sich für die Geburtshilfe stark zu machen.

Aber ich möchte gerne den Blick auf Positives richten, denn das gibt es auch: Letztes Jahr durfte ich vor jungen und motivierten Studierenden der Hebammenwissenschaft sprechen und die Sicht der Familien, ihre Bedürfnisse, Wünsche und Rechte darstellen. Ich konnte eine hohe Motivation wahrnehmen, Missstände in der Geburtshilfe aufzulösen, Gewalt unter der Geburt zu verhindern und sich nicht vom System unterkriegen zu lassen. Mittlerweile ist gerade bei jungen Menschen ein großes Bewusstsein vorhanden, wie wichtig ein guter, bestärkender, gut begleiteter und reflektierter Start ins Leben ist. Nicht, dass das nicht vorher auch schon gewesen wäre. Aber jetzt leben wir in Zeiten des Wandels, in denen viele Menschen lernen, dass sie Veränderung selbst in die Hand nehmen müssen und allein das kann endlich etwas ins Rollen bringen.

Wie die Situation in der Geburtshilfe sich 2023 verändert? Ich weiß nicht wie, aber ich gehe davon aus, dass sie das tun wird.

Hannah Elsche, Foto: Jan Philip Welchering

Nicole Ebrecht-Fuß, Doula

Nicole beleitet Frauen und Paare bei Krisen rund um Geburt. Außerdem ist sie GeburtsSchwester (Doula) und Gebürtshüterin. Ihr Angebot findest du unter www.winyan.de.

Eine Rettung des alten geburtshilflichen Systems ist unmöglich.  Daher braucht es eine neue Geburtskultur, die schon entsteht — eine Geburtskultur, in der die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Frauen und Familien der Ausgangspunkt ist. Sie entscheiden wo, wie und mit wem Sie Ihre Geburt erleben möchten. Die begleitenden Frauen sind Geburtshüterinnen, die sich ursprünglich Hebamme oder Doula genannt haben. Die Frauenkraft findet wieder zu ihren Ursprüngen zurück. Frauen stehen im Kreis an den Händen verbunden und begleiten respektvoll, liebevoll und in Demut die Geburtsreisen der Gebärenden.

Nicole Winyan, Foto: Privat

Fazit: Was bringt 2023 für Geburten?

Puh! Ob ich mit diesem Beitrag wirklich Lust gemacht habe auf eine Geburt 2023, weiß ich nicht. Ganz schön viele dicke Bretter sind zu bohren, damit wir das System so reformieren, dass bei den Geburten die Bedürfnisse der Gebärenden im Mittelpunkt stehen.

Andererseits macht dieser Beitrag auch Mut, denn ich habe mal wieder gemerkt: Wir sind nicht allein. Im Gegenteil. Es gibt so viele Menschen, die sich für eine gute Geburtshilfe engagieren! Und dafür bin ich zutiefst dankbar!

Deshalb ende ich diesen Jahresausblick mit einem Dank an alle, die für eine Geburtshilfe eintreten, in der die Medizin im Hintergrund auf ihren gerechtfertigten Einsatz wartet, statt alles andere zu unterdrücken. Und ich bitte euch alle: Gebt nicht auf. Es gibt Veränderungen in die richtige Richtung, und es wäre doch einfach zu schön, wenn wir diese Veränderungen alle gemeinsam weitertragen könnten.

1 Gedanke zu „Was bringt uns 2023 für Geburten?“

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