Jessica: Die Wellensurferin

Aaaah, nur noch vier Tage bis Heiligabend! Bei uns sind seit heute Schulferien. Die Stimmung steigt. Gewisse Weihnachtslieder kann ich schon nicht mehr hören… 😉 Also, Radio aus und lieber lesen, zum Beispiel Jessicas Geschichte. Viel Spaß beim 20. Türchen des Geburtsgeschichten-Adventskalenders.

Geburtsbericht unseres zweiten Wunders

Niklas

Geboren am 25.06.21, bei ET+4

mit 3150gr., 50cm & einem KU von 34cm

Mein lieber Niklas,

heute erzähle ich dir von unserer magischen Geburtsreise und welch Zauber dein Kommen in mir und deinem Papa ausgelöst hat.

Es war Freitag, der 25.06.21, ein Tag nach dem Geburtstag deines großen Bruders und bereits besten Freundes Elias. Ich war 4 Tage über den errechneten Termin, als ich nach einer durchgeschlafenen Nacht erst um 10.30h aufwachte. Ich spürte, wie meine Gebärmutter sanft arbeitete, bereits im Schlaf vernahm ich diese sanften Wellen. Da ich jedoch die ganze Woche über, teilweise sogar über Stunden, regelmäßig diese Arbeit gespürt hatte und zwischendrin sicher glaubte, du kämest bald, war ich mir nun zunächst unsicher, wann und ob es denn nun wirklich los ging. Und dennoch wusste ich es: „Heute ist es soweit! Ab heute wirst du unser Leben außerhalb meines Bauches bereichern.“

Springen wir ein paar Tage zurück.

Es war der Mittwoch, an welchem ich das erste Mal blutigen Schleimabgang am Toilettenpapier hatte und mich dieser dazu veranlasste, mich wie ein Schnitzel zu freuen — ist es doch eins der Zeichen, dass es wohl nun endlich bald losgehen würde. Ich hatte losgelassen, von unserer Schwangerschaft, die ich doch sehr genossen habe, auch wenn es mir zunächst extrem schwer fiel mich zu verabschieden von meinem Bauch, von dir und deinen Bewegungen in mir. Doch nach dem errechneten Termin wurde es mit jedem Tag leichter und die Vorfreude auf deine Geburt und dich, mein Wunder, endlich im Arm zu halten, übernahm Oberhand.

Dein Papa und ich waren uns unsicher, ob wir nun den Geburtstag deines Bruders, welcher zwei Jahre alt wurde, vorbereiten sollten oder nicht. Ich schlief in dieser Nacht mit unregelmäßigen Wehen ein und wollte den nächsten Morgen abwarten, ehe das Wohnzimmer, in welchem ich dich gebären wollte, sich in eine Baggerwelt verwandelte. Denn zwischen Heliumballons und Happy Birthday Girlanden war mir nicht ganz danach, dich, mein Baby, auf die Welt zu bringen.

Donnerstag morgen wachte ich doch mit etwas Enttäuschung auf, wieder nichts.

So entschloss ich mich und sprach zu dir: „Gut, dieser Tag bleibt der Tag deines Bruders! Heute wird gefeiert!“

Jeder Toilettengang brachte etwas mehr blutigen Schleimabgang zum Vorschein und je später es wurde, umso mehr Wehen verzeichnete ich.

Wir waren alle auf Geburtsmodus und als unser Eli, nach einem grandiosen Tag voller positiver Energien, Liebe und Spaß, bereits die Augen nur noch mit Mühe aufhalten konnte, entschieden wir uns, dass er mit zu Oma und Opa gehen und dort übernachten würde.

Wir räumten die Dekoration auf, so dass alles auf Ursprung aus war und gingen schlafen.

In dieser Nacht schliefen wir beide wie ein Stein.

Zurück zum Freitag.

Alle Signale standen auf Geburt, ich war ungeduldig, hatte noch mehr Blut als zuvor in meinem Schleim, mein Darm entleerte sich vermehrt und ich schrieb einen — so will es das Gesetz, dann kommt das Kind — Jammerpost. Dann wurde mir aber bewusst, dass die Kontraktionen regelmäßig kamen und das schon seit dem Aufstehen.

Vorfreude stieg auf!

„Schatz, heute ist es sicher soweit! Ich spüre das, sie kommen regelmäßig“. Wir waren ganz hibbelig und ich spürte, dass dein Papa doch etwas nervös wurde, auf meine Frage hin antworte er mir: „Natürlich bin ich aufgeregt, machen wir das schließlich alleine, ich wäre entspannter, wenn ich wüsste, die Hebamme kommt. Aber ich vertraue dir und freue mich! Sag mir bitte, wenn ich etwas tun soll oder dir bei irgendwas helfen kann“.

13.03h ich startete die Wehen-App und konnte nach einigen aufgezeichneten Wehen vermerken, dass sie alle 10 Minuten kamen. Meine Laune stieg ins Unermessliche. „Das ist sie also! Die Eröffnungsphase und diesmal übersehe ich die Anzeichen nicht und bekomme sie in ihrer vollen Länge mit!“, dachte ich mir und freute mich so sehr, dass meine Geburtsreise begonnen hatte und ich diesmal so viel Zeit geschenkt bekam, sie bewusst zu erleben und das Erlebnis deiner Geburt genießen zu dürfen.

Geburtstagskuchen und andere Vorbereitungen

Ich entschloss mich, mich noch einmal hinzulegen und zu chillen, setzte meine Noise Cancelling Kopfhörer auf und mit der Musik im Ohr und der Playlist „Niklas Geburt“; begab ich mich in Tagträumereien. Ich genoss jede einzelne Wehe und die Euphorie darüber ließ mich aufstehen und so begann ich — wie in meiner Vorstellung immer ausgemalt — einen Geburtstagskuchen für dich zu backen. Ich werde diesen Kuchen ab jetzt Niki-Kuchen nennen.

Gegen 16h schob ich ihn in den Ofen und begann in den 50 Minuten Backzeit unser Wohnzimmer für die Geburt vorzubereiten, dabei hörte ich laut über die Anlage Musik. Ich tanzte und sang dabei, spürte dich zwischendrin in mir mittanzen, ich bin überzeugt, du konntest unser Treffen auch kaum erwarten. Und während wir gemeinsam feierten, bereitete ich die Handtücher vor, bedeckte das Sofa und verteilte Kerzen im Raum.

Es war 16.43h, als dein Papa mich umherwuseln sah, mit einstieg in den Flow der Musik und sich entschloss, schon einmal den Pool vorzubereiten.

Ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich ich in diesem Moment war. Alles lief so entspannt ab, jedes einzelne Lied passte auf den Moment genau und ich habe den Beginn jeder einzelnen Wehe innerlich zelebriert und sie voller Gefühl mit meinem Atem begleitet. 10 Sekunden ein- und 10 Sekunden ausgeatmet, ehe sie nach 45-50 Sekunden abflachte und nach 8 Minuten wieder kam.

„Ich bin gespannt, ob er sich heute noch entscheidet auf die Welt zu kommen“, sagte Papa. „Ja es bleibt spannend. Noch ist alles drin“, grinste ich ihm entgegen, „Ein Tag Pause zwischen zwei Geburtstagen wäre schon gut“, wir lachten!

Die Zeit zum Abend verging total schnell. Dein Papa und ich redeten viel, hatten Spaß und jeder zog sich ab und zu mal für sich zurück. In dieser Zeit tippte ich am Handy und gab all den lieben Menschen, die sich genauso auf dich freuten wie wir Bescheid, dass du dich auf den Weg gemacht hattest. Um 21.45h entschloss ich mich, nochmal etwas zu Essen; ich spürte, dass es meinem Körper gut tun würde, wollte damit Kraft tanken und dir deine letzte Mahlzeit in mir geben. So entschied mich für eine tiefgefrorene Brokkoli-Suppe (glaube mir, die beste Brokkoli-Suppe ever!).

„Begeben Sie sich ins Krankenhaus“

Die App zeigte immer wieder an „Begeben Sie sich ins Krankenhaus“ und jedes Mal klickte ich es weg und sagte laut „Denkst du!“ Zu diesem Zeitpunkt durfte ich bereits alle 5 Minuten die Geburtsarbeit meiner Gebärmutter wahrnehmen. Während des Essens war ich so abgelenkt am Schreiben, dass ich bemerkte, dass die Abstände wieder länger wurden und so war ich mir sicher, dass es noch eine gute Portion an Zeit dauern würde, ehe es intensiver werden würde.

Gegen 22.30h stieg die Intensität, die Abstände waren bei 4-5 Minuten, dennoch fühlte sich die „heiße Phase“ der Geburt weit weg an; ich war noch total entspannt und auch, wenn die Wehen kräftiger wurden: Ich konnte weiterhin mit ihnen schwimmen. Ich fand heraus, dass es sehr angenehm war, beim Veratmen meine Arme abzustützen, mein Becken zu bewegen und dabei immer wieder leicht in die Knie zu gehen. Ich machte das ganz intuitiv, hörte auf meinen Körper und bin überzeugt, dass es dir verhalf, dich perfekt nach unten zu arbeiten.

„Schatz, ich glaube so langsam freue ich mich aufs Wasser“, „Alles klar, ich fülle Warmes voll nach“.

Ein Viertel des Wassers war nämlich bereits eingelassen und selbst nach 2h noch lauwarm.

Währenddessen zündete ich alle Kerzen an, Papa dimmte das Licht, welches er übrigens extra für uns ausgetauscht hatte, damit ich dich in orangefarbener Atmosphäre gebären konnte.

Wasser tut gut

Kurze Zeit später tapste ich über den Rand in den Pool hinein. Ich grinste von einem Ohr zum nächsten: „Ohhh das tut guuuutt“, stöhnte ich, „Genau richtig!“

Papa saß vor mir auf dem Hocker. Wir unterhielten uns, zwischendrin hörte ich abrupt auf zu reden, drückte in der App auf Start und atmete, ehe ich genauso plötzlich das Gespräch wieder aufnahm. Ich spürte die Magie im Raum, nicht nur das Flackern der Kerzen, sondern auch den Humor deines Papas, der mich immer wieder zum Lachen brachte und auch das warme Wasser entspannte mich enorm und hüllte mich in ganz viel Leichtigkeit.

Ich fühlte mich unglaublich sicher und geborgen!

23.20h: Es verging gerade die 99. aufgezeichnete Wehe, laut App kamen sie im Abstand von 4 Minuten, als ich mich entschloss, keine weiteren Wehen mehr aufzuzeichnen, sondern mich dem Flow dieser Reise nun vollkommen hinzugeben und alles aufzusaugen.

„Zündest du bitte die Geburtskerze an?“, bat ich Papa und auch ohne etwas zu sagen, machte er zusätzlich die Meditationsmusik an, welche ich mir gewünscht hatte.

Ich schloss ab da an meine Augen und beamte mich in eine so tiefe Entspannung, dass ich das Gefühl hatte, gar nicht mehr in meinem Körper zu sein. Ich war in absoluter Trance und kam bei jeder Wehe ein Stückchen zurück in meinen Körper.

„Sie sind kräftig“, sagte ich zu Papa, „der Druck wird immer stärker“.

Ich tönte bei jeder Welle mit. Ab und zu wurde mir klar, wie mein Unterbewusstsein meine Affirmationen ins Bewusstsein schob und diese zu meiner Atmung unterschwellig mitschwangen. Es lies mich grinsen, zeigte es mir in dieser Situation doch wieder, wie mächtig unsere Gedanken sind und wie wichtig meine mentale Vorbereitung für unsere Geburt war.

Wellensurferin

Und auch wenn ich das Wort Wehe nicht als negativ empfinde, ganz im Gegenteil, so wandelte sich das Wort Wehe in meinem Kopf zur Welle. Denn sie kamen, immer schneller und stärker und doch wusste ich genau wie ich auf ihnen surfen kann, wissentlich: Jede Welle bringt mich dir, meinem Baby, näher! Ich öffne mich für mein Baby!

Auf meinen Knien im Pool hielt ich mich mit einer Hand am Tuch fest, mit der anderen hielt ich die Hand deines Papas.

„Uuuuuhhhhhhhhh“, tönte ich und bewegte mein Becken hin und her.

Gerade flachte eine Welle ab und beim letzten Vertönen öffnete ich die Augen und sah auf die Uhr, es war 23.40h.

„Schau nicht auf die Uhr“, grinste Papa, ich grinste zurück und dachte mir „Okay es wird wohl der 26., ist es schließlich fast Mitternacht.“

Papa stand auf und kam mit einem kalten Waschlappen zurück, den er mir auf die Stirn legte und in den Nacken. Das tat irrsinnig gut. Ich weiß noch, dass ich ihn bei einem Gespräch, was er für mich während der Geburt tun könnte, darum gebeten hatte, hatte es aber während der Geburt gar nicht mehr auf dem Schirm.

Er war mein ‚ich‘ im Außen und mein Herz machte einen lauten Hüpfer vor Liebe, weil ich bemerkte, wie gut wir wieder mal ohne Worte harmonisieren.

„Wow! Jetzt geht-´s ans Eingemachte, was ein Druck“, dachte ich mir und mein „Uuuuuhh“, während dieser Welle wurde lauter.

Klo oder doch nicht?

„Schatz, ich möchte aufs Klo!“ – ich wusste, dass dieser Moment konnen würde, ich wusste, dass dieser Moment nicht „Ich muss aufs Klo“ bedeutet, sondern „mein Kind kommt“. Und doch dachte ich, wie auch bei meiner ersten Geburt, ganz salopp: Ich muss kacken!

Diesmal gab es, im Gegensatz zu Elis Geburt, keine Hebamme, die dabei ihr Gesicht gefühlt 15cm von meinem Po entfernt hatte und welche ich warnen musste „Ich glaub ich kack ihnen gleich ins Gesicht“ (hab ich nicht), sondern nur deinen Papa, den Pool und uns. Die Vorstellung, dass da gleich etwas anderes als mein Baby rumschwimmen würde, war mir unangenehm.

Ich wartete noch eine Welle ab, stand auf, drehte mich um und sah, dass da bereits was schwamm. „Oh I-´m so sorry!“, „Its okay Baby“, er half mir raus, ich nahm ein Handtuch und rannte aufs Klo. Mit einem Sprung, saß ich auf der Schüssel und musste unglaublich heftig mitschieben.

„Uuuuuuuaaaah“, stönte ich laut und PENG! Die Fruchtblase war geplatzt, der Druck wurde enorm. Es war kein Raum mehr um überhaupt nachzudenken, oder Gedanken zu fassen, alles lief intuitiv ab und so schmiss ich das Handtuch auf den Boden vor mich und warf mich in den Vierfüßler stand hinterher und rief ganz laut „ER KOOOOOMMT!“, Papa kam in Sprintschritt ins Badezimmer, während ich kurz überlegte, ob ich es noch in unsere Geburtsoase schaffe, nunja.. ähm, nein!

Papa hatte übrigens während ich auf dem Klo saß, mit einer Schüssel versucht das schwimmende Etwas herauszufischen, es war ein Klumpen Blut. Ich habe es nicht gesehen, vermute aber, es war der restliche Schleimpropf, der sich wohl gelöst hatte, als mein Muttermund vollständig aufging.

Seekuh-Modus

Aus meinem Mund kam ein unglaublich tiefer und starker Ton heraus. So ein bisschen, denke ich im Nachhinein, klang es nach einer Seekuh mit langem Atem.

Ich ließ meinen Körper einfach voll machen und suchte mir auch diesen Ton nicht aus, er kam einfach aus mir heraus, genauso wie du, mein Baby nun auf die Welt wolltest.

Der Druck war stark, meine Beine zitterten wie Espenlaub und für einen Moment dachte ich, ich würde es nicht schaffen, in dieser Position zu bleiben, ohne dass meine Beine nachgeben würden. Und doch waren sie unglaublich stark, vollgepumpt mit Adrenalin. Ich fühlte, wie mein Körper absolut im Rausch war und ich war extrem fokussiert, absolut in mir, im hier und jetzt. Es war gigantisch!

Ich spürte ganz intensiv, wie du dich nach unten schobst und heulte da schon fast vor Euphorie, wusste ich ganz genau, GLEICH! GLEICH IST ES SOWEIT UND DU BIST DA!

Nach einer extrem kurzen Pause hielt ich meine flache Hand an meinen Scheidenausgang, tönte laut und spürte, wie das Köpfchen anstieß.

Es fehlten mir absolut die Worte, zu beschreiben, wie ich es empfand, es war einfach nur verdammt schön!

„Schatz, der Kopf kommt“, hörte ich Papa mit leicht zittriger Stimmer, ich vernahm daraus, dass er fast vor Glück weinte, „Ich weiß“, antwortete ich und beim Durchtreten des Köpfchens konzentrierte ich mich noch mehr auf das Gefühl; ich wollte es ganz genau fühlen und fragte mich: „Ob nun der besagte ‚ring of fire‘ kommt, wenn das Köpfchen sich nach außen schiebt?“, nein, es brannte nicht, es tat auch weiterhin nicht weh.

„UUUUUUUHHHHHHH!“ und der Ton wurde immer lauter und höher.

Und plötzlich war er da!

Mein Baby, du und ich, haben gemeinsam deinen Kopf geboren, mit einmal Schieben durch Tönen. „Er ist daaa, der Kopf ist da!“, hörte ich Papa, „Lass uns die Hebamme rufen“, folgte hinterher. Wäre ich nicht so konzentriert gewesen, hätte ich gelacht, „Ach Schatz“, dachte ich mir nur. Später sagte er mir, dass sich die Pause bis zur nächsten Welle ewig anfühlte und sich dein Köpfchen etwas verfärbte, natürlich aber aufgrund des Drucks.

Für mich vergingen wenige Sekunden, in welchen ich versuchte, zu Atem zu kommen, ehe mein Körper wieder volle Fahrt aufnahm.

Ich spürte wie du dich in mir gedreht hattest und da kam deine Schulter und mit ihr gebar ich dich, unseren Sohn, in die Hände deines Papas.

Ach wenn du wüsstest, was wir ihm damit geschenkt haben!

„He-´s here, NIKI is here!!!“, vibrierte die Stimme von Papa, da folgte direkt dein erster lauter Schrei, so unglaublich kräftig. Das war der Punkt, an dem ich wusste, alles war perfekt. Und während Papa dich mir zwischen meinen Beinen vorholte und ich mich aus dem Vierfüßlerstand drehte und setze, um dich in meinen Armen zu empfangen und an meine Brust zu drücken, heulte ich schon Rotz und Wasser. Du hast laut weinend auch deine Freude über die Ankunft in dieser Welt verkündet und ich konnte mein Glück kaum fassen „WE DID IT!“, schluchzte ich, Papa antwortete: „You did it! Ich bin so stolz auf dich!“

Wie abgemacht, rief Papa daraufhin die Hebamme. Während dein Weinen abebbte, war meines noch deutlich hörbar, als ich der Hebamme sagte, dass du da wärest.

„Wie, jetzt? Ich bin in 30 Minuten da“.

„Wann ist er gekomen?“, fragte ich deinen Papa, „Um 23.56h“; wir lachten beide, hätten wir doch sicher nicht damit gerechnet, dass es doch noch der 25. Juni wird.

Papa half uns auf und wir gingen zurück ins Wohnzimmer. So gerne ich in unserem toll dekorierten Wohnzimmer bzw. Pool geboren hätte, es war nicht mehr möglich, nochmal aufzustehen und zurück zu laufen. Und irgendwie glaube ich fest daran, dass du mit mir in unserer dunklen Badezimmerhöhle, welche nur durch den Flur leicht beleuchtet war, kommen wolltest und das 4 Minuten vor Mitternacht.

Ganz frisch und etwas zerknautscht

Wir setzten uns auf die Wickelauflage auf dem Sofa und während Papa uns in das extra für dich gekaufte weiche rote Handtuch wickelte, hast du bereits mit deinem klitzekleinen Mund nach meiner Brust gesucht und begannst direkt zu saugen. Erneut weinte ich und konnte mein Glück kaum fassen. Denn da warst du nun, ganz frisch und etwas zerknautscht. Ich nahm deine kleine Hand und spielte mit den Fingerchen, während sich mein ganzes Sein in Dankbarkeit hüllte. Haut an Haut kuschelten wir und zwischendrin fuhr meine Nase über dein Köpfchen und ich inhalierte deinen Duft. Dein Ankommen fühlte sich so selbstverständlich und geborgen an, als wären wir gebettet in einer unsichtbaren Kugel, durch welche nichts durchdrang und die Luft voller Liebe war.

Ich merkte bereits 15 Minuten später wie eine kleine Welle sich anbahnte und ich drücken wollte. Papa erkannte sofort allein an meiner Körpersprache, dass die Plazenta kommen würde und nahm sich die Schüssel zur Hand. Schwubbs da war sie, unser bestes Stück Rostbeef, wie Papa es scherzhaft bereits bei Elis Geburt nannte. Keine Sorge, gegrillt haben wir sie nicht, sie liegt tiefgefroren und wartet darauf, dass wir einen Baum pflanzen und eine Erinnerung schaffen für deinen Zwilling.

Weitere 15 Minuten später kam meine Hebamme. Sie war doch etwas erstaunt, über unseren Geburtsraum mit Pool, Tuch an der Decke und allem drum und dran.

„Hast du es nun doch alleine gemacht!“, sagte sie, „Na, ob ich dir das verzeihe, dass du es ohne mich gemacht hast“, scherzte sie hinterher.

Die Nabelschnur war bereits auspulsiert, als sie sie abklemmte und Papa die Schere reichte und er sie ganz stolz durchtrennte.

Null Verletzungen

Sie bat deinen Papa um Waschlappen und begann mich zu waschen. „Na dann schauen wir doch mal, ob dein Kind einen Flurschaden angerichtet hat“ und so untersuchte sie mich nach Geburtsverletzungen. „Ne, des schaut gut aus, alles intakt!“, sagte sie. Es stimmte mich sehr dankbar und bestätigte mein Gefühl, dass die Geburt unglaublich sanft war.

Danach wusch sie dich, du warst genau zu deinem richtigen Zeitpunkt geboren, reif und ohne Käseschmiere, hattest rosige Haut und schautest ab und an neugierig um dich herum.

Das Messen ergaben 50 cm Liebe auf 3150 Gramm, mit einem Kopfumfang von 34cm.

Unsere Hebamme füllte die U1 aus, stellte noch die Geburtsbescheinigung aus und lies uns daraufhin alleine.

High ohne Drogen

Vollkommen high, saßen Papa und ich mit dir auf dem Sofa. Dieses Mal hatte ich mir gewünscht, dass Papa so schnell wie möglich auch bonden dürfte. So zog er sein Shirt aus und ich legte dich auf seine Brust. Ich hörte in unserer friedlichen Stille, wie sein Herz vor Freude laut schlug und ich sah die Tränen des Glücks in seinen Augen, während ich euch zudeckte, ein paar Bilder machte, bevor ich duschen ging.

Danach räumte Papa schon den Großteil auf, wusch eine Ladung Wäsche und gegen 6 Uhr morgens, legten wir uns zu dritt ins Bett und schliefen voller Glück und tiefer Zufriedenheit im Herzen ein.

Ich könnte nicht dankbarer sein, für diese magische, entspannte, kräftige und nicht nur schmerzarme, sondern nahezu schmerzfreie Geburt, die auf ewig eine meiner stärksten Ressourcen sein wird. Sie war heilend und bestärkend: in mich, meinen Körper, mein Vertrauen, Wissen, Können und die Natur. Diese Geburt erfüllt mich mit Stolz und ich bin doch etwas wehmütig, dass es vorbei ist. Aber wie heißt es so schön, alle schönen und einzigartigen Erlebnisse gehen irgendwann vorbei, aber ihre Auswirkung bleibt auf ewig in wunderschöner Erinnerung bestehen.

Danke mein Sohn, mein zweites Wunder, für diese fantastische Erfahrung und willkommen in unserer Familie. Du wurdest so sehnsüchtig erwartet!

In innigster Liebe, deine Mama!

Alle Geschichten im Geburtsgeschichten-Adventskalender 2021

  1. Rebekka: Traumgeburt mit Pizza
  2. Doris: Nele — Geburt in drei Akten
  3. Jeanette: Heilsame Hausgeburt im Wohnzimmer
  4. Dieter & Katrin: Alleingeburt aus Sicht eines Vaters
  5. Franziska: Das fünf-Kilo-Baby
  6. Franziska: Ein Sternengucker
  7. Carina: Schnelle Alleingeburt
  8. Sintia: Alleingeburt beim ersten Kind: Weil es genau das Richtige war
  9. Cindy: Angst ist ein schlechter Ratgeber
  10. Jana: Hockergeburt im Krankenhaus
  11. Nora: Beckenendlagengeburt
  12. Nora: Wassergeburt zu Hause
  13. Katrin: Hausgeburt einer Hebamme
  14. Barbara: Hausgeburt trotz extrem kurzer Nabelschnur
  15. Miriam: Geburt einer Sternenguckerin mit PDA und toller Unterstützung
  16. Andrea: Wassergeburt im Krankenhaus
  17. Nora: ungeplante Alleingeburt
  18. Kasia: Magische Vollmondgeburt
  19. Jana: Geburtshausgeburt mit viel gelassener Zeit und viel Geburtskraft
  20. Jessica: Die Wellensurferin
  21. Anna-Elisabeth: Drei Tage Blubbern vor dem Kaiserschnitt
  22. Katrin: Ein sanfter Notfallkaiserschnitt
  23. Sintia: Alleingeburt vor dem Klo
  24. Franziska: Wehencocktail vor der Hausgeburt

Schreibe einen Kommentar